Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen. Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien: Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei, müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. – Ich bewunderte meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte, wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. – Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. – Als ich Bonnier dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her, sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, – sie war eine Pariserin! –

Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier, wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. – Es ging alles glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. – Die junge Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich, ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken, konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und fragte nun, wie dies wohl möglich sei. – Die Lenier gab ihr allen erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe, aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. – Um die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der höheren Geistlichkeit zu machen. – Endlich war der verhängnisvolle Tag herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt. Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an, unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe, genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. – Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren Angeln. – Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. – Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß, indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war, nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm; wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere sogleich mit „carissima cugina“ an, schüttete eine Tasche voll Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne, fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen, welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben, glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne versprachen. – Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die äußeren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt, er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster und ganz Rom in Brand stecken solle. – „So arg wird es hoffentlich nicht werden,“ fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren, das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und Bericht über ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach einigem Sträuben endlich versprochen. – Genug, es ging bis jetzt alles nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war, ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und List? – Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit, deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne. – Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia, wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf, denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte, wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.

Diese Strickleitern mußten nun auf eine solide Art auf der äußeren und inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein Schlosser von Profession war (einem Italiener wäre hier nicht zu trauen gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von außen an der Mauer befestigen mußte, und zwar so, daß jedesmal in einem Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander eingeschlagen wurden. Glücklicherweise waren die Mauern fast überall dicht mit Efeu und anderen Gesträuchen bewachsen, und man konnte die Eisen fast alle so anbringen, daß man, wenigstens bis zu einer beträchtlichen Höhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natürlich mußte sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken hinaufarbeiten, welches, je höher er kam, desto schwieriger wurde und das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als er oben angekommen. Zehn Nächte dauerte diese gefährliche Operation, wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde vor Sonnenaufgang geendet wurde. Während dieser ganzen Zeit standen Bonnier und ich Schildwache in der Nähe und unsere Bedienten auf Vorposten, um uns von dem geringsten Geräusch zu benachrichtigen; das Kloster lag aber so einsam und abseits, daß wir auch keine lebende Seele außer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir überein, daß wir acht Tage vor der zur Entführung bestimmten Zeit unsere Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten müßten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben könnte, indem wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. – Dies alles war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast täglich das Kloster, um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestärken und ihr Mut einzusprechen, da sie, je näher der entscheidende Zeitpunkt heranrückte, desto ängstlicher wurde. Endlich war die verhängnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier saß, in der Nähe des Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten, wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewußt. Angelika hatte versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle Schlüssel waren ihr eingehändigt worden. Bonnier und der Marinesoldat überstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben, und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange hatte die Klosterglocke Mitternacht geläutet, eine, zwei, drei Stunden vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und sie erschien noch immer nicht. Es war nun die höchste Zeit, an die Retirade zu denken, – schon fing es an, sich im Kloster zu regen. Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum Zurücksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinüber geklettert war, um ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, daß dies das einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich würde noch heute die Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. – Der Wagen wurde heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mißmutigen, sehr traurigen Zustande in unsere Wohnung.

Daselbst angelangt, war mein erstes Geschäft, mit der Lenier Rücksprache zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren könne. Die Sachlage war nun viel mißlicher geworden, gerne wäre ich mit Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten, war es nicht mehr möglich. Zum Glück war dies nicht der Fall mit der Lenier; aber diese fürchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht, in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung außer sich, und ich hatte alle Mühe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen endlich überein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen können, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen; aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie gewöhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr Kammermädchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man alsbald erfahren würde, ob etwas Außerordentliches unter den Nonnen vorgefallen sei; das Mädchen solle sich nur ganz unbefangen nach der Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten, daß sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und das Bett hüten solle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben sämtlich eine lange Stunde in der äußersten Spannung und Erwartung. Endlich kam der Wagen zurück, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte uns nicht schnell genug berichten, daß nichts Besonderes vorgefallen sei, aber daß die Narelli noch als krank im Bett läge und nach Beatricens Versicherung wirklich sehr übel aussehe. Nun war uns allen ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem anderen Umstande als ihrer großen Ängstlichkeit zu und hatte recht; denn als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte machen müssen, zurückkehrte, erzählte sie, daß das arme Mädchen jetzt in der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde durch die langen öden Klostergänge an die Pforten, welche nach dem Garten führten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tödlichste Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei es ihr unmöglich gewesen, das Schlüsselloch zu finden, und noch weniger hatte sie Kräfte gehabt, den Riegel zurückzuschieben, nur mit der größten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen können und sei fast ohnmächtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie den übrigen Teil der Nacht in einem beständigen Fieberschauer zugebracht; sie sehe wohl ein, daß es ihr unmöglich wäre, das Vorhaben auszuführen, sie würde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem Leben bezahlen müssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte verzweifeln. Verliebte verlieren gewöhnlich bei Widerwärtigkeiten alle Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.

Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Füßen werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelübde anhalten; nur mit vieler Mühe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wäre der gerade Weg, sie ohne Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen. Die unerschöpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man würde es der Lenier schwerlich abschlagen, einige Tage bei ihrer kranken Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nächte an ihrem Bette zu wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wäre wirklich für ein so junges, unerfahrenes Mädchen zu schwer gewesen, aber mit Hilfe der mutigen und schlauen Freundin würde sie solche gewiß lösen; denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei sei und sich einander Mut und Trost einsprechen könne. Auch diesen Vorschlag fanden wir sehr zweckmäßig und überredeten leicht der Lenier kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St. Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in Gemeinschaft zu fliehen. Nun mußte sie sich noch kränker stellen und gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin äußern; es gelang auch, von der Äbtissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu den Nachtwachen zu erlangen, und täglich stattete sie uns Bericht über den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten; wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.

Noch waren wir über das abermalige Ausbleiben in der größten Bestürzung und erschöpften uns in Mutmaßungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer trat und das Rätsel löste. Beide Mädchen hatten um elf Uhr die Zelle verlassen und waren bis an die innere Tür gekommen, die sie zu öffnen versuchten, konnten aber den rechten Schlüssel nicht gleich herausfinden, und während sie probierten und drehten, glaubten sie ein Geräusch zu hören, liefen beide davon und in die Zelle zurück, wo sie außer Atem ankamen und sich ganz erschöpft auf das Bett warfen; selbst die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch hätten mehrere Nonnen heute morgen von einem Geräusche, was sie die Nacht gehört, gesprochen. – Ich machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß man so lange zaudern würde, bis alles entdeckt wäre, denn mit jedem mißglückten Versuch werde die Gefahr größer. Dies sah sie wohl ein und versicherte, sie würde die kommende Nacht gewiß entschlossener sein, sie habe nochmals mit Angelika darüber gesprochen, beide sich wechselseitig über ihre Furcht Vorwürfe gemacht und würden, es koste auch, was es wolle, die Sache durchsetzen; sie müsse bald wieder zurück und habe die Schlüssel mitgebracht, damit wir die letzte Tür von außen aufschließen möchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben hätten; ferner würden sie sich in große weiße Bettücher hüllen, damit im Falle die anderen Nonnen etwas merkten, man sie für Gespenster halte und es nicht wage, sich ihnen zu nähern. – Dürfte man die große Klosterpforte, welche auf die Straße führt, öffnen, so hätte man freilich weit weniger Umstände, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefährlich, weil die Pförtnerin und noch ein Wächter in der Nähe schliefen. Sie fuhr abermals ab, mit der kräftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, daß diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Türen öffnen würde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich müde zu werden, wünschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.