Ich begleitete nun die beiden Signoras mit ihrer Erlaubnis an die anmutigsten Orte des Gartens Boboli und hatte bald von ihnen herausgebracht, daß die eine die unterhaltene Geliebte eines Principe und die Tochter eines untergeordneten Beamten sei, die andere, ihre Freundin, ebenfalls von einem reichen Edelmann ihre Subsistenz habe; indessen schien es, daß sie auch noch andere Liebhaber nebenbei hatten, beide wollten jedoch nicht recht mit der Sprache heraus. Nachdem ich etwa eine Stunde mit ihnen herumspaziert war, fanden sie, daß es jetzt Zeit sei, sich nach Haus zu begeben; auf meine Frage, ob ich nicht das Vergnügen haben könne, sie heim zu begleiten, antworteten sie mit einem impossibile, und die eine fügte hinzu: „wir werden zu sehr beobachtet und wohnen an der Piazza di Santa croce“. Sie redeten noch leise miteinander, und die hübscheste sagte endlich: „Da Sie ein so artiger Kavalier zu sein scheinen und, wie Sie sagen, Ihnen soviel daran liegt, unsere nähere Bekanntschaft zu machen, so will ich Ihnen ein Mittel angeben, wie Sie diesen Abend in unserer Gesellschaft zubringen können. Begeben Sie sich, sobald es Nacht ist, in den Dom, dort sollen Sie uns treffen, und von da können Sie uns in einer kleinen Entfernung folgen, Sie müssen uns aber versprechen, uns jetzt zu verlassen, sonst sehen Sie uns nicht wieder.“ Ich ging diesen Vertrag ein, bat mir aber ein Unterpfand aus, die eine zog einen kleinen Ring vom Zeigefinger, den sie mir darreichte, indem sie sagte: „Hier, Signore,“ blickte mich jedoch dabei ein wenig mißtrauisch an. Beide entfernten sich jetzt eilig. Meine Neugierde war zu groß, als daß ich mein Versprechen so unbedingt hätte halten können, ich versuchte doch zu erforschen, wohin sie sich begeben würden, um zu erfahren, ob sie mir die Wahrheit gesagt. Ich hatte sie bis beinahe an den Ausgang des Gartens begleitet, dann aber verfolgte ich sie mit den Augen, und sah, daß sie wieder den Weg nach dem Ponte Vecchio einschlugen. Ich eilte schnell auf der anderen Seite des Palastes Pitti vorüber, sah sie dann über diese Brücke gehen, und beauftragte einen Jungen, der sich mir gerade darbot, und dem ich ein gutes Trinkgeld versprach, den Damen unbemerkt nachzuschleichen und mir zu rapportieren, in welches Haus sie gegangen seien, ich aber wollte seine Rückkunft auf der Brücke della Trinità abwarten. Es dauerte nur wenige Minuten, so kam derselbe zurück und berichtete mir, daß er die Signoras aus dem Gesicht verloren hätte, als sie um eine Straßenecke gegangen seien, da er ihnen aber ziemlich nahe gewesen, so müßten sie notwendigerweise in ein Haus dieser Straße getreten sein, aber in welches, habe er nicht ermitteln können. Ich fand den Schluß des dummen Jungen zwar logisch, aber keineswegs für mich genügend, gab ihm verdrießlich die versprochene Belohnung, und hieß ihn sich trollen. Dem Abenteuer weiter nachzugehen und mich in den Dom zu begeben, würde ich jetzt unterlassen haben, hätte ich nicht den Ring gehabt, den ich doch restituieren mußte.
Die Nacht kam endlich heran, ich machte mich, bevor sie völlig eintrat, auf den Weg nach dem Dom, in dem ich vergeblich eine ganze Stunde auf meine Schönen wartete und unterdessen die Sehenswürdigkeiten desselben, soweit es eine, obschon spärliche Beleuchtung zuließ, betrachtete. Bewunderung verdient die achteckige Kuppel dieses Gebäudes, von der selbst Michel Angelo sagte: daß wenn es auch nicht unmöglich sei, dieses Baukunststück nachzumachen, es doch eine Unmöglichkeit wäre, dasselbe zu übertreffen.
Bald fing ich an die Geduld zu verlieren, als ich die erwarteten Schönen noch immer nicht kommen sah, machte einigemal die Ronde außerhalb der Kirche, die auf einem großen Platz liegt, so daß man sie von allen Seiten gehörig sehen und den Prachtbau bewundern kann, und staunte den hohen, mit schwarzem, rotem und weißem Marmor bekleideten, sich in der nebligen Dämmerung majestätisch emporhebenden Glockenturm an; er wurde nach der Zeichnung des berühmten Giotto erbaut, der vom Ackerpflug weg in die Werkstätte des Cimabus trat, bald seinen Lehrer und Meister weit hinter sich lassend, durch sein Talent sich die Freundschaft Dantes und Petrarchs in hohem Grade erwarb und mit Reichtümern und Ehren beladen starb.
Noch einmal ging ich in die Kirche mit dem Vorsatz, wenn jetzt die Damen nicht erschienen, mich weg und in das Theater zu begeben. Als ich eintrat, erblickte ich zwei schwarz gekleidete Frauen mit zurückgeschlagenen Schleiern in einer Seitenkapelle knieend; ich umging sie und erkannte meine Erwarteten. Als sie mich erblickten, warf mir die eine eine Occhiata zu, bald darauf erhoben sie sich und flüsterten, an mir vorübergehend, die Worte: „Ora venite.“ Ich befolgte dies sogleich und begann die Unterhaltung noch in der Kirche. Das Weihwasser nehmend, standen sie still, die eine sah mich nochmals mit forschendem Blick an, und sagte dann: „Dürfen wir Ihnen auch gewiß trauen?“ – „Meine Signora, ich bin französischer Offizier.“ – Die andere fiel nun ein: „Ich traue ihm, komm, laß uns gehen.“ – Wir verließen den Dom, die Damen führten mich durch eine Menge kleiner und schmaler Winkelgassen, so daß ich bald alle Richtung verloren hatte und ich nicht mehr wußte, in welchem Stadtteil ich mich befand. – Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob auch ich ihnen wohl trauen dürfe, in den Sinn; ich hatte indessen meine geladenen Terzerolen bei mir, und dachte: „Mit diesen magst du es schon wagen.“ Endlich kamen wir bei einem ziemlich großen Gebäude an, an welchem die eine Signora eine kleine Seitentür mit einem Schlüssel öffnete, wir schritten durch einen schmalen langen Gang wieder an ein Pförtchen, das in einen Garten führte, wo wir durch Gebüsche und Irrwege endlich in eine Allee gelangten, an deren Ende sich ein kleiner Pavillon befand, den man auftat, ohne zu leuchten, so daß wir fortwährend im Dunkeln tappten. Ich fragte nun nach Licht, man antwortete mir aber, dies sei unnötig. Ich fing doch an die Möglichkeit eines Fallstricks zu denken, und daß ich wohl in eine Trappoleria (Mausefalle) geraten sein könne. Auf meine wiederholte Bitte um Licht, wurde mir: „Si fa l’amore senza lumen, setzen Sie sich,“ zugleich zog mich ein zartes Händchen auf ein Sofa nieder. Ich hatte einen Beutel ziemlich mit Gold gefüllt bei mir, der wohl die Raubsucht eines Banditen lüstern machen konnte, doch das konnten die Signoras nicht wissen; indessen wollte ich mich vorsehen, wenn ich wirklich in eine solche Mordhöhle gefallen sei, und nahm ein Terzerol in die rechte Hand, um auf alle Fälle gefaßt zu sein. Zufällig betastete die unsichtbare Dame das Instrument und rief, mich fahren lassend, mit einem Schrei des Entsetzens aus: „Cosa è questo?“ – Die Angst, mit welcher ihr diese Worte entfuhren, sowie daß die andere Stimme ganz leise mit einem: „ma per l’amor di dio cosa avete“ einfiel, schien mir jedoch zu sagen, daß mein Verdacht unbegründet sei, und ich erwiderte nun ebenso leise ein: „niente, Signore, seien Sie ruhig,“ und gestand den Damen dann offen, daß, weil sie Licht verweigert hätten, ich mich eines Verdachts nicht habe erwehren können. Sie erklärten mir nun, daß sie kein Licht anzünden wollten, damit niemand wisse, daß Leute im Pavillon seien und sie nicht verraten werden könnten. So beiderseits beruhigt, überließen wir uns anderen Gefühlen, als denen der Furcht und des Argwohns, und ich fand bald, daß im Dunkeln ganz gut munkeln sei, denn auch im Finstern wußte ich die Rosalippen und die verborgenen Reize meiner Schönen zu finden, die ich abwechselnd an den Busen drückte, ohne die Eifersucht gegen die andere rege zu machen, da sie sich im Gegenteil gegenseitig animierten, meine Gunstbezeigungen zu teilen. Endlich aber waren wir alle drei so ziemlich schachmatt, und die Damen bemerkten mir, daß es wohl ora di partire sein möge, weil nach zehn Uhr sich oft ihre Signori einfänden. Ich küßte beide zum Abschied, griff sodann in die Tasche und wollte ihnen einen Teil des bei mir habenden Goldes einhändigen, aber man wies es nicht nur mit großem Unwillen zurück, sondern sagte zürnend: „Mein Herr, für was halten Sie uns?“ – „Für sehr liebenswürdige Damen, wovon ich Ihnen soeben die Beweise gegeben habe; nehmen Sie nur hin, es ist Gold.“ – Nun wurden sie noch zorniger, und die eine rief aus: „Glauben Sie, daß wir ... sind? Sie haben sich sehr in uns geirrt, und wir hätten nicht geglaubt, daß Sie fähig sein könnten, uns so zu beleidigen, sonst würden wir Ihnen sicher nicht erlaubt haben, mit uns zu gehen, wir bedürfen Ihres Goldes nicht.“ – Ich hatte alle Mühe, meine mysteriösen Schönen zu besänftigen, die mir nicht ohne Schwierigkeit das Wiederkommen am nächsten Donnerstag, früher sei es unmöglich, gestatten wollten. Ich wurde denselben Weg, den ich gekommen war, und ebenso im Finstern zurückgeleitet; hinter mir wurde das letzte Pförtchen verschlossen und verriegelt. Als ich mich auf offener Straße befand, suchte ich mich, soviel es die Nacht erlaubte, zu orientieren und mir das Haus, das ich noch soeben verlassen, und seine nächsten Umgebungen zu merken. Einigemal ging ich auf und nieder und erkundigte mich bei mehreren Vorübergehenden, wem dasselbe gehöre, konnte aber keine genügende Auskunft erhalten. Ich entfernte mich nun, mir die Straße bestens merkend, sah noch ein paar Akte einer Opera buffa und begab mich dann in mein Hotel, wo ich bei offenem Fenster, den italienischen heiteren Sternenhimmel betrachtend, die englischen Ladys musizieren hörte. Die Damen sangen Kavatinen mit zwar englischem Akzent, aber auch mit englischer Stimme. Mein Bedienter erzählte mir während des Auskleidens, daß sich das Kammerkätzchen abermals bei ihm sehr dringend nach mir erkundigt habe, namentlich wo ich meine Zeit zubringe, wie lange ich wohl noch hier bleibe, was eigentlich meine Geschäfte hier seien und so weiter, was er alles bestens und auf das Klügste beantwortet habe. Ich legte mich zu Bett und schlief, während die englische Musik noch fort dauerte, ermüdet ein. Den anderen Morgen war mein erster Gang, die Straße und das Haus aufzusuchen, in dem ich den Abend vorher in den Armen einer zweifachen Liebe geschwelgt hatte; aber vergeblich war all mein Forschen und alle meine Bemühungen fruchteten nichts, es war mir unmöglich, dieselben wiederzufinden, da ich versäumt hatte, mich nach dem Namen der Straße zu erkundigen, glaubend, daß ich sie keinenfalls fehlen könne, so daß mir jetzt die ganze Begebenheit wie ein lebhafter Traum erschien. Hätte ich nicht den Ring noch am Finger gehabt, den ich im Freudentaumel zurückzugeben vergessen hatte, so würde ich am Ende wirklich geglaubt haben, daß das ganze Abenteuer nur ein Traum und ein Spiel meiner Phantasie gewesen sei. Nachdem ich lange genug vergeblich gesucht, nahm ich mir fest vor, das nächstemal – die Damen hatten mir wieder Rendezvous im Dom gegeben – gewiß dieses geheimnisvolle Haus so gut zu bezeichnen, daß es mir unmöglich entgehen könne, und sollte ich einen Ariadnischen Knäuel dazu verwenden, dessen Faden man mir freilich in der Nacht abschneiden und so den Rückweg in dieses Labyrinth unmöglich machen konnte. Ärgerlich über meine wenige Vorsicht, ging ich wieder in den Dom, dessen Schönheiten ich nochmals bewunderte, und bestieg den Kampanile, mich an dem Anblick des zu meinen Füßen liegenden prächtigen Florenz und seiner reizenden Umgebung weidend.
Nachdem ich mich noch eine Zeitlang an dem Tag, an welchem ich das Haus des vornächtlichen Abenteuers vergeblich aufgesucht, in den Straßen der Stadt herumgetrieben hatte, kehrte ich zum Mittagessen in mein Hotel zurück und nahm es wieder auf meinem Zimmer ein, wobei ich unentgeltlich das Vergnügen einer Tafelmusik genoß, mit der mich meine Nachbarinnen zu erfreuen geruhten, und mein Bedienter rapportierte mir während desselben, daß man sich abermals nach mir erkundigt habe und daß die Damen diesen Abend das Theater Pergola, wo man eine Opera seria aufführte, besuchen würden, was ihm das Kammerfräulein wohl zwei oder dreimal wiederholt hätte. So viele Aufmerksamkeit konnte nicht umhin, endlich auch die meinige rege zu machen. Ich trug dem Burschen auf, sich zu erkundigen, in welchen Palco die Damen wohl gingen und mir wo möglich einen Platz in demselben zu verschaffen. Dies erfuhr er durch einen der Kameriere, der mir auch den gewünschten Platz gab und einen Schlüssel zu dieser Loge einhändigte. Als ich in dieselbe, die sich im ersten Rang befand, trat, hatten die beiden Damen schon in einer zwar einfachen, aber doch sehr eleganten Toilette in derselben Platz genommen; ich grüßte sie mit einer stummen Verbeugung, die mir ebenso stumm erwidert wurde. Nach einer kleinen Pause wagte ich sie französisch anzureden, das mir aber mit einem: „I don’t understand“ erwidert wurde; dies war schlimm, denn das Englische war mir nicht sehr geläufig, da ich nie viel Gelegenheit gehabt hatte, mich in dieser Sprache praktisch zu üben. Indessen wußte ich mich dort nach und nach so ziemlich verständlich zu machen und brachte von den Damen heraus, daß ihnen der gezwungene Aufenthalt in Florenz zwar nicht unangenehm sei, sie sich aber doch häufig sehr langweilten. Die Unterhaltung wurde von jetzt an belebter, die Ladys verstanden auch einige Worte italienisch, und den Hauptstoff mußte die Vorstellung der Oper und des Ballets liefern, in denen eine hübsche Cantatrice und eine noch schönere Ballerina, erstere als Zelina, die andere als Psyche, wohl des Lorgnettierens wert waren. Die beiden Engländerinnen besaßen recht hübsche englische Gesichter, die, wenn sie auch nicht das Ausdrucksvolle der Italienerinnen, noch das schelmische Wesen der Französinnen, doch eine große Lieblichkeit hatten. Schön war wirklich Lady Mary, die Gattin eines Lords T..., die mit einem junonischen Wuchs das verklärte Gesicht der skandinavischen Freya verband; die andere Dame, ihre Schwester, eine halbblonde Engländerin, Miß Betty, hatte zwar auch manche Liebeswürdigkeiten, stand jedoch der Schwester weit nach. Mylady hatte die Güte, mir nach beendigtem Schauspiel einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, „da wir ja doch unter einem Dach wohnen,“ wie sie hinzusetzte, was ich dankbar annahm. Ich leistete den Damen noch über eine Stunde Gesellschaft auf ihren Zimmern, wo man abwechselnd einige Romanzen sang und dann an den Balkon trat, den nächtlichen Sternenhimmel Italiens zu bewundern. Auf einige Sospiri der Lady Mary ließ ich ein leises Händedrücken und endlich einen gehorsamsten Handkuß folgen, mir weitere Freiheiten herauszunehmen gestattete mir die Anwesenheit der Schwester nicht. Die Damen machten mich mit ihrem Vorhaben bekannt, nächsten Donnerstag eine Fahrt in das Arnotal zu unternehmen, um dasselbe, sowie seine berühmten Strohflechterinnen kennen zu lernen, und fragten mich, ob ich es schon besucht habe. Auf mein Nein luden sie mich ein, ihr Begleiter zu sein, was ich mit Vergnügen annahm; sie sagten mir noch, daß sie gerne öfters einen Spazierritt machen würden, aber dieses Vergnügen aus Mangel eines Kavaliers oder passenden männlichen Begleiters entbehren müßten; auch hierzu bot ich mich ergebenst an, und ritt nun fast jeden Tag mit den schönen Töchtern Britanniens in den herrlichen Umgebungen von Florenz spazieren. Nachdem ich noch den Tee mit ihnen genommen und es längst Mitternacht vorüber war, empfahl ich mich, beiden ehrerbietigst die Hand küssend, und eingeladen, mich morgen wieder einzufinden. Als ich auf meinem Zimmer war und noch lange kein Schlaf in meine Augen kam, fiel es mir erst ein, daß ich meinen Unbekannten versprochen, mich den Donnerstag Abend wieder im Dom einzufinden, dachte es jedoch einrichten zu können, daß ich zur bestimmten Zeit von der Partie ins Arnotal zurück sein würde. Am nächsten Tage wartete ich gegen Mittag wieder auf, frühstückte auf ihre Einladung auf echt englische Weise mit ihnen, und ritt dann zwei Stunden mit den hübschen Ladys spazieren, die beide sehr gute, graziöse und anmutige Reiterinnen, zum Entzücken schön gewachsen waren, und denen die Amazonenkleider und runden Federhütchen allerliebst standen. Ich besuchte auch noch einige Kirchen und Gärten mit ihnen und fand in einem derselben Gelegenheit, die Lady zu versichern, daß ich durchaus nicht gleichgültig gegen ihre Reize sei; in einem Moment in welchem die Schwester durch ein kleines Gebüsch von uns getrennt war, wagte ich es, ihre niedliche Hand fest an mein Herz zu drücken, und da ich nur geringen Widerstand fand, ihre schlanke Taille mit meinem Arm zu umfassen, sowie einen Kuß auf ihren kleinen Mund zu drücken, der ihre sonst blassen aber zarten Wangen plötzlich rötete. Jetzt rief uns die Schwester zu: „But, where are you staying,“ und als wir wieder zu ihr kamen, bewies mir ihr Lächeln, daß sie zwar nicht gesehen, doch geahnt, was vorgefallen war, wenn es auch die noch gerötete Wange der Lady nicht verraten hätte. „My sister is extremely happy,“ fuhr sie nun lachend fort, „jemand gefunden zu haben, der sie in der Abwesenheit ihres etwas hölzernen Gatten so gut zu unterhalten imstande ist. Denn der edle Lord, schon beinahe ein fünfziger, ist ein recht langweilig trockener Ehemann, der noch obendrein einen starken Spleen hat.“ Aus diesem und ähnlichem Gerede der Miß konnte ich entnehmen, daß Lord T... ein echter bockssteifer Engländer sein müsse. Ich war nun für den Rest des Tages der unzertrennliche Begleiter der Damen, küßte die Lady jetzt auch in Gegenwart der Schwester, was diese nicht anzufechten und jene nicht zu erschrecken schien, und bat um die Erlaubnis, auch in der Nacht mich bei ihr einfinden zu dürfen, was mir zwar nicht bewilligt, aber auch gerade nicht verboten wurde; als ich sie hierauf ersuchte, doch ihre Stubentüren nicht verschließen zu wollen, da spielte sie die Stumme, ich versicherte sie indessen, daß ich so leise auftreten wolle, daß gewiß niemand mein Kommen hören solle. Die Miß schlief zwar in demselben Zimmer, das neben der Wohnstube lag, aber nach ihrem Benehmen zu urteilen, schien sie mir kein Hindernis mehr, sondern eher die Beförderin meiner Absichten zu sein; die Kammerfräuleins aber schliefen in einer höheren Etage. Ich entfernte mich diesmal schon eine Stunde vor Mitternacht mit einem good night, um den Damen Zeit zum Entkleiden und Wegschicken der Dienerinnen zu geben, machte sodann zwei Stunden lang an meinem Fenster philosophische Betrachtungen über den besternten Himmel, das Wesen der Gestirne und den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens. Als es endlich auf der Straße und in der Albergo stiller und stiller geworden und auch der letzte Türschlag verhallt war, schlich ich mich eine Stunde nach Mitternacht, halb entkleidet, in einem leichten Oberrock und von Gertrudens Händen gesticktem schneeweißen Batisthemd, über den Korridor und drückte leise an die Türe, welche zu den Gemächern der Engländerinnen führte, die ich nicht verschlossen, sondern nachgebend fand. – Ich befand mich nun im Vorzimmer, tappte im Finstern durch die Wohnstube in das nur sehr matt durch eine Veilleuse erleuchtete Schlafgemach, in dem ich beide Schwestern dem Anschein eingeschlafen fand. Mit leisen Tritten schlich ich mich an das Bett, in welchem Lady Mary recht sanft zu ruhen schien, und drückte einen Kuß auf ihre Purpurlippen. Sie schien recht schlaftrunken zu erwachen, und ich flüsterte: „Are you asleep?“ erhielt aber keine Antwort und schloß nun die verschlafene Lady in meine Arme ... Der Tag begann schon zu grauen, als ich den Rückzug in mein Zimmer antrat, um ein paar Stunden der Ruhe zu genießen. Aber kaum war ich eingeschlafen, so klopfte man mich schon wieder aus den Matratzen und dem Schlaf auf, indem man mir meldete, daß der Wagen angespannt sei und man den Ladys schon das Frühstück serviere. Ich sprang rasch aus dem Bett, kleidete mich an, eilte dann zu meinen Reisegefährtinnen, die wirklich schon frühstückten, und als sie mich gewahrten, beide etwas verlegen unter sich sahen, aber nach einigen Artigkeiten und Pläsanterien, die ich mir erlaubte, sich bald wieder faßten. Fröhlich, wenn auch nicht ganz so munter, bestiegen wir nun den Wagen, der uns in raschem Trabe in das Arnotal brachte.
Hier sitzen unter Laubdächern und Reben vor den niedlichen und reinlichsten Bauernhäuschen die zierlichsten und schmucksten Dirnen, in die feinsten schneeweißen Linnen gekleidet, mit seidenen Korsetten und blumenbekränzten Strohhüten auf den allerliebsten Köpfchen, und flechten mit zarten Händen – Stroh zu den in der ganzen Welt berühmten Hüten. Denn wie manche Schöne in Newyork und Kalkutta, in Paris und London, am Missisippi und Ganges, am Rhein und an der Newa, schmückt sich nicht mit diesem Produkt, welches sie den sie besuchenden Fremden mit einer Manier anzubieten wissen, die das Abschlagen des Ankaufens nicht nur unmöglich macht, sondern man gibt ihnen auch gerne noch mehr als sie fordern, wenn man nicht zur Rasse jener lederzähen Filze und Zinsenmenschen gehört, die sich nur mit dem letzten Lebenshauch von ihrem Mammon trennen können, und keine andere Farbe als die des Geldes, keine andere Berechnung als die der Zinsen kennen. Mir wenigstens ging es so; ich kaufte vorerst zwei der feinsten dieser Hüte, bezahlte sie mit Gold, mir alle Herausgabe des mir zukommenden Geldes verbittend, und verehrte sie meinen beiden Begleiterinnen, die außerdem noch für eigene Rechnung und auch für ihre dienstbaren Geister, für die letzteren Hüte von geringerer Qualität, kauften. Die Verkäuferinnen, besonders eine derselben, gefielen mir so wohl, daß ich mir sogleich vornahm, sie schon den nächsten Tag, und zwar inkognito zu Pferde wieder zu besuchen und noch mehr Hüte und einen ganz besonders schönen für Gertrude zu kaufen, ihr denselben durch ihre Freundin zukommen zu lassen, als ein geringes Äquivalent für die außerordentlichen Geschenke, die ich von ihr empfangen hatte und über die ich ihr zärtliche Vorwürfe gemacht, denn ich hielt mein Versprechen wenigstens darin, daß ich ihr ziemlich regelmäßig schrieb. Wir brachten den ganzen Tag in dem großen, reizenden Arnotal zu, von dem wir einen kleinen Teil zu Fuß durchstrichen.
An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber die Stunde war verpaßt. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft, mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige Rückkehr verheißend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl Liebe und Sehnsucht nach Genuß, als die Neugierde führte, endlich zu erforschen, wer meine mysteriösen Schönen eigentlich seien. Aber vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu meinen hübschen Engländerinnen zurück, mit denen ich den Rest des Abends und einen großen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter fröhlichen Scherzen und Rückerinnerungen an das schöne Arnotal genommen, zubrachte. Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nächsten Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schönen Villen der Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berühmte Karthause von Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft. Demungeachtet fühlte ich einen Drang, meine schöne Contadina im Arnotal wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande dringender Geschäfte für den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schönen Strohflechterin, der ich noch drei wunderschön gearbeitete Hüte abkaufte, von denen einer nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer für meine Mutter und der andere für eine noch sehr junge Schwester. Das Mädchen, das ich auf das Generöseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen äußerst freundlich und nannte mich: il suo signor cavaliere forestiero, ihre nicht sehr großen, aber blitzenden Augen verrieten nur zu sehr, daß sie eben kein für die Liebe unempfindliches Temperament habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, daß sie bereits schon anderthalb Jahre Sposa, das heißt mit einem jungen Mann versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch anderthalb Jahre Hüte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn bestehen müsse, zählte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu zeigen, worin sie mit einem freundlichen „con molto piacere“ willigte, was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe, bewohnte, und dann in das Stübchen, in welchem sie mir schon ziemlich viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgerät, Geschirr und dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berührung, wie hätte ich der Versuchung widerstehen können, das seidene Mieder, das eine so schlanke Taille umschloß, zu umfassen? – Aber das Mädchen sträubte sich, und als ich sie an mich drücken und küssen wollte, hob sie in einem so gar leisen Ton zu schreien an, daß man es unmöglich in der nächsten Kammer hören konnte; ich raubte ihr mehrere Küsse, mit denen ich die Worte, die sie ausstoßen wollte, erstickte. Als ich aber mehr wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, daß ich für gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast weinerlicher und ängstlicher Stimme: „Per l’amor di dio, vorreste farmi infelice?“ „Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mädchen, man kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglücklich zu machen; und wenn du es mir gestatten wolltest, so könnte ich dir auch Unterricht in dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende Dinge mitzubringen.“ Verschämt unter sich blickend und an dem Schürzchen zupfend, antwortete sie: „Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren, nur müssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen, sonst würde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen.“ – Mit ein paar Küssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drückend, nahm ich für heute Abschied von meiner florentinischen Schäferin, welche mir die erkauften Hüte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Türe mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mädchen gegeben, an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen ließ, damit die Nachbarn sahen, daß ich, um Einkäufe zu machen, gekommen war. Sodann sprengte ich mit einem lauten Addio und leisem a rivedere davon.
Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes, mit Granaten gefaßtes Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die hübsche Schäferin, an einem Samtbändchen um den Nacken hing. Sodann steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den Finger und gab ihr Bänder und ähnliche Dinge, alles unter dem Aushängeschild einer Aussteuer. Das Mädchen freute sich kindisch über diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne nötigen ließ. Ich bat sie, mir noch einmal ihre Schätze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeiließ. Sie war bei weitem nicht mehr so scheu und spröde wie das erstemal; ich hatte sie mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verließ sie erst spät in der Nacht, wobei wir verabredeten, daß ich künftige Besuche nur nach eingetretener Finsternis abstatten dürfe; ich sah sie aber nur noch einmal, da ich während der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen mußte. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mühe, die ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer anderen Welt wieder, dachte ich, für dieses Leben sind sie für mich verloren. Daß sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene Mätressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht ganz mit der Zurückweisung des Goldes überein; es blieb mir von ihnen nichts übrig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald vergessen.
Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die höchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in Genua zu bleiben, da mir Düret versprochen, sobald die fatale Geschichte von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurückversetzung zum ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nähe von Rom zu bringen. Meinen liebenswürdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst deshalb erhaltenen Befehl vorschützend. Beide schienen über diese unerwartete Nachricht betroffen, und ich mußte am Ende auf Marys dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie eröffnete mir, daß sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem mitteilen wolle, daß sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu vertauschen wünsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen würde, im Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner älteren, teils wegen allenfallsiger neu anzuknüpfender Intrigen fürchtete. Sie ließ es sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getröstet, ein baldiges Wiedersehen hoffend und fürchtend, voneinander.
Am Abend des fünften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich wohlbehalten in Genua ein.