Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte: „Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? – Ich glaube, es ist besser, wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt, er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.“

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend, seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: „Wenn man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.“

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem: „c’est bon, c’est bon“ ins Wort, Linange aber brummte in den Bart; Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino und Pulcinello gemacht hätten.

„Das glaub’ der Teufel,“ murmelte Linange auf deutsch, „ich wollt’ dich bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.“

„Und wie artig war nicht Kolumbine,“ fiel ich ein, tuend, als hätte ich Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das Heimkehren. – Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu mir: „Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der Leimrute in Obacht!“

„Das tue ich auch, Herr Graf.“

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden, sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. – Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. – „Ei, da soll ja eine Bombe dreinschlagen,“ sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. – Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten. Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo, Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. – Nach den ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben in dolce giubilo, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner Lebensart nicht selten war.