Die Musik verhallte, der letzte Pas war gemacht, und ich führte die Signora an ihren Platz zurück, wo sie Negroni in Empfang nahm. Bei dieser Soiree befand sich auch Madame Grenet sowie viele andere Offiziersdamen der Garnison, welche die Konversazioni der genuesischen Familien in der Regel nicht besuchten, hauptsächlich weil sie den Aufwand der Toiletten scheuten, sich auch durch die mit Brillanten reich geschmückten Genueserinnen zu sehr in den Schatten gestellt sahen. Wer sieht schärfer als die Eifersucht? – Madame Grenet, die ich bis jetzt fast ganz vernachlässigt und nur einigemal besucht hatte, mit der ich des Anstandes halber aber doch ein paarmal tanzte, hatte recht wohl bemerkt, wie sehr ich der schönen Marchesa den Hof gemacht, und sich bei einigen anderen Damen, die sie nicht kannten, nach dem Namen und den Verhältnissen derselben genau erkundigt. Ich hatte ihr einige Galanterien gesagt, die sie kalt genug aufnahm, und als der Tanz mit ihr zu Ende war, ignorierte ich sie für den Rest des Abends. Am nächsten Tage eilte ich wieder zur bestimmten Zeit in meine Musikstunde, ließ die Gitarre holen und fand zwei Zeilen darin, die mich warnten: ‚ich möge ums Himmelswillen vorsichtig und behutsam sein und mich nicht verraten, sonst könne großes Unglück entstehen‘. – Ein Billettchen, das ich morgens schon geschrieben und mit Schwüren und Versicherungen ewiger Liebe und Treue vollgeschmiert hatte, ließ ich auf demselben Wege wieder zurückgehen. Dieser Briefwechsel fand noch ein paarmal statt, und die Billette der Marchesa wurden etwas länger, zärtlicher und weniger ängstlich. In dem letzten derselben, etwa vier Tage nach dem Fest beim General, schrieb sie mir, ich solle mich diesen Abend ja a due ore di notte (zwei Stunden nach Sonnenuntergang) an der Kirche der Karmeliter einfinden, wo ich mich der so sehr gewünschten Zusammenkunft endlich erfreuen und sie verkleidet finden würde. Auffallend war es mir aber, daß ich die Marchesa während der ganzen Stunde sowie beim Weggehen nicht einen Augenblick am Fenster gesehen hatte, da sie mich doch bei Guercino wußte. Ich schrieb dies indessen ihrer Verschämtheit wegen des zugesagten Rendezvous zu, erkundigte mich nach der benannten Kirche und erfuhr, daß dieselbe in dem entlegensten und einsamsten Winkel der Stadt, an deren Mauern liege. Auch dies schien mir natürlich, da ihr alles daran gelegen sein mußte, von niemand gesehen oder erkannt zu werden. Indessen waren wir in Italien, und ich wußte, wessen man sich hier zu versehen habe, wenn man Intrigen mit Frauen anknüpfte; noch vor wenigen Tagen war ein Artillerieoffizier bei der Heimkehr aus dem Theater von mehreren Banditen angefallen und lebensgefährlich verwundet, ein anderer sogar von einer Frau, mit der er ein Verhältnis gehabt und die er nachher vernachlässigte, in seinem Zimmer erdolcht worden. Ich fand deshalb für nötig, nachdem ich noch bei Tage den Ort des Rendezvous rekognosziert hatte und zur Ausführung eines Banditenstreiches vollkommen gut gelegen fand, meinen Burschen Louis gehörig bewaffnet mitzunehmen. Als die dennoch von mir mit großer Sehnsucht herbeigewünschte Stunde schlug, denn irgendein Abenteuer mußte es ja absetzen, sei es ein verliebtes oder blutiges, beide mir recht, eilte ich in Begleitung meines Bedienten an den bezeichneten Ort, hieß diesen sich ruhig in einen Winkel postieren und nur erst, wenn ich ihn beim Namen rufen würde, herbeizuspringen. Ich begab mich in die Kirche, in der ich keine Seele sah und nur hin und wieder düster brennende ewige Lampen erblickte. Ich setzte mich in einen Stuhl, die Ankunft meiner Madonna mit Ungeduld erwartend. Es mochte beinahe eine Stunde sein, daß ich da saß, und noch immer zeigte sich keine Marchesa, und auch sonst kein Mensch ließ sich sehen. Ich verlor die Geduld, ging vor die Kirche und wollte die Runde um dieselbe machen; aber noch hatte ich keine dreißig Schritte getan, als drei Kerls hinter einem hervorspringenden Mauerpfeiler auf mich stürzten, und einer von ihnen sagte: ‚Eccolo, è costui!‘ Schneller als der Blitz hatte ich jedoch meinen Degen aus der Scheide gezogen und mich en garde gestellt; dies hinderte die Banditen nicht, mit ihren langen Stiletten bewaffnet auf mich einzudringen, und zwei derselben suchten mich im Rücken zu fassen, ich aber machte schnell eine Wendung, so daß ich mich mit dem Rücken an eine Mauer lehnen konnte, und hieb nun nach allen Seiten wie ein Rasender um mich, so daß keiner mir auf den Leib kam, zugleich rief ich: „A moi Louis!“, der nun auch mit gezücktem Säbel zusprang, und die drei vermummten Wichte ergriffen jetzt das Hasenpanier. Wir verfolgten sie zwar eine Strecke, verloren sie aber, nachdem sie um eine Straßenecke gebogen, aus dem Gesicht. Wahrscheinlich hatten sie sich in einen ihnen bekannten Schlupfwinkel oder in ein offenes Haus geflüchtet.
Dieser Streich brachte mich so sehr auf, daß ich auf der Stelle in die Wohnung des Marchese P... wollte, um dort Aufklärung über diesen Vorfall zu erhalten und Rechenschaft zu begehren; doch kühlte sich mein Blut mehr und mehr ab, während ich durch die engen Straßen der Stadt meinem Quartier zueilte, ich gab jetzt dies Vorhaben auf, faßte aber den festen Vorsatz, der Sache à tout prix auf die Spur zu kommen, da ich die Stimme und Figur Negronis erkannt zu haben glaubte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zutun und rannte fast mit Tagesanbruch in Guercinos Wohnung, um ihm den Vorfall mitzuteilen. Dieser aber empfing mich mit den Worten: „Oh Signor mio che avete fatto, m’avete rese infelice son un uomo perduto.“
„Wieso, was ist Ihnen?“ rief ich ganz erstaunt.
„Sie haben mich wider mein Wissen zum Ruffiano gemacht, und der Marchese P... wird mich verderben.“
Ich suchte nun den alten Mann, dem die Tränen in den Augen standen, zu beruhigen, als auch seine Frau aus dem Nebenzimmer, und zwar nicht im reizendsten Negligé, heulend in die Klagen ihres Eheherrn einstimmend, trat und ihre Worte immer mit dem Refrain schloß: „Wir müssen so unschuldig leiden und haben gar nichts davon; ja, wenn wir noch etwas davon gehabt hätten!“
Ich gab mir alle Mühe, die beiden Alten möglichst zu beruhigen, indem ich ihnen versprach, daß ich alles wieder zu applanieren und gut zu machen wissen werde, und drückte der Frau einstweilen zwei Goldstücke in die Hand, ohne daß ich noch wußte, was hier eigentlich vorgefallen war. Der Zauber des Goldes hatte denn auch die Wirkung, daß beide Eheleute sogleich ruhiger wurden, ohne ein niederschlagendes Pulver zu nehmen, und jetzt imstande waren, meine Fragen vernünftig zu beantworten; ich erfuhr nach und nach den Zusammenhang der ganzen Geschichte, soweit sie solche betraf, woraus ich mir das übrige schon erklären konnte.
Nachdem ich den Maestro den Tag vorher verlassen, trug er wie immer die geliehene Gitarre zurück, die ihm aber diesmal nicht wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu sehen bekam, sondern der Cavaliere servente Negroni abgenommen hatte, worauf er sich empfahl. Bald darauf hatte ihn aber der Marchese P... wieder rufen lassen, und als er in dessen Zimmer trat, mit den Worten angeschnauzt: „Alter Kuppler, habe ich dich, dies soll dir nicht so hingehen!“ worauf ihn der sich gegenwärtig befindende Negroni noch weit ärger heruntergemacht, geschimpft und beinahe tätlich mißhandelt habe. Er, von gar nichts wissend und nichts ahnend, habe lange vergeblich gefragt, um was es sich denn handle, und noch vergeblicher seine völlige Unschuld beteuert. Nach langem Hin- und Herreden und beständigem Drohen und Schimpfen habe ihm sodann Negroni das Billett gezeigt, das ich an die Marchesa geschrieben und das die Herren schon das vorletzte Mal in der Gitarre gefunden hatten, in dem ich die Signora P... auf das dringendste um ein Rendezvous gebeten. Sodann habe man ihn in ein entlegenes Zimmer des Palastes geführt, daselbst eingeschlossen und seiner Frau sagen lassen, sie möge diesen Abend nicht auf ihn warten, da er bis spät in die Nacht Musikstücke mit der Marchesa durchgehen müsse. Endlich aber habe man ihn nach fünf Uhr (elf nach unserer Uhr) in der Nacht wieder freigelassen mit der Deutung, daß, wenn er im mindesten schuldig befunden würde, er sich auf das Schlimmste gefaßt machen könne.
Ich tröstete den armen Teufel, so gut ich konnte, versprach ihm meine Hilfe in jeder Hinsicht, um ihm die ausgestandene Angst und den Arrest reichlich zu vergüten, ging vorerst wieder heim und kehrte zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde zu Guercino zurück, dessen Frau ich einstweilen eine genuesische Quadruppia auf Abschlag des versprochenen Schmerzensgeldes gab, was machte, daß die guten Leute, alle ausgestandene und noch bevorstehende Gefahr vergessend, von der besten Laune beseelt wurden und die Frau zu mir sagte: „Aber warum haben Sie sich nicht an mich gewendet, ich hätte Ihnen die sichersten Mittel und Wege gezeigt, wie Sie die Signora hätten sprechen und ihr schreiben können, ohne daß man dahinter gekommen wäre; einem so großmütigen Herrn diene ich gern. Ich habe Bekanntschaft in dem Palazzo, die alte Wärterin der Marchesa ist meine intime Freundin und gilt alles bei der Signora, hätten Sie sich nur mir anvertraut ... jetzt ist die Sache wohl ziemlich verpfuscht, wenigstens weit schwieriger einzuleiten, doch wir wollen sehen, was noch zu tun ist ...“
Da ich die Alte so sprechen hörte, dachte ich: ‚Holla, du bist, was ich brauche‘, und bat sie, vorerst nur zu erforschen zu suchen, wie die Sachen drüben ständen und wie man die Marchesa behandle. Sie versprach mir, womöglich schon den andern Morgen Nachricht deshalb zu geben, indem sie noch diesen Abend ihre Freundin zu sprechen suchen würde.
Daß ich in der Abendstunde meuchlerisch war angefallen worden, war schnell publik, und schon den andern Tag fragten mich die Generale, Chefs und andere Offiziere wegen den näheren Umständen, die ich ihnen mitteilte, dabei aber weislich die mir nun wohl einleuchtende Ursache des Anfalls verschweigend, und schob ihn dem allgemein bekannten Haß des Volkes gegen die Franzosen oder auch der Raubsucht zu; Düret aber, der mich kannte, setzte, mit dem Finger drohend, hinzu: „Und dem Haß gegen die Verführer ihrer Frauen.“ Indessen mehrte sich durch diesen und einige ähnliche Mordanfälle die schon bestehende Erbitterung zwischen der Garnison und den Einwohnern noch bedeutend und wurde bald zu einem unversöhnlichen Haß.