„Was sollen die Umstände,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „für französische Offiziere muß er immer zu sprechen sein!“ Wir folgten alle drei dem Diener auf dem Fuß in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten Negligé auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.
Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor, aber der erschrockene Prälat gab mir nach einigen Augenblicken zur Antwort, daß er unmöglich in dasselbe einwilligen könne, und schützte geistliche Verordnungen vor.
„Was Verordnungen,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „hier hat niemand etwas zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komödienspielen zu bekümmern.“
„Questo è vero,“ fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit diesen Abend gespielt werden könne, schriftlich, wozu er sich aber schlechterdings nicht verstehen wollte.
„Wer wird so viele Umstände mit dem Pfaffen machen!“ rief jetzt Caguenec, faßte die Eminenz, ehe wir’s uns versahen, beim Kragen, riß sie vom Ruhebett herab und schrie: „Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt Hiebe.“ Aber der arme Bischof schrie aus vollem Halse: „Ajuto, ajuto, son assassinato!“ Caguenec, wütend, versetzte dem geistlichen Herrn nun derbe Püffe und Stöße mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so behandeln sahen, unbeweglich an der Tür stehen. Endlich gelang es uns, dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch größeren Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Jetzt gebot er einem seiner Diener, ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, daß er dem Impressario für diesen Abend eine Vorstellung erlaube. – Caguenec sagte: „Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann würdest du dir die Püffe erspart haben.“ – Wir empfahlen uns, das Papier in der Hand, dem Bischof einen buon giorno wünschend, und zeigten es triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir dasselbe erlangt hatten, darüber ganz entzückt war und uns ein vortreffliches Schauspiel, ‚I brigandi‘ betitelt, versprach. Caguenec und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom führenden Tor hinaus bis zu dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen, während ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten, mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurück zu sein. Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache abgelaufen sei. Ich gab ihr über beides die gehörige Auskunft und fand jetzt, daß Regina eine recht hübsche, schlanke Brünette sei und ein Paar recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht wahrgenommen. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wäre, die einige Wein- und Obstgärten daselbst besaß, in denen sie zufällig Caguenecs Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel versprochen habe und ihre Umstände nicht die glänzendsten seien; bis jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, außer Nahrung und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oft imbriaco, da hätte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die unsäglichste Mühe gegeben, ihm diese Sünde abzugewöhnen, aber vergeblich, öfters komme er in einem solchen Zustand heim, daß er sich ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rühren bis zum anderen Morgen schlafe.
Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzählung machte, brachte mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie und sagte zu ihr, es sei gewiß recht fatal, daß der Mann einen so festen Schlaf habe. – „Freilich,“ erwiderte sie, „und das Fatalste ist, daß ich dabei nicht einschlafen kann.“ – „Du mußt dich dafür rächen und entschädigen,“ versetzte ich ihr, sie auf meinen Schoß ziehend. – „Ei, das möchte ich wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu hätte.“ – „Oh, die soll sich leicht finden,“ meinte ich, küßte das schon glühend werdende Mädchen recht innig, verriegelte die Stubentür und zog sie in mein anstoßendes Schlafgemach. – Nach einer halben Stunde verließen wir dasselbe wieder, und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstraße nach Rom zu, wo ich die beiden Schläfer noch an Ascanius’ Mausoleum schnarchend fand, sie mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkündete, daß ich nach Rom reite, dem Caguenec lachend zurufend: „Du bist mir ein sauberer Held, deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.“
„Himmelsapperment,“ schrie Caguenec, sich die Augen reibend, „ich habe ganz vergessen, daß ich die Hexe bei mir habe; höre, du wirst mir doch keine Streiche gemacht haben, sonst könntest du mir leicht vor die Klinge müssen.“
„Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu bekümmern.“
„Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.“
Ich sprengte indessen mit einem: „Albernes Zeug!“ davon, suchte in Rom die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler! Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte. Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal, eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen, Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.