Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm gewissermaßen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen sich öfters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter einsame, von Mauern, Gärten und Ruinen begrenzte Straßen; endlich gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten Gitterfenstern versehenes Gebäude, das wir seiner Bauart und den Türmen nach zu urteilen, sogleich für ein Frauenkloster erkannten. An der eisernen Pforte angekommen, zog die Äbtissin eine Klingel, worauf sich sogleich die schwere Türe knarrend öffnete, sämtliche Schwestern folgten ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen Blick rückwärts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun wieder auf eine halbe Ewigkeit verschloß. Wir beobachteten dies alles, ungesehen hinter einem Gesträuch verborgen.

Endlich war auch die letzte Nonne über die verhängnisvolle Schwelle getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln, fiel prasselnd zu, und wir hörten deutlich, wie das schwerfällige Schloß dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefährte stieß, als die Türe zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, stützte sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in dieser Attitüde.

Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte: „Nun ist sie auf immer für mich und die Welt verloren!“ – Ich sprach ihm Mut ein und stellte ihm vor, daß Rom ja so viele außerordentliche Schönheiten besitze, die man täglich sehen, sprechen und bewundern könne, es demnach töricht sei, sich in eine lebendig begrabene Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und muß aufrichtig gestehen, daß das Engelsgesicht auch auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war, auch mich leicht zu Torheiten hätte verleiten können. Langsamen Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch einen vorübergehenden Gärtnersjungen erfahren hatten, daß das Kloster, welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte, der heiligen Ursula angehörte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen düsteren Mauern anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die höchsten Zinnen und Spitzen der Türme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon längst die Essenszeit vorüber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich mir’s trefflich schmecken ließ, denn die Promenade hatte mir großen Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen über den Mund und saß, den Kopf auf die Hände gestützt, gedankenvoll und stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es sonst meine Gewohnheit ist, mich über solche schmachtende Seladons lustig zu machen. – Ich wandte alles mögliche an, ihn aufzuheitern, ließ San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich mußte allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehäuser, in denen wir manche schöne Römerin trafen, die in Gesellschaft eines Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir verließen die Kaffeehäuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schöne Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemütskranker Freund nahm es an, und wir ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend, daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schöne Cesarini in einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schöner wie je aus, und ich hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schloß mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein angeknüpftes Gespräch, daß ich die Abwesenheit meines Kameraden erst dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der Konversation besser pflegen zu können, wie es daselbst gebräuchlich ist. Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein Roß mit Schweiß bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia hersprengen, und hätte, wenn er mir’s auch nicht gestanden, doch erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier erklärte mir, daß er unmöglich schon zu Bette gehen könne und gar keinen Schlaf verspüre, sondern noch eine Promenade au clair de la lune machen wolle, wozu er mich dringend einlud.

Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lächelnd und kopfschüttelnd hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren wir unter den bewußten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und Türmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mühe brachte ich meinen ächzenden und stöhnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu begeben.

Von den Strapazen des Tages ermüdet, fiel ich bald in einen festen Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde ich auch schon durch ein ziemlich fühlbares Rütteln aus dem besten Schlummer geweckt, und meine kaum halb geöffneten Augen erblickten wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit möglichster Beredsamkeit die Schönheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder ein.

Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurückkehrte und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: „Wie ist es möglich, so die schönste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze alte Rom durchwandert.“ Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte: „Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Träumereien hinzugeben.“ Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er äußerte mir, daß seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei. Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des Ursulinerklosters heute Morgen hinlänglich rekognosziert und gefunden, daß man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem übersteigen könne, es wäre nicht das erstemal, daß eine Nonne entführt worden sei, ein guter Soldat müsse sich durch nichts abschrecken lassen, und je größer die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu überwinden. Ich gab dies alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob sie nur etwas für ihn fühle, das man Liebe nennen könne, sogar ihr Name sei ihm unbekannt. – „Das könnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange wie du geschlafen hätte,“ gab er mir zur Antwort; „es ist eine Tochter aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala Santa hinlänglich gesehen, woran ich mich zu halten habe.“ Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren hätte. – „Durch den Klostergärtner, den ich diesen Morgen über eine Stunde sprach,“ versetzte er, „und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen, warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, daß es keine andere als die Narelli sein könne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den übrigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch über die inneren Verhältnisse des Klosters gab er mir Aufschluß, und da ich ihn fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen dürfe, antwortete er mir, daß dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau Äbtissin nicht angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben wolle, in jedem Fall aber könne dies nur zu einer Stunde geschehen, in welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. – Du siehst also, Freund, daß ich schon um einige Schritte dem Ziele näher gerückt bin und daß ich es mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann.“ – „Das muß ich gestehen, du hast schon Riesenschritte gemacht,“ erwiderte ich lächelnd, „und wenn es so fortgeht, so bist du übermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens nützt und was ich bei der Sache viel tun kann.“

„Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine Angebetene am leichtesten zu entführen ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit der Cesarini von außerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche dürfen die Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weißt, in mehrern Frauenklöstern Verwandte, sie ist mit den Gebräuchen in denselben bekannt, durch sie könnte man leicht die Narelli erforschen und dann ein Einverständnis mit ihr anknüpfen.“

„Du siehst, Lieber,“ fuhr Bonnier fort, „daß ich alles wohl überlegt habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden, wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer kann.“ – „Schon gut,“ unterbrach ich den immer ungestümer werdenden Bonnier, „hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.“ „Warum morgen früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst, und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg abstatten.“ Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden, daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir, ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden, denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne. Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer); besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten brachte er abermals die Nacht zu.