Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte. Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.
Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet, entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist’s, flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das freundlichste abnahm, indem sie mir ein „Ben venuto“ mit einem vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie auf, drehte sich zu mir um – ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen – und sprach: „Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben hinabsteigen.“ – Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen, drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell erlosch.
Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah – ich war absichtlich langsam gegangen –, da wagte ich einen langen Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode, immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er mir zu: „Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.“
„Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer vorwärts.“
Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen. Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren unterirdischen Irrgängen zu befinden.
„Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,“ meinte Gertrude (der Taufname der Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, „wenn wir zur Strafe hier verhungern sollten.“
„Dahin soll es nicht kommen, mia dolcissima,“ erwiderte ich und schrie nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: „Signor Kustode! Signor Kustode!“
Aber alles blieb still und stumm.
Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall meiner Stimme.
„Das beginnt bedenklich zu werden,“ meinte die Cesarini.