Nachdem ich von meiner Überraschung zurückgekommen, nahm ich mir vor, dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem großen Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir über die zu Rom und Albano gegen sie begangene Untreue und Vernachlässigung Vorwürfe. Während ich solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war, hörte ich plötzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte anschlagen, und bald darauf die Romanze ‚Solitario bosco ombroso‘ durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen, deren Refrain ‚per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror‘ mit ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.

Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frühen Morgenstunde, in eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf andere Gedanken, ich vergaß Bild und Schreiben und lauschte nur auf die Silbertöne, die aus einem in meiner Nähe befindlichen Gemach zu kommen schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwärter nach der singenden Dame und erfuhr von demselben, daß es die junge Gattin eines vornehmen Engländers sei, die mit ihrer Schwägerin die anstoßenden Gemächer bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befände, um daselbst die Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach England auszuwirken, da alle Engländer, die sich auf dem europäischen Festlande befanden, so weit der napoleonische Einfluß reichte, Kontinentalarrest hatten.

„E bella?“ fragte ich den Cameriere. „Bellissima ed assai giovine.“ – „Und ihre Umgebung?“ – „Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu niemand und empfangen auch keine Gesellschaft.“ – „Besuchen sie auch keine Kirchen?“ – „O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es sind unglückliche Ketzerinnen.“ – „Gut, bestellen Sie mir jetzt den berühmten Haarkräusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden lassen.“ Mit einem: ‚Illustrissimo sara servito‘ empfahl sich der Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: ‚God save the King‘ und ‚Rule Britannia‘, die einzigen englischen Lieder, die mir bekannt waren und die ich auswendig wußte. Man hatte mich gehört, denn die Zofen streckten ihre niedlichen Köpfe aus der Tür im Korridor, um zu erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesänge anstimme. Bald darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwärter nach dem Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. – „Non so,“ lautete die Antwort, „aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann mitteilen.“ Ein paar Minuten darauf kam der primo Cameriere zu mir, mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer hochlöblichen Polizei inquirierend. Lächelnd befriedigte ich den neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. „Ah Mosiou est Oufficier français?“ versetzte er sich verneigend, und mit einem ‚Umilissimo servo‘ komplimentierte sich der dienstbare Geist wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke wieder sorgfältig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien, mich frisierte oder vielmehr nur durchkämmte, die Spitzen der Haare abschneidend, und mich für eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit den Verhältnissen der schönen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf mich sodann in grande tenue, um die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurück, indem ich tat, als hätte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glück, einem der englischen Kammermädchen zu begegnen, die ich mit einer freundlichen Verbeugung grüßte und von denen ich eben so freundlich wieder gegrüßt wurde.

Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurückgekommen, ließ ich mir auf meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde, denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen ich kaum vier berührte, aber destomehr ließ sich mein Bursche die anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mußte ich sie doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so reichlichen Service.

Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schöne Welt von Florenz und namentlich die schönen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brücke della Trinità begegnet war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und eilten längs dem Quai hinab, gingen über Ponte Vecchio wieder über den Arno, an dem Palast Pitti vorüber, über die Piazza San Spirito, dann wieder einige Straßen zurück und machten so fortwährend vergebliche Gänge hin und her. Es leuchtete mir ein, daß sie mir zu entgehen und zu verhindern suchten, daß ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben würden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt, ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fuß nach und betrat beinahe zu gleicher Zeit wie sie die Gärten des Palastes Pitti, in die sie endlich ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gänge hinter den dichtesten Gebüschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese Gärten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen plötzlich um, und die eine fragte mich: „ma che cosa ci volete, Signoro?“

„Nichts als Ihre Reize bewundern.“

„Ah é un forestiero,“ sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun waren beide plötzlich freundlich und gestanden mir, daß sie mich für einen Spia gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen aufzupassen.

„Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die Miene eines Spions?“

„Das nicht, mein Herr,“ versetzte die eine etwas verlegen, „aber wir konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, übrigens,“ setzte sie lächelnd hinzu: „sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen ist.“

„Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere höchstens nach den Reizen der schönen Damen, und in diesem Sinne mögen Sie recht haben.“