In Genua zurück, verfügte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef, Herrn von Brüge, der mich freundlich empfing und meinen Erzählungen mit vieler Teilnahme zuhörte und von diesem zum kommandierenden Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollständigen Bericht abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem Kommandanten General Mouret. Die Verhöre fanden bald statt, und zehn dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen kamen auf die Galeere.
Ich hatte eben keine große Eile, mich nach meinen Schönen zu erkundigen oder sie aufzusuchen, sondern fürchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen zu hören und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt ich in aller Frühe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in sehr gebieterischen und dringenden Ausdrücken aufforderte, sie noch diesen Vormittag zu besuchen. Ich mußte dem Gebot wohl Folge leisten, begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit ärger war, als ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefürchtet hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: „Also zitieren muß man Sie, wenn man Sie sehen will,“ redete nur von Dolch und Gift, von Herzen durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stücke zerreißen und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter mein intimes Verhältnis, das es denn doch noch nicht war, mit der Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, daß dieses blutig enden würde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, daß ich noch nie ein intimes Verhältnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich mit gutem Gewissen; ich wußte sie endlich so weit zu besänftigen, daß wir uns so ziemlich im Frieden, der gehörig gefeiert worden war, trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte. Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein Kammermädchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte denselben angehen müssen, ihr meine Zurückkunft sogleich zu melden; nun war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst achtundvierzig Stunden später. Ich fand für gut, mich jetzt auch bei Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hörte, daß erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den Nerven leide, daß sie auch die geringste Erschütterung oder Gemütsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden müsse, in den traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa bedauerten, uns gegenseitig deshalb trösteten und so gerührt waren, daß wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich geglaubt. – Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden glauben zu machen, daß sie die einzige Auserwählte sei, etwas, das weder so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor meiner Ankunft war ein junger französischer Artillerieoffizier das Opfer der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein vertrautes Verhältnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge Französin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor dem schon festgesetzten Vermählungstage hatte sie ihn bei einer letzten Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Händen erdolcht und so gut zu treffen gewußt, daß er fast lautlos niedergestürzt war, sich dann selbst als seine Mörderin angegeben und den Gerichten überliefert, die sie für eine Wahnsinnige erklärten. – Ich nahm meinen Tisch wieder bei Herrn von Brüge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen Josephine fort, an der ich eine sehr fleißige und talentvolle Schülerin hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, daß mir diese Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mühe waren. Öfters auch führte ich das liebenswürdige Kind spazieren und zeigte ihm Genuas Kuriositäten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im Jahr 1760 stiftete und das durch die künstlichen Blumen, die die Nonnen desselben verfertigen und die von einer seltenen Schönheit und Frische sind, nicht nur in ganz Italien berühmt, sondern selbst bis nach Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen, welche die heiligen Mädchen zum Schmuck der sündhaften Weltkinder verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett, wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, daß sie es zu sich hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strauß solcher Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie öfters zu besuchen, was wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so liebenswürdig waren, daß ich das Mädchen um dieses Glück beneidete. Doch sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich später von ihr erfuhr, die eben nicht sehr klösterlich waren. – Zu dieser Zeit war der Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der neuangekommenen Rekruten, fast ausschließlich Preußen, die in dem unglücklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der Übergabe von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen hatten, wieder beschwerlich, wenigstens für mich, da ich eine wahre Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wußte ich mich die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen bewegte; ich hätte gar zu gern Heere manövrieren lassen.
Bis jetzt war es mir geglückt, mein Verhältnis mit den beiden Damen so zu verheimlichen, daß keine von ihnen daran zweifelte, daß ich den Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta eine sehr liebenswürdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem, schmächtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher verheiratet hatte. Sie besaß ganz das zierliche, fein-graziöse Wesen, das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schönheiten, denen das Heroische der Römerinnen, das Blühende der Florentinerinnen abgeht, die dagegen fast verklärte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste weiße, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war von der Art, daß sie unwiderstehlich für sie einnahm, und nie habe ich hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, daß, obgleich ich Albertinen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschließlich mit ihr unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mißtrauen blicken ließ, sondern das größte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale Verwandte setzte, nicht bedenkend, daß es die Sentimentalen oft ganz gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. – Ein bloß geistiges Einverständnis hatte sich auch bald zwischen mir und der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich sie traf und die sie frequentierte – sie wurde weit mehr als ihre Cousine zu denselben gezogen und eingeladen –, unterhielt ich mich und tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte große Teilnahme für das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu erproben.
In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des Volkes, die heißt: Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza pesce, bosco senza legna. Mit derselben hat es, wie es mit so mancher ähnlichen abgeschmackten sprichwörtlichen Redensart der Fall ist, gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. – Was das erste anbetrifft, Uomini senza fede, so sind die Genueser in dieser Hinsicht nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist, und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die übrigens auch bei dem vertrautesten Verhältnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Französinnen, die, wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar keine Zurückhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen läßt, sobald man intim mit ihnen geworden. – Das Meer ohne Fische ist nun vollends eine offenbare Lüge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein köstlicher Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen köstlichen rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. – Ein Wald ohne Bäume aber ist barer Unsinn, man findet hier die herrlichsten Zitronenwäldchen, deren Duft die Lüfte parfümiert. – Ich erwähne dieses alberne Sprichwort hauptsächlich in Betracht der Frauen, die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen, fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen Dingen sehr dezent, und selbst die öffentlichen Dirnen, denen ich nur auf den Straßen begegnete, da ich vor solchen immer den größten Abscheu und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschämtheit der Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.
Etwa vier Wochen nach meiner Zurückkunft aus den Alpen war wieder ein großes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison sowie die ganze schöne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal so vollständig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten die Damen, die ihre Toilette mit großer Sorgfalt gewählt hatten; auch Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach weiß, jedoch in die feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weiße Rosen im Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen einer Halbverklärten. Ich hatte fast nur Augen für sie und war mit der ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta übereingekommen, daß ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen erweisen würde. Ich hielt mich hauptsächlich in Albertinens Nähe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, daß es schien, als hätte sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drückte sie mir ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflüsterte: „Leggete subito!“ Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine Fensterhalle und las:
‚Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der größten Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends, damit jeder Verdacht eines Einverständnisses fern bleibt. Um der Madonna willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben teuer ist, vor allem hüten Sie sich vor meiner Cousine und meinem Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten Monfarina in meiner Nähe.‘
So sehr ich auch über den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter vermuten zu können, als einen gefährlichen Anschlag Giuliettas, die hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewöhnliches Rendezvous. Etwas zerstreut kehrte ich in den großen Saal zurück, begegnete bisweilen den Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin führenden Wege merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta, Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich neben den Tänzer Albertinens, die mich während der Tour leise und schnell fragte: „Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett vernichtet? – Verfehlen Sie die Zeit nicht!“ – Ich beantwortete alles mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst gefaßt, so hörte ich mehrere Männerstimmen eifrig im Gespräch begriffen, und da ich fürchtete, sie möchten in die Grotte kommen, so trat ich schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebüsch. Meine Vermutung war nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten. Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie Il Commandante, teatro, francese und so weiter. Gerne wäre ich aus meinem Hinterhalt hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich hierher zu verfügen, aber es war unmöglich, ohne von diesen Personen bemerkt zu werden, die dann glauben mußten, ich habe sie belauscht. Über eine gute Stunde mußte ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden Augenblick fürchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Männer, es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben. Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal zurück, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewühl suchend, konnte sie aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gänge und Alleen des Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustür treten, als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehüllt, bei der Hand nahm und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: „Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich vermißt. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist, so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frühmesse der Annunziata zu kommen.“ Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebüsch, da man Leute kommen hörte. Es waren Gäste, die sich schon entfernten. Ich trieb mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, über dieses Abenteuer und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen beinahe heruntergebrannt; die Generalität und alle Offiziere waren längst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in so eifrigem Gespräch vertieft, daß sie mich kaum zu bemerken schienen, und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und erst gegen Morgen schloß ich die Augen, in einen leisen und unruhigen Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen beängstigenden Traum erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur Annunziatakirche eilte. Außer einigen alten Frauen und verschleierten Damen, die hin und wieder an Altären knieten, war noch niemand in der Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir heiß Herbeigewünschte ein. Ich hatte sie an der Tür erwartet und reichte ihr das Weihwasser, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen Seitenkapelle öffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen beschlagene Tür, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen Kirchengärtchen oder vielmehr Höfchen, mit Bäumen besetzt. Nachdem ich auf ihr Geheiß die Tür hinter mir zugemacht, sagte sie: „Signor, mein Benehmen muß Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflößten, wird, verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur entschuldigen, sondern Sie mir auch für immer verpflichten. Erst aber schwören Sie mir, daß Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen Bruder, so groß auch die Schuld des letzteren sein möge, verraten oder ins Verderben stürzen wollen.“ – Lächelnd fragte ich sie, ob es wohl noch eines solchen Schwures bedürfe, und reichte ihr die Hand, mein Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als sie fortfuhr: „Es ist eine gräßliche Verschwörung gegen Ihre Truppen und die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, daß keine Zeit mehr zu verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wälle und Tore bemächtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so vorbereitet, daß wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der Ausführung von den Bergen herunterströmen; mehrere englische Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Küste nähern und unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann, teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders fand, die er bei jenem zurückgelassen, erfahren. Namen kann und werde ich Ihnen keine nennen, auch weiß ich nicht, wer die eigentlichen Urheber und Lenker der Verschwörung sind, und erinnere Sie nochmals an Ihr Versprechen.“ – „Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,“ unterbrach ich sie, hinzusetzend: „denn es soll Sie nicht gereuen, die Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.“
Albertine nahm mit Tränen in den Augen Abschied und entfernte sich durch eine andere Tür, während ich mich durch die Kirche zurück und nach Haus begab. Hier überlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war mein Entschluß gefaßt, ich eilte zuerst zu Herrn von Brüge, teilte ihm flüchtig mit, was ich ungefähr wußte und sagen durfte, ohne mein Wort zu brechen, sowie daß ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen, in einem Gebüsch ungesehen zehn bis zwölf Männer belauscht habe, die sich in einem von dichtem Gesträuch umgebenen Rondel beratschlagt hätten, ohne daß es mir möglich gewesen, nur einen derselben zu erkennen; soviel sei aber gewiß, daß noch diesen Abend der Tanz im Theater angehen solle. Herr von Brüge ging sogleich mit mir zu dem kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umständlicher wiederholen mußte. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges Individuum kannte, an das man sich hätte halten können, so war guter Rat teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den Männern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und daß ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner Gegenwart über die Maßregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mußte, um die Verschworenen, die man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, daß man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausführen konnten, dem man bei der Unbekanntschaft mit den näheren Verhältnissen nicht hätte gehörig begegnen können. Ich stand wie auf Kohlen und kämpfte mit mir selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den Corbetti, so hieß Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plänen machte ich Vorschläge, die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgeführt wurden, und man kam endlich über folgendes überein, nämlich: die Chefs der Regimenter und Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen Ausnahmen, damit die Straßen nicht ganz von Militär entblößt würden, in den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels sämtliche Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater angefangen, die Artillerie auf den Wällen und Bastionen verteilen, die Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch Kugeln auf dem Rost glühend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache allmählich zu verstärken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehörig mit scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Bürger, bei denen man Waffen finden würde, zu verhaften. Diese Maßregeln wurden mit äußerster Geheimhaltung vorbereitet, so daß selbst kein Offizier, der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwörung ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur gewöhnlichen Zeit strömte man ungewöhnlich zahlreich ins Theater. Ein Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der Verhaftungen übernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite, hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertüre war verhallt, und der Vorhang rollte in die Höhe, aber statt der Akteurs erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren. Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: „Apretez-armes, joue!“ Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine große Bestürzung und auf vielen Todesblässe. Jetzt trat der General-Adjutant vor und rief mit lauter Stimme: „Den Herren Offizieren wird im Namen des Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die übrigen Zuschauer aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschießens die strengste Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.“[5] Jetzt kommandierte ich wieder: „Redressez vos armes!“, und die Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des ‚Fertigmachens‘. Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser erdolchten sich im Parterre. Die Bestürzung war allgemein. Den Damen wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre, man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche, Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen entlassen. Während dies im Theater vorging, wurde draußen Generalmarsch geschlagen, die Truppen marschierten auf den Plätzen und Wällen auf, die Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle Straßen. Auf solche Art wurde diese gefährliche Verschwörung, welche eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wäre, im Moment, wo sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militärkommissionen zur Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rädelsführer zum Tode verurteilt und guillotiniert, die übrigen meistens auf die Galeeren geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen, sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.
Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war mir wegen meinen Verhältnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer einen guten Ausgang erwarten ließen, verleidet; ich schrieb deshalb oft an Düret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die mich zu sprechen wünschten und bitten ließen, sie doch diesen Vormittag zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu machen hätten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der Abgesandte: „Non le conosco,“ und mehr war aus ihm auch nicht herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira mich in Genua aufsuchen möchte, denn daß es die Cesarini nicht sein konnte, wußte ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten ließen. Nachdem ich meine Dienstgeschäfte verrichtet, eilte ich neugierig in das Maltheserkreuz und fand – meine Engländerinnen aus Florenz, die mir gar nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch überrascht war, hieß ich sie doch freundlich willkommen, frühstückte mit ihnen und versprach, sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause angekommen war, dachte ich: ‚Immer besser, meine hiesigen Verhältnisse verwickeln sich mehr und mehr; die Götter mögen wissen, welches Ende das nehmen wird.‘ Ich überlegte, durch welche Mittel ich den sicher bevorstehenden, höchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen könne, als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing mich ungewöhnlich freundlich und überreichte mir mehrere Papiere, indem er sagte: „Ich gratuliere von Herzen!“ Das eine war meine Ernennung zum Kapitän, das andere ein Schreiben von Düret, aus Civita-Vecchia datiert. Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem seine herzlichen Glückwünsche zu meinem Avancement sowie die Meldung, daß er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, daß das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen könne, man alles dem Maître de musique zu überlassen genötigt und ich in dieser Hinsicht gewissermaßen unentbehrlich wäre. Er schloß noch mit einer väterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und daß er mich recht bald erwarte. Herr von Brüge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich über das Ereignis seelenvergnügt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an das Klavier und komponierte einen recht munteren pas redoublé, machte dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und ließ mir meine feuille de route ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersüßen Abschiedsszenen übrig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit öfters gesehen hatte, ein zärtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war, schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady Mary sagte: „Da sehen Sie, was es heißt, ein Soldat sein; auch keine Minute ist man Herr über sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es Ihnen nicht in Florenz gesagt, daß es so kommen würde?“ Mary war wirklich außer sich und rief aus: „Wie! nachdem ich mir alle Mühe gegeben und Gott weiß was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, daß ich meinen Aufenthalt in Genua nehmen möchte, verlassen Sie es? Oh, wäre ich doch lieber in Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder wegzureisen.“ „Gott sei Dank!“ erwiderte ich in Gedanken und brachte noch eine recht zärtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht gleichgültig zu sein, auch sie schwamm in Tränen. Nun aber kam noch der schwierigste und von mir am meisten gefürchtete Abschied von allen, der von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner Abreise, als sie mich, wie es sehr häufig geschah, in meiner Wohnung besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womöglich noch tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur durch die Versicherung, daß ich ganz gewiß, ehe vierzehn Tage vergingen, wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen würde, gelang es mir, sie einigermaßen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir diesmal gewiß folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.
Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schönen Reisewagen noch hatte, so beschloß ich diesmal über Mailand nach Rom zu gehen und rollte mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria führenden Tor hinaus, mit der Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano wiederzuerhalten.