Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitäten und Schönheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glänzenden Equipagen auf- und niederfahrend, präsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten, um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in den Soireen kennen gelernt, grüßte sie, an ihnen vorüber kurbettierend, und hörte öfters zischeln: „Ecco l’Uffiziale francese chi canta cosi bene!“ Auch die berühmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und ließ mich bei ihr einführen; obgleich schon hoch in den Sechzigern und kränklich, war sie doch noch sehr liebenswürdig; da ich aber von ihrer Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie natürlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf und wurde mit großem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berühmtesten Professoren und Künstlern, die sich damals zu Rom aufhielten, abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten Gemälde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal dieser ausgezeichneten Künstlerin ist sonderbar genug, um hier erwähnt zu werden. Während ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der Königlichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Engländer in sie, dem sie aber kein Gehör schenkte. Dieser brütete nun einen seltsamen und abscheulichen Racheplan aus; er suchte nämlich einen ganz gemeinen, aber körperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehörig instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem Aushängeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie dann um ihre Hand anhalten mußte. Dieser listige Plan glückte vollkommen, und das arme Mädchen war bald die Gattin des rohen Gesellen; als sie sich aber über dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung, daß sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze, welche dieser aber nicht lange genoß, da er glücklicherweise bald starb. Später heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie ebenfalls überlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Büste im dortigen Pantheon aufgestellt.

Da ich mich jetzt so häufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn ich es für gut fand, meine Uniform mit einem schlichten bürgerlichen Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nächtlichen Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glück in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straßen herumschwärmte und die Kaffeehäuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte. Gegen die Straßenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen, namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklärt, damit man deren nächtliche Schliche und Gänge nicht beobachten oder die hübschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus, da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder Messerstichen hörte, und der Unsinn, daß die Mörder in jeder Kirche, an jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz und in dem Revier der Inquisition, eine Freistätte fanden, wo sie nicht verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die Angehörigen oder Freunde der Mörder wußten hier die Verbrecher gewöhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in Sicherheit bringen konnten.

In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurück, wo ich dann wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen ordnete, frühstückte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom. Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit man mich von etwa außerordentlichen Vorfällen sogleich durch einen Expressen benachrichtigen konnte.

Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des Apollo geöffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer Opera buffa eröffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das größte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede sechsunddreißig geräumige Logen hat, und das della Valle. Während des Karnevals sind alle täglich bis zum Ersticken angefüllt, ebenso mehrere Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel zu einer staunenswürdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie, Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist vollendet schön. So sah ich unter anderem ein Ballett ‚La fierra di Sinigaglia‘ aufführen, wo das Gewühl der Messe auf das täuschendste nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wütender Stier, der sich von der Fleischerbank losgerissen, die natürlichsten und possierlichsten Sprünge machend, alles über den Haufen rannte, wobei sich das Volk ebenso natürlich in die Häuser flüchtete. Hierauf erschien ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen Tribüne nahm und den Leuten vermittelst einer Beißzange die Zähne mit schuhlangen Wurzeln zur großen Freude des Publikums auszog; auch sehr kunstreiche Tänze führten diese vier bis fünf Schuh hohen Marionetten graziös aus. Gewöhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstücken der Tausend und einer Nacht, während der Weihnachtszeit aber der Bibel und dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klägliche Rolle spielen muß. Was mich anfänglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war, daß man Geistliche und Mönche in großer Menge in den ersten Reihen unter den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu ergötzen scheinen, ohne daß dies im geringsten auffiele. In den ersten Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hübscher Mühmchen und Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bühnen erleuchtet werden.

Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben, an Geld fehlte es mir für den Augenblick nicht, das Legat und die Kommandantur, so unbedeutend sie an und für sich war, versorgte mich reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schönen Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren glänzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreißend und anziehend war, daß sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon längst hatte sie bemerkt, daß ich ihr alle mögliche Aufmerksamkeit schenke, ich bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Männerwelt Roms, und unter dieser hohe Prälaten, nicht die am wenigsten Gefährlichen, zu Nebenbuhlern bei dieser berühmten Schönheit hatte, denn Geistlichkeit und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Größe in dem Reich der Schönheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht auch dem Umstand, daß ich mein Roß auf dem Korso und dem Volksplatz gut zu tummeln verstand und prächtige Lançaden und Kapriolen machen ließ, verdankte ich den Sieg über meine großen und gefährlichen Nebenbuhler und daß die Schöne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen würdigte. Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten, besonders auch die deutsche Treue (germana fede) in der Liebe hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phänomen, als ein treuer italienischer, und einen Deutschen zu verführen, der verheiratet sei oder eine Geliebte habe, dazu gehöre mehr als irdische Schönheit, ja die Allmacht einer Göttin. Wie mußte ich nicht innerlich ob diesen seltsamen Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen für ganz zuverlässig ausgaben, was für Einwendungen die Männer auch machen mochten. Es grenzt wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die Römerinnen, und überhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in diesem Punkt haben; sie halten es eher für möglich, einen Strom rückwärts fließen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen zu können. Ich ließ sie natürlich bei diesem Glauben, und während ich ihnen vollkommen beipflichtete und diese fede germana als unerschütterlich bestätigte, versicherte ich ihnen, daß, wenn ich jemals das Glück hätte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen daraus machen würde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei faßte ich die Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man verglich nun die französische Flatterhaftigkeit und den italienischen Leichtsinn mit dieser deutschen Beständigkeit, bedauerte nur, daß die Signori tedeschi nicht mit derselben auch die französische Liebenswürdigkeit verbänden und weniger Phlegma hätten.

„Alles läßt sich nicht vereinigen,“ sagte ich lachend.

„Und dann gibt es ja auch Ausnahmen,“ versetzte die Principessa Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.

Es wurden nun andere Gegenstände auf das Tapet gebracht, und ein Teil der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in ihre Nähe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem einige fünfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte lächelnd zu mir: „Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin ein guter Führer,“ und fuhr hieran sotta voce fort: „Wollen Sie die Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Führer zu dieser gefährlichen Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.“ – Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein Blut begann zu sieden, und für das Spiel hatte ich weder Augen noch Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und stand dennoch wie auf glühenden Kohlen. Obgleich Schüchternheit eben nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen leisen Händedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten konnten meine Wünsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne hätte ich gefragt: „A che ora, illustrissima?“ Aber es war nicht passend, und ich fand nur noch Gelegenheit, en passant ein „Certo non mancherò!“ ihr zuzuflüstern; ich mußte hier mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders seitdem man wußte, daß sie nicht mehr in sehr großer Einigkeit mit ihrem Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurück, um mit dem frühen Morgen schon wieder in Rom sein zu können, wo ich, nachdem ich in dem großen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und pane tedesco[3] gefrühstückt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le mura fuhr.

III.
Die Katakomben. – San Sebastian fuori le mura. – Das Abenteuer in den Katakomben. – Die Karnevalsfreuden. – Noch ein Mordanfall. – Die junge Witwe. – Antiquar Vasi und seine Tochter. – Canova. – Beendigung des Karnevals. – Die Entführung einer Nonne. – Der Kardinal-Bischof und der Impressario. – Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. – Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.

Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen, ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.