„Bewahre der Himmel,“ versetzte ich; „wie, wenn es dem Herrn Kustode eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen Begleiterin zu verlustieren?“
Die Cesarini lachte und sagte: „Wo denken Sie hin; der Kustode der heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht mehr in der ersten Jugendblüte.“
„Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich gegenseitig zu trösten.“
„Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.“
Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und mit demselben zu sterben.
Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein, abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem Führer besuchten.
„Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,“ rief die Principessa aus.
„Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen, als so elend umzukommen.“
Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame – die Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden – ein unglücklicher Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis, uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.
Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.