Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einöde verweilt hatte, kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier durch und übernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen, die in französischem Dienste waren, rote Uniform, Hüte à la Henri IV. trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die Offiziere nach meinen Kräften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemüse brachten sie selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte, gab mir dieser zur Antwort: „Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant, ich will schon für eine gute Schüssel sorgen.“ Und in der Tat trug er bei dem Mittagessen eine große Schüssel von ihm selbst gar nicht übel zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und Fröschen, die er in dem alten Gemäuer des Kastells gefangen, bestehendes Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: ‚Nun, wenn es uns nur wohl bekommt!‘ Und das tat es.

Kaum war ich von meinem Eulennest abgelöst, als ich mit der Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitän verloren und auch keinen Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Düret selbst wurde mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die übrigen Kompagnien nach Porto d’Anzo, Piperno und Velettri beordert, deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so daß das ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich, abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur drei kleine Stunden davon entfernt lag.

Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner Order auswies, war über der Eingangstür des Saales der Kampf der Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir einen ganzen, einem Kardinal zugehörigen Palazzo an, der eine Reihe von ziemlich schlecht möblierten Zimmern und Sälen hatte. Fast in jedem Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder sämtlicher Päpste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in diesem geräumigen Gebäude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer, die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden sich große Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so daß ich jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer hätte wechseln können; fast ebenso geräumig war der Unterleutnant logiert, auch der Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhältnismäßig große Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen Gebäuden einquartiert. Die Stadt mußte mir täglich drei römische Scudi (über sieben Gulden) Tafelgelder geben, außerdem erhielt ich dreifache Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile, welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militärisch besetzen zu lassen für gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit französischer Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah strenge darauf, daß die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter Qualität waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch ließen sie den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu lernen ich mir nun vornahm.

In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem Wohlwollen Dürets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf längere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner großen Wichtigkeit war und hauptsächlich darin bestand, den durchkommenden Militärs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm ich es nicht so genau, sondern brachte längere Zeit, oft ganze Tage in Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen während meiner Abwesenheit überlassend.

Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines alten Großoheims anzeigten, sowie, daß mich derselbe mit einem Legat von einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner Verfügung stelle, indem ich, was ich bedürfe, bei dem Bankier Torlonia in Rom, an den ich außerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben könne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche vergnügte Stunde gehabt – er hatte mich in besondere Affektion genommen –, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten. Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die glänzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten Familien dieser Stadt persönlich kennen lernte, wie die Cerevetri, Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers, der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano hinaufgeschwungen, ist merkwürdig. Er hatte sich ein geringes Kapital gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er Torlonia mit seinen Geldgeschäften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er sich ein unermeßliches Vermögen erwarb. – So ziemlich ein Pendant zum alten Rothschild. – Pius VII. machte ihn später zum Herzog von Bracciano. Der Mann mochte damals einige fünfzig Jahre zählen und hatte ein sehr gravitätisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer Samtrock mit großen vergoldeten Knöpfen, eine goldgestickte Weste, ein paar kurze Samtbeinkleider von einer bläulichen Farbe, blaßgelbe seidene Strümpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneeweiß gepuderte Perücke war sein alltäglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften glänzten Roms erste Schönheiten, und er selbst hatte zwei hübsche Töchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, daß aller Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schönheit, die erst kürzlich an den Fürsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles Schicksal gehabt. Ihr Vater hieß Conti, sie war von niederer Herkunft und armen Eltern, die so herabgekommen waren, daß sie ein Blumenmädchen werden mußte, das ihre hübsch gewundenen Sträußchen am Nachmittag auf dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schönheit zog weit mehr als ihre Blumen, die man teuer bezahlte, die Käufer an, und so machte auch der reiche Fürst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wußte, daß er ihre höchste Gunst nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach erlangen konnte; sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er sie heiratete. Hinsichtlich ihrer Schönheit war sie die Recamier Roms.

Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spät in derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der Hölle entwischter Dämon, die andere eine entzückende Himmelstochter, müssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust töten. Dem Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich wenig mehr an, während mir die herrliche Tonkunst die seligsten und glücklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie würde ich gewiß nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergnügens gehabt haben, und noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es des unsterblichen Meisters der Töne, des großen Mozart Schöpfungen, die mich immer begeisterten.

Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem übrigen Italien, auch von der Zauberflöte, der Entführung, selbst dem Titus wußte man nichts, nur vom Figaro und Cosi fan tutte kannte man einzelne Stücke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so liebenswürdig gewordenen Wüstling Don Juan in dem liebeglühenden Italien einzuführen.

Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht in Uniform gewesen wäre, würde ich schwerlich nur bemerkt worden sein, obgleich mich Torlonia mehreren Gästen als einen ihm gut empfohlenen Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder fünfundzwanzig Louisdor geben ließ und mich der Bankier abermals zu einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige Musica tedesca mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem: „Vi saremo molto grato!“ beantwortete.

Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo „fin ch’an del vino calda la testa“ mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, daß mir der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit Figaros „non piu andrai“ und dem Ständchen aus dem zweiten Akt Don Juans, das ich später sang. „Cosa stupenda, questa musica!“ rief selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr für einen anderen Klang als den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik hätte ich mich in Rom nicht empfehlen können, und wenn ich als Obergeneral durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben würde. Es gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen Expressen eingeladen worden wäre. Es ging wie in Genua, ich studierte Duette und andere Ensemblestücke mit römischen Damen, die herrliche Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen, deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria buffa „Signorina, il Catalogo è questo“ sang ich mit großem Erfolg, wenn auch etwas höher transponiert; die Introduktion und die beiden Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein leibhaftiger Repräsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische Talente hatte, aber desto mehr für die praktische Liebe geschaffen war. Übersättigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glück der jungen Fürstin bald gestört; die Ehe ist und muß notwendig das Grab der Liebe sein, da eine so fortwährend nahe Berührung, in der sich die Gatten unter allen Verhältnissen befinden und sehen, alle Illusion schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten wurde der Fürst gleichgültig, und die junge Frau sah sich nach anderen Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glücksstern nach Rom führte und ich die schöne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele Bettelprinzen gibt, daß man, wie in Deutschland, mit Baronen die Schweine mästen könnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nähern, ob sie schon auch hinsichtlich des Vermögens sich in sehr glänzenden Umständen befand.

Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, daß der Fürst Cesarini eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schöne Mätresse unterhalte, die in der Nähe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine äußerst verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem gewissen Abbate intrigiere.