„Corpo di Bacco,“ fiel er ein, „das waren meine Mädchen! Nicht wahr, Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des Fiorentino lernen.“

Als ich ihm sagte, daß auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus: „Ei, das ist ja scharmant, da können Sie mit meinen Mädchen musizieren,“ und bald hatte ich ihn so weit, daß er mich bei den artigen Kindern einführte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei diesen Mädchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine maronenfarbige Brünette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen, sehr niedlichen Wuchs und eine äußerst liebliche Gesichtsbildung, war auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wußte anfänglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied ich mich jedoch für die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Händedruck und Handkuß, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir uns endlich um Mitternacht trennten, küßte ich beide auf die Stirn und der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen Berufsgeschäften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf einige Augenblicke eintrat, uns so vergnügt und einig zu sehen. – Noch längere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem Zimmer der Mädchen und ihre Schatten an den Fenstern vorübergleiten. Den anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu dürfen, die mir auch auf das verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder „la ci darem la mano“ seine Schuldigkeit tun mußte, das ich den beiden Mädchen um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria zu, Giesù nuovo fast ganz vernachlässigend und mich bei Madame Gasqui unter allerlei Vorwänden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so häufig auf Promenaden und in die Theater führen zu können. – Beide Mädchen hatten noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht und waren wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu können, dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so großes Vertrauen er auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten beiwohnen, so spät es auch schon in der Nacht sein mochte. – Diese Abendandachten waren in Neapel äußerst anziehend und durch die trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, daß diese schönen Töne aus den Kehlen der häßlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Küssen gebracht, denn ich hatte die Mädchen noch nicht dahin bringen können, die Kirche zu verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen, obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten. Auch wußte ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen überzeugt schien, meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. – Des Nachmittags war mir indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und durch die Straßen begleiten zu dürfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte, das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die Mädchen meine Ciceroni machten, mir alle gewünschte Aufklärung gaben und mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebräuche dieses Volkes erklärten. Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klöster, in welchen gerade religiöse Feste gefeiert wurden, wobei die Böller immer eine große Rolle spielten und so stark geladen waren, daß ihr Abfeuern einen Knall wie eine zwölfpfündige Kanone hervorbrachte. Anfänglich glaubten auch wir in den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hören, wenn in einer der näheren Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fünfzig und mehr Böller vor derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelöst wurden. Am höllischsten war der Lärm, wenn eine Nonne ihr Gelübde ablegte und eingekleidet wurde.

Am häufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo und so weiter führte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener Straße kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht selbst mit angesehen, es geht über alle Vorstellung; da wird fast alles unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, ißt, trinkt, schläft, schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und zeugt sogar Kinder, – wenigstens bei Nacht, alles unter der Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens fünfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen und Paläste oder auf den Stufen und Bänken derselben wird manches Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen Kinder sowie überhaupt diese beständig auf Bänken herumfahrenden Leute oft scherzweise banchieri nennt. Diese Bankiers laufen, flöhen und reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren vor dem vorübergehenden Publikum, das, an solche Szenen längst gewöhnt, nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glücklich fühlen will, muß sich ganz dem Vergnügen des süßen Nichtstun überlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man dem dortigen Klima zu bringen hat, das heißt, man muß sein Glück in dem fast immer heiteren Himmel, der majestätischen See und den balsamischen Lüften, die uns sanftsäuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren Gedanken und Gefühle möglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, daß sie mir versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen sprechen zu können, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen Kapelle, in welcher gewöhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Händedruck zu erlangen, da die Türe des Gotteshäuschens immer offen stand und alle Augenblicke Leute vorübergingen; es gelang mir, sie zu überreden, mich auf meiner nächsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte. Erst zwei Tage später konnte ich es veranstalten, daß ich diese Wache wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen liebenswürdigen Schülerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht, als eben wieder eine Visitation der Gefängnisse vorüber war, und ich alles ruhig fand, den beiden Mädchen das verabredete Zeichen zum Herabsteigen mit einem weißen Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen sie auch, in dunkle Tücher gehüllt, und ich führte sie ganz unbemerkt auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin düster brennende Lampe in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches Chiaroscuro hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zählende Marietta zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, während Teresina gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta sträubte sich indessen ganz gewaltig und ließ mich ihre Gunst nur bis zu einem gewissen Grad genießen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergnügen gewährte, als die baldige gänzliche Ergebung verheirateter und routinierter Frauen, denn Marietta war völlig Anfängerin, die liebe Unschuld selbst, und seitdem war: „la mia passione predominante, sempre la giovin principiante.“

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertändelt, und schon verkündete ein lichter Schein die herannahende Dämmerung, als die noch immer am Fenster sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte, daß es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, daß sie vollkommen recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren, ob sich die Mädchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinüberschleichen könnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustüre, wo ich beiden einen feurigen Abschiedskuß gab, meine letzte Ronde machte, worauf der Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf, das soeben noch der stumme Zeuge meines Glücks gewesen; allerlei phantasierend, schlief ich so gut, als hätte ich eben einen forcierten Marsch zurückgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelöster Wache zu besuchen, da sie mir etwas von großer Wichtigkeit mitzuteilen habe. – Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir längst bekannt. Unterdessen frühstückte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden, verschämt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mädchengesichter. Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimführen übergeben und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg nach Giesù nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber für meinen pünktlichen Gehorsam mit Vorwürfen, daß ich mich gar nicht mehr sehen lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie wohl ein, daß jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, daß wenn sie meinen Worten nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen könne, ob ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Kuß mehr von ihr erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen, küßte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fügte dann hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, daß ein französisches Liebhabertheater in Giesù nuovo gebildet werden solle, zu dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet hätten, ich möchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung des Ganzen übernehmen. Mit Vergnügen vernahm ich diese Mitteilung und willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich verhindert hatten, an die Ausführung derselben zu denken. Noch sagte mir Madame Gasqui, daß ihr Mann im Sinn habe, nächstens mit einigen guten Freunden den Vesuv zu besteigen, ich möge doch auch mit von der Partie sein. Auch dies war längst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den angeführten Gründen hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflüge in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen müssen.

Ich verließ nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem Versprechen, mich baldmöglichst wieder einzufinden und beschäftigte mich, so weit es die Umstände erlaubten, mit der Ausführung der projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknüpften Vergnügungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber für meine Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu überwindendes Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mädchen kaum einige Minuten auf meiner Wachtstube waren, gab es plötzlich Lärm im Hof der Vicaria, und man schrie, daß mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten verzweifeln, da sie fürchteten, man möchte auch ihre Abwesenheit entdecken und sie gar bei mir finden. Über das letztere beruhigte ich sie und schloß, indem ich hinabeilte, die Türe hinter mir ab. Vor der Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefängnisse und den Kastellan, die mir meldeten, daß zwei Gefangene eines Kellergefängnisses fehlten, dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsägt seien, aber die Kerls müßten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das geschlossene Tor, noch über Dächer, Mauern und Gräben hätten entwischen können. Ich tröstete die geängstigten Leute, indem ich ihnen sagte, daß, da die Gefangenen nicht aus dem Schloß sein könnten, wir sie wohl auffinden würden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen, ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Türen mit Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich ließ unterdessen die Mädchen in den Hof entschlüpfen, die aber unglücklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre ebenfalls besetzte Türe erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Türe, wo die Tante herausstürzte, um die Mädchen, deren Abwesenheit sie schon entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort kommen konnten, sagte ich zu der ersten: „Hier, Signora, Ihre Kinder, welche in der Angst über den entstandenen Lärm die Unvorsichtigkeit begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt zurück, sie können unter allen Umständen nicht besser aufgehoben sein als bei Ihnen.“ „Mille grazie, signor Uffiziale,“ erwiderte die Tante und sagte zu den Mädchen: „Aber wie geht es zu, daß ihr euch noch gar nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch längst Mitternacht vorüber.“