V.
Zweiter Aufenthalt in Genua. – Alte und neue Bekanntschaften. – Signora Palatini. – Ein sentimentales Rendezvous. – Die Brigantenjagd in den italienischen Alpen. – Bocchetta. – Ich nehme fast eine ganze Bande gefangen. – Rückkehr nach Genua. – Das Konservatorium Fieschino. – Albertine. – Ich entdecke eine furchtbare Verschwörung. – Ich avanciere zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. – Abreise nach Civita-Vecchia.

Da es zu spät war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem Quartier umsehen zu können, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen Bataillonschef, Herrn von Brüge, meldete, der mich, durch Düret schon hinlänglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: „Das Glück, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen römischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind für heute bei mir zu Tische eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen.“ – Brüge war ein Elsässer, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mädchen, deren Mutter eine ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte, Genüge geleistet und mir ein Quartierbillett für drei Tage hatte geben lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlägerig, und seine Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte. „Ah siate ben venuto,“ rief sie endlich aus, die Arme in die Höhe streckend. Nach gehöriger Bewillkommnung erfuhr ich, daß die Marchesa P... seit meiner Abreise kränkele, daß die mutwillige Peretti im letzten Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe, die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell von dem au fait gesetzt, was sich während meiner etwa anderthalbjährigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der fröhlichen Peretti schmerzte mich, das Kränkeln der Marchesa P... tat mir leid, und das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau, die mir wieder ihre untertänigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, daß ich leicht in den Fall kommen könnte, ihrer zu bedürfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P... von meiner glücklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich Brüge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte, und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame Brüge, eine noch sehr rüstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den täglichen Tisch, versteht sich gegen gehörige Vergütung an, den ich auch akzeptierte; sie führte eine gute französische Küche. Während des Essens kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, daß es wohl jetzt bald Zeit sei, daß ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon früher veranstaltet haben würde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden hätte, der französisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit Vergnügen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit großem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre später allerlei Folgen hatte. Für jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten, da das Mädchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr, daß die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht meiner Ankunft sehr erschüttert habe und mich dieselbe baldmöglichst zu sehen wünsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Häusern, in denen ich früher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini, die erst kürzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte. Dieses war eine schmächtige, nicht sehr große, aber sehr niedlich gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die, wenn auch nicht schön, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden Damen den Hof und ließ die Spinola merken, daß es mir nicht unangenehm sein würde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich diesen Abend noch deutlicher zu erklären, war nicht gut möglich, da ihr die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden Lebhaftigkeit in alle Gespräche mischte, die ich mit der Spinola anzuknüpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde angegangen, mich hören zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige andere den Wunsch ausdrückten, ich möchte doch wieder etwas aus dem Don Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich Signora Palatini mit einer großen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: „Si Signore, il Don Giovanni, il Don Giovanni, Sie müssen ihn singen, denn ich kenne ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hören.“ Dieses Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An Subordination gewöhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das ‚Fin ch’an del vino‘ singend, und erhielt dafür einige danksagende Blicke von der kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hörbar machte, eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstände vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach der Messe, ich möge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz ungenierte und überaus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und möglichst zu verbergen oder doch passend zu bemänteln. Es machte mich immer verlegener, weil ich wohl bemerkte, daß sich die Gesichter aller, die es mit angehört, zu einem hämischen Lächeln verzogen und man sich in die Ohren flüsterte. Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: „Das Benehmen der Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem überaus reizbaren und heftigen Temperament, das sich nichts übel nimmt, alles, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will, ohne über die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ältlichen und schwachen Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe Million di dotta mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, daß er sich schon einigemal für das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten gaben es nicht zu, aber er hat die Hölle ...“ In diesem Augenblick sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser überlaut: „Ich finde es höchst unartig, Signora, daß, wenn ich singe, Sie sich mit Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor.“ – Die Spinola war dadurch so verblüfft, daß sie nichts erwidern konnte, ich aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglühenden Dame: „Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die Rede, das uns entzückte und das mir die Marchesa nicht genug rühmen konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu einem so hohen Grad ausgebildet habe, worüber man im Begriff war, mir Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.“

„Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung für meine gewiß sehr verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, daß nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mühe gibt und sich anstrengt, einer Gesellschaft Vergnügen zu machen und andere dabei plaudern.“ – Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene herbeigeführt, schickte sie mit den Worten heim: „Mein Herr, Sie haben sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Güte, sich sogleich wieder an Ihren Spieltisch zu verfügen; ich bitte Sie darum, hören Sie, sogleich.“ – Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die übrige Gesellschaft, obgleich über diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend, wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der mir gleich bei der ersten Tour eröffnete, daß er Giulietta heiße, ich ihn künftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich böse gebärdete, als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in einem Atemzug „Signora Giulietta“ und sie nach dem Tanz, während dessen die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz führend, abermals: „mille grazie, Signora Giulietta.“ Ehe sich die Gesellschaft trennte, kam sie noch einmal in Begleitung ihres cavaliero servente auf mich zu und sagte: „Daß Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich pünktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit Ihnen zu musizieren.“ – „Ich werde von Ihrer gütigen Einladung Gebrauch machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden.“ – „Sie sind Zeuge,“ sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhörte, und beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flüsterte mir im Weggehen zu: „Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen machen.“ – „Ich werde ihn zu zähmen wissen,“ erwiderte ich. Kaum waren diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurück und rief der Spinola zu: „Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie nicht kommen?“ Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend und mir noch eine felice notte zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas näheres über dies sonderbare, aber dennoch pikant liebenswürdige Wesen zu erfahren. Diese wußten mir aber weiter nichts zu sagen, als daß Signora Palatini wegen ihres unbändigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die sie oft die tollsten Streiche begehen ließen, in ganz Genua bekannt sei. Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf mich zusprang, laut rufend: „Es ist brav, daß Sie Wort gehalten; wir werden auch ganz ungestört sein, mein Mann mußte auf meine Veranlassung eine Vileggiatura ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich für den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie.“ Sie nahm mich bei der Hand, führte mich in ein Zimmer, wo ein Flügel stand, und nötigte mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie ‚Oh Idol mio, quando mai‘ und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem „Bravissimo!“ dazwischen, schlug in die Hände, und ich hielt ein, ihre Rechte ergreifend und küssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlüpfte sie mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfaßte ich die kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Händen umspannen konnte, hob sie in die Höhe, daß sie zappelte, und sagte lachend: „Was nun? – Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta.“ – „Die Sie doch wohl nicht mißbrauchen werden?“ – „Gewiß nicht, bella fanciulla,“ antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer, aus dem aber kein Ausgang mehr war. „Jetzt sind Sie gefangen und werden mir nicht mehr entwischen.“ – „Ma – ma –“ stöhnte sie bald mit hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Röte gefärbt, die einladender ist als das schönste Morgen- und Abendrot. Ich küßte sie, aber sie biß mich in die Lippen, daß es mich schmerzte und fast blutete; ich ließ mich indessen dadurch nicht stören und fuhr zu küssen fort, sie auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...

Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte durchaus, daß ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und hätte mich nicht der Dienst abgerufen, so würde ich es mit Vergnügen getan haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten, und so ging es einige Zeit fort, ohne daß ich mich weder um die Spinola noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekümmerte. Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und machte mir Vorwürfe, daß ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P... erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu sehen wünsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von ihrer Krankheit erholen würde. Ich verabredete mit der darauf dringenden Guercino, der es wohl nur um die Präsente zu tun war, die es bei dieser Gelegenheit absetzte, daß man eine Zusammenkunft veranstalten möge, wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in einer Portandina bringen lassen würde. Wir setzten nun diese Entrevue auf den Abend des nächsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und führte mich über eine Hintertür in abgelegene, spärlich erleuchtete Gemächer. In dem letzten derselben fand ich eine weibliche Figur, in weiße Gewänder gehüllt, in einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zügen ich dennoch die Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blühend schöne Tonina erkannte. Ich stürzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen, die sie aber schnell zurückzog, indem sie sprach: „Oh, lassen Sie diese nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen Sie nicht eben erst von der tollen Palatini?“ – „Ganz gewiß,“ fiel hier die Spinola ein, „seit seiner Zurückkunft bringt er alle Stunden, die er ermüßigen kann, dort zu.“ – „Wie freute ich mich,“ fuhr die andere wieder fort, „als ich hörte, daß Sie wieder in Genua angekommen seien, und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar bin ich enttäuscht.“ – „Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,“ sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er unartig gewesen. Gern hätte ich mich wie gewöhnlich durch einen Scherz lachend und spottend aus der Affäre gezogen, aber der Zustand Toninas war doch zu ernsthaft – sie litt besonders an Nervenübeln –, als daß ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes pater peccavi mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz unschuldiger Natur und gälten bloß ihrem musikalischen Talent, indem ich nichts treibe, als mit ihr singe. – „Wer so etwas glauben wollte,“ fiel mir die Spinola wieder ins Wort, „ja, wenn die Signora nicht ganz ohne Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhältnis mit Ihnen spräche! Halten Sie uns doch nicht für so einfältig.“ – „Und schonen Sie doch um Himmelswillen Ihre Freundin,“ unterbrach ich die Marchesa, „sehen Sie denn nicht, wie die Arme leidet?“

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krämpfe bekommen und stöhnte: „Oh, mir ist sehr übel!“ Wir sprangen ihr beide zu Hilfe; sie bekam eine förmliche Ohnmacht. – „Sehen Sie, was Sie gemacht haben,“ sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurückweisend – „Das ist einzig und allein nur Ihre Schuld,“ erwiderte ich etwas aufgebracht, „Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und führen eine solche Szene herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, mußten Sie sie eher verheimlichen, als mitteilen und bekräftigen.“ – „Nicht von mir hat es die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer Charmanten. Sie sind samt ihr die Mär der Stadt. Wo dachten Sie hin, sich mit einer solchen Törin einzulassen und darüber Ihre besten Freundinnen zu vernachlässigen? Nein, Sie können kein Deutscher sein, so etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem leichtsinnigen Franzosen.“ – Ich suchte die aufgebrachte Signora zu besänftigen, welche die Schläfe und Stirn der noch immer bewußtlosen Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich so beschäftigte, die Ohnmächtige wieder zu sich selbst zu bringen, drückte ich einen leisen Kuß auf deren Stirn, indem ich noch leiser sagte: „Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken.“ – „Was unterfangen Sie sich,“ fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls kaum hörbar an, „glauben Sie, wir würden uns von Ihnen betören lassen? Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie uns in Ruhe.“ – „Nicht so böse, meine schöne Signora, Sie haben mir zuerst die Palatini bei Dorias zugeführt, ich bitte ja aufrichtig um Vergebung, werfe mich reuevoll zu Füßen.“ Ich wollte nun auch ihr die Hand küssen, als Tonina plötzlich ein Lebenszeichen von sich gab und bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um sie beschäftigt waren, lächelte sie wehmütig, und ich bat sie, vor ihr kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd, daß nur der Schein gegen mich sei, und jetzt unterstützte mich die Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: „Eine Möglichkeit ist es immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fähig, Dinge zu sagen, die nicht sind.“ – Abermals küßte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: „Aber wenn Sie mich dennoch betrügen?“ – Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und Bein, und ich fühlte mich so zerknirscht und über mich selbst angehalten, daß ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn man mich noch weiter inquiriert hätte. Ich suchte die Leidende indessen immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine unerschütterliche Treue zu beteuern und bei allen Göttern zu versichern, daß ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar überzeugen werde, sie möge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle Genesung herbeiführen. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verließ die Damen, nachdem die Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer Portandina fortbringen lassen zu können. Ehe ich mich entfernte, hatte man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den Damen vor, daß dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl tunlich sei, ohne sich allem Möglichen von ihrer Seite auszusetzen, und ich nur allmählich und mit großer Vorsicht abbrechen könne, was man endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschärfte, Wort zu halten, wenn ich nicht böse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens, froh, als ich wieder freie Luft schöpfte, dieser Szene enthoben zu sein. Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgültig, denn ich kannte die Genueserinnen mit als die rachsüchtigsten Frauenzimmer Italiens, befand mich zwischen zwei Feuern und wußte noch nicht, wie ihnen zugleich Face und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl in dieser Verlegenheit für einen Operationsplan entwerfen müsse und mit aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein Deus ex machina, wenigstens für den Augenblick, aus derselben. Ich besuchte noch den nämlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brüge, der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkündete, daß ich schon den nächsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren müsse; gerne hätte er mich zurückbehalten, allein da es ausdrücklicher Befehl vom kommandierenden General sei, daß die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck verwendet werden sollten, so müsse er mich wohl ziehen lassen. Die Order kam mir erwünscht. Giulietta hatte mich, während der Bataillonschef mit mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich teilte ihr den Inhalt unseres Gesprächs mit, worüber sie außer sich geriet und in die Worte: „Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum General!“ und ähnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, daß gegen militärische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen könne, sondern daß sie hier durch jeden unüberlegten Schritt nicht nur sich, sondern auch mich und meine militärische Ehre kompromittieren würde, ohne dadurch irgend etwas zu ändern, da gegen solche Befehle gar keine Einwendungen, selbst die begründetsten nicht angehört würden. – „Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze deiner Kompagnie.“ – Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden, indem ich ihr sagte, daß dies nicht gelitten würde und außerdem die Expedition schwerlich länger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig Stunden dauern würde. – „Wenn es aber länger dauert, komme ich doch nach,“ versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als sie mir gesagt, der kleine Teufel würde mir zu schaffen machen, denn ich fürchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner Gewalt stünde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen treffen zu müssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der Unmöglichkeit und der übereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den ich ihr erst zukommen ließ, als wir schon einige Stunden von Genua entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen, und vertröstete auch sie auf baldige Zurückkunft. In der Tat war ich froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rücken hatte und sah mich jeden Augenblick um, fürchtend, den kleinen Satan auf seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen wurden, daß sie in den letzten Tagen sogar einen französischen Posten von einigen zwanzig Mann überfallen und die Leute sämtlich ermordet hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll Schluchten und sicherer Zufluchtsorte für Räuber und Insurgenten, wie die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen und für vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.

Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo möglich tot oder lebendig einzufangen, mich dabei so viel es sich tun ließ der Bauern in den Dörfern zu bedienen und Führer aus denselben zu nehmen. Das weitere blieb meiner Einsicht überlassen, indem ich nach Umständen agieren müsse. Ist man einmal über die Riviera – so wird das Uferland genannt, welches den Meerbusen umgibt – hinaus, so werden die Berge immer öder, steiler und kahler, Felsen türmen sich auf Felsen, seltener werden Bäume und Gebüsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgründen und Schlünden hinzieht, über welche mitunter sehr gebrechliche Brücken führen, kann nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele dieser Brücken waren durch die Briganten abgebrochen, so daß ich häufig wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mußte. Als ich den zweiten Tag zu Ovada ankam, erfuhr ich, daß erst vor ein paar Tagen hier drei Gendarmen überfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu gelangen, hatte ich einen Führer aus dem Flecken Campo Marone mitgenommen, der mich auf großen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen über den Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein ziemlich großer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner zählen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir Auskunft über die Banden geben können; die Stimmung der Einwohner und Landleute war uns überhaupt sehr ungünstig, allenthalben zeigte sich große Unzufriedenheit mit der Regierung, Haß gegen die französische Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der unter Umständen sehr gefährlich werden konnte. Zu den zahlreichen Räuberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte sich fortwährend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen hatten, flüchteten sich zu ihnen in unzugängliche Schlupfwinkel im Gebirge. Dabei hatten sie fortwährend geheime Verbindungen in Genua, Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; überall wollten die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als verstünden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf, der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine Fragen beantworten mußte, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter herausbringen, als daß man zwar viel von den Briganten höre, aber ihren Aufenthalt nicht wisse noch erspähen könne. Überhaupt zweifle er an dem Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien höchstens nur einzelne Straßenräuber vorhanden, und es sei ganz vergebliche Mühe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wußte sie gewiß. Von Ovada marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach den Dörfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle meine Bemühungen ebenfalls erfolglos blieben, so daß ich schon verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco brachte ich einen Tag und zwei Nächte zu und erfuhr am Morgen nach der letzten, daß in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man schrecklich verstümmelt auf der Landstraße gefunden. Ich machte mich nun mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es anzuzünden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mörder der Gendarmen ausgeliefert würden, denn ich hatte einige Indizien, daß es Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben und zu zeigen, daß es mir Ernst damit sei, ließ ich von den Soldaten Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten ihre Unschuld, und von den Mördern war keine Spur aufzufinden. So zog ich schon sieben Tage vergeblich in diesen Öden und zwischen Schluchten umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode zählte, die ich nach Bocchetta führen ließ, von wo sie ins Lazarett nach Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, höchst mißmutig zu werden und an irgendeinem günstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, ließ sie ihre Säbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen, während ich mich mit den übrigen in einem nahen Dorf verweilte, in dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgänge so besetzte, daß sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte ich dahin, daß sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als man das Abfeuern eines Gewehrs hören könne, und wenn sie Bauern oder sonstige Individuen auf sich zukommen sähen, sollten sie dieselben bis auf gefällte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche Bewegung versuchen, losschießen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem blanken Säbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs käme; würde man aber aus der Ferne auf sie schießen, so sollten sie das Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu soutenieren. Andere Soldaten hieß ich, nur mit dem Seitengewehr bewaffnet, ganz in der Nähe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses Manöver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hörte ich, nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als möglich von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und Lauerposten abgeschickt hatte, plötzlich einen Schuß und gleich darauf noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der übrigen Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schießen herkam, und fand fünf von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei, welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach jedoch einen Mann mit einem Dolchstoß nieder. Dies sehend, sprang ich hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb über den Kopf, daß er einen zweiten beabsichtigten Dolchstoß nicht führen konnte, sondern mehrere Schritte zurücktaumelte und von seinem Blut überströmt ohnmächtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefährlich verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach, mußten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich ließ alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde, knebeln und sagte ihm, daß er ohne Absolution und Segen zur Hölle fahren solle, wenn er nicht gestände, wo sich seine Spießgesellen aufhielten und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem Erschießen, wenn sie nichts gestehen würden, und ließ jeden gehörig bewacht einzeln und von den andern getrennt führen, so daß sie sich weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander verständigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick schwächer und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm nochmals seine bevorstehende Höllenfahrt vor, worauf er mir mit matter Stimme erwiderte: „Gewiß nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution und Vergebung aller Sünden erhalten und bin im Gegenteil gewiß, daß ich für meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem größten Teil der Pönitenz des Fegfeuers entgehen werde.“ – Jetzt fragte ich ihn, wer ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr zu beichten, mich über seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte auch noch so viel von ihm heraus, daß er erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: „Ah, Briccone, du bist auch aus Asconi?“ Er erblaßte und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, daß mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: „Er hat gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort ist Cento Croce.“ – „Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten.“ – „Ha, der Verräter,“ knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun ad coram und erfuhr genug, um überzeugt zu sein, daß die Kerls in Asconi und Cento Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch über hundert Mann, durch öde und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen Führer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine lebendige Seele. Auch fand sich in den erbärmlichen Hütten desselben nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung hätte dienen können, und wir mußten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten. Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein halbes Dutzend Hühner und ein paar Hähne weg, die sich uns zufällig darboten und nun an Ladestöcken gebraten und mit Pulver zubereitet wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich unter Hörnerklang – die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art kleiner Wald- oder Posthörner – und mit möglichstem Geräusch ab, ließ aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt machen und befahl den Leuten, sich möglichst ruhig und still zu lagern. Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu töten gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht; zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden nach Sonnenuntergang berichtet, daß man Licht in Asconi wahrnehme, ich fand aber für gut, noch eine spätere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben auszuführen. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurück, wo wir noch Licht in einigen Häusern sahen. Wir schlichen uns ganz leise und unbemerkt heran, und mit der Hälfte der Mannschaft besetzte ich alle Zugänge des Orts, während ich mit der anderen Hälfte in denselben einrückte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich bacchanalischer Lärm ertönte, umzingelte. Wir entdeckten, daß sich einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und Mädchen in einer großen Stube desselben befanden, sich ganz unbekümmert Orgien überlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet und instruiert hatte, ließ ich die Trompeter ins Horn stoßen und die Leute auf dieses Signal plötzlich die Gewehre gegen die Fenster und Türen abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoßen und zur Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus, während die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe fortwährend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten Überfall verblüfft und an vierzig Läufe gegen sich gerichtet sehend, durch das Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr außer Fassung gebracht, dachten im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige ihre Büchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf meine Leute ebenfalls ein mörderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang, an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf über lassen, und es entspann sich ein mörderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann bei augenblicklichem Niederschießen gebot, die Waffen zu strecken und auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefährlich, und keiner war geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt worden. Ich ließ ihnen nun Gewehre, Pistolen, Säbel und Dolche abnehmen und sie, während sie noch vor Wut schäumten, mit Gewehrriemen binden, da ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch bewachen, während sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hübschesten der Weiber und Mädchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergnügten, was die Gefangenen, die es wenigstens mit anhörten, bis zum Rasendwerden in Wut versetzte. In ein paar anderen Häusern fingen wir noch ein halbes Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta, Öl, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gütlich taten. Mit Tagesanbruch verließ ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich auf dem Rücken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Füßen, um die Freilassung ihrer Männer und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd, die sie transportierten, so daß wir alle Gewalt nötig hatten, sie los zu werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen schießen zu lassen, verhindern konnte, daß sie uns folgten. Ich marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz ausgestorben; von da mit meinem Fang über Ritegno und Bocchetta, wo ich erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem ausführlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco einquartierte, die Zurückkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurücken, um dort bei den Verhören der Gefangenen gegenwärtig zu sein und die nötige Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber für meine erfolgreichen Bemühungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefähr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben, und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen, immer mit den größten Entbehrungen und Gefahren verknüpften Expedition doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, während eine weit weniger beschwerliche Waffentat gegen einen gewöhnlichen Feind im offenen Felde mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art Krieg zu führen so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehörig benutzen, erlangt einen großen Scharfblick und eine richtige Übersicht in allen Gefahren und weiß jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die beständige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzügen in so kupiertem Terrain notwendig haben muß, schärft den Blick und Verstand außerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle seine Intelligenz und Fähigkeiten aufbieten zu müssen, um nicht das Opfer irgendeiner Versäumnis oder Nachlässigkeit zu werden, die oft mit dem Leben bezahlt werden muß. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen Krieges machen dann auch zu allen größeren Kommandos und zum Anführen der wichtigsten Expeditionen fähig.