Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. – Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. – Ich erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. – Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. – Auch er war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte, welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? – ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen. Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch dazu kommen, und dann steckte ich in einem Cul de sac, aus dem kein anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre Engelsstimme hören zu wollen – sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied auf einen alten Gecken vorzutragen –, entfernte er sich mit einem ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst; aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung, mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren Zusammenkünften zu sinnen. –
Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand, so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung mit Dank annahm. – Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und allegro allegrissimo war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. – Gasqui aber meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe, so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle. Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte nolens volens bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese nur halb genießen würde.
„Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.“
„Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.“
„Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.“
Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit einem felicissima notte dankte.
Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen, aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert, und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und – eine halbe Stunde darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen Loge, einem chiaroscuro, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. – Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.
„Alle Wetter,“ rief ich aus, „ich habe ja die Zeche in der Restauration nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und sind dort im Versatz geblieben!“
Madame Gasqui lachte und lispelte: „Wohl möglich, wenigstens hat mein Mann keine zehn Lire bei sich.“
„Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,“ versetzte ich, „er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale zurück.“