Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des Waffenstillstandes auf das beste und ließ Wien und seine nächsten Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschäftigten, und zu deren Gunsten man die schönsten Häuser demoliert hatte. Vor dem Brückenkopf wurden sechs große Redouten angelegt, die gewissermaßen ein verschanztes Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine für Pulver und Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig Geschützen versehen. Auch Minen, Lünetten, Tambours, Blockhäuser und so weiter fehlten nicht, wo man sie für nötig erachtete, und in dem Lager an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Türen und Fenstern niedergerissener Häuser, Ställe und Scheunen erbaut.

Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch geworden und fand meine Wiener Damen für den Sinnengenuß sehr empfänglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes eingedenk: ‚Wer die Töchter haben will, muß der Mutter den Hof machen‘, recht artig und gefällig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fünf Hühnern, die alte Henne und die zwei hübschen Kammerkätzchen inbegriffen, die alle vergnügt waren, daß ich deutsch sprach, da die Mädchen gar nicht und die Komtessen nur ein sehr schlechtes gebrochenes Französisch sprachen, obgleich sie mehrere Jahre die französische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der durch ihren geistreichen Inhalt berühmten Meidingerschen Grammatik, die damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als später, nachdem Debonal den großen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditäten gegeißelt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen, ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen Töchtern und Mädchen bestens befolgt. Während die jüngere Tochter, Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich mit der älteren, Gräfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters ‚Unterbrochenem Opferfest‘: ‚Wenn mir dein Auge strahlet‘ mit ihr, wobei ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif veränderte, so daß aus dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich Myrrhas Wünschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun errötend: „Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte, als da stehen.“ – „Um Vergebung, meine Gnädige, ich sang gerade, wie es mir meine Gefühle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen.“ – „Aber nein, Sie müssen halt so singen, wie es da g’schrieben steht.“ – Diese Worte waren, wenn auch im österreichischen Dialekt, der in dem Mund hübscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Männer unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich lächelnder Miene gesprochen, daß ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst damit war. Ich erwiderte nun, daß ich mein möglichstes tun wolle, so wie sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich unsägliche Mühe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne allen Ausdruck. – „Aber nehmen Sie es mir nicht übel,“ fiel mir die Komtesse jetzt wieder ein, „Sie sangen soeben weit besser.“ – „Ja, meine Gnädige, so geht es, wenn man etwas contre coeur tut. Wenn ich singen möchte: ‚Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!‘ statt ‚Ach dämpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!‘, so kann ich, da dies ganz gegen meine Gefühle ist, auch nur kalt und gefühllos singen.“ Ich veränderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Gräfin lächelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: „Gott sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen.“ – „Mit Vergnügen, meine Gnädigste, etwa das kleine Duett aus dem ‚Don Juan‘?“ – „Welches?“ – „Reich mir die Hand, mein Leben.“ – „Ich will wohl, aber ich habe den ‚Don Juan‘ nicht.“ – „Aber ich.“ – „Sie erlauben einen Augenblick,“ und husch war ich zur Türe hinaus und in wenig Sekunden mit meinem Klavierauszug zurück. – „Wollen’s nit auch den Text verändern, Herr von Fröhlich?“ (in Wien nennen sie alles ‚von‘) wurde ich nun schalkhaft gefragt. – „Behüte der Himmel, meine Gnädige, der ist vortrefflich.“ – „Nun so werd’ ich’s halt tun.“ – „Bitte, ja nicht.“ – Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik passende Silbenmaß nicht treffen. – „Sehen Sie, meine Gnädige, es will nicht gehen, Mozarts Musik verträgt keine Worte, die nicht zu ihr passen. Singen wir das Duett, wie es da steht.“ – „Aber nicht bis an das Ende, wo sich Zerline ergibt.“ – „O doch, meine Gnädige, dies ist ja gerade der schönste Moment. Wenn nur das Unglück keine störende Elvira herbeiführt.“ – Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. – „Wie meinen Sie das?“ – „Je nun, meine Gnädige, die Handlung, welche der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrücken.“ – „Ah so, Komödie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst.“ – „Seien Sie ruhig, wir wollen singen.“ – Ich sang nun: „Reich mir die Hand, mein Leben,“ und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen, erst ganz leise und dann crescendo bis zum fortissimo. – „Aber, mein Gott, was machen’s?“ – „Ich singe mit Aktion, da geht es besser.“ – „Aber wie kann ich so spielen?“ (sie akkompagnierte). Sie fuhr indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die Worte: ‚So laß uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen‘ sangen, drückte ich sie innig an mich und küßte ihre schöne Stirne. – Jetzt sprang sie vom Klavier auf, aber ich faßte sie, küßte sie auf den Rosenmund und wollte trotz Sträuben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging plötzlich die Stubentüre auf und herein trat ihr allerliebstes Kammerkätzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hörte, hatte ich mich schnell aus den Armen der Gräfin gerissen und stand kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame, da das Mädchen die Türe geöffnet hatte, das um ein Kommodeschlüsselchen bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: „Dummes Ding, weißt nit, daß es auf meiner Toilette liegt?“ – „Verzeihen’s, Ihr Gnaden, ih hab’s do halt nit finden können.“ – „So suche wo anders, hab’s nit.“ – Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Türe hinaus, sagte die Dame: „Was wird das Mädel denken?“ – „Nichts, meine Gnädige,“ erwiderte ich, die Hand küssend, „als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von Ihnen entfernt.“ – Ich drückte nun die niedliche Hand an meine Brust, schloß die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Röter und röter färbte sich die Glut ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gnädige Mama, mit der jüngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, daß sie ihre Freude daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhörend. Wir spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann überein, daß ich die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten dürfe, wo die ‚Kreuzfahrer‘ wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer, schrieb ein Billettchen an die Gräfin Leonore, in welchem ich ihr die Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten schilderte, und sie am Schluß um Erhörung und eine ungestörte Zusammenkunft bat. Das Billett ließ ich ihr beim Dessert – ich saß immer zwischen ihr und der gnädigen Mama – unvermerkt auf den Schoß fallen, sie dabei mit den Knien anstoßend. Sie deckte es mit der Serviette zu, und wußte es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde zurück, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor demselben, die mich lächelnd grüßte. Ich fragte, warum sie lache. – „O das werden Euer Gnaden halt schon g’merkt haben.“ – Ich nahm sie bei der Hand, und ihr diese drückend, sagte ich: „Du bist ein Schelm, aber sei hübsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein,“ und küßte sie dabei. – „Ihr Gnaden sind’s halt doch än loser Vogel,“ meinte sie. – Ich drückte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals küssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. – „O das ist gar nit notwendig,“ platzte sie jetzt heraus, „Ihr Gnaden haben meiner Herrschaft gleich g’fallen, und wie Sie den ersten Tag z’uns ins Quartier kommen sind, hat d’gnädig Frau g’sagt: ‚’s doch ein ganz ander Ding, so a französ’scher Offizier, als uns’re steifen Holzblöcke, mit denen gar nix anz’fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis unser einer den Fuß nur lupft, ’s is halt ka Wunder, wenn’s so von ihnen klopft werd’n‘; und dann fragt’s mi in am weg, was Sie schaffen tun, ob’s z’Haus sind un so mehr.“ –

Ich küßte nun das liebe Mädchen noch ein paarmal, ging dann auf mein Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hörten, daß ich ein Deutscher, und zwar aus dem Reiche wäre, wie sie alle deutschen, nicht zu Österreich gehörenden Länder nannten, bitter beschwerten, daß die deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit ärger als die Franzosen selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber hatten sie hauptsächlich auszusetzen, daß sie sogar keinen Unterschied zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerpack machten, es ihnen gleich sei, ob sie eine hübsche Bürgersfrau oder eine Gräfin aus uraltem Haus vor sich hätten, und das Schlimmste sei, daß, wenn sie lange in Österreich blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundsätzen angesteckt würde. Schon merke man, daß die Wiener nicht mehr wie früher mit derselben ehrfurchtsvollen Untertänigkeit den hohen Herrschaften begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. – „Halten zu Gnaden, meine Gnädigen,“ sagte ich endlich, „wir sind aber doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet.“ – „Das sind sehr schlimme Grundsätze,“ meinte eine der Damen, „die noch allen Respekt über den Haufen werfen werden.“ – Gräfin Leonore suchte nun der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte aber nur ein „Stille!“ von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in die ‚Kreuzfahrer‘. Das Haus war zum Erdrücken voll, meine Wirtinnen fanden großen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei sündhaft, Kirche, Klöster und Nonnen in der Komödie nachzumachen. Bei der Heimfahrt saß ich Leonoren en face und machte gehörigen Gebrauch vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrückend, während ich meiner Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Händchen drückte. Beim Souper war fast von nichts anderem als der schönen Emma von Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden Ungläubigen die Rede. Mama meinte: „Ich ließe mir das Stück noch gefallen, wenn es nur keine Türken wären, welche die Nonne vom Einmauern befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Hätte sie denn der Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen können? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine Sünden verzeihen möge, solche Skandalstücke, wie: ‚Das Kind der Liebe‘ und ‚Don Ranudo de Colibrados‘ gemacht zu haben, wo er den hohen Adel dem Spott und Gelächter des gemeinen Pöbels preisgibt.“ – Als ich um zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewünscht, um mich auf mein Zimmer zu begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich küßte sie wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine Stubentüre und ließ die hübsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich aber sagte sie: „Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen’s mi aus, die gnäd’ge Gräfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gäb’s än schönen Spektakel, und Sie haben nix davon.“ – „Gut, ich will dich jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?“ – „Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermädchen der alten Gräfin) schlaft ja mit mir in der nämlichen Stube.“ – „So komme du zu mir.“ – „Wenn’s aber die Toni merkt?“ – „Sie wird nichts merken, wenn du es klug anfängst.“ – „Na, so lassen’s mi nur jetzt aus, wann ich’s halt machen kann, so komm i, die Hand drauf.“ – Sie gab mir die Hand, ich küßte sie nochmals, und husch war sie zur Türe hinaus. Noch zwei gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, über die getäuschte Erwartung mißmutig, in mein Bett.

Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schönbrunn. Zurückgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr den guten Morgen durch eine Umarmung wünschend, ihr ihre Grausamkeit, die mich zur Verzweiflung bringen müsse, vorzuhalten, woran ich sie bat, doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, daß ich vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drückte sie mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Küsse aus, und ich bat nun um Erhörung meiner heißesten Wünsche, womit ich jedoch noch ganze vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten zurück, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie näherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Köpfchen, daß ich unmöglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten näherte: „Daß du mich gestern abend so lange vergeblich warten ließest, verzeihe ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin.“ – „Schauen’s, Ihr Gnaden,“ flüsterte sie mir zu, „es tut’s halt nit, daß ich auf Ihre Stuben komme, dann die gnäd’ge Mama und die jüngste Komtesse schlafen ganz in der Nähe, und hören, wenn sich ein Mäusel rührt; ’s wird halt doch besser sein, Sie kommen zu mir.“ – „Aber Toni?“ – „Tut nix, die schläft wie än Ratz, wenn ich’s Licht ausblase, sie verrät nix, sie waß schon warum; aber kommen’s nit vor Mitternacht.“ – Ein Kuß bekräftigte den Vertrag und husch war das lose Mädchen verschwunden. Nach Tisch fuhr ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir, die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu dürfen, auszuwirken. Denselben Abend verließ ich unter dem Vorwand von Kopfweh die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die übereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlüssig, ob ich erst die Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald für die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. – Kurz vor Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich mich an der Gräfin Stubentüre, fand sie offen, und die Dame bei einer Nachtlampe in dem verführerischsten Nachtgewande, wie es schien, schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mühe, sie wach zu machen, was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde. Es war gegen Morgen, als ich das hochgräfliche Zimmer verließ. Den anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide ziemlich müde. Ich machte es ärger als es war, und klagte über starkes Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem Zimmer, wo sie mich boshaft lächelnd fragte: „Nun, wie haben denn Euer Gnaden die Nacht zugebracht?“ – „Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.“ – „So,“ versetzte sie keck, „glauben’s, Sie können mich so anplauschen? Was denken’s? Ih weiß recht schön, wo Sie g’weß’t sind. Schauen’s, mir können’s nix vormachen. Ih merk’ alles, bei der Herrschaft sind’s gewesen, und wann ih’s nit schon so g’wußt hätt, so hätt’ ih’s doch bei’m Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut.“ – Und dabei lachte die Spitzbübin recht schelmisch, und fuhr fort: „Aber Sie brauchen’s si halt gar nit vor mir zu schenieren, wir können deshalb doch gute Freunde bleiben. Ih werd’ niemand was davon sagen, nit ämol der Toni.“ – Ich drückte nun dem schnippigen Mädchen einen Dukaten in die Hand, küßte das vorlaute Mäulchen, und sagte: „Aber heut Abend darf ich doch kommen, nicht wahr?“ – „Ja, wenn’s wollen, aber was wird meine Herrschaft sagen?“ – „Ich habe Kopfweh.“ – „Aber wenn’s mi wieder anführen!“ – „Gewiß nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wärst du das erstemal gekommen, so ...“ – „O gehen’s aus, S’ wären doch zur Komtesse gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren.“ – Sie wollte noch weiter ihr Mäulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr aber mit Küssen, ihr versichernd, daß ich heute nacht unfehlbar kommen würde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod verlassen könne. – „Sein’s still vom Tod, davon will nix hören.“ –

Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur Kammer der Zofen, die ich leise öffnete und in der es stockfinster war. Nachdem ich mich einige Augenblicke mäuschenstill verhalten hatte, aber nicht einmal atmen hörte, hüstelte ich eins, zwei- und dreimal, und hörte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flüsterte: „Therese, bist du’s?“ – Da ertönte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte: „Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen.“ – „Ach, ich bin ja nicht die Therese, ich bin Toni,“ und hinter der Rednerin kicherte es wieder – „Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett?“ – „Freilich, wir fürchten uns beide, allein zu sein.“ – „Doch nicht vor mir?“ – „Vor wem denn sonst?“ – „Wartet, das soll euch schlecht bekommen.“ – Husch war ich bei den Mädchen im Bett, bald rechts, bald links schäkernd. – Den andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu den Damen hinab, noch immer über Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen nicht Lügen strafte. – ‚Bei Weibern, Lieb’ und Wein und Kuß lebt’ ich nun recht in Floribus‘ in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden Kaiserstadt, und knüpfte zuletzt auch noch ein zärtliches Verhältnis mit der schönen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah, ein österreichisches Volksliedchen, das mit den Worten:

Es sind bereits schon hundert Jahr,

Trallalililirallala,

Daß in Wien ein Fräulein war,

Trallalililirallala,

Ein allerliebstes schönes Kind,