Auf der anderen Seite machte er auch das französische Militär mißmutig, indem er Reklamationen und Klagen gegen dasselbe oft mit fast parteiischer Vorliebe anhörte, um sich, wie er vermeinte, dadurch um so beliebter bei den Einheimischen zu machen. Die ihn umgebenden Neapolitaner, seiner Eigenliebe schmeichelnd, machten ihn glauben, daß die Aufregung in den Provinzen hauptsächlich daher rühre, weil man französische Militärkommandanten in dieselben gesetzt, die mit großer Willkür und sehr despotisch handelten, was zum Teil auch an dem war. Er nahm nun denselben diese Kommandos ab und besetzte sie mit Einheimischen, sowie auch andere Stellen; dies brachte die Franzosen auf, welche jetzt ihren Dienst oft vernachlässigten, was Ursache war, daß die Insurgenten bald ihr Haupt neuerdings und drohender erhoben. Hierzu kam noch, daß das Desertieren der Unteroffiziere und Soldaten französischer Regimenter, um bei den neugebildeten neapolitanischen Truppen angestellt zu werden, von oben begünstigt wurde, so daß in kurzem mehr als viertausend Mann, über dreihundert von unserem Regiment, die französischen Adler verließen, um die weit schönere neapolitanische Uniform anzuziehen. Alle Beschwerden der Obersten deshalb blieben fruchtlos, und als Murat und seine Minister erfuhren, daß sich die Kolonels deshalb an den Kriegsminister nach Paris wandten, wurden sogar deren Depeschen auf der Post geöffnet und, wenn sie solche Beschwerden enthielten, zurückbehalten, weshalb die Obersten nun ihre Briefe auf Umwegen über die Grenze von Neapel auf römische Posten schickten. Napoleon selbst schien über dieses Treiben seines Schwagers sehr ungehalten zu werden, der aber jetzt, da er König war, auch die Idee hatte, als selbständiger Regent herrschen und sich der Obervormundschaft des Kaisers entziehen zu wollen. Gern hätte er alle französischen Truppen und Generäle aus dem Land geschickt, wenn er es hätte möglich machen können.
Ich hatte die Karnevalszeit diesmal recht froh und lustig in Neapel zugebracht und allerlei Intrigen angesponnen, die ich auch in der stillen Fastenzeit noch fortzusetzen für unterhaltend fand, als unser Bataillon plötzlich den Befehl erhielt, nach dem Kirchenstaat aufzubrechen, wohin wir den wohlbekannten Weg über Capua, Fondi, Terracina und so weiter bis Velettri zurücklegten.
XIV.
Besitznahme des Kirchenstaates. – Ende der weltlichen Herrschaft des Papstes. – Die Kommandantur zu Velettri. – Der Bischof und der Fournisseur. – Gewaltsame Entführung Pius VII. – Ich gehe als Kurier nach Wien. – Ich übergebe Napoleon meine Depeschen. – Kurze Unterredung mit demselben. – Schönbrunn. – Parade daselbst. – Wien. – Volksstimmung daselbst. – Das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. – Quartierfreuden. – Liebenswürdige Wirtinnen. – Rückreise nach Italien. – Klagenfurt. – Udine. – Treviso. – Mestre. – Ankunft zu Venedig.
Als wir in dem Kirchenstaat angekommen waren (gegen Ende April 1809), wurden viele Kompagnien in verschiedene Städte detachiert, wie nach Piperno, Porto d’Asturo, Ardea und so weiter, deren Hauptleute Platzkommandanten daselbst wurden. Ich erhielt mit der meinigen das Kommando zu Velettri, während der Rest des Bataillons nach Albano, Corneta und so weiter verlegt wurde. Daß hier wieder etwas Ungewöhnliches ausgeführt werden sollte, ging aus allen Anstalten, die gemacht wurden, hervor. Rom selbst war schon seit länger als einem Jahre durch den General Miollis besetzt worden, ungefähr zur Zeit, als wir in Spanien einrückten. Der Vorwand dazu war mit den Haaren herbeigezogen. Nämlich, weil Pius VII. nicht den Code Napoléon in seinen Staaten einführen, und England nicht förmlich den Krieg erklären wollte. Der Papst hatte auf diese Zumutungen erklärt, daß das französische Gesetzbuch Ehescheidungen gestatte, was gegen die Dogmen der katholischen Religion, und daß er ein Mann des Friedens sei, dem die Engländer nichts zuleide getan hätten. Ende Januar 1808 war eine starke Truppenabteilung jeder Waffengattung aus dem Toskanischen in Eilmärschen in den Kirchenstaat eingerückt, die in der Ebene von Baccano vierundzwanzig Stunden biwakiert hatte und um Mitternacht weiter aufbrach, den 2. Februar im Sturmschritt, die trabende Artillerie mit brennenden Lunten an der Spitze, in Rom einzog und mit gefälltem Bajonett auf Monte Cavallo stürmte, dort die Wachen besetzte, während Pius VII. in der Kapelle des Quirinalpalastes mit den Kardinälen Messe las. Die päpstlichen Truppen waren bei der Ankunft der Franzosen in aller Stille, nachdem sie sich hatten friedfertig ablösen lassen, abgezogen. Drei geschlossene Kolonnen waren in Rom eingerückt und hatten allmählich alle Posten in Besitz genommen, die ihnen, wie es schien, die Soldaten Seiner Heiligkeit nicht schnell genug übergeben konnten. Der Papst selbst, der sich als Märtyrer betrachtete, beschloß, alles auf das äußerste ankommen zu lassen, sich in sein Schicksal zu ergeben, aber doch nur der Gewalt weichen zu wollen. Er hatte zwar einen Aufruf an die modernen Römer im Stil und nach dem Muster der alten Weltbeherrscher erlassen, denselben gedruckt verteilen und an die Straßenecken anschlagen lassen, aber auf Befehl des französischen Gesandten mußte das Haupt der Sbirren denselben eigenhändig wieder abreißen, und von dem zitierten altrömischen Geiste hatte sich keine Spur vorgefunden. Auch Wunder, die hier und da ein Madonnenbild verrichtete, das Blut geschwitzt oder Tränen vergossen haben sollte, wie die Pfaffen versicherten, halfen nichts, und die Römer lachten wohl selbst darüber. Ein einziger Mönch war kühn genug gewesen, in einer Predigt eine Anspielung auf die Makkabäer zu machen, die alle ihre Feinde erschlugen, und dabei zu sagen: „Anche noi siamo in tempo de Maccabei!“ Wurde aber dafür sogleich in die von den Franzosen schon besetzte Engelsburg gesperrt. Die Römer trösteten sich damit, daß alles eine Schickung Gottes sei, der den Napoleon zu seiner Zuchtrute für die sündhafte Menschheit erwählt habe, und Pius selbst nannte es: die unerforschlichen Gerichte des Allmächtigen. Er hatte sich nun in seinen Palast eingeschlossen und seine täglichen Spazierfahrten eingestellt, auch die Erlaubnis zur Feier des bevorstehenden Karnevals verweigert, mit dem Bemerken, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, an irdische Vergnügungen zu denken. Der Gouverneur, General Miollis, gab jedoch Bälle in dem Palast Doria, denen manche der vornehmsten Römer beiwohnten. Das Volk aber war mit der Unterlassung seines Hauptvergnügens nicht zufrieden, murrte, und ließ sich einstweilen die Gallinacci (gemästete Puter, die in Herden zu Tausenden um diese Zeit in die Stadt getrieben und von ihren Hütern mit langen Schilfrohren zusammengehalten werden), seine Favoritspeise, trefflich schmecken. Miollis erließ eine Order nach der anderen, Ruhe und polizeiliche Ordnung in der Stadt einzuführen. Niemand durfte sich mehr zur Nachtzeit ohne Laterne in den Straßen blicken lassen. Alle Kutschen mußten mit solchen versehen sein, was besonders die Eminenzen und die höhere Geistlichkeit vexierte, die jetzt ihre Mätressen nicht mehr unerkannt abholen konnten. Die Stadttore wurden von Mitternacht bis zum anbrechenden Tag geschlossen, und nachdem noch mehrere Messerstiche ausgeteilt und Mordtaten begangen waren, wurde bei Strafe des sofortigen Erschießens das Tragen jeder Art von Waffe, Dolche, Stilette oder auch nur Messer verboten. Alle bisherigen Freistätten für Mörder, wozu außer den Kirchen ganze Distrikte, wie das Quartier, wo das Inquisitionsgericht seinen Sitz hatte, der spanische Platz und so weiter gehörten, wurden für aufgehoben und als nicht mehr schützend erklärt. Nachdem mehrere Individuen, die trotz dem Verbot noch ein Messer bei sich getragen, in den nächsten vierundzwanzig Stunden kriegsrechtlich öffentlich erschossen worden waren, fand man für tausend Zechinen kein Messer mehr bei den Leuten und das Morden hörte auf. Früher erhielt man für einen halben Scudi die Erlaubnis, jede beliebige Waffe zu tragen, und fast jede Woche fiel ein Dutzend Mordtaten vor, nach denen sich die Täter in eine Kirche oder in ein sogenanntes Freiquartier flüchteten, wo sie so lange in Sicherheit waren, bis ihnen Verwandte oder gute Freunde durchhalfen oder hohe Protektoren Gnade auswirkten. Indessen hatte man doch bald eine Verschwörung entdeckt, an deren Spitze der Principe Altieri und der Duca Bracchi, beide Anführer der päpstlichen Nobelgarde, standen. Miollis ließ diese Garde sogleich entwaffnen, und kaum hatten die Rädelsführer noch Zeit gehabt, sich durch die Flucht der Verhaftung zu entziehen. Miollis erließ auch einen Befehl an die Kardinäle, Rom binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen, aber der Papst verbot ihnen, diesem Befehl zu gehorchen und befahl, nur der Gewalt nachzugeben, damit die Welt wisse, daß sie nur rohe Übermacht von dem päpstlichen Busen losgerissen habe. Dennoch mußten die Kardinäle fort. Die beiden Doria begaben sich nach Genua, in ihre Vaterstadt, und von Paris kam ein Befehl, daß sich alle Eminenzen in diejenigen Staaten zu begeben hätten, deren geborene Untertanen sie seien. Pius VII. rief nun auch seinen Gesandten zu Paris, den Kardinal Caprara, zurück, was Napoleon als eine Kriegserklärung auslegte, die ohnehin schon dadurch geschehen, weil sich Rom nicht, gleich den übrigen italienischen Staaten, gegen den allgemeinen Feind, England, habe verbünden wollen. Die Provinzen Urbino, Ancona, Macerato und Camerino wurden unwiderruflich auf ewige Zeiten (diese Ewigkeit währte fünf Jahre) durch ein Dekret dem Königreich Italien einverleibt. Auch wurde allen Kardinälen und römischen Beamten aus diesen Provinzen bei Strafe der Konfiskation ihres Vermögens geboten, sich in ihre Heimat zu verfügen, so daß dem Papst außer dem Gebiet der Stadt Rom wenig mehr blieb. Trotz all dem beschäftigte sich jetzt Pius noch mit der Heiligsprechung der Königin Klothilde von Frankreich. Was die Römer am meisten schmerzte, war das Ausbleiben der Fremden, besonders der Engländer, wodurch ihnen ein bedeutender Verdienst entging.
Napoleon hatte indessen beschlossen, der weltlichen Herrschaft des Papstes ein Ende zu machen und Rom selbst seinem großen Reich einzuverleiben. Daher die abermaligen Truppenmärsche im April und Mai 1809 in den Kirchenstaat. Ein großer Staatsstreich sollte ausgeführt werden, während er sich in dem von ihm eroberten Wien befand. Er dekretierte vier Tage vor der Schlacht von Aspern, den 17. Mai 1809, das Ende der päpstlichen Herrschaft, und daß, da sein großer Vorfahr, Karl der Große, den römischen Bischöfen verschiedene Distrikte nur als Lehen überlassen habe, er, um der päpstlichen Halsstarrigkeit den Hals zu brechen, dieselben wieder einziehe, den Kirchenstaat mit seinem Reich vereinige und Rom zu einer freien (?!) kaiserlichen Stadt erkläre und so weiter. Miollis nahm den 1. Juni feierlich Besitz von Rom, und die neu errichtete Consulta, deren Präsident er war, erließ eine Proklamation, die mit folgenden hochtrabenden Worten begann:
„Römer! Der Wille des größten der Helden (risum teneatis amici) vereinigt Euch mit dem größten der Reiche“ und so weiter. In derselben wurde auch gesagt, daß das Elend und die Ungesundheit der römischen Städte nun der Glückseligkeit Platz machen müsse, die ihnen zuteil würde, und daß Rom fortdauernd der Sitz des sichtbaren Oberhauptes der Kirche bleiben solle, wo dasselbe nun über alle irdischen Interessen und Betrachtungen erhaben, der Welt das Schauspiel der reinsten Religion im höchsten Glanz geben würde und so weiter.
Von dieser Proklamation wurden mir einige tausend Exemplare nach Velettri geschickt, um sie daselbst und in der Umgegend zu verbreiten, was ich pflichtschuldigst, damals ein ebenso verblendeter Narr wie die anderen, tat, und den Rest auf der Jagd in den Pontinischen Sümpfen verpuffte. Es wurden nun allenthalben die päpstlichen Wappen abgerissen und durch die napoleonischen Adler ersetzt, alle Urkunden im Namen des Kaisers ausgestellt und so weiter.
Ich hatte einstweilen in Velettri ein sehr friedliches und behagliches Leben geführt und außer einigen Intrigen mit ein paar hübschen Vilanellen, die hier wie in Albano ein sehr malerisches Kostüm haben, auch einem kleinen Renkontre mit einem Prälaten keine Fata von einiger Erheblichkeit gehabt. Die Einwohner, bei denen Caguenecs tolle Streiche noch in frischem Angedenken, waren mit mir zufrieden. Jener hatte sich unter anderem von seinen Soldaten, nachdem er mit denselben in der Stadt herumgezogen, um guten Wein zu requirieren, und sie betrunken gemacht, auf russische Weise auf dem Marktplatz der Stadt prellen lassen. Das heißt, die Russen in seiner Kompagnie wollten ihrem Kapitän eine Ehre in russischer Manier antun, legten ihn auf große wollene Decken und schleuderten ihn dann in die Luft, fingen ihn wieder auf, was sie ein halbes hundertmal wiederholten, dabei ein großes Feuer auf dem Platz anzündeten, so daß den Einwohnern angst und bange wurde. Dabei tanzten die Soldaten um die Flammen und schrieen aus vollem Halse: „Hurra unser braver Kapitän!“ Zuletzt hatte er gar eine Kontribution von mehreren tausend Scudi auf seine Faust ausgeschrieben, meinend, was Marschälle und Napoleon im Großen tun, dürfe er ihnen wohl im Kleinen nachmachen, nicht bedenkend, daß man große Diebe laufen läßt und die kleinen hängt. Ablösung, scharfer Festungsarrest, noch bevor die Kontribution erhoben war, gegen die man in Rom Beschwerde führte, waren die Folgen davon. Meine Affäre mit dem Prälaten, einem Bischof, war indessen nicht so ganz unbedeutend, und hätte leicht eine ähnliche Geschichte wie die in Albano werden können, wenn mich jetzt die Erfahrung nicht besonnener gemacht hätte. Dem Fournisseur, der die Lebensmittel für uns lieferte, einem jungen und rechtlichen Mann, eine Seltenheit bei einem Lieferanten, wollte der Prälat ein junges Mädchen, das von dem heiligen Mann so fruchtbar überschattet worden war, daß sich die Spuren davon auf das unwiderlegbarste zeigten und sie die beste Hoffnung hatte, einen kleinen Bischof zu bekommen, als eheliches Gespons aufhängen. Bianconi, so hieß der Fournisseur, anfänglich die wahren Umstände nicht kennend, war in die Falle gegangen, die man ihm schlau gelegt. Aber hinter den Zusammenhang der sauberen Geschichte kommend und einsehend, daß er einen bischöflichen Deckmantel abgeben sollte, zog er sich zurück, verweigerte dem Mädchen, das übrigens recht hübsch war, seine Hand, und wurde nun auf deren Anklage vorerst ins Gefängnis gesteckt, um ihn so zu zwingen, sich in Hymens Fesseln schmieden zu lassen. Ich erfuhr die Sache durch meinen Furier, ließ das Mädchen zu mir kommen und brachte bald durch Drohungen die Wahrheit und das Geständnis von ihr heraus, daß der hochwürdige Herr der Papa des zu hoffenden Kindes sei. Ich behielt das Mädchen in meiner Wohnung, begab mich zuerst in das Gefängnis, um auch den jungen Mann zu vernehmen, und von diesem zum Prälaten, der mich sehr artig empfing, mich fragte, in was er mir dienen könne, worauf ich mir die augenblickliche Freilassung des Gefangenen, ebenfalls sehr artig erbat. Der fromme Mann wollte mich anfangs gar nicht verstehen, sich auf nichts einlassen, beteuerte seine Unschuld, schrie über abscheuliche Verleumdung, bis ich ihm nun in sehr ernstem Tone andeutete, daß, da die Sache unseren Lieferanten betreffe, ich genötigt sein würde, sie an das Generalkommando nach Rom zu berichten. Jetzt spannte der hochwürdige Herr andere Saiten auf, versicherte mir, daß er ganz allein aus Achtung für meine Person den Mann freigeben und die Sache näher untersuchen wolle. Ich aber klopfte ihm vertraulich auf die Schulter, und sagte ihm mit lächelnder Miene: „Lassen wir unter uns alles Komödienspiel beiseite, wir sind ja beide Männer und arme Sünder, geben Sie der Dirne eine kleine Aussteuer, und sie wird dann schnell einen gutmütigen Deckmantel finden, wodurch aller Skandal verhütet wird.“ Der geistliche Herr endigte damit, meinen Rat vortrefflich zu finden, bat mich um Bewahrung des Geheimnisses und ein gutes Glas Wein mit ihm zu leeren. Ich gestand beides zu, und wir schieden als die besten Freunde. Mit dem Befehl zur Freilassung des armen Teufels in der Tasche ließ ich den Bianconi sogleich aus seinem Kerker holen.
Anfangs Juli bekam ich in aller Frühe Befehl, sogleich mit meiner Kompagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende Truppenmasse versammelte. Nachdem wir zwei Tage daselbst zugebracht, ohne zu erfahren, auf was es eigentlich abgesehen sei, erhielten alle hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5. Juli gegen Abend Order, sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom führenden Tor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde, dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschluß. In dieser Ordnung marschierten wir nach Rom ab. Vor dem Tor San Giovanni angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefähr eine gute Stunde vor Mitternacht sein, als wir in der größten Stille in Rom einmarschierten. Selbst die Hufe der Pferde und die Räder der Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, daß sie keinen Lärm machten. So marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straßen auf starke Patrouillen der französischen Garnison stoßend. Daselbst angekommen, wurde ein Teil der Infanterie und die Kavallerie in die zum Quirinal führenden Straßen verteilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte Richtung vom päpstlichen Palast erhielten, mit brennenden Lunten zur Seite aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier und da die Fenster öffneten oder sich an der Tür blicken ließen, sich sofort zurückzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben würde. Es herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer seltsamen Spannung, was wohl geschehen würde. Ich stand mit meiner Kompagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Order überbrachte, mich mit zwanzig auserwählten Grenadieren sogleich zum General Miollis zu verfügen. Bei diesem, der sich zu Fuß mit mehreren Generalen und Chefs, unter denen auch der Gendarmeriegeneral Radet, am Piedestal der Kolosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm mich Radet, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war, beiseite, und eröffnete mir, daß diese Anstalten getroffen seien, um im Fall sich der Papst weigern würde, die Entsagungsakte über alle weltliche Herrschaft, Macht und Ansprüche auf den Kirchenstaat zu unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem Falle vom Kaiser dekretiert und auch von Murat befohlen sei. Er habe mich auf Empfehlung meines Obersten erwählt, tätigen Anteil an dieser Expedition zu nehmen, die er sogleich anführen werde und wozu er noch einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, daß mir diese Eröffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als einen würdigen und achtungswerten Mann und Souverän kennen gelernt und durch meine frühere Audienz ihn persönlich lieb gewonnen hatte. Aber hier befahl der Dienst und war keine Einwendung zu machen. Es währte nur noch wenige Minuten, bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft beisammen war; etwa acht bis zehn Offiziere, hundertzwanzig Mann aus Elitekompagnien und ein halbes Dutzend Sappeurs. Radet führte das Kommando an. Wir mußten mit Leitern über die hohen Gartenmauern steigen, da der Papst schon früher die Eingänge des Palastes hatte vermauern lassen, und derselbe sozusagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen war. Aber auch die inneren, in den Garten gehenden Türen mußten die Sappeurs erbrechen. Wir stießen zuerst auf die einige vierzig Mann starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten mehrere Gänge und Säle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen Vaters, den er zwang, uns in die Gemächer des Papstes zu führen und uns das Zimmer zu öffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein. Der wirklich ehrwürdige Oberpriester saß noch völlig angekleidet, die Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschäftigt. Radet näherte sich ihm, redete ihn französisch an, das Pius geläufig sprach, und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu unterschreibenden Akte mit der Erklärung überreichte, daß er im Weigerungsfall strenge Order habe, Seine Heiligkeit gefangen abzuführen. Des Papstes Antwort war: „Mi taglierete piu tosto in mille pezzi!“ Da Radet sah, daß alles Zureden vergeblich war, ließ er die Sappeurs eintreten, ein auf die Straße gehendes Fenster einschlagen, hieß sodann den Papst und den Kardinal Pacca auf zwei Armstühle setzen, sie fest auf denselben anbinden und beide durch das Fenster auf die Straße hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Kardinal unten und nötigte beide, sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken Reitereskorte umgeben, im gestreckten Galopp davon, durch die nächsten Straßen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die Porta Popolo und von da auf der Straße nach Florenz weiter. Die Truppenabteilungen, welche zu der Garnison Roms gehörten, verfügten sich in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten gegen Morgen nach Albano zurück und erfuhren erst nach einigen Tagen, was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig bestürzt, als sie am anderen Tag erfuhren, daß ihr Souverän abgereist sei. Aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: „Il Papa è via!“ an. Es wurden einige Proklamationen erlassen, während Pius den Weg nach Frankreich gezwungen machen mußte. Noch denselben Morgen wurde ich zu dem General Miollis beordert, wo mir dieser mitteilte, daß auf Empfehlung meiner Oberen und Radets er mich dazu bestimmt habe, dem Kaiser die Depeschen, welche die Berichte über das Vorgefallene enthielten, nach Wien in der Eigenschaft eines Kuriers zu überbringen, eine Mission, die ich mit großer Freude annahm. Was den General noch mehr dazu bewogen hatte, mich mit diesem Auftrag zu beehren, war, daß ich der deutschen Sprache mächtig, worauf man besonders deshalb Gewicht legte, weil das Gerücht ging, daß die österreichischen deutschen Länder und namentlich Tirol in vollem Aufstand seien, und ich wohl im Falle der Not als reisender Privatmann noch ungehindert durchkommen könne, weshalb man mich auch mit dem Paß eines deutschen Barons, der von Rom nach Wien reise, versah. In einem ziemlich bequemen Wagen fuhr ich in wenigen Stunden nach der Abreise des Papstes mit unaufhaltsamer Eile, meistens vier Postpferde vorgespannt, über Florenz, Bologna, Rovigo, wo ich die Nachricht von dem zu Wien abgeschlossenen Waffenstillstand zuerst erfuhr, Padua, Mestre (Flecken ganz nahe bei Venedig, von wo man auf einer Barke dahin fährt), Treviso, Udina, Villach, Klagenfurt, Friesach, Judenburg, Leoben, Wiener-Neustadt, Gumpendorf und nach Wien, wo ich trotzdem, daß ich mir kaum ein paar Stunden zum Essen gegönnt, erst den siebenten Tag nach meiner Abreise von Rom, des Morgens um vier Uhr, eintraf. Im Flug hatte ich die ganze Strecke, wohl über zweihundert Meilen, zurückgelegt und den Wagen nur zur höchsten Notdurft verlassen, fast alle Mahlzeiten in demselben zu mir genommen, und da, wo die Wege schwierig waren, oft sechs Pferde vorspannen lassen. Ich hatte zwar die Reise in Zivilkleidern zurückgelegt, aber durchaus keine Unannehmlichkeiten gehabt, und war nirgends angehalten worden, wobei mir allerdings das Deutsche gut zu statten kam. So ermüdet ich auch war, so erlaubte ich mir doch keine Stunde Ruhe, sondern machte sogleich nach meiner Ankunft Toilette, rasierte mich, steckte mich in meine große Uniform, und eilte, mich bei dem General Andreossy, damals französischer Kommandant zu Wien, zu melden, dem ich den Zweck meiner Reise mitteilte und der mich sofort, von einem Adjutanten begleitet, nach Schönbrunn zur Übergabe meiner Depeschen absandte. Es war noch nicht acht Uhr, als wir daselbst ankamen und bei dem Kaiser gemeldet wurden. Nach einer kleinen Viertelstunde wurden wir vorgelassen, und als wir in das kaiserliche Gemach traten, stand Napoleon von seinem Arbeitstisch auf, auf dem mehrere Papiere und Karten lagen, tat ein paar Schritte vorwärts und redete mich mit den Worten an: „Vous m’apportez des nouvelles de Rome?“ – „Oui Sire.“ – Ich hatte die Depeschen in der Hand und wollte sie ihm überreichen, als er hastig selbst darnach griff, sie öffnete, und öfters, das Gesicht verfinsternd, las, während ich alle Zeit hatte, ihn genau zu beobachten. Endlich legte er sie wieder zusammen, warf sie auf den Tisch und befragte mich nach verschiedenen näheren Umständen und dem Hergang der Verhaftung. Ich mußte in die kleinsten Details eingehen, wurde mehrmals von ihm durch Fragen unterbrochen, wobei sich seine Stirne umwölkte, wenn ihm die Antwort nicht sehr angenehm schien. Namentlich erkundigte er sich angelegentlich, wie sich das Volk in Rom verhalten habe und wie dessen Stimmung sei. Ich gab ihm, soweit ich es imstande war, die gewünschte Auskunft, mit dem Bemerken, daß ich wenige Stunden nach der Begebenheit Rom verlassen habe. Nachdem ich dies alles abgemacht und der Kaiser sich herabgelassen hatte, sich nach meiner werten Person und nach meinen Dienstverhältnissen zu erkundigen, und nachdem ich ihm auch hierauf mit wenig Worten geantwortet hatte, fragte er mich noch, ob ich als Deutscher mit meinem Dienst zufrieden sei, was ich bejahte, und zugleich dachte: Jetzt stehst du vor der Schmiede, du mußt es benutzen. Mein innigster Wunsch war nämlich damals, zu der Garde Napoleons versetzt zu werden, und ich ließ ihn Sr. Majestät blicken, wurde aber sofort mit einem: „C’est bon, nous verrons“ allergnädigst entlassen.
Ich ging nun in dem Park von Schönbrunn spazieren, die Parade, die um zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so eingerichtet, daß die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war noch auf holländische oder französische Art angelegt. Schönbrunn, das nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war früher ein Jagdhaus, bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch die Türken ganz zerstört worden. Leopold I. ließ 1696 wieder ein Schloß daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde. Maria Theresia wählte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem vorhandenen Schlößchen machte sie ein schönes Lustschloß, sie erweiterte die Gärten, legte den holländischen Garten und eine Menagerie an, und traf Vorkehrungen, daß das hier vorbeiströmende Flüßchen Wien keinen so großen Schaden mehr durch Überschwemmungen anrichten konnte. Später wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem großen Hof, in dem sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden, können über siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat einige schöne Säle, namentlich ist der Audienzsaal prächtig, auch sind in einigen Gemächern hübsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche, ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines Scävola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten Herren sind bei den gutmütigen Wienern nicht gefährlich. An Teichen, Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders sprach mich eine alte hochgewölbte Lindenallee an. Von der Platte der Gloriette, einer runden, auf Säulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophäen und so weiter geschmückt, hat man eine schöne Aussicht über Wien hin bis zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu. Die Königin Karoline von Neapel ließ im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus einer Granitsäule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: daß es aus Liebe für Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geäußert haben, man könne es mit geringer Abänderung zu einer Schandsäule jenes bösen Weibes, Karoline, machen. Dies ließe sich wohl noch auf gar manches andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut anwenden. In der geräumigen Orangerie gab Joseph 1784 glänzende Feste und Bälle zu Ehren des Großfürsten Paul. Von den vierfüßigen Bewohnern der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal befindet, dessen Fenster auf die Behälter der Tiere gehen, und über welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris machen müssen.