Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den Worten: „Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?“ Er zog dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen Geschichte, der dann ausrief: „Das wird eine saubere Sauce werden, toujours ce diable de Caguenec, aber über Sie wird das ganze Wetter kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleich arrêts forcés zu geben. Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut werden Sie nicht davonkommen.“ Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d’Anzio und so weiter fort und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.
Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon abgebracht. – So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft zu. – Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: „Das können wir ja noch zusammen tun.“ Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren, sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und sprach: „Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle Sorgen und alle Pein ein Ende.“ – „Sind Sie toll,“ fiel ich ihr ins Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und sagte: „Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest du dich mit mir hinabstürzen wollen.“ – „Dazu spüre ich noch keine Lust,“ erwiderte ich ihr, „es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.“ Ich umfaßte und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.
Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war; andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet verließ. – Ihre letzten Worte waren: „Non dimenticarmi!“ Ich erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir auch vornahm.
Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche, verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.
IV.
Reise über Florenz nach Genua. – Ankunft zu Florenz. – Eine Überraschung. – Ein Abenteuer. – Die Kathedrale San Maria del Fiore. – Die mysteriösen Schönen. – Lady Mary. – Das Arnotal. – Die schönen Strohflechterinnen. – Abreise nach Genua.
Da ich als Partikulier und nicht als Militär, das heißt, wenigstens nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fünfunddreißig Tage bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen, meinen Weg über Florenz zu nehmen.
In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und Mühe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in Toscanas schöner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte. Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, ließ ich meinen Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein Zimmer bringen, das zu öffnen ich bis jetzt noch keine Muße gefunden hatte, da die Sehenswürdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schloß das Kästchen auf und war vor Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwäsche, gestickten Taschentüchern und Hemden angefüllt fand. Oben lag ein in rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben gestickt war. Als ich dasselbe öffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaßten prächtigen Solitär, zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:
‚Carissimo Fernando!
Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der unvergeßlich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gütig auf; wohin Dich auch immer die Verhältnisse und des Schicksals Wege führen mögen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte, vergiß sie nicht, dies würde sie unglücklich machen, gieb mir wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinfließen, nur Nachrichten von Dir können mir einige heitere Augenblicke gewähren. Lebe wohl, sei glücklich und vergiß nimmer Deine Dich bis zum letzten Atemzug liebende Gertrud.‘
Schreiben an zurückgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber hier mußte ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und meldete ihr meine glückliche Ankunft in Florenz. Während ich schrieb, packte mein Bedienter das Kistchen aus, plötzlich rief er: „Ach, sehen Sie doch, Herr Leutnant, was da für ein schönes Kästchen ist,“ ich drehte mich um und erblickte eine wunderschön gearbeitete Schatulle von Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes Schlüsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. „Wie schwer es ist,“ sagte der Bursche, mir es darreichend, ich öffnete es und fand zu meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Porträt der Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefaßt; aber noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold hätte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der Schatulle, auf dem geschrieben stand: ‚Nicht wahr, lieber Fernando, Du zürnest mir nicht, daß ich mich unterfing, Dir einen Pfennig für die Not beizulegen, und wenn Du zürnest, so sieh mich nur an (mein Porträt), und ich bin eitel genug zu glauben, daß Dir dann aller Unwille vergehen wird.‘ In der Tat war das Bild so lieblich lächelnd und so sprechend ähnlich gemalt, die Züge dem reizenden Original so bezaubernd gleich, daß ich es einigemal küßte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie ist es möglich, daß man auch gegen solche Reize gleichgültig werden kann, und mit der Natur schmälte, daß sie mich mit einem so veränderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch für sein Temperament, für seine Leidenschaften, für seine Art zu fühlen und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige für seinen Höcker, der Krumme für seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen Auswüchsen befreien wie dieser von seinen physischen.