Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebäude in seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich möchte ihn ein Phantasiestück, eine Veste, wie man sie in Märchen beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fuß. Hier zeigt man die Säle, in welchen die Zehnmänner, die furchtbare Staatsinquisition, und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre nächtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfählen hingen oder die Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der Verschwörung von 1618, über die man nie ganz ins reine gekommen ist. Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrücke, die hoch in der Luft aus dem Palast über einen Kanal zu den fürchterlichsten Gefängnissen, den berüchtigten Bleikammern führte, in welchen man, wie die Venetianer sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes machte. Diese Brücke wurde die dei sospiri genannt, weil man über sie oder vielmehr durch sie, denn es ist ein über dem Wasser zwischen hohen Mauern geführter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rückweg aus diesen fürchterlichen Gefängnissen fand, ging. In den zum Teil prachtvollen Sälen dieses Palastes sieht man viele sich auf die wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende Gemälde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Löwen, die ihre schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreißen, sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen, von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe des Staates im Schilde führen sollten, die oft die unschuldigsten Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und gemartert wurden, so daß sie unendlich glücklicher zu preisen gewesen, wenn sie eine Beute der Löwen in der Wildnis geworden wären. Acht Tore führen zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf den großen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta. Durch das Tor am großen Platz kommt man in den großen Hof, in dem sich zwei große eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen, unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen geschmückt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und Eva und oben – Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrönt, und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als achtzigjährigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im Untergeschoß sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi (Brunnen) geheißen, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es sind tiefe Löcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht sind und die dazu dienten, die Unglücklichen, die eines Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten Eisentüren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele Schuh lange Öffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die Folterkammern und dann gewöhnlich zum nächtlichen Tod geführt. In den Gemächern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man den Elenden die Arme rückwärts in die Höhe wand, um sie mit aller Bequemlichkeit foltern zu können. Die Bleikammern fand ich weniger schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefängnisse gesehen, in denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch größere haben mußten.
Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrücke, die aus weißem Marmor und einem einzigen, siebzig Fuß langen und über vierzig Fuß breiten Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich in der Mitte der Stadt über den großen Kanal führt. Sie ist immer sehr frequentiert, und da in ihrer Nähe die Schiffe anfahren, welche Lebensmittel herbeiführen, so ist der Verkehr hier sehr groß. Von hier aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler Gäßchen und vieler kleiner Brücken zu Fuß kommen.
Das außerordentliche, große und sehr merkwürdige Arsenal (es hat beinahe drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwölf Türmen umgeben; es liegt am äußersten Ende der Stadt; vier Löwen bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Löwe aus Athen, wie eine Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen Kopf. Canova erkannte sie für altgriechische Arbeit. Über denselben ist noch der geflügelte Löwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes großes, durch welches die Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jährlich eine halbe Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das zu Toulon alle möglichen Werkstätten und Magazine für die Schiffsbaukunst und Ausrüstung der Flotten, und mit seinen Waffenvorräten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet, sogar die Nägel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete. Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und ihrer Leichtigkeit berühmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die Wälder Istriens und Dalmatiens, man ließ es aber zehn bis zwölf Jahre im Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete, wodurch es eine erstaunliche Härte erlangte. Die Arbeiter waren meist sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den Sohn immer dieselbe Beschäftigung trieben. Dieses merkwürdige Arsenal war gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre Rechenschaft ablegen mußten. Das Oberhaupt der Arbeiter führte den Titel eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der seltsamen Zeremonie der Dogenvermählung mit dem Meer. Diese hatte folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wütend, in Italien eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig geflüchtet; der Kaiser hatte ihn für einen Antichrist und Feind des Reichs erklärt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebührenden Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich nach Venedig zurückkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: „Bedienet Euch desselben, um das Meer für immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und daß sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermähle.“ Dies geschah sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander III. sprach den Segen über diese Vermählung. Von jetzt an wurde diese Zeremonie jedes Jahr mit großem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mußte der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal einen Eid schwören, daß sich die große Wasserbraut, das Meer, während der Zeremonie ruhig verhalten würde. Drei Reihen vergoldeter Statuen, die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die Ruderer sich befanden. Der Doge saß auf einer Art Thron, der auf dem Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der päpstliche Nuntius und der französische Gesandte auf der einen und seine Räte auf der anderen Seite; über ihm wehte die Standarte des geflügelten Sankt Markus in Löwengestalt. Das ganze Schiff war überaus reich mit genuesischem purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert. Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, daß durch eine Verschwörung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs vernichtet werden könnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majestätisch unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzähliger Barken und Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den geweihten Ring aus den Händen des Patriarchen, der die Worte Alexander III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die Vermählung war vollzogen, der Bräutigam hütete sich aber wohl, das nasse Brautbett zu besteigen. Blumen und Kränze wurden in großer Menge in den Schoß der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb, sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.
Die Rüst- und Waffensäle des Arsenals enthalten sehr merkwürdige und seltene Waffensammlungen, Rüstungen, Schilder und so weiter aus allen Zeiten und besonders viele osmanische Trophäen; auch Attilas Helm wird hier aufbewahrt.
Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwürdigsten sah, ist Maria della Salute eine der prächtigsten. Sie verdankt ihre Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei welcher Gelegenheit der geängstigte Senat das Gelübde tat, der die Gesundheit beschützenden Maria eine schöne Kirche zu bauen. Dies ging in Erfüllung, und der schöne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu denen viele Marmorstufen führen, wurde erbaut. Die Johannes- und Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen, ihrem kostbaren Hochaltar und ihren großen Reichtümern berühmt; sie enthält auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht, war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese Dominikaner durch große Erbschaften und Almosen selbst sehr reich wurden, bauten sie nebst einem großen bequemen Kloster auch diese Kirche, mit die prächtigste Venedigs.
Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern; seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nördlichen Italien wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land überschwemmten, auf die Inseln flüchtete, auf denen jetzt Venedig steht, und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstört hatte, flüchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenkönigs Alboin zu entgehen. Die zuerst bewohnte Insel hieß Rialto, und diesen Namen führte die Inselstadt längere Zeit, bis sie später den Namen Venezia annahm. Jetzt wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und bevölkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelsplätze Europas, und je größer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie die mächtige Meerbeherrscherin. Zwölfhundert Jahre bestand sie als selbständige Republik, ihre höchste Glanzperiode war im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um den immerwährenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (Duca) erwählt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als jedoch im zwölften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali Michieli, Versuche zu einer Willkürherrschaft machten, da ermordete das Volk den letzteren und übergab die höchste Gewalt einer Versammlung von Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekränkt, keine hinlängliche Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte stürzen wollen und dafür von ersterer, schon über achtzig Jahre alt, enthauptet wurde. Die Republik hatte allmählich immer mehr Fuß auf dem festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefaßt und dehnte ihre Macht besonders während der Kreuzzüge auch sogar in Syrien aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, riß Friaul an sich, nahm den Neapolitanern viel Land und Städte weg, wurde Herr von Cypern und den Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mächtigen Nebenbuhlerin, der Republik Genua, einen gefährlichen und blutigen Krieg endlich glücklich beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel und Flor. Sehr unglücklich für die Republik war die Ligue von Cambray (1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem Neapolitanischen einbüßte und die sie nicht weniger als fünf Millionen Zechinen (an dreißig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und später nach einem vierundzwanzigjährigen Krieg auch Candia wieder ab. Venezia dominante, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner Herrschaft, 1715 büßte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Bürger, die unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von der Welt lebten, hielten sich dennoch für freie Leute, weil sie Dinge, welche die Regierung nicht direkt berührten, Ausschweifungen und Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien schmachteten, während ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persönliche Freiheit, ja wohl Gut und Leben einzubüßen, an einem Schandpfahl zu hängen oder den Fischen der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Bürgern mancher deutschen Republik nicht unähnlich, die es wagen dürfen, den oft heilsamen und zweckmäßigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu widerstehen und die mit der Ausführung derselben beauftragten Diener mit Grobheiten heimzuschicken, während man sie hinsichtlich ihrer wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der Nase herumführt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste Tyrann, eine ähnliche willkürliche Macht und Tyrannei ausgeübt, als Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem Leben, Gut und Blut der Bürger nach Lust und Gefallen schaltete. Mißtrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, daß ein Volk oder ein Staat dreien seiner Bürger über Tod und Leben, Habe, Gut und Blut all ihrer Mitbürger eine so unumschränkte, rechenschaftslose Gewalt erteilt hätte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushängeschild Staatsinquisition übte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals schon in den letzten Zügen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende, vernichtete das geflügelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die scheußlichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie ausgeübt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die furchtbarsten Verschwörungen gegen dieselbe in Venedig an der Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschämtheit der Nobili überstieg allen Glauben, sie zahlten den Bürgern für erkaufte Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und Mißhandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu schützen suchte; Stockschläge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewiß und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen Adels während des Verfalls der Republik zunahm, desto größer wurde die Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptsächlichsten Privilegium. In der letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen – so mußte sie der Bürger titulieren – so bettelarm, daß die meisten in Dachkammern wohnten, für sich selbst kochten, wenn sie etwas zu kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern, suchten die Bürger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen, der sich an ihre Haustür stellen mußte, die hochadeligen Hungerleider abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund verscheuchte Marder scheu vorüberzogen. Desselben Mittels bedienten sich auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Häuser abzuhalten. Für die Pfaffen und Mönche war aber Venedig ein wahres Paradies, nirgends bekümmerte sich die Geistlichkeit weniger um den Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen Häusern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mätressen, trieben allen möglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken; beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser auf das Mühlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttenträgern auch gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig oder nichts, nur der geflügelte Heilige in der Löwenhaut war der angebetete Götze. Die allgemeine Tracht in den Straßen war für jeden, der es nur möglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief hüllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehörte, trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte, sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslänglichem Sold reicher Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten mußten. Ihr gräßliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu treiben, denn dem tötenden Dolchstoß folgte ein zweiter mit der Faust, der den Unglücklichen und die Tat in einem Kanal begrub.
Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanäle gefahren war, ging ich auch zu Fuß durch einen Teil der Stadt und kam durch so enge und finstere Gäßchen, daß sich zwei Personen oft nur mit großer Mühe ausweichen konnten und die himmelhohen Häuser kaum ein Dämmerlicht durchdringen ließen. Das Ende meiner Streifereien war immer der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man längere Zeit weilen kann. Es ist aber auch einer der schönsten Plätze Europas und immer voll Leben. Die vielen Kaffeehäuser und Botteghen sind beständig mit Leuten angefüllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophäen der vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbäumen, nämlich die Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schön macht, sind seine herrlichen Gebäude mit den ihn umgebenden Säulengängen. An der Seite des Turms schließen ihn neun Paläste, die aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und drei Säulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische übereinander haben. Diese Paläste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen gegenüber liegen die Procuratie vecchie, von fünfundfünfzig Pilastern und Säulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser prächtigen Schaubühne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels, den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz äußerst unterhaltend macht, ist, daß er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze öffentliche Leben dieser Stadt konzentriert. Hier sieht man alle möglichen Trachten und hört die Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthöker, Pfaffen, Histrionen und Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewühl durcheinander herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er durch Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, Botteghen und Kasinos erleuchtet ist, was das Gewirre und Getümmel um so abenteuerlicher erscheinen läßt. Vor den Kaffeehäusern sind Zelttücher oder Baldachins aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften, Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen und so weiter. Nur Frauen und Mädchen aus den höheren Ständen sucht man, den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig ist, daß Damen die Kaffeehäuser besuchen; man kann sie nur in den Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu den letzteren ist aber für Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens. In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine Spazierfahrt längs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewöhnlich nur Barche nennt; man steigt rückwärts in dieselbe, weil man sich in dem niedrigen Hüttchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle ganz schwarz und von einer Form; ihr düsteres Aussehen macht sie Leichenschiffchen ähnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schön verziert, von beliebiger Farbe, oft prächtig und kostbar ausgeschmückt, so daß sie große Summen kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu überbieten, wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zügeln, ein Gesetz erließ, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich zertrümmern und den Wellen übergeben ließ. Im Innern haben sie gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanälen fährt man in den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.
Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal donne maritate sind, sich einer fast zügellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen ihres höchst einnehmenden und verführerischen Wesens berühmt und haben die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur höchsten Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den höchsten Ständen, gründliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre Unterhaltung nicht nur äußerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt verleiht ihrer Sprache etwas überaus Liebliches. An verliebten Intrigen fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.
Von den Theatern besuchte ich hauptsächlich Fenice, das erst 1791 durch eine Assoziation von Aktionären erbaut wurde. Es hat besonders gute Löschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei Türmen hinlänglich Wasser in dicken Strömen auf dasselbe geleitet werden. Hier treten die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehört. San Benedetto, hauptsächlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen, sowie mehrere der kleineren Bühnen. Ein sehr schönes Marionettentheater, wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen, Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmädchen haben in Venedig wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Männer und Fremden meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man zählte damals nahe an hundert Bordelle.
Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir durch die Vermittelung eines dienstwilligen barbiere-parrucchiere verschafft hatte. „Illustrissimo eccellenza finden daselbst Donne giovine belle e oneste,“ sagte mein Figaro, „eine honnette Bürgersfamilie, durch Unglück herabgekommene Kaufleute, deren Haupt jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschäften abwesend in Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen. Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein!“ – „Und auch geprellt?“ sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. – „Behüte der Himmel, gente onestissime.“ – „Gut, bringe mich hin.“ – Wir bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, öden, mit verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor Uffiziale francese mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr elegant, dagegen sehr ökonomisch möblierte Wohnung, aus fünf Zimmern und einem großen Salon bestehend, an, deren Fußböden alle von rotem Terrazzo waren, wie es hier Gebrauch, für den Spottpreis von vier venezianischen Talern, etwas über zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch, ob sie mir den Tisch geben könnten. – „Oh, wir leben gar zu einfach,“ wurde mir bescheiden erwidert, „Illustrissimo würden sich nicht mit unserer Kost begnügen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln, Austern oder Frittole“ (in Öl gebackene Polenta). – „Signore mie, ich bin die Genügsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel sind mir lieber als die größten Leckerbissen.“ – Auch darüber waren wir bald einig, indem die Damen sagten, ich möchte das Essen erst versuchen, und dann könne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei un uomo generosissimo.