Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten, überstiegen die Mauern, probierten die Schlüssel und sperrten endlich das Schloß der äußeren Tür glücklich auf, doch der innere Riegel verhinderte das Öffnen derselben; wir lauschten, hörten aber nicht das mindeste Geräusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mädchen, als wir ganz leise Schlösser aufgehen und Riegel zurückschieben hörten. Bonnier bebte vor Verlangen und Entzücken, man kam näher, wir hörten Tritte und endlich den Riegel der letzten Tür gehen, sie öffnete sich, und – beide Geister fielen uns halb ohnmächtig in die Arme. – Wir verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach der anderen, mehr tot als lebendig über die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin, welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber Angelika mußten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und ich nachhelfen, so daß wir nur jeder einen Arm für uns übrig hatten. Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bösen Hilfe, will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von einer halben Stunde sämtlich jenseits des Gartens auf festem Boden, warfen uns in den Wagen und jagten mit verhängtem Zügel über die Engelsbrücke und durch das nach Civita-Vecchia führende Tor voran, die beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem Bock.
Als wir Rom eine Miglia weit im Rücken hatten, ließ ich halten, nahm zärtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier, wünschte allen eine glückliche Reise, warf mich auf mein Pferd und sprengte mit meinem Bedienten ventre à terre durch Rom zurück nach Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen als présent sous les armes gemeldet und fast jeden Morgen ein Stündchen zugebracht hatte. Bei Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wußte man auch hier, daß die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den Kardinal-Staatssekretär nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen, und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in Bewegung gesetzt, St. Ursula förmlich geschlossen, Haussuchungen veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten; kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Täter herauszukriegen und die Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in Sicherheit. Man mußte sich damit begnügen, einen geistlichen Bannfluch auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern. Alle möglichen Vorkehrungen wurden nun in sämtlichen Frauenklöstern getroffen, damit dergleichen sobald nicht wieder passieren könne. (Wenn das Brot gestohlen, schließt man den Schrein zu.) Die armen zurückgebliebenen Nonnen mußten am meisten dadurch leiden, und die Frau Äbtissin entging nur mit Mühe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus, doch ritt ich nach wie vor täglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glückliche Ankunft daselbst meldete. –
An fünf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekümmert zugebracht und in den Tag hineingelebt, außer den erwähnten Intrigen noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem hübschen Albanermädchen, einer giovan principiante, und dies Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich plötzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben riß und ihm ein tragikomisches Ende machte.
Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frühe besuchte mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu empfehlen. Als Verehrer und womöglich Protektor aller dramatischen Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun, was in meiner Macht stünde, seinem Unternehmen förderlich zu sein; ich nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts für einige Scudi ab. Der Mann sah ärmlich und gedrückt aus, hatte eine fast kalabresische braune Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern wollte, daß in diesem Augenblick gerade der Kapitän Caguenec, der mit seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war, zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich anzuzeigen, daß dieser Tage unser Bataillonschef Düret eine Rundreise machen würde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte wissen, wer der so elendwild aussehende Mann sei. Ich teilte ihm das Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war gerade ein Sonntag, aufzuführen gedenke.
„Ah eccellenza illustrissima,“ erwiderte der Impressario, „wenn ich so glücklich wäre, am Sonntag spielen zu dürfen, dann wäre mein Glück gemacht.“
„Und warum dürfen Sie das nicht?“
„Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und Gefängnisstrafe verboten, man würde mir sogleich das Theater schließen; auch dürfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen müssen von Männern gespielt werden.“
Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete. Da man gerade das Frühstück auftrug, so lud ich den armen Teufel ein, teil daran zu nehmen, was er mit großem Dank und freudig akzeptierte. Wir waren zu fünf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges Mädchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant, der Impressario und ich, und ließen uns das Frühstück und den Albanerwein so trefflich schmecken, daß wir alle äußerst munter wurden und, bis auf das Mädchen und ich, etwas in dem Dach vulgo Kopf hatten; Caguenec aber trank sich nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einen bösen Rausch an und war bald so en train, daß er übersprudelte; dieser Mensch war mein böser Geist.
„Höre,“ fing er beim Nachtisch an, „sage mir doch, wer ist denn eigentlich hier Kommandant? – Du oder der Bischof? – So ein Pfaffe sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, daß man am Sonntag Komödie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmütze zurechtsetzen, daß er daran denken sollte. Befiehl du nur, daß heute abend Komödie gespielt werde, du hast das Recht dazu!“
Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er müsse diesen Abend eine Vorstellung geben, was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem Verbot der geistlichen Behörde entschuldigend; das Mädchen pflichtete ihm bei, sie meinte, der poveretto würde ja ewig verdammt, wenn er sich so etwas unterstünde. Caguenec wollte, daß wir zum Bischof gehen und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier Männer, fanden diesen Vorschlag vernünftig und machten uns nach dessen Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tür stehen blieb, während wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Köpfe glühten. – Nachdem wir die Treppen hinaufgestürmt waren, begegneten wir einem geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen, uns zu ihm zu führen, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht, ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.