Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschällen, Generalen und einem glänzenden Gefolge die Stufen der Schloßtreppe herab, die Musterung zu passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen Gewehr und Tornister nachsehend, ließ er dann die Truppen nach einigen Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als die Parade vorüber war, ging ich nach Wien zurück, wo ich bei der Kommandantur Erlaubnis eines längeren Aufenthaltes auswirkte, um mich von den gehabten Strapazen gehörig ausruhen zu können. Man hatte mir ein Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger in einer entlegenen Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen älteren Dame, einer geborenen ungarischen Gräfin, deren Mann, ein Graf C..., mit dem österreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflüchtet war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte zwei schöne Töchter, von denen die eine neunzehn Jahre zählte und an einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der österreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum siebzehn Jahre zählend, aber die Braut eines österreichischen Stabsoffiziers war, der sich auch auf flüchtigem Fuß befand. Besser konnte ich es unmöglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren musikalisch, sangen recht artig, und die alte Gräfin war vergnügt, wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten außerdem noch zwei der artigsten Exemplare der berühmten Wiener Stubenmädchen, die diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.
Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umständen befindende Hauptstadt Österreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt Stephan, die Borromäuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter. Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme Gassen, deren Häuser sie düster machen. Schön sind der Burgplatz und der Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssäule. Der Platz, „Am Hof“ genannt, einer der größten, hat eine Säule zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem Platz, der den Namen dieses Kaisers führt, ist ein desselben würdiges Denkmal, das erst zwei Jahre früher in Erz hier aufgerichtet wurde, und dem Künstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.
Wiens Vorstädte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar über dreißig, von denen die Leopoldstadt die größte und durch einen Arm der Donau von der inneren Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an Sonn- und Feiertagen das Getümmel sehr groß ist. Die große Mittelallee ist der Haupttummelplatz. Für die Befriedigung des Gaumens und Magens ist hier, sowie überhaupt an allen Vergnügungsorten Wiens hinlänglich und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft sehr glänzend und prächtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen Equipagen durch große Einfachheit auszeichnen, während die des reichen Adels an Pracht wetteifern und sich überbieten. Auf der linken Seite der Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hübsche Partien hat und für nobler als der Prater gilt. An diesen stößt die Brigittenau, mit hübschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am südlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das Flüßchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem Wienerwald entspringt, ergießt sich in derselben in die Donau. – Die Theater der österreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine abenteuerlichen Spektakelstücke so berühmte ‚an der Wien‘ können, wenn man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen. Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Eßlingen und Wagram besuchte ich zu Pferde.
Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten während ihres damaligen Aufenthalts das Wiener Volk für sehr aufgebracht gegen sich und fürchteten ähnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mußte über diese Befürchtungen lächeln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an Aufstände, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewöhnlichen Vergnügungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der damaligen Regierung Österreichs eher feindlich gesinnt. Sie beschuldigten dieselbe laut der drückendsten Willkür, sowie sie ihr durch ihre Mißgriffe und Dummheiten das jetzige Unglück Wiens und des Staates zuschrieben, und die Bürger sagten laut: wir zweifeln, daß selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglücks, und wenn die Franzosen wieder fort sind, ist’s halt wieder die alte Leier. Dabei ließ man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit, die berühmte Eß- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18. Juli der Zugang in die Gärten zu Schönbrunn, den Prater, den Augarten und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und nach Verlauf von einer Stunde war in den Garküchen und Buden daselbst auch für Gold kein Stückchen Brot mehr zu haben.
Der Waffenstillstand sollte anfänglich nur einen Monat, mit vierzehntägiger Aufkündigung dauern. Durch die hinausgezogenen Friedensunterhandlungen verlängerte er sich aber über drei Monate. Den 31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige österreichische Feldherr von Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes höchst unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus, niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Fürst Lichtenstein, übernahm.
Wien mußte unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die Franzosen machen, worunter über zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitäten Fourage, Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen Grobheiten berühmten österreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen jeden nicht in höherem Amt und Würden Stehenden erlauben, so geschmeidig und niederträchtig kriechend gegen das französische Militär und die Employés, daß es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten freute, war, daß jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer Offiziere alle die Stücke aufgeführt wurden, die unter dem österreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den Zeitungen bekannt gemacht wurde, daß alle durch eine engherzige und beschränkte Zensur verbotenen Bücher zu haben seien, indem die Zeit erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen dürfe! – Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen Stücke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues ‚Kreuzfahrer‘, die man ‚an der Wien‘ aufführte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus hatte nicht Raum genug für die drängenden Massen. Auch Stücke, die bisher, durch eine erbärmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten, gräßlich verstümmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel ‚Wilhelm Tell‘, unter großem Jubel aufgeführt, und man lachte über die literarischen Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und Seltenste nach Paris geschafft.
In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater, eine wahre Satire, nannte, wurden während meiner Anwesenheit französische Stücke aufgeführt, und ich sah ‚Adolphe et Clara‘, ‚Le Secret‘, ‚La banqueroute du Savetier‘ und so weiter daselbst geben. Am Kärtnertor wurden manchmal italienische Opern ‚Il Matrimonio segreto‘, ‚Sargino‘, ‚La molinara‘ und so weiter gegeben. Im Theater zu Schönbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette aufgeführt. An deutschen Stücken sah ich zum erstenmal: ‚Die Schweizerfamilie‘, ‚Ostade‘, den ‚Wald bei Hermannsstadt‘ und so weiter. Einer Vorstellung des ‚Don Carlos‘ wohnte ich bei, die eben nicht zu den ausgezeichnetsten gehörte.
Den 15. August wurde das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt mit großem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und bewimpelt, der Donner der Kanonen kündigte nach allen Weltgegenden hin das hohe Fest des Diktators des europäischen Festlandes an. In Schönbrunn war große Parade, das Schießen und Glockengeläute schien gar kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze Generalität, den Vizekönig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Bürger mußten Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war großes Diner. Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstädten beleuchtet, und ein prächtiges Feuerwerk prasselte in die Lüfte. Unter den vielen, selbst von Wiener Bürgern illuminierten und passend angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: ‚Zur Weihe An Napoleons Geburtstag!‘ War man aber nicht ganz in der Nähe, so las man: ‚ZWANG!‘, weil die anderen Buchstaben so klein waren, daß sie schon in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Blöße zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so illuminierte, etwas anhaben.
Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die fürstliche Würde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vließe, verkündet.
Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewöhnlich von Duroc und Berthier begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch der Wiener Adel suchte in seine Nähe zu kommen und gab sich unsägliche Mühe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen Vorstellungen zu Schönbrunn beiwohnen zu dürfen, zu denen der Zutritt nicht jedermann gestattet war.