„Oh cara zia,“ versetzte Marietta schnell, „wir saßen noch am offenen Fenster, der Musik lauschend, die der Signor Tenente machte.“
„Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehört.“
„Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur pianissimo.“
„Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne schwächer. Ich lag zwar schon längst im Bett, war aber noch nicht eingeschlummert, als der Lärm anging.“
„Hier sind sie, ich habe sie,“ rief nun plötzlich eine Donnerstimme, es war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frühe unangehalten zum Tore hinausgehen zu können hofften.
Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet, und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, daß ich seine naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lärm aus der väterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurückgebracht habe.
Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Kuß, was ich schon öfter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, daß es Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so zänkisch und mürrisch, eigensinnig und bissig, daß es gar nicht mehr mit ihr auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswürdig fand.
Eines anderen Tages brachte ich den Mädchen zwei sehr schön fassonierte Körbchen von Schokolade, wie ich mich überhaupt nie ohne etwas Naschwerk bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu Neapel in der höchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Körbchen hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon längst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier gewickelt war. Die beiden Mädchen untersuchten ihre Geschenke und die schon längst argwöhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fühlte unglücklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz eingewickelt war, ohne daß ich es hindern konnte, denn Teresina hatte die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden, nahm es weg, öffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die Worte: alla piu amabile, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben hatte. Nun geriet das Mädchen in einen solchen Zorn, daß sie die beiden Körbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Füßen zerstampfte und zertrümmerte und den Ring mit den Zähnen zerbiß. Vergeblich gab ich mir alle Mühe, sie zu besänftigen, indem ich sie versicherte, daß das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Körbchen verwechselt habe, sie hörte gar nicht darauf, fuhr so zu wüten und zu toben fort, daß ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach mir und ihrer Cousine biß, bis sie die heftigsten Krämpfe bekam und sich in denselben auf dem Boden wälzte, so daß mir bange wurde, sie möchte in dem Anfall bleiben. Ganz erschöpft fiel sie endlich in eine starke Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewußtlos; wir brachten sie in diesem Zustand auf ihr Bett. – Nun aber fing auch Teresina heftig zu weinen an, machte mir Vorwürfe, daß ich den Frieden und die Eintracht zwischen ihnen beiden gestört habe, ich hätte mich an die eine oder die andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und so weiter. Ich hatte jetzt alle Mühe, dieses sonst so sanfte Mädchen zu besänftigen und zu trösten, die mir noch mitteilte, daß sie schon seit einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl imstande wäre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fähig seien, wenn sie sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurückgesetzt fänden, sie werde nun wohl Neapel verlassen müssen oder gar fortgeschickt werden.
Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und erschöpft, daß sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir nochmals alle Mühe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin bringen, sie ganz zu besänftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu hören. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich mich, ihr zum Abschied sagend, daß es unter solchen Umständen wohl das Beste sei, uns künftig zu meiden. Diese Worte ärgerten sie so, daß sie beinahe einen zweiten Anfall bekommen hätte. Um dies zu vermeiden, eilte ich schnell zur Tür hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der Vicaria ebenso sehr, wie ich sie früher gesucht hatte. Einige Zeit darauf erfuhr ich, daß ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der sich in das Mädchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglücken, und dieser sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimführte. Ich vermied nun zwar diese Wachen nicht mehr, drängte mich aber auch nicht dazu, obgleich ich wußte, daß jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims mit der Tante hauste.
Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel öfter besucht und mir viel Mühe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu bringen; es war endlich so weit gediehen, daß wir es mit Beaumarchais Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Gräfin spielte, eröffnen konnten. Die Einrichtung der Bühne und des Raumes für die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil, daß König Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen würdigte. Ich bin überzeugt, die ehrwürdigen Väter Jesu hätten ebenfalls ihre Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal hätten beiwohnen können; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komödie in anderer Manier.