Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle meine Intrigen con amore einleitete, Don Juans Duettino, mit mir singen konnte, worüber sich Herr Golia königlich freute. – Ich dachte: ‚Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemänner seien Teufel der Eifersucht!‘ Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter Doktor war doch bald überzeugt, daß ich ihn zum besten gehabt, und setzte nun dem Mann Flöhe ins Ohr, so daß dieser mich immer kälter empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei ausgegangen und er sehr beschäftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurückkunft der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf die italienischen Gifte und namentlich auf das berüchtigte Aqua Tofana, ein Thema, das den Signor Golia ansprach, über welches er, trotzdem daß er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so gefällig war, mir manche Aufklärung zu geben. Ich erzählte ihm nun, welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von demselben mache, daß man glaube, es werde aus dem Schaum rasend gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum höchsten Grad der Wut zu bringen, unter den Fußsohlen kitzle, daß man vermittelst dieses Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon Vergiftete seinen Geist aufgeben müsse, bestimmen könne und so weiter. Der Apotheker lächelte über diese Mitteilung und erklärte mir, daß die Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus Arseniksäure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu verbergen, bestände; daß man allerdings nach der Quantität der beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten früher oder später herbeiführen, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben könne, in welcher dieser erfolgen müsse, da dies von gar mancherlei Umständen abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der Beschäftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich später noch bei anderen Personen nach diesem berühmten Gift, mehrere leugneten dessen Bestehen gänzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei längst verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter als künstlich präpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch später eine unter Mürat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche Untersuchung, und die über dasselbe verbreiteten Märchen sind nichts weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und Romanschreiber.

Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch kälter von dem Signor Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehör gab, welches Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spät; der gute Mann, der anfänglich mit Entzücken zuhörte, wenn ich seiner Frau Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das Feuer schon lichterloh brannte. Längst wußte ich, daß Signora Golia alle Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier, ohne daß es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorübergehen. Gewiß waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, während ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo (Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden konnte, nicht leiden, war über ihren Marito (Eheherrn) erbost, daß er mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, graziös auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und ließ mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Höflichkeit zu bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor, welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre Freunde und Bekannten habe, verlassen hätte. Die Amica war so aufmerksam, uns mit Rosolio und Pane di Spagna aufzuwarten und sich dann zu entfernen. – Nun wurde die Türe verschlossen, und wir schwelgten ein paar Stunden im Hochgenuß, nach denen sich die Amica wieder einfand, die zwar äußerst angenehm, aber doch schon etwas verblüht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei dem tête-à-tête mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so liebenswürdig war, daß schwerlich der heilige Antonius selbst der Versuchung widerstanden haben würde.

Als Krönung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne zu meinem großen Leidwesen nähere Bekanntschaft mit dem alten Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich tröstete mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen Schatten im Vorübergehen erblickt hatte.

II.
Abmarsch nach Civita-Vecchia. – Die Pontinischen Sümpfe. – Civita-Vecchia. – Ich werde Platzkommandant zu Albano. – Meine Ausflüge nach Rom. – Bankier Torlonia. – Prinzessin Cesarini. – Angelika Kaufmann. – Rom. – Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. – Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern.

Mich meinen Schönen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen empfehlend – Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand, blieb zurück und bedauerte hauptsächlich, daß unser Liebhabertheater durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn außer mir waren noch mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon –, verließ ich Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem nötigen nervus rerum gerendarum vor dem Abmarsch zu versehen, übernommen) und mit dem festen Vorsatz, daß das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurückkommen sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort stehenden französischen Armeekorps gehörten, sein solle, den Vesuv zu besteigen.

Wir marschierten auf demselben Weg Etappe für Etappe zurück, auf dem wir von Rom nach Neapel gekommen waren, nämlich über Capua, Sessa, Molla, Terracina, durch die Pontinischen Sümpfe über Velettri und Albano. Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir öfters Jagd auf wilde Enten, Schnepfen, Wasserhühner und anderes wildes Geflügel, das in der Gegend von Terracina und den Pontinischen Sümpfen in so ungeheurer Menge vorhanden ist, daß man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum einen Groschen) bezahlt, so daß sich unsere Soldaten von Terracina bis Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestöcken brieten, trefflich schmecken ließen. Bei Treponti schoß ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze Wolke von Wildgeflügel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es stürzten eine Menge verschiedener Vögel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten, da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Sümpfen holten.

In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und mußten sogar die Stadt umgehen, was beinahe für eine Etappe hätte gelten können. Diesmal suchte ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode war. Es wurde mir auf dem Korso bei – den Jesuiten angewiesen! – Aber die Zeit war so kurz zugemessen, daß ich diesmal außer dem Korso und der Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam. Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in einer sehr ungesunden und ganz öden Gegend am Gestade des Meeres, in dessen Nähe aber viele und große altrömische Ruinen liegen. Hier übernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungünstigem Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.

Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll, ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klöster, war aber ein sehr öder und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner zählen mochte. Nur daß es der Aufenthalt der päpstlichen Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in jeder Hinsicht höchst unglücklichen Sträflingen angefüllt sind, bringt einiges Leben in den Ort, aber welches!? – das, welches das Kettengerassel der Elenden verursacht.

Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flöhen bedeckt, so daß meine Beinkleider auf einmal in couleur de puces verwandelt waren. So sehr ich auch schon in Italien und dem südlichen Frankreich an dieses Ungeziefer gewöhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse vorgekommen, und nur durch eine Überschwemmung mit siedendem Wasser konnte man dasselbe in den Sälen etwas vermindern, vom Vertilgen war keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich diese quälenden Springer hauptsächlich eingenistet, und kein Klopfen noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese weißen Decken immer wie Kümmel und Salz aus.

Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der Dalmatiner abzulösen. Dieser Posten war so ungesund, daß man selbst im Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig Stunden ablösen mußte, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten fieberkrank zurück und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt daselbst in der heißen Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten mußte jedoch fortwährend stark besetzt werden, und eine Batterie von sechs Feuerschlünden war beständig mit Mitraille geladen, weil die Engländer und Korsaren hier öfters zu landen versucht und ganze Herden Büffel weggenommen hatten.