Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb Jahren Dienst und für mein Alter. – Wenn dies so fortgeht, dachte ich, dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. – Zu gleicher Zeit verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen, und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker, in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen, um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist, daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen, aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der Menschheit schon umgegangen! – Die Bastille in Paris war noch ein Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren, Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude, welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien, welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich, daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische „Una povera ragazza“ an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte, hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden, noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen. Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht, mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen, meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte, auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr. – Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als jedoch die Schildwache ‚aux armes‘ rief und die neue Wache im Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte. – Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein, aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden, um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut katholischer Christ sein müsse. – Ich nahm ein paar Schritte von den Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine, bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. – Nach gehörig vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben, unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen, sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde, sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit einem Kameraden getauscht habe. – Statt den geraden Weg nach der Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens bestens empfahl. – Ich hatte von ihnen herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert, da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte. Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.