Unterdessen machte ich bei einer Abendgesellschaft im Palast Spinola die nähere Bekanntschaft einer Signora Peretti, die, ohne gerade schön zu sein, doch ein wirklich angenehmes Äußere mit einem sehr gefälligen Benehmen verband, dabei mit einer klangreichen Stimme begabt war, vortrefflich sang, sich mit der Mandoline oder Guitarre dazu begleitend, und ziemlich fertig französisch sprach. Da sie ein recht munteres, aufgewecktes Wesen hatte, ein sonst allerliebstes Schwarzköpfchen war, so wurde ich bald mit Hilfe der Musik bekannter mit ihr, obgleich auch sie ein Cicisbeo umgab, der ihr jedoch sehr ergeben war und demütig ihren Befehlen gehorchte. Ich sang bei Spinola Mozarts herrliches Duettino: ‚La ci darem la mano‘ mit ihr, nachdem sie es kaum einmal durchlaufen hatte, denn sie war sehr fest in der Musik. Der Don Juan, das heißt der Mozartsche, war damals noch völlig unbekannt in Genua sowie im übrigen Italien, und ich brachte zuerst diese herrliche Musik des unsterblichen Meisters dahin, namentlich nach Genua, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und so weiter, wo er noch nicht einmal dem Namen nach bekannt war und von den wenigen, die ihn kannten, als eine viel zu schwierige, ja unausführbare Musik verschrien wurde. Das Duett gefiel so sehr, daß wir es auf allgemeines Verlangen da capo singen mußten, ja man wollte es sogar zum drittenmal hören, erkundigte sich emsig nach dem Komponisten dieses Tonstücks, und als ich ihnen sagte, daß es aus Mozarts Don Giovanni sei, war man allgemein verwundert, viele kannten den Namen noch gar nicht, andere aber nur seinen Figaro. Man wollte noch mehr aus dieser Oper hören, und ich sang nun das rauschende Prestissimo: ‚fin ch’an del vino, calda la testa‘, das nicht minder Beifall erhielt, ja die Gesellschaft in Enthusiasmus versetzte. Ich wurde jetzt umringt, von Herren und Damen um Kopien dieser Tonstücke gebeten, und mußte wenigstens einigen zwanzig Personen versprechen, ihnen dieselben abschreiben zu lassen, denn meinen Klavierauszug, der jede Nacht unter meinem Kopfkissen lag, wollte ich nicht aus der Hand geben. Ich trug nun auch etwas aus der Introduktion und den Finalen auf dem Flügel vor, wodurch die allgemeine Begeisterung noch stieg. Mit der Signora Peretti kam ich überein, daß wir mehrere Duette zusammen einstudieren wollten, und versprach, mich den anderen Morgen nach der Parade bei ihr einzufinden. Daß ich Wort hielt, kann man sich denken; ich ließ schon am anderen Morgen mit dem Frühesten einen unserer Regimentsmusiker rufen und gab ihm den Auftrag, sogleich mehrere Musikstücke zu kopieren und sie mir bei der Parade mitzubringen. Ich fand mich zur bestimmten Stunde bei der Signora ein, und wir probierten diese nebst noch einigen anderen Gesangstücken. Sie verbat sich auch schon in der ersten Stunde die Gegenwart ihres Cicisbeo, eines Signor Gentili, sowie sonstiger Besucher, weil man dadurch am Einstudieren verhindert und gestört würde, man gehorchte ihr auch ohne Widerspruch. Unterdessen war bei der beau monde in Genua von nichts als dem Don Giovanni die Rede, und ich ging mit der mutwilligen Peretti das ‚La ci darem la mano‘ durch, nachdem uns keine eifersüchtige Donna Elvira durch ihr Dazwischenkommen hindern konnte, noch ein ‚dolce giubilo‘ anzustimmen, dem wir uns bald genug überließen. Dies war einstweilen ein unterhaltender passe-temps, bis ich mit der schönen Marchesa in nähere Berührung kommen würde, auch hatte ich bei Spinolas noch die andere in Genua hochberühmte Schönheit, die Marchesa Costa, näher kennen lernen, deren Eroberung weniger schwierig war und die immer einen ganzen Schwarm von erhörten und unerhörten Anbetern um sich hatte, mich daher eben nicht sehr rührte. Sie fand aber bei hohen Personen Gnade, und namentlich bei Mürat, der sie auf einem Ball kennen lernte. Lange zu schmachten, ohne mich wenigstens auf einer anderen Seite zu entschädigen, war nicht meine Sache, und ohne den Zeitvertreib mit der Peretti würde ich vielleicht durch meine Ungeduld und den Ungestüm alles bei der Marchesa P... verdorben haben, so aber hatte ich Zeit, um recht systematisch, mit der nötigen Strategie auf die Eroberung derselben auszugehen, und konnte die Ergebung und Kapitulation der Festung in aller Ruhe und bequem abwarten.
Die Häuser, in welchen Konversazioni gehalten wurden, und namentlich Doria und Spinola, veranstalteten der Musik des Don Juan zuliebe häufiger Soireen, in denen man das bereits Einstudierte vortrug, ja es kam sogar ein Verein zustande, in welchem wir Ensemblestücke aus dieser Oper, wie die Introduktion, das schöne Quartett aus dem ersten, das Sextett aus dem zweiten Akt einstudierten, uns endlich sogar an das erste Finale wagten, und diese Stücke dann in den Abendgesellschaften zum besten gaben. In ganz Genua sprach man nur, wie bemerkt, von dem Don Juan und mitunter auch von dem Uffiziale francese oder tedesco, der ihn mitgebracht. Dies gab Veranlassung, daß ich auch meine schöne P... häufiger zu sehen und zu sprechen bekam und, was die Hauptsache war, auch mehr von ihr, wie überhaupt von den Damen, bemerkt und ausgezeichnet wurde.
Damals vertauschte ich meine Charge bei der Voltigeurkompagnie mit einer gleichen bei den Karabiniers, von welchen der Unterleutnant als Oberleutnant in ein anderes Bataillon versetzt wurde; ich selbst hatte bei Düret darum nachgesucht, und zwar aus folgendem Grunde. Es war immer ein Grenadier- oder Karabinieroffizier, der das aus Grenadieren oder Karabiniers bestehende Detachement in die Militärmesse kommandierte, welche jeden Sonntag mittag zu Genua in der San-Lorenzo-Kirche sowie in allen von französischem Militär besetzten Städten in den von den Platzkommandanten dazu ausersehenen Kirchen gehalten wurde. Mit klingendem Spiel, mit den Sappeurs, dem Tambourmajor und allen Tambours des Regiments marschierte man in großer Parade, mit der Bärenmütze geschmückt, die ich gerne trug, weil sie mir gut zu Gesicht stand, in den mit der schönen Welt und den eleganten Damen, welche die Tribünen und Galerien zierten und diesen Messen vorzugsweise gerne beiwohnten, angefüllten Tempel, durch das Schiff bis an das Chor. Daselbst angekommen, wurde ein donnerndes ‚Halt!‘ und ‚Gewehr in Arm!‘ kommandiert, bis die Generalität mit ihrem Stab und die höchsten Zivilbeamten, wie der Präfekt und so weiter erschienen, die ihre Plätze auf karmoisinenen Sesseln in der Nähe des Hochaltars nahmen. Sobald die Messe beginnt, schultern die in zwei langen, sich gegenüberstehenden Reihen aufgestellten Truppen das Gewehr, und wenn der Priester das Sanctissimum zeigt, präsentieren dieselben, fallen auf das Kommando wie niedergedonnert auf die Knie, wobei sie die Gewehrkolben, die Gewölbe erschütternd, auf einen Schlag aufstoßen, die Tambours schlagen aux champs, die Musik fällt in eigens dazu komponierten Melodien ein, sowie das aus den Opernsängern und Sängerinnen bestehende Personal auf dem Chor, wo man oft die herrlichsten Stimmen hört, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Feierlichkeit im höchsten Grad ergreifend und imponierend ist und auf die Andächtigen einen großen Eindruck macht. Der kommandierende Offizier muß aber eine starke, sonore und durchdringende Stimme haben, an der es mir nicht fehlte, denn wenn ich im Freien kommandierte und drei Bataillone in einer Linie aufgestellt waren, so konnte man doch jedes meiner Kommandoworte auf das deutlichste von einem Flügel zum andern vernehmen. War es an unserem Regiment, das Kommando in die Messe zu geben, so ersuchte ich jedesmal den Offizier, an dem die Reihe war, dasselbe mir zu überlassen, so daß alle vierzehn Tage meine Tour kam, und mehr als einmal hörte ich beim Abmarsch die sich Entfernenden flüstern: „Das ist der Offizier, der den Don Juan singt.“
Meine musikalischen Kenntnisse brachten mir auch noch den Vorteil, daß das Musikkorps des Regiments jetzt unter meine spezielle Aufsicht gestellt wurde, so daß es mir nun nicht schwer fiel, dasselbe bisweilen für meine Privatinteressen zu verwenden, denn der Musikmeister mußte es mit mir halten, da ich ihm manchen Vorteil verschaffen und gewähren konnte; auch überhob mich dies manches Dienstes, der gerade nicht zu den angenehmsten gehörte. Ich ließ nun öfters Schönen Serenaden und Aubaden, wie es sich am besten paßte, von Blasinstrumenten trefflich ausgeführt, bringen, wozu sich die Herren Musici willig fanden, da ich sie jedesmal nach denselben mit Wein und Erfrischungen regalierte. – Um aber den Ensemblestücken des Don Juan, die wir aufführten, noch einen höheren Reiz zu verleihen, instrumentierte ich, so gut es gehen wollte, den Klavierauszug für Violinen, Bässe, Klarinetten, Trompeten, Pauken und so weiter, was keine Kleinigkeit war, da ich von dem Generalbaß und dem Kontrapunkt wenig oder gar keine Kenntnis hatte; ich half mir aber, indem ich mich mit dem Umfang und Schlüssel eines jeden Instruments bekannt machte und dann nach Gutdünken, nachdem ich auf einem Klavier probiert hatte, welche Partie sich wohl für die Violinen, welche für die Hautbois, welche für die Hörner am besten eignen würde, dieselbe den Instrumenten zuteilte. Freilich möchte sich Mozart wohl im Grabe herumgedreht haben, wenn er sein Meisterwerk so verstümmelt gehört hätte, denn welche Verstöße gegen die Regeln der Harmonie mögen dabei mit untergelaufen sein! Einige berichtigte mir der Musikmeister. Auf diese Art komponierte ich auch Geschwind- und Parademärsche, von denen viele in allen Regimentern der großen Armee aufgenommen wurden, namentlich ein Sturmmarsch (pas de charge), den sogar die Musik der kaiserlichen und der neapolitanischen Garden adoptierte und der diese mehr als einmal ins Feuer führte. Auch viele Tänze, französische Romanzen und italienische Kavatinen komponierte ich und verlegte manche davon bei italienischen und französischen Musikalienhändlern. Eine Aubade, die ich in Genua einer Schönen bringen ließ, war jedoch Ursache, daß ich folgendes Billett von deren Ehemann erhielt: ‚Signore, ich bin kein Freund von Musik, die meine Morgenruhe und meine Ruhe überhaupt stört, am allerwenigsten aber von Hörnern, die bei Ihrer Musik vorzuherrschen scheinen; verschonen Sie mich also in Zukunft damit. Ihr und so weiter.‘ Ich schluckte die witzige Pille und ließ mir nichts merken, das Beste, was ich bei der Sache tun konnte.
Indessen ging alles vortrefflich in Genua, und ich hatte die beste Hoffnung, auch mit der P... zum Ziel zu kommen, als mir einige Fatalitäten begegneten, die mich beinahe in große Kalamitäten gestürzt und verwickelt hätten, aus denen ich mich jedoch noch so ziemlich gut zu ziehen verstand.
Eines Tages, als ich von dem Abendappell aus der Kaserne kam, sah ich den Kapitän Caguenec, denselben, der den Skandal im Theater zu Toulon veranlaßt hatte, in der Straße Balbi etwas schwankenden Trittes auf mich zukommen und merkte bald, daß er nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einmal des Guten viel zu viel getan hatte. Gerne wäre ich ihm ausgewichen, allein es war nicht mehr möglich, denn schon hatte er mich gesehen, eilte auf mich zu und lud mich ein, ein Glas Rosolio im nächsten Kaffeehaus mit ihm zu nehmen. Ihm in diesem Zustand etwas abzuschlagen, daran war nicht zu denken, wenn man nicht sofort arge Händel mit ihm selbst haben wollte; ich mußte also nolens volens einwilligen, und noch ehe ich Ja gesagt, hatte er mich unter den Arm gefaßt, zog mich mit sich in das nächste Kaffeehaus und ließ Vanille-Rosolio bringen. Nachdem er ein paar Gläschen zu sich genommen, fiel es ihm ein, eine Partie Billard mit mir spielen zu wollen, und als ich ihm bemerkte, daß das Billard bereits von jungen Leuten in Beschlag genommen wäre, schrie er: „Ach, was tut das, wir werden doch mehr sein als dieses Bürgerpack, ich will sogleich rein fegen.“ Hierauf sprang er auf, zog, ohne daß ich es verhindern konnte, seinen Degen, fuchtelte mit der flachen Klinge auf die jungen Leute los, es waren deren über ein halbes Dutzend, indem er ausrief: „Allez vous en tas de canaille!“ Sie ergriffen eiligst die Flucht, und in einem Nu war das ganze Kaffeehaus geleert, bis auf einen ältlichen Mann, der nicht schnell genug zur Türe hinaus konnte und dem er noch ein paar Hiebe aufzählte; hierauf stürzte er wieder einige Gläser Rosolio hinunter, schimpfte auf den Wirt und die Aufwärter, die sich zitternd in die Winkel und unter das Billard verkrochen, auf das er nun mit scharfer Klinge ein- und das Tuch desselben in Stücke zerhieb, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß er den Säbel oft nur mit der größten Mühe aus dem Holz, in das er tief eingedrungen war, herausziehen konnte. Sodann ging es hinter die Flaschen und Gläser des Kaffeezimmers, die er ebenfalls zertrümmerte, so daß der Rosolio und alle Liquide in Strömen flossen, dabei forderte er mich beständig auf, ihm bei dieser Arbeit zu helfen und tapfer mit einzuhauen. Ohne gerade seinen Willen zu erfüllen, zog ich doch auch vom Leder, suchte aber seine vernichtenden Hiebe soviel als möglich zu parieren, während ich tat, als hieb ich zu, und mußte mehr als einmal ein „maladroit“ von ihm hören. Nun machte er sich noch an Fenster und Spiegel, und schon hatte der Skandal einen Haufen Leute herbeigezogen, die mit Erstaunen diesen Heldentaten zusahen. Als er endlich des Einhauens müde und außer den bloßen Wänden nicht viel mehr zu vernichten war, stellte er sich vor den zitternden Wirt und sagte ihm mit drohender Stimme: „Kerl, jetzt mache mir die Rechnung; aber unterstehst du dich, einen Soldo zuviel anzurechnen, so haue ich dich in Stücke.“ Der Wirt, blaß wie eine Leiche und in Todesangst, stammelte: „Niente illustrissimo, niente affatto eccellenza.“
„Kerl, das war dir geraten, sonst wäre es dir schlecht gegangen,“ versetzte Caguenec, nahm mich beim Arm und wollte mich fortziehen, als gerade eine Patrouille, welche ein Aufwärter bei der nächsten Wache requiriert hatte, in das Kaffeehaus trat, uns jedoch ehrerbietig durchließ; ich sagte dem Wirt noch im Abgehen, er möge sich beruhigen, ich wolle dafür sorgen, daß ihm alles vergütet werde. – Caguenec wollte nun in diesem Zustand in das Theater, zu Dorias und Gott weiß wo sonst hin, aber ihm allerlei vorspiegelnd, brachte ich es durch List, indem ich ihm immer nachzugeben schien, dahin, daß er sich in seine Wohnung begab, um vorerst ein wenig auszuruhen, wo er aber, nachdem er sich auf das Bett geworfen, bald glücklich einschlief. Ich entfernte mich nun schnell, eilte in das Kaffeehaus zurück, um wo möglich den Wirt zu beschwichtigen; dieser war aber schon zu dem Platzkommandanten gelaufen, hatte dort seine Klage angebracht und kehrte jetzt mit einem Adjutanten desselben zurück, der beauftragt war, die Sache zu untersuchen. Das Haus und der Platz waren so voll mit Menschen, daß ich Mühe hatte, zu dem Adjutanten zu dringen, dem ich den Hergang der sauberen Geschichte ganz der Wahrheit gemäß mitteilte, mich dabei auf das Zeugnis des Wirtes berufend, der mir aber nicht alle, sondern nur eine zweideutige Gerechtigkeit widerfahren ließ und gerne gewünscht hätte, daß es hieße: mit gefangen, mit gehangen. Ich begleitete den Adjutanten zum Kommandanten, der mir aber, nachdem er ihn angehört, bis auf weitere Order Zimmerarrest ankündigte, weil ich geschehen ließ, was ich nicht hatte hindern können, ohne daß entweder ich oder der Kapitän auf dem Platz geblieben wäre, denn ich kannte meinen Mann, den jede Einsprache und Abhaltung nur noch wütender gemacht haben würde, obgleich ich, da ich nüchtern und jener betrunken, in großem Vorteil bei einem Klingengefecht gewesen wäre. Die Sache wurde sofort an den kommandierenden General Montchoisy berichtet, der im ersten Zorn von Kriegsgericht und sogar von Füsilieren sprach, sich aber durch Dürets und anderer Fürsprache bewegen ließ, den Caguenec auf sechs Wochen ins Fort zu setzen und mir acht Tage Stubenarrest zu geben, obgleich ich mich damit entschuldigt hatte, daß Caguenec Kapitän, mein Vorgesetzter und ein weit älterer Offizier sei als ich, der noch keine siebzehn Jahre zähle und wenig Erfahrung habe. Daß wir solidarisch zu allem Schadenersatz verurteilt wurden, den der Wirt über mehrere hundert Lire ansetzte, offenbar das Doppelte des wirklichen Betrags, versteht sich von selbst. Ich kam am schlechtesten dabei weg und mußte fast die ganze Summe zahlen, da Caguenec ein panier percé war, dem fortwährend zwei Dritteile seiner Gage wegen früherer Exzesse schon einbehalten wurden.
Diese Geschichte, mit allen möglichen Zusätzen und Vergrößerungen ausgeschmückt, machte in Genua großes Aufsehen, und ich hatte viel zu tun, mich bei den Familien, in denen ich bekannt war, wieder rein zu waschen. Während meinem Arrest lernte ich den ganzen Tag italienisch, das ich nun anfing, ziemlich geläufig zu sprechen; doch machte ich noch manchen und oft sehr komischen Bock. So fragte ich einst nach dem italienischen Namen ich weiß nicht mehr welches Medikaments, worauf man mir sagte, es sei in der Spezeria Galetti zu haben; ich aber hatte verstanden, das Medikament hieße spezeria Galetti, und wurde von einer Apotheke in die andere gewiesen, bis ich in die genannte kam, wo ich durchaus spezeria galetti haben wollte, während man mir bedeutete: „Ma é qui, Signore.“ – „Eh bene datemi.“ – „Ma che cosa, Signor?“ – „Spezeria Galetti,“ und man lachte, bis sich das komische Mißverständnis aufklärte. Ich hatte die Apotheke statt dem Medikament gefordert.
Mein erster Besuch nach meinem Arrest und nachdem ich mich gemeldet hatte, war bei der Signora Peretti, die mich zwar freudig empfing, mir aber mitteilte, daß ihr die Geschichte großen Kummer gemacht, da man sogar von Erschießen gesprochen habe; ich lachte und tröstete sie, wir musizierten und probierten zweierlei Gattungen von Duetten. Da ich ihr den Hergang der fatalen Sache ganz zu meinem Vorteil erzählt, so nahm sie es auf sich, mich allenthalben zu rechtfertigen, und ich wurde nach wie vor in den guten Häusern Genuas gerne gesehen. Ja, die Marchese P... fragte mich teilnehmend in einer Abendgesellschaft, wie es mir ergangen, und sagte, sie wünsche wohl ein kleines zweistimmiges Lied, ‚Nice so piu non m’ami‘, mit mir durchzugehen, bei welcher Gelegenheit ich erfuhr, daß ein alter Musiklehrer namens Guercino, der gerade gegenüber wohne, ihr manchmal neue Kompositionen bringe. Mir schien es, als habe sie mir dieses nicht ganz ohne Absicht mitgeteilt, besonders da sie den Namen des Mannes einigemal nachdrücklich wiederholt hatte. Gleich den andern Tag suchte ich diesen Guercino auf, der schon ein Sechziger war, sich sehr freute, als ich ihm ankündigte, daß ich Unterricht auf der Gitarre bei ihm zu nehmen wünsche, und zwar in seiner eigenen Wohnung, um ihm die Mühe zu ersparen, in meine etwas entfernt liegende gehen zu müssen. Ich hatte schon längst im Sinne gehabt, dieses Instrument, das zum Akkompagnieren so bequem, nicht schwer und in Italien und Spanien so allgemein im Gebrauch ist, zu erlernen. Der gute Mann meinte, es sei zuviel verlangt, daß ich zu ihm gehen solle, und glaubte vermutlich, daß ich dies um zu sparen tun wolle, weil er dann einen billigeren Preis eingehen müsse; ich nahm ihm den Wahn und gab ihm ein Zwanzigfrankenstück, den Preis für acht Lektionen, die man in Italien gewöhnlich antizipando bezahlt, nahm auf der Stelle die erste Stunde und gab ihm den Auftrag, mir eine gute Gitarre zu kaufen. Er fand einen gelehrigen Schüler an mir, der ihm schon bei der ersten Lektion mitteilte, daß er es der Marchesa P... zu verdanken habe, daß ich ein Schüler von ihm geworden sei, die ihn sehr gerühmt. „Oh é una eccelentissima signora, la Signora Marchesa!“ rief er aus, „sie war auch meine Schülerin und hat eine hübsche Stimme, é un vero angelo.“
Ich schielte fortwährend über die Gitarre weg, deren Tonleiter er mir zeigte, nach dem Balkon jenseits der Straße, aber alle Fenster waren verschlossen und verhängt; ich sah ein, daß ich viel zu früh gekommen sei, um meine Schöne sehen zu können, und zeigte meinem Lehrer an, daß ich künftig meine Stunde nach der Parade um achtzehn oder neunzehn Uhr (zwölf oder ein Uhr nach unseren Uhren) nehmen wolle, und zwar drei- oder viermal die Woche. Wir trennten uns, einer mit dem anderen sehr zufrieden. Den nächsten Tag kam ich zur festgesetzten Zeit und bemerkte, als ich in das Haus trat, daß die Marchesa hinter den Samtgardinen eines Balkons stand und mich wahrgenommen hatte. Sie zeigte sich auch während der Stunde mehrmals am Fenster, und zwar allein, ohne daß sie mich jedoch sehen konnte, da wir etwas weit zurück in der Stube saßen, ich ging aber einigemal unter allerlei Vorwand an das Fenster und grüßte die Signora verstohlen; auch wurde der Gruß durch eine leichte Verbeugung erwidert.