Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom und Wien viel erzählen mußte. Er schien mit meiner Unterhaltung so zufrieden, daß mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad eines Maréchal de Camp gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwählt; hier vereinigte er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maßregeln zur Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptsächlich die Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schluß der Sitzungen befehligte er en second in dem Lager, das man bei Paris gebildet hatte, und wurde dann in die Vendée gesandt, wo er sich sehr gemäßigt benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war bei der Expedition von Ägypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral des französischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein hübsches türkisches Mädchen aus Rosette; dies hinderte nicht, daß er bei Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801 geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn später zum Statthalter von Piemont und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert getrunken, brachte einer der Gäste, ein Bataillonschef, die Sprache auf den Islamismus und äußerte dabei, es sei doch eine recht einfältige Religion, man müsse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen, der den Leuten die Köpfe zu berücken gut verstanden habe. Menou, der nicht zu viel getrunken hatte, sondern nüchtern war, erwiderte demselben: „Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr!“ Seine Stimme etwas erhebend, fuhr er sodann fort: „Ich weiß recht gut, daß in der Armee und in Frankreich gar viel über meinen Übertritt zum Islamismus räsonniert, geklatscht und gespöttelt worden ist, ich mache nicht das geringste Hehl, daß diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde hatte, indem ich hoffte, dadurch Ägypten Frankreich zu erhalten, eine fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine Herren, was müssen andere Völker und auch die Osmanen, über deren Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare Himmelsreisen und ähnliche Dinge glauben, von uns denken, daß wir einen Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder weniger komische, unglaubliche und lächerliche Wunder verrichteten, daß wir Reliquien verehren, für deren ganzen Plunder ein Trödeljude kaum ein paar Taler geben würde, wahre Fetische. Was müssen sie von einem Gott halten, der kein anderes Mittel weiß und kennt, die sündigen Menschen zu bessern und zu erlösen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornsüchtiges, leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen die Sünden der Väter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen, daß die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmächtiger Menschen bedürfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu verbreiten! Das erste, was gewöhnlich die zu einer anderen Religion sich bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben, antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen, ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mädchen Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines und doch drei? – Und was erwidern wir ihnen? – Ja, das sind unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die großen Mysterien der christlichen Religion, über die man weder denken noch viel weniger sie einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wäre schon eine Sünde! – Wir sind von der zartesten Kindheit auf gewöhnt, solche Dinge zu hören, wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den Vernünftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf; aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß wer zum erstenmal dergleichen erzählen und behaupten hört, sie allerdings für absurd, für eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten muß; sie erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen hundertvierzig Flügeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines Pferdes gehabt hat und auf göttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lächeln, und mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle, die aus dem Weltenschöpfer ein so leidenschaftliches, zorniges, rachsüchtiges, selbst inkonsequentes und wankelmütiges Wesen macht, als unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obszönitäten, welche dieselbe enthält, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von Loths Töchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der christlichen Religion! – Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebären zu lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlösen und glücklich zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nämlich des Glücklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann, einen fleißigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der schlechten Welt war, erwiderte: ‚Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Großes machen; hätte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu genommen, so wäre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich offenbar übereilt.‘“

Wir alle lachten.

„Ja sehen Sie, meine Herren,“ fuhr der General fort, „zu solchen Bemerkungen veranlaßt die Bibel. Von der Hölle, dem Fegfeuer und anderen Alfansereien der Art will ich gar keine Erwähnung machen, sie sind zu abgeschmackt; indessen wäre das Neue Testament doch ein gutes Buch ohne seine Wunder und Taschenspielerkünste, wie die Umwandlung des Wassers in Wein und so weiter. Von den drei Religionen, der christlichen, der mohammedanischen und der jüdischen, ist die letzte noch die vernünftigste, trotz all ihrer lächerlichen Gebräuche. Viele Fürsten und Regierungen und auch unser Kaiser Napoleon haben den Köhlerglauben, die Völker seien nur durch eine, die Sinne aufregende Religion in Zucht und Ordnung zu erhalten und zu beherrschen, und in diesem Glauben suchen sie die Pfaffen, des eigenen Interesses willen, zu erhalten und zu bestärken. Ich bin nicht der Meinung und glaube, daß dies nur eine gute und weise Gesetzgebung, mit einer humanen Behandlung vereint, imstande ist. Ein reiner Deismus, der da mit wenigen Worten lehrt: Es gibt und muß ein allmächtiges Wesen geben, das alles, was da ist, erschaffen hat, welches das Gute belohnt und das Böse unfehlbar bestraft, wie wir schon hienieden täglich wahrzunehmen Gelegenheit haben, das wir also lieben, verehren und fürchten sollen; diese Lehre, mit guten Gesetzen und reine Moral lehrenden Schulen und Erziehungsanstalten verbunden, würde vollkommen ausreichen, und man bedürfte dann all der Schnurrpfeifereien und Nebendinge nicht und hätte noch weniger von Atheismus zu fürchten, der überhaupt gar nicht vorhanden ist und sein kann, denn ein wirklicher Gottes- oder Schöpferleugner kann nur ein Narr oder ein ausgemachter Dummkopf sein; fragt man solche, wer denn alles Vorhandene erschaffen, so erwidern sie: die Natur oder ähnliches; was ist und kann diese Natur denn anders sein als ein allmächtiger Schöpfer, gebt ihm einen Namen, welchen ihr wollt, es ist und bleibt immer ein und dieselbe Sache, und wenn wir selbst annehmen wollten, wie es schon mehrere Narren gab, daß außer unserem werten Ich alles andere nur ein Blendwerk, ein Nebelgebilde sei, so müßte auch selbst dieses noch einen Urheber haben. Das Vernünftigste, was der tolle Robespierre getan, war, die Verehrung eines allmächtigen Wesens anzuordnen, nur fehlte er in der Art und Weise, wollte auch dadurch nur und durch Charlatanismus seine Tyrannei befestigen und wurde deshalb gestürzt.“

„Gut, mein General,“ sagte ich nun, als Menou seine Rede, der alle mit Erstaunen und Verwunderung zugehört, beendigt hatte, „aber wie steht es mit der Unsterblichkeit unserer armen Seele, was ist der Zweck unseres Daseins?“

„Ach, Kapitän,“ versetzte er, „das ist eine andere Frage, die genügend aufzulösen kein Sterblicher je imstande sein wird. Nur über die Substanz unseres Körpers, über alles Materielle bin ich vollkommen im reinen. Alles, was wir genießen, Speise und Trank, die Leckerbissen, die Sie sich heute an meiner Tafel so wohl schmecken lassen, dies alles ist schon durch Milliarden menschlicher und tierischer Leiber gewandert und wird es, solange die Welt steht. Von unseren Zähnen, so lange wir deren haben,“ – hier warf der General einen etwas malitiösen Seitenblick auf einige ältere Damen, die gegenwärtig waren – „zermalmt, von unseren Mägen verdaut, wird es wieder zur Erde gebracht, um sich über kurz oder lang aufs neue in Gras, Kraut, Gemüse, Früchte, Futter für Tiere und Menschen zu verwandeln und dann als Nahrungs- und Zeugungsstoff abermals in Blut und Milch überzugehen. Zu Staub werden die größten und reichsten Städte der Erde, die massivsten Marmor- und Goldpaläste, die prächtigsten Denkmäler und Monumente, gleich den schlechtesten Lehmhütten und hölzernen Gräberkreuzen der Armen. Ob tausend Jahre früher oder später, was zählt dies in der Ewigkeit? Und alle menschliche Philosophie läßt sich füglich in den zwei Worten ‚verwandelter Staub‘ zusammenfassen, wenigstens ist der Inbegriff alles Körperlichen und Irdischen in ihnen enthalten. Was aber das Geistige, das Seelenleben des Jenseits, die Gottheit betrifft, so wird uns dies hienieden ein ewiges Rätsel bleiben, das der hoch- und tiefgelehrteste Philosoph, der unterrichtetste und klügste Mensch ebensowenig wie der roheste und unwissendste Wilde zu lösen vermag, und die Quintessenz aller sublimen Gedanken eines Plato, Descartes, Bacon, Leibniz und so weiter bringt uns um kein Haarbreit weiter, als die Untersuchungen der Narren, die mit Hilfe eines Mikroskops den Sitz der Seele im Gehirn oder Gott weiß sonst wo entdecken wollen. Überhaupt halte ich alle spekulative Philosophie, alle metaphysischen Forschungen für unnütze Zeitverschwendung, für verlorene Mühe, in Summa für Narrheit. Nur auf die eigentliche Lebensphilosophie gebe ich etwas, wenigstens kann sie uns das oft so kümmerliche Dasein und dessen Beschwerden leichter ertragen helfen und leidlicher machen. Und dann, – wer kann wissen, ob nicht jene unsichtbare, fruchtbare, alles leitende Allmacht, deren erbärmliche Drahtpuppen und Hanswurste wir am Ende doch alle nur sind, der Mann im Kaisermantel wie der Lumpensammler, ob sie nicht den einen und sein Bewußtsein wieder hervorzurufen für gut findet, während sie es nicht der Mühe wert hält, den Anderen nochmals aufleben zu lassen, sondern auch dessen ewige geistige Vernichtung beschlossen hat. Wenigstens wird mir niemand bestreiten können, daß dies in ihrer Macht liegt. Es ist eine Idee wie jede andere. Doch genug davon, ich glaube in dem, was ich gesagt, alles, was spekulative Philosophie vermag, erschöpft zu haben, lassen Sie uns nun auf die Gesundheit unseres heiligen Napoleon trinken.“

Bei diesen Worten hob der General ein Glas Champagner hoch und rief ein „Vive l’Empereur!“, in das die ganze Tischgesellschaft mit einstimmte. Man gab nun der Unterhaltung eine andere Wendung. Es war vom entführten Papst, vom Krieg und Frieden mit Österreich, von den schönen Venetianerinnen, die man auch hochleben ließ, und so weiter die Rede. Mit zum Teil schweren Köpfen trennte man sich bei schon ziemlich vorgerückter Nacht, verlor sich in die Theater, Kasinos und so weiter. Ich ließ mich in meine Wohnung gondolieren, wo ich die Damen musizierend und venetianische Lieder singend antraf und ihnen bis Mitternacht noch Gesellschaft leistete. Auch Signor Ludolli war gegenwärtig und benahm sich sehr freundlich, nur damit war er nicht ganz einverstanden, daß mir die Damen auch die Kost zugesagt hatten. Ich suchte ihn deshalb zu beruhigen, indem ich ihm versicherte, daß ich nur äußerst selten Gebrauch von diesem Zugeständnis machen würde.

Bald hatte ich herausgebracht, daß die Signora Odellino, deren Mann wirklich als Buchhalter in einem Triesterhaus konditionierte, eine Donna mantenuta war, die ein noch ziemlich wohlhabender Nobile, ein gewisser Contarino, unterhielt, der sich rühmte, Dogen unter seinen Vorfahren gehabt zu haben. Ich kam selten oder nie nach Haus, ohne den Damen einige Geschenke, meist in dolce und Konfetti bestehend, mitzubringen, was mir dieselben hoch anrechneten; zum Mittagessen fand ich mich nur selten ein, desto mehr zur Cena, wo es dann immer munter herging. Eines Tages, es war der vierte oder fünfte, daß ich in dem Haus wohnte, kam der Patron della Casa zu einer ungewöhnlichen Stunde in großer Unruhe heim und rief seiner Frau beim Eintreten zu: „Nun, da haben wir die Bescherung, ich hab’ es voraussgesehen, soeben hat mich Contarino auf dem San Marco angepackt und mir den Handel mit der Gatte (der Odellino Taufname) gekündigt, wenn der maledetto francese nicht schnell ausziehe.“ Ich zahlte gut, hatte erst diesen Morgen einen Korb mit Cyprier der Dame in die Küche geschickt, war freigebig und stand also in hoher Gnade bei derselben; sie nahm auch sogleich meine Partei und antwortete ihrem Mann: „Es ist der Mühe wert, daß der filzige Contarino einen solchen Lärm um nichts macht, er gibt uns kaum fünf Zechinen monatlich, davon kann die Gatte nicht leben, hol ihn der Henker, und überdies denkt der Franzose gar nicht an sie, die Mädchen stecken ihm eher im Kopf, wenn er ja auf eine von uns reflektiert; der Offizier bezahlt uns allein für ein altes Cembalo, das wir ihm gestern verschafft haben und uns drei Lire kostet, zwanzig; vom Ausquartieren kann gar keine Rede sein, denn er hat einen Monat antizipando bezahlt.“ Der Mann versetzte nun: „Das wird eine saubere Geschichte werden; der Franzos kann sich in Obacht nehmen, der Contarino ist wütend und läßt gar nicht vernünftig mit sich reden.“ Die Signora antwortete mit einem „Cosa fa, man wird ihm was vormachen, du weißt dir auch gar nicht zu helfen, lieber Mann.“ Eine halbe Stunde darauf erfuhr ich die ganze Unterredung von dem ältesten hübschen Mädchen, Karoline, einer Cugina der Odellino, und als ich diese fragte, woher es käme, daß sich Contarino nie im Hause sehen lasse, erzählte mir das Mädchen naiv: „Fanno l’amore nel suo casino, doch kommt er auch manchmal des Nachts zu meiner Muhme, aber nur verstohlen, denn er ist un uomo maritato, ho paura di lui.“ Das ho paura wiederholte mir das Mädchen wohl zehnmal; ich suchte ihr diese Paura zu benehmen, sie auf die Stirn küssend, und es schien mir zu gelingen, als die Signora Ludolli ins Zimmer trat, mir ebenfalls ihre Verlegenheit wegen dem Contarino mitteilte und meinte, es könne sogar gefährlich werden. Scherzend suchte ich ihr dies auszureden und lud sie, ihre Schwester und die Mädchen zu einer Spazierfahrt auf den Lagunen ein, wozu sie aber nicht zu bewegen war, denn dann würde es erst ein rechtes Donnerwetter geben, meinte sie. Ich ging nun auf den Markusplatz, wo ich meinen Wirt in einem sehr heftigen Wortwechsel mit einem anderen Venetianer sah, aber nicht von ihm bemerkt wurde; bald erfuhr ich, daß es der gefürchtete Contarino war, mit dem er so gewaltig haderte. Ich ließ sie nun nicht mehr aus den Augen, bis sie auf die Piazetta gingen und sich daselbst einschifften. Erst in der Dämmerung begab ich mich wieder heim, um mich für das Theater umzukleiden, das ich in Uniform besuchen wollte. Ich traf niemand als Signora Ludolli, die meine Frage ängstlich zu beantworten schien, was ich auf Rechnung ihrer Furcht vor Contarino schrieb. Ich ging längs den Fundamenti (so werden hier die sehr schmalen, längs den Häusern hinlaufenden Gänge genannt) hin, das Haus verlassend. Es war schon völlig Nacht. Jetzt wollte ich die erste sich vorfindende Gondel besteigen, als ich bemerkte, daß mich zwei in Mäntel gehüllte Gestalten verfolgten, die ihren Gang mit jeder Sekunde mehr beflügelten. Als sie nur noch wenige Schritte von mir entfernt waren, machte ich ein rasches rechtsum Kehrt, ging ihnen festen Tritts entgegen, und da ich an sie herankam, drückten sie sich an die Mauern eines Hauses und ließen mich ganz friedlich vorüber; ich wandte mich nochmals um und ging wieder an ihnen vorbei. Es kam mir vor, als sei einer von ihnen mein Hauswirt, und ich bemerkte, daß sie leise aber eifrig miteinander sprachen. Bald sah ich, daß sie mich von neuem verfolgten, ich ließ sie abermals herankommen, wandte mich wieder gegen sie um, und als ich im Begriff war, sie zu fragen, was sie von mir wollten, streckte der eine schnell seine Hand gegen mich aus, um mich bei der Brust zu packen, indem er zugleich ein Stilett blinken ließ. Ich wich einen Schritt zurück, zog schnell den Degen und rief ihm zu: „Ah birbante, adesso tocca a me!“ Klirrend schlug ich ihm das Stilett aus der Hand, sprang auf beide zu; einer stand hinter dem anderen, denn der Gang am Kanal war keine drei Schuh breit, und den ersten packend, den anderen aber für meinen Wirt erkennend, sagte ich zu demselben: „Wie, Sie sind so ein Patron?“ Beide waren aber nicht vom Mestiero, sondern so verblüfft, daß sie regungslos dastanden. Der hintere stieß endlich ein „Ajuto!“ aus, ich sagte ihm aber, er möge sich um Himmelswillen ganz ruhig verhalten und keinen Lärm machen, weil ich sonst genötigt sein würde, sie beide zum Platzkommandanten bringen zu lassen; meinem Hauspatron versicherte ich zugleich, daß ihm nichts geschehen sollte, wenn er ruhig bleibe. Ich fragte sie nochmals, was sie eigentlich von mir wollten und weshalb sie mir auf eine so unerhörte Weise nachstellten, und da sie noch immer stumm blieben, sagte ich: „Den ich hier festhalte, ist wahrscheinlich der saubere Contarino,“ und als mein Wirt dies bejahte, fuhr ich fort: „Ich bedauere nur, daß Sie sich wegen Hirngespinsten zu solchen Schurkenstreichen verleiten lassen und in Gefahr begeben; längst glaubte ich, daß mit der Republik auch solche Banditenstreiche aus Venedig verbannt seien. Ihre Eifersucht ist ebenso lächerlich als grundlos; ich habe noch keine zwei Worte mit Ihrer Geliebten gewechselt und werde sie Ihnen sicher nicht abspenstig machen; denn Venedig hat schöne Frauen genug, daß nicht ein jeder sein Liebchen finden sollte. – Wenn Sie der Treue Ihrer Geliebten nicht versichert sind, so tun Sie dieselbe an einen anderen Ort, solange ich mich in Venedig befinde, statt sich in meuchelmörderische Wagnisse einzulassen, die Ihnen leicht den Hals kosten können, denn es hängt jetzt doch nur von mir ab, Sie in die andere Welt oder auf die Galeere zu befördern; ich will indessen weder das eine noch das andere, ich verzeihe Ihrer blinden Leidenschaft. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie Ihre Geliebte einstweilen aus dem Haus, das ich nicht verlassen werde, solange ich noch hier verweile.“ – Contarino bat mich nun recht demütig wegen seines unbegründeten Argwohns um Vergebung, nannte mich ein Mal über das andere einen generosissimo Signore wobei Ludolli einfiel: „Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, allein Sie wollten meinen Worten keinen Glauben schenken.“

Contarino äußerte, Eifersucht habe ihn verblendet, beteuerte, daß er alles Vertrauen in mich und seine Gatte setze, die nirgends besser als bei Ludollis aufgehoben sein könne, und bat mich auf das inständigste, ihm zu erlauben, daß er die Ehre haben dürfe, mich in sein Haus einzuführen. Ich willigte ein, und er bestand darauf, mich schon den nächsten Tag selbst abzuholen, indem er mir zugleich seine Aufwartung machen werde. Wir schieden nun als gute Freunde. Ich begab mich nach Fenice, und als ich nach beendigtem Theater nach Haus ging, kamen mir die Damen mit einem Benvenuto entgegen. Sie waren schon von allem unterrichtet, gaben mir indessen doch zu verstehen, daß ich nur durch ein halbes Wunder dem Bad im Kanal entgangen sei. Wir soupierten und blieben bis nach Mitternacht bei einem Glas Punsch beisammen; die Frauen dankten Gott, daß alles so abgegangen sei; Ludolli versicherte mir wohl zehnmal, daß sonst der Contarino doch ein galantissimo uomo sei. Wir trennten uns endlich vergnügt mit einer felicissima notte, wobei mir vergönnt war, die sämtlichen Damen zu küssen, die mir Glück gewünscht hatten, Zutritt in Contarinos Haus zu erhalten, wo man sich sehr gut unterhalte, dessen junge Frau eine der liebenswürdigsten und hübschesten Damen Venedigs sei, und mich warnten, ihr nicht zu tief in die Augen zu sehen.

Den kommenden Morgen hatte ich noch nicht lange das Bett verlassen, als mir Contarino angemeldet wurde, den Ludolli sofort bei mir einführte; es war ein Mann von einigen dreißig Jahren und ziemlich untersetzter Statur. Nochmals entschuldigte er sich tausendmal wegen des Vorgefallenen; ich suchte ihn völlig zu beruhigen, worauf er mich bat, mich noch diesen Vormittag seiner Frau vorstellen und in das Kasino einführen zu dürfen, von dem er Mitglied sei. Ich nahm beides an, wir verließen meine Wohnung gegen Mittag, nahmen Schokolade in einem Café des San Marko und fuhren dann nach dem Palazzo des Signor Conte, wo ich seine Gattin, eine Dame, welche meine Erwartungen noch übertraf, kennen lernte. Sie war noch nicht volle neunzehn Jahre alt, hatte ein wunderliebliches Gesicht, die feinsten und geistreichsten Züge, einen blendend weißen Teint, eine fast transparente Haut, unter welcher die blauen Äderchen hervorschimmerten, den zierlichsten Wuchs und die schlankeste Taille, genug, es war eine ganz venetianische Schönheit, die von Geburt der Familie Mocenigo angehörte. – Der Graf bat sie, mich als seinen besten Freund zu betrachten und zu jeder Zeit, wenn ich ihr die Ehre meines Besuchs schenken wolle, freundlich anzunehmen. Die Signora sagte aufs Verbindlichste, daß sie sich eine Pflicht daraus mache, ihrem Mann zu gehorchen, und so stand mir eines der ersten Häuser Venedigs offen, in dem ich bald Gelegenheit hatte, den reichen venetianischen Adel, wie die Mocenigo, Dandolo, Falieri und so weiter kennen zu lernen. Ich wunderte mich, daß der Graf bei einer so hübschen Gattin eine Odelino vorziehen mochte, aber bekanntlich ist ja die Ehe das Grab der Liebe, und es kann nicht anders sein. In dem Kasino, in dem er mich einführte, langweilte ich mich; außer dem Spiel war wenig oder gar keine Unterhaltung daselbst anzutreffen. Contarino veranstaltete nun selbst öfters Wasserpartien mit den Frauen und Mädchen, wo ich wohnte; wir besuchten entferntere Kirchen und Klöster auf den Giudecca-Inseln le Grazie, San Giorgio, San Helena, San Clemente, fuhren nach Murano und so weiter, wobei ich absichtlich der jungen Karolina recht eifrig den Hof machte, damit die Eifersucht des Nobile nicht wieder erwachen möge; das Mädchen war auch hübsch genug, daß ich das in allem Ernste tun konnte. Contarino zeigte sich außerordentlich gefällig und dienstwillig, und als ich ihm einst von Zschokkes Abällino erzählte, in dem sogar ein Namensvetter von ihm eine Rolle spiele, und den Wunsch äußerte, ich möchte doch gerne wissen, ob der Verfasser aus einer historischen Quelle geschöpft oder das Sujet bloß ein Produkt seiner Phantasie sei, suchte er mehrmals halbe Tage lang mit mir in den Archiven, die uns auf Menous Gebot geöffnet wurden, alle Aktenstücke und Dokumente, die sich auf die Regierung des Dogen Andreas Gritti bezogen, durch, aber unsere Bemühungen waren vergeblich, wir konnten nichts auf diesen Gegenstand Bezügliches entdecken.