Nachdem ich ungefähr zehn bis zwölf Lektionen genommen hatte, bei denen ich die Marchesa fast jedesmal, wenigstens auf ein paar Augenblicke zu sehen bekam, war ich schon so weit, mich mit einigen Arpeggis und Akkorden begleiten zu können, da ich mich auch zu Haus fleißig übte und die Gitarre ein leicht zu lernendes Instrument ist, besonders wenn man schon Musik kennt. Eines Tages bat ich meinen Lehrer, doch ein leichtes Tonstück für zwei Gitarren mit mir durchgehen zu wollen, und hoffte ihn dadurch in die Notwendigkeit zu versetzen, vielleicht eine zweite Gitarre bei der P... entlehnen zu müssen; er holte aber ein anderes Instrument dieser Gattung aus einem alten Schrank hervor und stimmte es. Ich dachte: warte, der Gang ist dir doch nicht geschenkt, und da ich wußte, daß er keine umsponnenen Saiten, sondern nur Cantinen (Quinten) und G- und H-Corden im Hause hatte, so stimmte ich so lange an der D-Saite, bis diese glücklich sprang.

„Ma che facciam Signore, non ho altre corde in casa.“

„Maestro,“ erwiderte ich, „dem ist leicht abzuhelfen, leihen Sie einstweilen ein anderes Instrument in der Nachbarschaft, vielleicht bei Ihrer ehemaligen Schülerin?“

„Sie haben recht,“ versetzte der alte gute Narr, machte sich auf die Beine und kam bald mit einer sehr eleganten Chitarra-Lira zurück, auf der gewöhnlich die schönen Finger der reizenden P... spielten. Wir probierten nun ein paar leichte Stücke, und als sich die holde Marchesa wieder am Balkon blicken ließ, machte ich eine Pause, ging mit dem Instrument an das Fenster, schlug einige Akkorde an, und da ich sah, daß ihre Blicke auf mich gerichtet waren, zog ich ein längst in Bereitschaft habendes Billettchen, auf Rosapapier geschrieben, aus dem Busen, hob es in die Höhe, damit es Madonna wahrnehmen konnte, küßte es und warf es sodann in den Resonanzboden der Lyra. Dies alles hatte die Signora ganz gut, mein lieber Lehrer, dem ich den Rücken zudrehte, aber gar nicht bemerkt, da es das Werk eines Augenblicks war. Sie verließ errötend das Fenster, ich aber, ganz vergnügt, bat den gefälligen Guercino, das Instrument, verbindlichst dankend, doch gleich wieder seiner Eigentümerin zurückbringen zu wollen, wozu er sich verstand und bald mit der Nachricht zurückkam, daß ihm die Marchesa selbst dasselbe schon oben an der Treppe abgenommen habe. Ich verweilte nun noch eine kurze Zeit an dem Fenster, aber der Gegenstand meiner Verehrung ließ sich nicht mehr blicken. Der alte Guercino war sehr gesprächig und suchte alles Mögliche hervor, um mich zu unterhalten, indem er mir öfters den Grad seiner Verwandtschaft mit dem Maler Guercino, von dem mehrere Kirchen Genuas gute Gemälde besitzen, recht ausführlich langweilig auseinandersetzte. Endlich begab ich mich weg, indem ich ihm versprach, selbst neue Silbersaiten mitbringen zu wollen, was ich wohlweislich vergaß; ja um meiner Sache noch gewisser zu sein, ließ ich durch meinen Burschen Louis die eine Gitarre unter dem Vorwand, daß an meiner etwas zerbrochen sei und ich mich üben wolle, bei ihm holen, schickte sie nicht zurück und erklärte meinem Maestro den anderen Tag beim Unterricht, daß ich sie behalten und ihm abkaufen wolle, bezahlte ihm sechzig Lire dafür, obgleich sie keine dreißig wert war, worüber besonders seine alte Ehehälfte entzückt schien, die mich seitdem in besondere Affektion nahm und ihren Mann ermunterte, die Gitarre hin- und herschleppend, den Postillon d’amour in aller Unschuld fortwährend zu machen. Er holte das Instrument wieder, das ich um und um drehte und schüttelte; es konnte aber nichts herausfallen, denn es war leider leer; auch sah ich die Marchesa erst gegen das Ende der Stunde am Fenster, wo ich ihr nun ein zweites Billett zeigte und sie durch die Zeichensprache, die man in Italien zur höchsten Stufe der Vollkommenheit gebracht, welche ich neben der des Mundes fleißig studierte und bald begriffen hatte, dringend bat, mich doch mit einer Antwort zu beglücken. Sie schien mich nicht verstehen zu wollen, indessen sandte ich das zweite Billett, in dem dieselbe Bitte wiederholt war, auf dem Wege wie das erstemal ab.

Den andern Abend war große Gesellschaft bei dem kommandierenden General, wohin auch der Marchese P..., seine Gattin und deren Schatten, der Ritter Negroni, eingeladen waren. Hier sollten zum erstenmal mehrere Stücke aus dem ersten Finale des Don Juan mit der von mir arrangierten Orchesterbegleitung, die unser Verein einstudiert hatte, vorgetragen werden, worauf Souper und Tanz folgten. Alle geladenen Nobili trafen mit ihren Frauen und Cicisbeen zur bestimmten Stunde im höchsten Glanz und reich geschmückt zu dem Feste ein, unter ihnen ragte die Marchesa P... in den ersten Reihen gleich einer Sonne unter Sternen hervor; bei dem Vortrag der Musik saß sie mir gerade gegenüber. Außer den Gesängen aus dem Don Juan trug ich diesen Abend noch die bekannte italienische Arie: ‚Tu non sai da quanti moti‘ vor, die ich wegen des vielsagenden Textes gewählt, hauptsächlich an meine Herzensdame richtete, und bei jeder bezeichnenden Stelle warf ich die Blicke auf sie, wo sie dann die ihrigen niederschlug, doch, wie ich wohl bemerkte, bisweilen verstohlen nach mir schielte. Es lief alles ziemlich nach Wunsch ab. Als der Tanz begann, verfehlte aber der mir so fatale Negroni nicht, diesen Abend aufmerksamer als je sein Amt zu versehen; dennoch aber konnte er nicht verhindern, daß ich zwei Quadrillen mit der unter seiner Aufsicht stehenden Dame tanzte, ihr einigemal die Hand drückte und sie leise fragte, warum sie mir keine Antwort auf meine Briefchen gebe, ob sie denn wolle, daß ich vor Kummer und Gram und aus Verzweiflung sterben solle? und so weiter.

Nachdem sie sich allenthalben umgesehen, ob man uns nicht beobachte, sagte sie mir auf französisch, ‚Je n’ose.‘ –

Dies war mir hinreichend, ich arrangierte nun die zweite Quadrille, für die ich mit ihr engagiert war, so, daß nur Offiziere in derselben mittanzten, und bat einen Kameraden, mit dem ich genauer bekannt war, den Negroni doch in einer anderen Quadrille während dieses Tanzes zu placieren, was ihm auch gelang; ich hatte nun freieres Spiel, und die Marchesa benahm sich weit ungezwungener und weniger ängstlich. Ich wiederholte mündlich, was ich geschrieben, sprach von meiner feurigen, innigen Liebe und erhielt das Versprechen, daß sie mich mit ein paar Zeilen Antwort beglücken würde. Auf meine Frage, warum sie bisher so streng und zurückhaltend gewesen, erwiderte sie: „Sehen Sie denn nicht, wie man mich bewacht und beobachtet? Der fatale Negroni, den mir mein Mann zum Begleiter aufgedrungen, verfolgt mich bei Tag und bei Nacht, deswegen hoffen Sie nicht viel.“

„Diesem wird doch auch noch eine Nase zu drehen sein,“ erwiderte ich.

„Vielleicht, daß der bevorstehende Karneval Gelegenheit dazu bietet,“ versetzte sie, „sonst wüßte ich nicht, wie es zu machen wäre. Indessen werde ich Ihnen schreiben, da Sie mich versichern, daß dieses schon Sie glücklich macht.“

„Tausend Dank, schönste Signora, oh, wenn nur erst wir beide uns verstehen, dann ist es mir wegen dem übrigen nicht bange.“