Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das Gewehr treten ließ, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr marschierten wir an den Hafen, wo sämtliche zu dieser Expedition bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fünfzig kleine Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh dicken Matratzen versehen waren und zwölf bis zwanzig Ruderer hatten. Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegeneräle Prinz Pignatelli, Montferras und Detrées; wir mochten etwa zweitausend Mann in allem stark sein.
Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: „Kapitän, mich däucht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?“
„Sire, es sind noch nicht fünf Monate, daß ich die Ehre hatte, von Eurer Majestät in der Straße zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals verwundet.“
„Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten das Leben rettete.“
Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen Worten mitteilte, worauf er mir sagte: „Wohlan, Sie haben hier eine treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.“
„Sire, was an mir liegt, wird geschehen.“ –
Es war neun Uhr vorüber, als wir so geräuschlos wie möglich abfuhren; in Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See stießen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen die als treffliche Schützen bekannten korsischen Jäger waren. Die Überfahrt ging schnell und glücklich vonstatten, gegen drei Uhr nach Mitternacht waren sämtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der Insel angekommen; der Angriff sollte auf der südöstlichen Seite stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefährlichsten war, aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung mußte mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden, weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwährenden Feuern einer Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien Engländer und Sizilianer auf den Felsenhöhen, die wir erklimmen mußten, versammelt und stießen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so daß sie an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See fielen. Der Bataillonschef Livron, später General in Diensten des Vizekönigs von Ägypten, war der erste, der festen Fuß faßte. Jetzt wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand der Schiffe ruhten und mithin einem immerwährenden Schwanken unterworfen waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen Jägern, stürmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hörner und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder stürzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand, wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich befand, zunächst stand, doch fielen die meisten in eine Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen davon. Ich war ungefähr der sechste Mann auf unserer Leiter und der dritte, der die Höhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den Sprossen fest, meinen Säbel hatte ich zwischen den Zähnen, und mit dem rechten parierte ich die von oben herabstürzenden Soldaten, da ich bemerkt hatte, daß, sobald einer fiel, er gewöhnlich auch zwei bis drei andere mit sich herabriß. Als ich eben auf die Krone des Felsens springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den Daumen stieß, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine Brust zielte, verrückt, und der Schuß ging mir unter dem rechten Arm durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches der Soldat nicht losließ, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den Felsen, auf dem ich Fuß faßte, der nach mir folgende Karabinier schoß meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Säbel Platz und Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri loszurücken, dessen Anhöhen wir ebenfalls unter dem hartnäckigsten Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und Kartätschenfeuer ersteigen mußten. Aber auch diese die ganze Insel beherrschende Anhöhe wurde endlich gestürmt, und die Engländer zogen sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die anderen Forts zurück, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch die der Feind hätte Hilfe erhalten können, besetzt, bei welcher Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann für Mann, ebenfalls unter fürchterlichem Kartätschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln hinabsteigen mußten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten, Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade gegenüber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab sogleich den Befehl, daß alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind angreifen sollten. – Da ein außerordentlich starker Landwind wehte, so mußten die großen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant. – Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische Kommandant Hudson Lowe. – Wer hätte wohl damals vermutet, daß sieben Jahre später Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein würde? – Einen Narren würde man den genannt haben, der so etwas nur im Traum hätte sehen wollen.
Die Kapitulation enthielt die Bedingung, daß die Garnison zwar nach England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis zum Frieden dienen dürfe. Höchst wichtig war die Eroberung Capris für Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als für den Handel. Die Insel war bis jetzt eine lästige Fliege auf unserer Nase gewesen. –
Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen brillantenen Heiligenschein.
Nach unserer Rückkehr wurden vorerst einige dreißig Kreuze des Ordens beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward, worüber ich eine große Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien noch für was Rechtes! – Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern von fünf Spitzen mit rubinrotem Email, über welchem ein goldener Adler an einem himmelblauen Bändchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen mit der Inschrift: Renovata patria, auf der anderen Seite: Joseph Siciliarum rex instituit. Er brachte jährlich fünfzig Ducati ein. Der Eid, den man als Ritter desselben ablegen mußte, besagte, daß man sein Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. – Nach Murats Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.