Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich, daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte. Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch keine reellen Dienste geleistet habe.

Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, daß ich mit der Cesarini auf dem vertrautesten Fuß lebte und ihr ganz treu geblieben war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum siebzehnjährigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte. Ich befand mich diesen Abend zufällig allein im Theater, Gertrude, an Migräne leidend, hütete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch eine ältere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei sich. Das Ungefähr führte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide noch für Mädchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der jüngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald angeknüpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste Aufwartung machen zu dürfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen, die ältere unverheiratete Schwester, auch ein recht hübsches Mädchen, wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen, beide sangen artig, spielten, wie alle Römerinnen, Gitarre und Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so küßten wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu, während ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das ewige Einerlei, und wenn es auch toujours perdrix ist, tötet, sobald der Reiz der Neuheit vorüber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein baldiges Ende.

Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer allerliebsten Naivität und in der Blütezeit einer eben aufbrechenden Rose, sie hatte sehr regelmäßige, schöne Züge, und dennoch viel Ausdruck im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Küssen geschaffen. Schon in den ersten Tagen entdeckte sie mir, daß sie sich schon beinahe seit drei Monaten in der Hoffnung befände und sich ihre Taille zu runden beginne, weshalb wir uns ohne alle Gefahr für sie ganz den innigsten Vergnügungen der Liebe hingeben könnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt noch immer ziemlich zurückhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen hatte und deshalb um so lüsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel, weshalb sie mir auch das naive Geständnis gemacht haben mochte. Ich war aber nicht der Mann, der sich von einer hübschen jungen Frau so etwas zweimal sagen ließ, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen, verirrten wir uns zu einem tête-à-tête in das Kamerino, während die Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche Verirrungen so oft, daß diese zuletzt alle Patience verlor und uns einmal zürnend überraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein ließen. Ich küßte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu besänftigen, und – weil sie eben küssenswert war. Endlich aber machte ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine passion predominante, una giovan’ principiante, das fünfzehnjährige scharmante Töchterchen des Buchhändlers und Antiquars Vasi, die ich, in dessen Bottega manches Buch, römische Ansichten, Karten und Pläne kaufend, kennen lernte. Während ich mit dem Papa mich in gelehrte Disputationen einließ, führte ich mit dem Töchterchen einen verstohlenen Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich ließ den Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner Abwesenheit wahr, dem schönen Mädchen meine unnennbare Liebe zu gestehen, und wußte mich bald so sehr in des caro Papa Gunst zu setzen, dem ich seine Bücher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, daß er mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stündchen Musik zu machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer befanden und neue Käufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer großen Freude oft sehr lange beschäftigten. So hatte ich nun der Schönen drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wußte manchmal nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.

Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von Interesse als die meiner Schönen, ja wohl noch von höherem und bleibenderem war, nämlich die des berühmten Canova. Vasi war es, der mich bei diesem Fürsten der modernen Bildhauerkunst einführte, in dessen Werkstätte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem Marmor gehauen, sahen, an den der berühmte Meister nur noch die letzte Meißelfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nächstens nach Paris abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzückte mich die vollendete Bildsäule einer Nymphe von weißem Marmor, die einen Wuchs und Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe, eine Auloniade, auf mich gemacht hätte, und glaube schwerlich, daß sich in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden läßt. Auch eine Bildsäule Ferdinand IV., des verjagten Königs von Neapel, stand in Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schöpfungen des hochberühmten Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der liebenswürdigsten Gefälligkeit zeigte uns derselbe seine Säle, uns alle nur zu wünschenden Erklärungen gebend. Noch führte mich Vasi in die Werkstätte eines anderen berühmten Bildhauers namens Massimiliano; auch dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mißfiel als der nackte, obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova besonders auszeichnete, war daß er die Natur mit den idealischen antiken Schönheiten so zu verschmelzen wußte, daß alle seine Schöpfungen eine Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst von der liebenswürdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschämt, so viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.

Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich mitgetobt, werde mich aber hüten, eine Beschreibung desselben zu geben, da ihn mein berühmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft als lebendig geschildert hat, und er außerdem dieses Jahr (1807) bei weitem nicht so glänzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewöhnlich der Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen schuld war.

Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt hatte, vergingen mir indessen außerordentlich angenehm.

Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft weite Spaziergänge in dem öden, verwilderten und romantisch gelegenen Teil der Stadt, wo man nur Weingärten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken, hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.

Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten die Raritäten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtstühle für die Sünder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Sünden in seiner Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem großen Trost absolviert werden kann. – Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umständlich und langweilig, auch würden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen hat, in große Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der andere ein Paternoster oder Ave-Maria wußte, und außerdem würden unsere schönen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten haben; wir faßten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren Trittes, auf die uns für Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller Altäre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick auf die heranknieenden Sünder und besonders auf die Sünderinnen. –

Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession andächtiger Klosterfrauen, von ihrer Äbtissin angeführt, an der untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe knieend zu erklimmen. – Vier und vier beknieten nebeneinander eine Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel küssen mußten[4], natürlich zurückgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthüllt. Daß wir nun nicht mehr auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten, unter denen sich manch reizendes Madonnenköpfchen befand, brauche ich nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen Schwestern, die so langsam Stufe für Stufe betend zu uns heranknieten, gehörig zu mustern. Gleich müssen uns die guten Kinder nicht bemerkt haben, wenigstens die Frau Äbtissin nicht, denn sie hatte schon ein Dritteil der Stufen überkniet, als sie mit Schrecken zwei französische Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? – An ein Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen unmöglich, ohne zu riskieren, die Hälse zu brechen, und stehenden Fußes wieder hinabzugehen, hätte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt; die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer Andacht gestört worden, mußte samt der Hirtin nolens volens vorwärts, wobei manches Schäfchen auf uns Sünder einen neugierigen aber verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.

Je näher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto häufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten französischen Militärs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und der Glanz unserer Uniformen muß den des heiligen Bildes noch übertroffen haben, da sogar die älteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge, kaum sechzehnjährige Nonne von ausgezeichneter Schönheit auf, die in der vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen, dessen überaus feine Züge, blendend weißer Teint und seelenvoller Blick ihr das Ansehen einer halb Verklärten gaben, wozu ein etwas schwermütiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je näher sie herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, daß sie ausschließlich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flüchtig und dann immer etwas länger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte, warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der von einem halbunterdrückten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berührt, dem diese Berührung einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Körper, welches von der schönen Büßenden gleichfalls bemerkt worden sein muß; ihr Gesicht färbte sich in demselben Augenblick glühend rot, sie neigte sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr Gebet verrichtet hatte, standen sie sämtlich, auf ein von der Äbtissin gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flüchtigen Blick warf das holde Kind im Vorübergehen auf uns und verschwand. – Auch wir gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde in einiger Entfernung. – Mein Freund gestand mir sogleich, daß dies überirdische Wesen, wie er sich ausdrückte, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu können, so mache ihn dies zum unglücklichsten Menschen von der Welt.