Einige Tage nach unserer Rückkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens mit ihrem neapolitanischen Bräutigam, dem Bataillonschef Ritucci, gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene eben nicht sehr erfreut darüber. – Das Mädchen hatte keine Neigung zu dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besaß, was ein junges hübsches Mädchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das Mädchen gerne à tout prix unter die Haube bringen wollte, hatte diese Heirat betrieben, und als die Tochter äußerte, daß sie keine Neigung zu dem Mann habe, erwiderte sie ihr: „Dumme Gans, wenn er dir nicht gefällt und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.“ Echte Grundsätze verheirateter Militärfrauen. – Auch ich suchte das hübsche Mädchen bestens zu trösten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten uns mit Vergnügen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem süßen Andenken an dieselbe hin. – Schon als Knabe hatte ich Helene in Offenbach gekannt und fast täglich gesehen, da ihre Eltern der Pension des Hofrats Scherer gegenüber wohnten und sie oft herüber kam, ihre jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fuß mit der schönen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Gefälligkeit hatte, uns öfter allein zu lassen und der Bräutigam nur wöchentlich ein- oder zweimal von Neapel kam. – Der Hochzeitstag war bereits festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mädchen das Versprechen erhalten, daß sie mich an diesem Tag ganz glücklich machen wolle und ich das droit du seigneur haben solle, wenn es irgend möglich zu machen sei, aber auch nicht früher, denn kein Mensch könne für noch nicht geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch das Versprechen eines schönen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, während der Bräutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden Gärtchen, in einem reizenden schneeweißen Morgenanzug. Hier brachten wir eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mußte. Wir schwammen diese Stunde im seligsten Entzücken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie es verlassen, in ihr Kämmerchen schlüpfte. – Ich hatte es nicht gemacht wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist’s, daß die Braut auch noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies würde mich nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war, ging mit aller Formalität um die Mittagsstunde vor sich und nach derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren reitend eskortierte. Ich war mit Helene übereingekommem daß wir uns öfters bei ihren Eltern in Castellamare sehen würden, wo sie dieselben bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst wußte und es der Dienst zuließ. Hier hatten wir dann die beste Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren Wonnegenüssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.
Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit mehreren Mineralquellen und zählt an zehntausend Einwohner. Die königliche Villa ist so schön, daß die Einwohner sagen: „Qui si sana per forza.“ Herrliche Kastanienalleen führen durch dieselbe und romantische einsame Fußpfade in die nahen Gehölze, die wir heimsuchten. Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, daß Murat, als er ihn zum erstenmal sah, ausrief: „Et tout cela m’appartiendra!“ – Der Wein, der hier wächst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in Trümmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normänner herrührt, erhöht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurück; fährt man mit mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist weit länger und umständlicher, auch benützte ich ihn selten.
Wir befanden uns beide recht wohl bei unserem Einverständnis und waren noch im Taumel der Flitterwochen der Liebe, als uns das Verhängnis, das auch kein noch so inniges Verhältnis berücksichtigt, plötzlich trennte. Das Bataillon, bei dem ich stand, erhielt unerwartet Marschorder nach Cosenza. Ich nahm in Neapel Abschied von Helene und ihrem Mann. Erstere konnte kaum ihre Betrübnis und der andere kaum seine Freude deshalb verbergen; denn obgleich weit entfernt zu ahnen, wie ich mit seiner Frau stand, war ihm deren Bekanntschaft mit mir doch nicht sehr angenehm, und es schien, als fürchtete er, was schon nicht mehr zu fürchten war.
Wir traten den mir schon bekannten Weg nach Kalabrien an und kamen ohne allen Unfall und bei noch ziemlich günstigem Wetter nach Cosenza.
Noch immer war der Brigantenkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten in vollem Gang, und es war besonders darauf abgesehen, die Bewohner des Kantons Longo-Bucco, die in fast unzugänglichen Waldgebirgen hausten und Abgaben zu zahlen sich weigerten, den Steuererheber getötet und sich empört hatten, zu züchtigen, nachdem alle Versuche, sie in Güte zur Räson zu bringen, gescheitert waren. Unser Bataillon marschierte in aller Stille nach dem aufrührerischen Kanton ab, während ein anderes sich zu gleicher Zeit von Rosano aus dahin begab. Mit Hilfe sicherer und reichlich bezahlter Führer gelangten die Truppen durch große Umwege durch nur von Herden Hirschen und Rehen bewohnte Wildnisse und Wälder ziemlich unbemerkt in die Gegend, in der die widerspenstigen Dörfer lagen. Als aber endlich einem derselben unsere Annäherung bekannt ward, wurde dort sogleich die Sturmglocke gezogen, um den Alarm in der Umgegend zu verbreiten und Briganten und Bauern herbeizuläuten. Das Läuten wiederholte sich nun von Dorf zu Dorf, und schnell fand sich eine große Menge bewaffneter Insurgenten auf den höchsten Gipfeln des Waldgebirges versammelt. Unsere Kolonnen rückten nun Tambour battant im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonett, lautem Hallo und en avant gegen die Briganten, die aber nicht für gut fanden, den Angriff abzuwarten, sondern die Flucht ergriffen. – Mit dem sinkenden Tag kamen wir bei dem Städtchen Longo-Bucco an, das in einem tiefen und schauerlichen Waldtal an dem zwischen gigantischen Felsenmassen dahinbrausenden Trionto liegt und der eigentliche Feuerherd der Insurgenten war. Der Ort, der etwa vier- bis fünftausend Einwohner zählt, hat eine Lage, die sich vortrefflich zu einer Raub- und Mordhöhle qualifiziert und ist von Felsenmassen und waldigen wildverwachsenen Anhöhen umgeben. Die Bewohner desselben sind meistens Kohlenbrenner, Nagelschmiede und dergleichen, die durch ihr rußiges Aussehen ohnehin schon Höllenbewohnern gleichen. Wir fanden für gut, nicht in diesen Ort hinabzusteigen, sondern schlugen auf den Höhen rings um denselben ein Biwak auf und zündeten während der Nacht ein paar hundert Wachtfeuer an. Dieses versetzte die Einwohner in große Angst, sie fürchteten, uns jeden Augenblick herabsteigen und ihre Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen zu sehen. Wir hörten fortwährend ein Schreien, Tumultieren in des Tales Tiefen; die Leute suchten ihr Hab und Gut und ihre Person in Sicherheit zu bringen. Erst mit Tagesanbruch wurden zwei Kompagnien hinabgesendet, sie fanden aber den Ort bis auf wenige Greise, ein paar alte Weiber und einen Pfarrer gänzlich verlassen. Letzterer bat fußfällig um Gnade und Schonung, die ihm unter der Bedingung versprochen wurde, daß die Bewohner zurückkehren und ihre sämtlichen Waffen ausliefern, im entgegengesetzten Fall wir aber mit der gänzlichen Zerstörung der Stadt beginnen und fortfahren würden, bis kein Stein mehr auf dem andern wäre. Der Pfarrer beteuerte, sein Möglichstes tun zu wollen, unserem Begehren zu entsprechen; in der Tat kamen auch bald darauf viele Einwohner zurück und legten ihre Waffen nieder; die Rädelsführer aber hatten sich mit anderen Haufen tiefer in das Waldgebirge zurückgezogen, wollten von keiner Unterwerfung etwas wissen und hatten ein auf einem der steilsten Felsengipfel gelegenes, noch obendrein mit einer ziemlich hohen Mauer umgebenes Dorf besetzt, in dem sie anzugreifen wir nun Anstalt machten. Ein halbes Bataillon stark, bei dem auch meine Kompagnie, setzten wir uns gegen Abend in der Richtung von Bocchigliero in Marsch; nachdem wir den größten Teil des Wegs zurückgelegt und die Nacht völlig hereingebrochen war, machten wir mit einem Male eine Wendung und marschierten in aller Stille auf das Dorf zu, in dem sich die Insurgenten befanden, die glücklicherweise keine Kunde von unserer Annäherung erhalten hatten. Mit Tagesanbruch standen wir ganz unerwartet vor ihnen und forderten sie auf, sich zu ergeben, die Aufforderung wurde aber mit Gewehrschüssen beantwortet. – Der Ort schien uns anfänglich unangreifbar, denn er hing gleich einem Adlernest an dem Abhang der Felsenmasse; nach näherer Untersuchung entdeckte ich aber, daß er von der anderen Seite, wo er sich am Felsen anlehnte, zugänglicher war. Die Voltigeurs erkletterten nun diesen Felsen, und so gelang es ihnen bald, vorzudringen; als wir dieses inne waren, wurde sogleich ein Sturm angeordnet, und trotz des heftigen Gegenfeuers, das die Insurgenten von der Mauer herab unterhielten, wobei viele der Unsrigen stürzten, drangen wir bis an das Tor, das wir einschlugen, und sofort in das Dorf vor, wo alles niedergemacht wurde, was uns in den Weg kam. Beinahe alle männlichen Bewohner und Insurgenten verloren das Leben, der Ort wurde den Flammen übergeben und in demselben gehaust, wie es in durch Sturm eroberten Orten zu gehen pflegt und die Kriegsgesetze gestatten. Aber auch mehr als ein Soldat wurde während der Umarmung eines Mädchens oder einer Frau von deren Vater, Bruder oder Gatten noch niedergestochen, ja wohl gar von seinem Opfer selbst erdolcht. Viele Weiber hatten sich nebst Kindern und einigen Greisen in die Kirche geflüchtet, wo es den Offizieren nur mit Mühe gelang, sie vor der Wut der Soldaten zu schützen. Die Gassen des Orts lagen voll Leichen, mehrere der Insurgenten, die hier über dreihundert Mann verloren, hatten sich den Felsen hinab in die grauenvollsten Abgründe gestürzt, in denen ihre Körper zerschmettert wurden, einige der Anführer waren aber mit einem Teil ihrer Leute entkommen und hatten sich nach Bocchigliero geflüchtet, wo sie Schrecken und Bestürzung verbreiteten, da sich die Einwohner dieses ziemlich bedeutenden Fleckens nicht schuldlos wußten. Um das sie bedrohende Unwetter abzuwenden, sandten sie den anrückenden Truppen eine Deputation entgegen, die um Gnade und Barmherzigkeit flehte. Wir behielten diese, welche aus den angesehensten Einwohnern des Orts bestand, als Geiseln zurück und forderten vor allem die Auslieferung der Waffen und der Rädelsführer. Erstere lagen, ehe eine Stunde verging, in einem großen Haufen, aus Gewehren, Karabinern, Säbeln, Pistolen, Dolchen und so weiter bestehend, vor uns, die anderen aber waren schon wieder weiter entflohen. Die Steuern wurden nun nebst einer starken Brandschatzung erhoben, und bis dies geschehen, blieben in all den Ortschaften starke Militärabteilungen liegen. Wir marschierten jetzt nach Cosenza zurück, wo sich schon wieder ein Befehl des Kriegsministers vorfand, der unser erstes Bataillon nach Neapel zurückbeorderte. Daselbst angekommen, ward mir eine Überraschung zuteil, die mir zu jener Zeit viel Freude machte: Oberst Billiard übergab mir nämlich, als ich mich bei ihm meldete, das Kreuz der Ehrenlegion, das für mehrere der sich bei der Einnahme von Capri hervorragend beteiligten Militärs von Paris angekommen war.
Mein erster Besuch in Neapel war bei Helene, wo ich es so gut traf, daß sich ihr Mann gerade im Dienst abwesend, zu Gaëta befand. In ihrer Begleitung besuchte ich ihre Eltern in Castellamare, wohin wir eine angenehme Wasserfahrt machten, obgleich das Meer etwas stürmisch war und wir tüchtig geschaukelt wurden. – Ritucci kam erst nach zehn Tagen zurück, die wir gut zu benützen wußten. – Ich wurde gleich darauf mit achtzig Mann in das nahe Städtchen Nola detachiert, wo sich die Einwohner gleichfalls weigerten, die ihnen auferlegte Kriegssteuer zu bezahlen, und ich so lange weilen sollte, bis dies geschehen. Jeder Mann sollte, so lange dieser Aufenthalt währte, zwei, die Sergeanten vier Carlini, der Offizier, der noch bei mir war, zwei und ich vier Ducati täglich erhalten, außerdem mußten die Soldaten bei den widerspenstigen Einwohnern einquartiert werden.
Nola ist ein kleines, ungefähr fünf Stunden von Neapel entferntes, am Fuß einer bis zum Vesuv reichenden Hügelreihe liegendes Städtchen, das an siebentausend Einwohner zählen mag, schon in der hetrurischen und römischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle spielte und von den Hetruskern achthundert Jahre vor Christi Geburt gegründet wurde. Hannibal belagerte sie, als eine bedeutende Stadt, im zweiten punischen Kriege, wurde aber zweimal von Marcellus vor ihren Mauern geschlagen. Augustus starb daselbst im fünfzehnten Jahre nach unserer Zeitrechnung. – Hier wurden auch die Glocken erfunden.
Ich kam gegen Abend zu Nola an. Die Leute wurden einquartiert, ich ließ eine Wache von einem Korporal und sechs Mann aufziehen und begab mich, nachdem ich alles gehörig angeordnet hatte, in das mir in einem entlegenen Teil der Stadt und ziemlich weit von der Wache angewiesene Quartier, einem kleinen Häuschen, das nur eine dürftig möblierte Parterrewohnung hatte und in dem ich mich ganz allein mit meinem Burschen befand. Nachdem ich etwas zu Nacht gegessen, setzte ich mich in eine Ecke auf einen hölzernen Stuhl und las in Dantes ‚Comedia divina‘, die ich mitgebracht hatte, während mein Bursche noch in demselben Zimmer mit der Reinigung einiger Effekten beschäftigt war. Es mochte ungefähr fünf Uhr in der Nacht (etwas nach zehn) sein, als plötzlich ein Schuß fiel, der ganz in der Nähe losgegangen sein mußte. Mein Bursche sprang schnell auf, riß Fenster und Laden auf und schrie: „Qu’est ce que cela veut dire?“ Aber in demselben Augenblick fielen noch drei bis vier Schüsse, beinahe zu gleicher Zeit, deren Kugeln durch das geöffnete Fenster in die Stubenwände drangen, ohne daß weder Louis noch ich verwundet wurden. Ich hatte aber durch das Blitzen des Feuers ziemlich deutlich bemerken können, daß sie aus dem Fenster eines gegenüberliegenden Hauses gekommen waren. Der Bursche schlug nun krachend Laden und Fenster zu, und ich sprang nach meinen Pistolen und meinem auf dem Tische liegenden Säbel und beschloß, wenn es, wie ich befürchtete, auf eine allgemeine Metzelei des Detachements abgesehen wäre, mein Leben teuer zu verkaufen. Ich dachte an das Schicksal des Kapitäns zu Gli Parenti und seiner Leute, hatte aber in einer so nahe bei Neapel liegenden, sonst ziemlich friedlichen Stadt so etwas am wenigsten vermutet. – Mich vor das Haus bei dunkler Nacht ohne die mindeste Lokalkenntnis zu wagen, war nicht rätlich, denn ich konnte, die Tür verlassend, niedergemetzelt werden, ohne im mindesten dem Detachement nützlich zu sein. Ich setzte mich unter diesen Umständen mit dem Rücken gegen den Pfeiler, der die beiden Fenster meiner Stube trennte, und legte meine scharf geladenen Pistolen und den blanken Säbel auf den vor mir stehenden Tisch, während Louis sich mit seinem geladenen Gewehr in die Ecke setzte, die der Tür und den Fenstern gegenüber sich befand, damit er bei etwaigem Einbrechen gleich losschießen könne; die Haustür verbarrikadierten wir außerdem mit Stühlen und was wir vorfanden. So brachten wir wachend die ganze Nacht bis zum Grauen des Tages zu, ohne daß sich weiter das mindeste regte. Die Nacht schien uns gar kein Ende nehmen zu wollen. Glücklicherweise hatte Louis sich mit ein paar Pokalen Wein versehen, den wir allmählich tranken; bei jedem Zug, den wir taten, schien uns unsere Lage minder gefährlich, und als der letzte Tropfen geleert war, schien das erste Tageslicht durch die Fenster. Ich öffnete das eine, sah mich auf dem Platz vor dem Haus um und erblickte keine Seele. Jetzt verließ ich meine Wohnung und suchte die von derselben sehr entfernt liegende Wache auf, die ich im besten Zustand antraf und deren Kommandant mir rapportierte, daß sie zwar in ziemlicher Entfernung hätten mehrere Schüsse fallen hören, worauf sie aber, da nachher alles wieder ruhig und still geblieben, nicht weiter geachtet hätten. Ich ließ nun einen Tambour holen und sogleich Generalmarsch schlagen. Eine halbe Stunde darauf war das ganze Detachement mit Sack und Pack versammelt, auch nicht ein Mann fehlte bei dem Appell, zu meiner großen Beruhigung, denn ich hatte mich des Gedankens, daß es auf eine kleine sizilianische Vesper abgesehen gewesen, die ganze Nacht nicht erwehren können; es war aber, wie es schien, nur auf mich, als den Kommandanten der zur Exekution bestimmten Truppen, und also auf eine dumme, zu nichts führende Rache abgesehen. – Ich machte meinen Bericht, requirierte einen Wagen und sandte einen Sergeanten mit demselben an die Kommandantur nach Neapel ab, ließ sodann den Sindico holen, dem ich das Vorgefallene mitteilte, sowie daß ich einstweilen, bis ich neue Verhaltungsbefehle aus der Hauptstadt habe, mit meinen Leuten das Rathaus in Besitz nehme, was ich auch sofort vollzog. Der Mann zog die Achseln, mit einem „Non so niente,“ und als ich ihm das Haus bezeichnete, aus dem, wie ich glaubte, die Schüsse gefallen seien, meinte er: „Impossibile, son bravissimi gente.“ – Noch denselben Tag kam ein Offizier mit sechzig Mann Verstärkung von Neapel an und brachte mir eine Instruktion, nach welcher ich so ziemlich carte blanche hatte und die auferlegten Tagegelder für die Offiziere und Truppen nun verdoppelt wurden, mir auch an die Hand gegeben wurde, daß es mir frei stehe, bei den Zivilbehörden fünfzig bis hundert Mann mehr anzugeben, als ich wirklich habe. Ich ließ nun den alten gräflichen Palazzo sogleich zu einer Kaserne einrichten, requirierte Betten und Gerät für die Mannschaft und zeigte dem Sindico an, daß jeden Tag, so lange wir hier seien, für zweihundert Mann Brot, Fleisch, Wein, Gemüse und so weiter durch einen Fournisseur zu liefern seien, sowie die durch das Generalkommando bestimmten Tagegelder. Ich hatte nur einhundertvierzig Mann und ließ mir die Lebensmittel für die nicht vorhandenen sechzig vom Fournisseur bar zu einen Franken per Mann bezahlen; ich hätte hundert mehr rechnen dürfen, so daß ich mit dem Geld nun eine bare Einnahme von mehr als zweihundert Franken täglich hatte, von denen ich jedoch die Hälfte meinen beiden Offizieren überließ. – Die Täter, welche geschossen hatten, waren nicht zu ermitteln, mit völliger Bestimmtheit konnte ich auch das Haus nicht angeben, denn es war Nacht gewesen, und ich konnte mich irren. Die von der Stadt zu zahlende Kontribution wurde jetzt verdoppelt. Aber nicht bloß mit guten Lebensmitteln mußte uns der Fournisseur versehen, sondern auch mit anderen Dingen, und namentlich hübsche Landmädchen mußte er den Offizieren zuführen, was er auch zu unserer vollkommensten Zufriedenheit besorgte, damit uns die Langeweile nicht plagte. Mich hatte er mit einem recht artigen Bürgermädchen, das sich Chiaretta nannte, versehen, die während unseres Aufenthalts Wohnung und Tisch mit mir teilte. –
Nach vierzehn Tagen hatte die Stadt den größten Teil der Kontribution und auferlegten Strafgelder entrichtet und brachte es dahin, daß sie die ungebetenen und teuren Gäste los ward. Wir beschenkten bei unserem Abmarsch reichlich unsere bisherigen Gesellschafterinnen und entließen sie in Gnaden; sie fanden uns weit liebenswürdiger als ihre neapolitanischen Galans und wären gerne mit uns gegangen. Ich brachte für meinen Teil über tausend Ducati von dem Kontributionsgelde mit nach Neapel, wo wir kurz vor Weihnachten eintrafen. Ich machte nun in fast allen Kirchen die Runde, um die Vorbereitungen zu diesem hier sehr hehren Fest zu sehen, wo man in jedem Tempel die Geburt Christi auf verschiedene Weise darstellt; die meiste Zeit hielt ich mich aber in der großen Karmeliterkirche auf, um die Schönen Neapels auf der Treppe zu dem wunderbaren Kruzifix mit den immer wiederwachsenden Haaren vor mir defilieren zu lassen. In der Nachmittagsstunde des ersten Feiertags kamen zwei reizende Gestalten in der schwarzseidenen Nationaltracht, ich möchte fast sagen auf den Stufen herangeschwebt, denn nie sah ich niedlichere Füßchen mit Zephirtritten über die Erde gleiten, die zu dem Wunderbild führten. Ich hatte mich oben in einiger Entfernung von dem Kruzifix postiert, von welchem mir ein ehrbarer Priester versichert hatte, daß die Stadt einmal – der Mann wußte selbst nicht recht, wann, vielleicht schon vor Christi Geburt[7] – von den Türken beschossen worden wäre, wobei eine Kanonenkugel gerade auf das Haupt des Kruzifixes gefallen sei, welches aber dieselbe dem Feinde auf der Stelle zurücksandte und ihm mit dieser einzigen Kugel über fünftausend Mann tötete, wodurch er zum Rückzug und eiliger Flucht genötigt und die Stadt befreit ward. (Von diesem wichtigen Ereignis weiß aber kein Geschichtschreiber etwas.) Seitdem wachsen diesem Kruzifix die vier Schuh langen Haare alljährlich wieder. Auf meine freilich etwas naseweise Frage, warum denn der Heiland, wenn er doch einmal Wunder tun wolle, es nicht vor jedermanns Augen tue und die Haare sogleich wieder wachsen lasse, antwortete mir der Pfaffe mit schlauem Gesicht: „Chi puo approfondare le raggione di Dio.“ Und damit war ich, wie sich’s gebührt, abgefertigt. Bei dieser Ausstellung wurde dem Volk mit vielsagender Bedeutsamkeit verkündet, daß das Kruzifix unfehlbar recht bald wieder ein neues Wunder vollbringen würde. Die Erbitterung des Volkes war trotz Murats Reformen und dank den sizilianischen Umtrieben auf das höchste gestiegen, auch war man in den letzten sechs Monaten nicht weniger als einem halben Dutzend mehr oder minder ausgedehnten Verschwörungen auf die Spur gekommen.
Meine beiden ätherischen Schönen waren indessen herangekommen, und das Gesicht der einen entsprach ganz ihrem graziösen Wuchs; es war eine Beltà rarissima, auch die andere war so übel nicht. Ich ließ die beiden Signorinnen nicht mehr aus den Augen. Als sie ihr Gebet verrichtet und ihr Opfer gebracht hatten, eilte ich ihnen voran die Stufen hinab, um ihnen das Weihwasser zu reichen, das sie freundlichst von mir annahmen. Ich folgte beiden durch viele Kreuz- und Querstraßen; sie hatten es bemerkt, und an einem nicht sehr ansehnlichen Haus in der Vorstadt, die nach Capua zu liegt, angekommen, sahen sie sich noch einmal um und verschwanden in der Haustür. Ich ging nun noch einigemal vor demselben auf und nieder, bemerkte bald die Schönen hinter einem Fenster und machte den kommenden Tag Fensterparade zu Pferde, Kapriolen und Lançaden vor deren Wohnung und wurde ebenfalls bemerkt. Bald hatte ich durch eine alte dienstfertige Ruffiana, der ich einen Piaster spendete, herausgebracht, daß die beiden Damen zwei Schwägerinnen seien und die eine die Gattin eines nobile caduto, der ein kleines Amt bekleide und Carfori heiße, die andere aber die schöne Isaura Carabelli sei, deren Mann, als der Regierung verdächtig, sich schon seit einiger Zeit geflüchtet und sich wahrscheinlich in Sizilien aufhalte. Mit Hilfe der Alten erhielt ich schnell Zutritt bei den Damen, denen ich anfangs beiden den Hof machte, ohne mich bestimmter für die eine oder die andere zu erklären, aber damit endete, mich an die schöne Isaura zu halten, ohne jedoch ihre geistreichere Schwägerin ganz aufzugeben, deren Gatte gegen meine Bekanntschaft nichts einwendete, da er glaubte, meine Besuche gelten einzig der anderen Dame. Ich führte sie nun auf die Promenade, in die Theater, wir klimperten des Abends Gitarre zusammen, sangen Canzonetti, und der herannahende Karneval versprach der Vergnügungen gar mancherlei, doch vernachlässigte ich auch Helene nicht und besuchte sie von Zeit zu Zeit. – Murat begann nun auch seinen Hof zu organisieren und zog die ersten Schönheiten des Adels an denselben, der bald äußerst glänzend wurde und an dem die neue Königin Karoline wohl nebst der Herzogin von Atri und der Marchesa Cravagante die ersten Schönheitssterne waren.