Indessen hatte ich in der Tat doch der Signora Lucietta, so hieß Contarinos Gattin mit ihrem Taufnamen, zu tief in das Auge gesehen und fühlte etwas mehr als bloßes Wohlwollen für die Schöne. Diese hatte aber einen alten Abbate zu ihrem Cavaliere servente, der den ihm anvertrauten Schatz wie ein Argus bewachte und dem mein Erscheinen in der Familie eben keine sonderliche Freude zu machen schien; schwerlich wäre ich mit der Dame je in eine nähere Berührung gekommen, hätte mich nicht der Zufall, dieser mächtige Gehilfe des Schicksals, begünstigt und den Herrn Abbate auf das Krankenlager geworfen. Jetzt traf ich Signora Lucietta fast immer allein, koste, musizierte und küßte bald mit ihr. Der Signor Marito bekümmerte sich weit weniger um seine reizende Gemahlin als um die Mätresse, und ich suchte erstere deshalb nach besten Kräften zu trösten, was mir um so eher gelang, als sie bereits Wind von dem Verhältnis mit der Donna mantenuta hatte. Ich teilte ihr nun unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mit, was wegen derselben zwischen ihrem Gatten und mir vorgefallen war, worauf sie weiter nichts als ein unwilliges: „È una gran bestia, il mio marito!“ ausstieß, dann lachte und sagte: „Nun, ich will’s ihm vergelten.“ – Jetzt waren wir bald nur eine Seele, und ich bedauerte nichts, als Venedig, wo ich mir immer mehr gefiel, sobald wieder verlassen zu müssen. En passant machte ich auch noch einer hübschen Seconda Donna vom Theater Fenice den Hof und brachte ein paar joviale Abende mit ihr zu, scherzte dabei recht artig mit Karolinchen und hielt hinsichtlich der Odelino streng mein Wort bis – zur Nacht vor meiner Abreise, wo ich mich gegen Morgen in ihr Schlafgemach stahl und sie zur Untreue gegen ihren Protektor verführte. – Ich entwand mich dann mit einem langen Abschiedskuß aus ihren Armen, und sie entließ mich mit einem matten Addio und „Ach, warum nicht früher?“ ... Bei Lucietta hatte ich schon den Tag und von Karolina den Abend vorher Abschied genommen.

Der Tag meiner festgesetzten Abreise war angebrochen, ich hatte über drei Wochen in der Dogenstadt verweilt, und mit dem frühen Morgen fuhr ich noch einmal durch einen Teil des Canal grande, zum letztenmal die öden Marmorpaläste bewundernd, deren Fenster manchmal sogar mit Dielen verwahrt sind und die unfehlbar in Ruinen zerfallen werden, da ihre Eigentümer nicht die Mittel haben, sie zu unterhalten, und dieselben eine Last für sie sind.

Auf Contarinos Rat fuhr ich in einer Barke nach Fusine, wohin ich meinen Wagen kommen ließ, um von da weiter nach Padua zu fahren. Diese Überfahrt ist angenehmer als die von Mestre. Durch die Lagunen wogend, entfernte ich mich allmählich von dem prächtig-traurigen, dem Meer entwachsenen Venedig; seine Kuppeln und Türme, die sich in einiger Entfernung auf der See majestätisch und zauberhaft ausnehmen, schwanden mehr und mehr, dabei hatte ich das nahe Ufer des festen Landes im Auge, dessen schöne Landhäuser, Gärten und gut angebaute Felder eine nicht minder reizende Fernsicht gewähren. Ehe ich die Küste erreichte, warf ich noch einen letzten scheidenden Blick auf die alte entthronte Meereskönigin, ihr ein ewiges Lebewohl sagend. Auch auf dieser Überfahrt hatte ich wieder jene wehmütige Empfindung, die mich allemal befällt, wenn ich einen Ort verlassen muß, an dem mir es wohl ging und wo ich der Freuden viele genoß. Zu Fusine nahm ich Postpferde und fuhr längs der herrlichen, wegen ihrer Fruchtbarkeit, Schönheit und Mannigfaltigkeit – Klöster, Dörfer, Villen, Gärten und Lustwäldchen – berühmten unabsehbaren Ebene hin. Überall herrscht reges Leben, und die Fluten sind noch mit Barken, Gondeln und anderen Schiffen bedeckt. Ich kam über Dolo, wo ich einige Prachtgebäude bemerkte, und sah bei dem ganz nahen Stra die Schiffe aus der Brenta in den Kanal Piovego, der gerade nach Padua führt, fahren. Man kann den Weg von Venedig bis dahin auch zu Wasser machen, der noch angenehmer sein mag, aber auch länger ist. Obgleich von ganz anderer Art als die Ufer des Rheins, des Ebro und der Donau, sind die der Brenta doch nicht minder unterhaltend und abwechselnd. Verlassene und oft schon halb verfallene Villen ersetzen hier die Ritterburgen des Rheins und sind die trauernden Überbleibsel und Denkmäler der gesunkenen Größe der Inselstadt, deren Bewohnern die meisten gehörten, andere aber den Einwohnern von Padua. Noch vor Mittag kam ich in dieser Stadt an, wo ich ein paar Stunden verweilte. Sie liegt unfern der Brenta, an der Bachiglione, und ist von so freundlichen, lachenden angebauten Hügeln umgeben, daß sie manche Reisende ein irdisches Paradies genannt haben.

Mit einbrechender Nacht setzte ich meine Reise fort, kam in der Nähe von Arqua vorüber, wo Petrarchs irdische Reste ruhen und man sein Haus, seinen Stuhl und das Skelett seiner Katze zeigt, dann durch das durch seinen Vipernfang berühmte Monselice, passierte die Adige (Etsch) bei dem Flecken Boara, fuhr durch Rovigo und, ohne mich weiter aufzuhalten, bis Ferrara. Eine leichte Unpäßlichkeit war die Veranlassung, daß ich hier ein paar Tage verweilen mußte. Die Stadt, die in der Nähe eines Armes des Po liegt, war sehr öde und zählte kaum achtzehntausend Einwohner mehr, die sich in ihren großen weitläufigen Straßen, in denen das Gras hoch und das Unkraut dicht stand, verlieren. Sie hat eine gute, regelmäßige und feste Zitadelle. Das Schloß der alten Herzoge von Ferrara liegt mitten in der Stadt und ist ringsum mit Wasser umgeben und von vier dicken Türmen flankiert, sein Anblick ist nichts weniger als erfreulich. In seiner Nähe befindet sich der sogenannte adelige Palazzo, vor dem zwei hohe Säulen mit den ehernen Statuen alter Herzoge stehen. Unter den Plätzen war der Napoleonsplatz der bedeutendste. Die Kathedrale ist ein schönes Gebäude, in der Benediktinerkirche befindet sich das Grab eines der phantasiereichsten Dichter, die je gelebt, des Autors des rasenden Roland, Ariosts, zu dessen Zeiten die Stadt noch eine der reichsten, blühendsten und bevölkertsten Italiens war. Die ungesunde Luft, welche die naheliegenden Moräste verursachen, und die häufigen Überschwemmungen, denen die Umgegend ausgesetzt ist, mögen viel zu ihrer Entvölkerung beigetragen haben. Das hiesige Theater ist groß und schön, die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das Hospital der heiligen Anna ist berühmt, weil der arme Tasso von dem undankbaren Herzog Alphons hier so lange in einem engen Gemach unter dem Vorwand einer Gemütskrankheit eingesperrt wurde. Krank war er allerdings, denn er war wirklich verliebt, und zu bedauern sind die mit dieser Krankheit Befallenen, für die man ebensowenig kann, wie für jede andere. Wer wüßte etwas von diesem Herzog, wenn ihn nicht der unsterbliche Dichter in seinem herrlichsten Werk den großmütigen Alphons genannt hätte! In der großen Bibliothek Ferraras sind Handschriften von Ariost, Tasso, Guarini und so weiter vorhanden, von ersterem auch noch das Tintenfaß und ein Stuhl.

Von hier reiste ich, wieder hergestellt, nach Ravenna ab, denn ich wünschte die alte berühmte Hauptstadt der Ostgoten kennen zu lernen. Der Weg dahin, den ich meistenteils in der Nacht zurücklegte, war unangenehm, und bei Argenta, in der Nähe der Sümpfe oder Valli von Comachio, warf mich der Postillon um, wodurch mir das Degengefäß so heftig in die linke Seite gestoßen wurde, daß ich eine bedeutende Quetschung davontrug, die mich nun gegen meinen Willen in Ravenna zurückhielt. Da es noch finstere Nacht war, so kostete es viele Mühe, bis der Postillon, mein Bedienter und ich, der arge Schmerzen hatte, den Wagen wieder aufrichteten, und es verging fast eine Stunde, bevor ich weiterfahren konnte. In Ravenna angekommen, schickte ich sogleich nach einem Militärarzt, der mir etwas zum Einreiben verordnete und auflegte. Sechsunddreißig Stunden mußte ich nun im Bette zubringen, was mir sehr ungelegen war. Von Venedig hatte ich ein paar Empfehlungen von Contarino für hier, die ich durch meinen Bedienten abgeben ließ und hierauf mehrere Besuche erhielt.

Das uralte Ravenna lag einst an den Ufern des Adriatischen Meeres und war einer der besten Häfen desselben, jetzt ist es an zwei Stunden von der Küste entfernt. Nach Strabo haben Thessalonier diese Stadt gegründet, Sabiner aber waren ihre ältesten bekannten Einwohner, später bemächtigten sich ihrer die Gallier, welche sich an den Ufern des Po niederließen. Paulus Aemilius verjagte sie, und die Römer verschönerten die Stadt außerordentlich, namentlich unter den Kaisern, und ließen ihre Flotten in ihrem Hafen überwintern. Unter den gotischen Königen und Exarchen im siebten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten und blühendsten Städte Europas. Dadurch, daß sie durch das Zurücktreten des Meeres ihren Hafen verlor, kam auch sie zurück. Im Mittelalter, wie alle Städte Italiens, durch Unruhen und Parteikämpfe zerrissen, mußte sie außerordentlich leiden, und zur Zeit, als sie die Venezianer, in deren Hände sie gefallen war, an die Päpste abtraten, war sie schon sehr herabgekommen; unter der Herrschaft des heiligen Stuhls sank sie noch vollends, so daß sie kaum fünfzehntausend Einwohner mehr zählte und noch weit verlassener als Ferrara war. Die alte Hauptstadt von Theodorichs Reich bot jetzt nur noch Überreste und trauernde Denkmäler ihrer früheren Größe den Blicken des Reisenden dar, ihre öden und menschenleeren Straßen waren mit falbem, dürrem Gras bewachsen, ihre zum Teil halbverfallenen Häuser und Paläste, meistens mit Moos und Gesträuch bedeckt, schienen ohne Besitzer, die mehr schleichenden als gehenden Einwohner hatten ein düsteres, schwermütiges und mutloses Aussehen, das eher Mitleid erregend als abschreckend war, im ganzen hatte sie das Ansehen einer verwünschten Stadt, in der nur lebensmüde Schatten einsam und tiefsinnig herumwandelten.

Nach vier Tagen des Bett- und Zimmerhütens war mir das Ausgehen wieder gestattet. Mein erster Gang war nach der im neueren Geschmack restaurierten Hauptkirche, in der ich eine Zeitlang umherwandelte und endlich vor den herrlichen Freskomalereien Guidos in einer Kapelle stehen blieb, die auch das schöne Gemälde enthält, welches Moses darstellt, wie er Manna vom Himmel regnen läßt. Noch war ich im Anschauen desselben vertieft, als ich hinter mir ein Damengewand rauschen hörte; ich sah mich rasch um und erblickte einen in schwarze Seide und Flor gehüllten blendend weißen Engel, der eben einen seine unwiderstehlichen Reize verhüllenden Schleier zurückschlug, sich zum Beten niederkniete und zwei Feueraugen zeigte. Dies bezaubernd lebendige Gemälde hatte das tote sogleich aus meinen Augen und Sinnen verdrängt, ich trat einige Schritte zurück, kniete ebenfalls nieder, und zwar so, daß ich die schöne Betende immer im Auge hatte. Auch sie hatte mir einen Blick geschenkt, der mich in eine erschütternde Vibration versetzte. Nach einer halben Stunde, die mir, obgleich kniend, kaum eine Minute dünkte, erhob sich die schöne Gestalt, verneigte sich tief und entfernte sich, mich im Vorübergehen noch eines Blickes würdigend. Ich hatte die Absicht, ihr zuvorzukommen, um ihr das Weihwasser zu bieten, erreichte aber meinen Zweck nicht. Ein sie begleitendes Mädchen, das hinter ihr gekniet, tat dies vor mir. Durch wenige aber lange und einsame Straßen führte ihr Weg, nur einmal sah sie sich um und schlüpfte dann durch die Pforten eines alten, nicht sehr ansehnlichen Hauses, dessen untere Fenster alle vergittert waren. Schon lange hatte sich die Tür hinter der wunderbaren Schönen geschlossen, und noch stand ich, die toten bemoosten Mauern und das rußig-braune Tor anstarrend, hinter dem sie verschwunden war. Ein vorübergehender Kapuziner weckte mich endlich aus meinen Träumereien, ich merkte mir Straße und Haus und kehrte vorerst heim. Als die Nacht herankam, durchstreifte ich mehrmals jene Straße, in welcher das mir merkwürdig gewordene Haus lag, aber an keinem Fenster desselben war auch nur ein Schimmer von Licht zu erblicken und alles so einsam und still, als wäre die Welt ausgestorben. Nachdem ich lange vergeblich auf irgendeine Entdeckung des mir so werten Gegenstandes gehofft hatte, entfernte ich mich, fest entschlossen, die näheren Verhältnisse meiner schönen Unbekannten à tout prix kennen zu lernen. Den anderen Tag erfuhr ich durch einen dienstbaren Geist, dem ich Straße und Haus bezeichnet hatte, daß die Dame die durch ihre Schönheit berühmte Signora Lucilla Manichetto aus Pesaro sei, die erst kürzlich, durch ihre Verwandten gezwungen, einem schon ziemlich bejahrten Richter ihre Hand gereicht, der sie strenge überwache, keinen Cicisbeo dulde und ihr nur das Kirchengehen morgens und abends in Begleitung eines Dienstmädchens gestatte. Also auch eine Lucilla, mir um so teurer, da sie mich an die kaum verlassene venezianische erinnerte. Daß ich nun immer in der Stunde, in welcher die Dame die Kirche besuchte, auch in derselben anzutreffen war, wird man mir ohne Beteuerung glauben. Ich richtete es jetzt so ein, ihr das Aqua benita zu reichen, und es gelang mir bald, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Durch dieses öftere Besuchen der Kirche wurde ich auch mit dem Sakristan derselben bekannt. Eines Abends, als ich längere Zeit auf meine Schöne wartete, begab ich mich in die Sakristei, wo ein dunkelgrüner Vorhang ein Gemälde in einem abgelegenen Winkel verhüllte. Ich befragte meinen neuen Bekannten, was es damit für eine Bewandtnis habe. Er erwiderte mir, daß es eigentlich streng verboten sei, dasselbe jemandem zu zeigen, indessen wollte er bei mir eine Ausnahme machen, wofür ich mich erkenntlich zeigte. Er zog nun an einer Schnur den Vorhang weg, und ich erblickte die Abbildung des Innern einer Kirche, in der ein Wüterich den Leichnam einer wunderschönen Frauengestalt mit einer Streitaxt in Stücke hieb und zerfleischte. Diese Darstellung erschütterte mich unangenehm, ich verließ die Sakristei wieder, und der Sakristan zeigte mir nun ein anderes Bild, das in der Kirche an einem Pfeiler hing und dem Anschein nach eine Geisterbeschwörung vorstellte. Mein Begleiter erzählte mir jetzt, sich bekreuzigend, daß dies Gemälde mit jenem in der Sakristei in engster Berührung stehe und der nämlichen Ursache seine Entstehung zu verdanken habe, obgleich es über zwölfhundert Jahre später gemalt worden sei. Ich bat ihn, mir den Zusammenhang und die Geschichte der beiden Bilder mitzuteilen, worauf er mir erwiderte, daß dies lange Zeit fordere und er außerdem die Geschichte des verhüllten Bildes nicht kenne, von dem anderen aber habe ihm sein Vorgänger, ein Greis von neunzig Jahren, erzählt, daß es die Verbannung eines bösen Geistes, der über tausend Jahre sein Unwesen jede Nacht in der Domkirche getrieben habe, vorstelle, und der nie ein Licht oder irgendeine Beleuchtung nach Mitternacht in dem Gottestempel mehr geduldet habe, sondern daß, sobald diese Stunde schlug, ein Windschauer alle Lichter, sogar in den wohlverwahrtesten Laternen, gelöscht habe, die dann niemand mehr anzuzünden imstande gewesen sei. Man habe alsdann ein schreckliches Getöse und Gepolter in den Gewölben und Hallen der Kirche vernommen und sich um diese Zeit kein Mensch mehr in dieselbe gewagt; seit undenklichen Zeiten hatte man die berühmtesten Geister- und Hexenbanner verschrieben sowie alle erdenkliche heilige Mittel angewendet, den Geist zur Ruhe zu verweisen, aber alles sei vergeblich gewesen, bis endlich einmal ein sehr sonderbar gekleideter, langbärtiger Mann aus einem unbekannten Land gekommen sei, dessen sich der Greis, der damals kaum zwanzig Jahre alt gewesen, noch gut zu entsinnen gewußt. Jener habe sich erboten, dem Spuk ein Ende zu machen, und eine ganze Nacht allein in der Kirche einschließen lassen. Mit Tagesanbruch habe er die Kirche von innen geöffnet, dem Priester, der die erste Messe lesen sollte, eine versiegelte Rolle übergeben und ihm geboten, dieselbe unter Schloß und Riegel wohl zu verwahren und niemandem als dem Bischof zu gestatten, die Siegel zu lösen. Sodann solle man das grause Bild aus der Kirche wegnehmen und verhüllt in einem Winkel der Sakristei aufbewahren und ein anderes, das man an einem gewissen Tag überbringen werde, dafür in die Kirche hängen. Hierauf verschwand der seltsame Mensch, von dem man nie wieder etwas gehört. Viele waren der Meinung, es sei der ewige Jude gewesen. Der Priester befolgte genau, was ihm befohlen war, der Spuk in der Kirche hörte von dieser Stunde an auf, der Bischof entsiegelte und las die ihm übergebenen Papiere, die hierauf in einer wohlverschlossenen Kassette in der Sakristei aufbewahrt wurden, wo sie sich noch befinden. Meine Neugierde hinsichtlich des Inhalts dieser Papiere war durch diesen Bericht rege gemacht. Der Sakristan gestand mir, daß er den Schlüssel zu dem Wandschrank habe, in dem sich die Kassette befinde, die sie enthalte, sowie daß er selbst schon einigemal in Versuchung gekommen, sie zu öffnen, aber eine Art Schauer habe ihn jedesmal überfallen, wenn er die Versuchung gehabt, und so sei er bis jetzt derselben widerstanden. Ich, der ich von diesem Schauer nichts empfand, bewog ihn durch Geschenke und Versprechungen, mir die Kassette auf eine Nacht anzuvertrauen, und wir öffneten dieselbe in meiner Wohnung mit Hilfe einiger krummer Nägel und starker Eisendrähte, aber auch der Deckel hielt so fest, wie wenn er angekittet wäre. Wir rissen ihn endlich auf, indem der eine an der Kassette, der andere am Deckel zog; nebst der Papierrolle fielen uns drei silberne und eine goldene Spange und ein Ring von demselben Metall in die Hände. Die Rolle enthielt ein in lateinischer Sprache mit gotischen Lettern geschriebenes Manuskript, das wir nicht ohne Mühe ins Italienische übertrugen und wir lasen eine gräßliche, von dem König Theobald in der Domkirche an seiner Gemahlin Rosaura verübte Mordgeschichte.[8] Noch eine zweite Rolle befand sich in der Kassette, die Spuk- und Erlösungsgeschichte des armen Geistes, ein von Mönchen mit lächerlichen Wundern ausgeschmücktes Machwerk.

Indessen hatte ich eben nicht mehr viel Zeit in Ravenna zu verlieren, denn ich wurde auf meinem Posten zu Velettri erwartet, doch wollte ich die Stadt nicht verlassen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, mit der Signora Manichetto eine Bekanntschaft anzuknüpfen; ich mußte also auf Mittel denken, rasch zum Ziel oder wenigstens zu einem Ja oder Nein zu kommen. Ich kaufte einige Kleinigkeiten von Galanteriewaren, die ich zu einem Geschenk für die begleitende Duenna bestimmte und die ich ihr am nächsten Morgen, als sie mit ihrer Begleiterin die Kirche verließ, nebst einem Billettchen einhändigte. In dem letzteren hatte ich meine Liebe zu der schönen Signora mit den lebhaftesten Farben geschildert und gebeten, mir doch einen Ort zu bestimmen, wo ich mit ihr, dem Mädchen, das Weitere besprechen könne; auf meine Erkenntlichkeit könne sie zählen. Noch denselben Tag erfuhr ich von der Duenna, daß, soviel sie gemerkt, ihre Gebieterin mir nicht abgeneigt sei, aber da sie mich gar nicht kenne, doch einiges Mißtrauen hege; außerdem verreise sie in ein paar Tagen, um sich nach Pesaro, ihrem Geburtsort, auf einige Zeit zu ihren Eltern zu begeben. – Ich sagte nun dem Mädchen, daß ich ein zu seinem Vergnügen reisender Partikulier sei, meinen eigenen Wagen bei mir habe und es mir ein großes Vergnügen machen würde, mit ihrer Herrin nach Pesaro zu fahren. – „Wo denken Sie hin,“ erwiderte das Kammerkätzchen, „il Signor Patrone hat schon einen Vetturino gedungen, der uns wohlverwahrt dahin bringen muß; aber auf der Reise dahin könnte sich wohl eine Gelegenheit finden, sich zu treffen.“ – „Scharmant, mein liebes Kind! Sieh, wenn du dies veranstalten kannst, dann sollst du noch ein schönes Geschenk von mir erhalten; da, nimm einstweilen auf Abschlag.“ – Ich drückte ihr eine Zechine in die Hand. – „Wissen Sie was,“ sagte sie mir noch freundlicher, „kommen Sie nach der Abendkirche an unsere Wohnung, dann werde ich imstande sein, Ihnen das Nähere mitzuteilen.“ – Drei Stunden nach Sonnenuntergang spazierte ich mit ihr Arm in Arm in der öden Straße, in der die Wohnung ihres Herrn war, und sie teilte mir mit, daß sie mit ihrer Frau übermorgen abreise, ich möge mich nur denselben Tag auf den Weg machen und es einrichten, daß ich in Forli mit ihnen zusammentreffe, dann würde sich das übrige finden. Über diese Nachricht erfreut, gab ich dem dienstbaren Geist noch eine Zechine und fragte, ob sie sich wohl mit einem Billettchen an ihre Dame befassen wolle. „Date pure,“ war die Antwort. Den anderen Tag sah ich Lucilla wieder in der Kirche und konnte aus ihren freundlichen Blicken lesen, daß was ich ihr geschrieben, keinen schlimmen Eindruck gemacht. Die wenige Zeit, die mir noch in Ravenna übrig blieb, verwendete ich darauf, Dantes schönes Grabmal in der Nähe des Franziskanerklosters zu besuchen sowie das dem König Theodorich von seiner berühmten Tochter Amalasonte außerhalb der Stadt errichtete Mausoleum, jetzt Santa Maria Rotonda getauft, dessen breite, über hundert Fuß umfassende Kuppel aus einem einzigen Steinblock gehauen ist und einen hohen Begriff von der Geschicklichkeit der Goten in der Architektur gibt. Ich besah auch noch mehrere andere Kirchen und Gebäude; es ist unglaublich, welchen Reichtum an kostbarem Marmor Ravenna enthält; es rivalisiert in dieser Hinsicht mit Rom, Venedig und Konstantinopel. Der große Tempel des heiligen Apollinarius in einer Vorstadt wird von vierundzwanzig ungeheuren Säulen von griechischem Marmor getragen, die von Konstantinopel hierher gebracht wurden. Die Kathedrale wurde schon im vierten Jahrhundert erbaut, seitdem freilich öfters restauriert.

Noch einmal sprach ich Marietta, so hieß die gefällige Dienerin, den Abend vor unserer Abreise und gab ihr Rendezvous in Forli; am anderen Morgen verließ ich Ravenna vor Sonnenaufgang, kam bald durch den gut und übel berüchtigten Pinienwald und durch die sich bis zu den Apenninen ausbreitenden Sümpfe, den kleinen Fluß Savio passierend, nach dem mitten in den Morästen liegenden Ort Cervia. Hier blieb ich in einer Locande, um einstweilen frühstückend den nachkommenden Vetturino abzuwarten, der mir jedoch die Zeit ziemlich lang machte, so daß ich schon vermutete, es habe irgendein Hindernis die Abreise der Dame verschoben; endlich, als ich eben überlegte, ob ich weiter fahren oder noch warten solle, vernahm ich das dumpfe Rollen eines herannahenden Wagens, der den von mir ersehnten Inhalt richtig brachte. Ehrerbietig grüßte ich die aussteigenden Frauen und war ihnen behilflich, aus dem Wagen zu kommen. Der Vetturino fütterte hier. Sie ließen sich sogleich ein Zimmer geben, und nach einigen Minuten trat Marietta wieder heraus und lispelte mir zu: „Entrate pure.“ Daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ, versteht sich von selbst, nach ein paar Sekunden küßte ich Lucillas niedliche Hand, und nach einigen Minuten Stirne, Wangen, Rosenlippen und so weiter der schönen Signora, welche die eintretende Zofe in meinen Armen fand und dazu lächelte. Wir brachten hier eine gute Stunde zu, während welcher die schalkhafte Marietta ab- und zuging und aufpaßte, damit unser Tête-à-tête nicht gestört werden konnte; einig und unverstanden waren wir bald, und als die Zofe endlich meldete, daß der Vetturino abzufahren bereit sei, aber der Weg über Cesenatico nach Rimini zu schlecht sei, es darum auch zu spät würde, weshalb er vorziehe, in Cesena zu übernachten, waren wir dies ganz zufrieden und brachten in der letzteren Stadt eine hochvergnügte Nacht zu. Zum zweitenmal passierte ich den anderen Tag den Pisatello (Rubikon), um nach Rimini zu fahren; ich war mit Lucilla übereingekommen, daß sie, Unwohlsein vorschützend, dort einen Tag verweilen sollte, was ihr angegriffenes Aussehen auch glaubhaft machte. In Rimini blieben wir statt einen zwei Tage, ohne das Albergo nur zu verlassen, und löschten die Flammen der durch süße Weine immer wieder angefeuerten Liebesglut zur Genüge, so daß wir den dritten Tag mit ziemlich gedämpftem Feuer den Weg nach Pesaro antraten, wo Lucilla auf das wohlwollendste von ihren Eltern empfangen und wegen ihres Unwohlseins auf das teilnehmendste bedauert wurde. In Rimini verweilte ich noch zwei Tage, nahm dann herzlichen Abschied in meinem Quartier von meiner liebenswürdigen Reisegefährtin und setzte meinen Weg, ohne mich ferner irgendwo aufzuhalten, nach Rom fort, wo ich wohlbehalten ankam, mich bei dem General Miollis meldete, Torlonia besuchte und erfuhr, daß die längst getröstete Cesarini noch immer auf dem Land lebe. Von Rom begab ich mich nach einigen Tagen zu meiner Kompagnie nach Velletri, wo ich die Kommandantur des Platzes wieder antrat und, um mich zu zerstreuen, mit einigen Einwohnern fast täglich auf die Jagd ging, die hier außerordentlich ergiebig ist.

Velletri ist an und für sich ein häßliches Nest, das auf einer Anhöhe am Abhang des Albaner Berges liegt. Es war die alte Hauptstadt der Volsker; schon unter ihrem vierten König, Ankus Martius, sollen es die Römer erobert, aber nicht behauptet haben, bis es der achtzigjährige Camillus, nachdem er die Gallier verjagt, abermals eroberte. Die jetzige Stadt ist schlecht, eng und abhängig gebaut, hat ein paar ansehnliche Paläste, namentlich den Palazzo Ginetti, durch seine schöne Fassade, seine prächtige Treppe und seine Gärten berühmt; was die Stadt am merkwürdigsten macht, ist, daß Augustus hier geboren wurde. Hier und in der Umgegend findet man noch viele altrömische Ruinen von Tempeln, Villen und so weiter. Ich hatte meine Residenz in dem Palast aufgeschlagen, der dem Kardinal Borgia gehört hatte. Auf dem ziemlich großen Marktplatz steht die Bildsäule Urban VIII. Öfters machte ich auch kleine Ausflüge nach Porto d’Anzio, Piperno und so weiter, um dort Kameraden zu besuchen, sowie Jagdpartien in die Pontinischen Sümpfe, in denen es von Geflügelwild wimmelte, namentlich wilden Enten und Wasserhühnern, so daß, wenn man einen Schuß in die Schilfrohre tat, sich eine schwarze Wolke von Vögeln erhob. Auf einer solchen Jagd hatte ein paar Jahre früher ein Leutnant vom Regiment Y., namens Erny aus Darmstadt, das Leben eingebüßt, indem er in einem überwachsenen Sumpf ertrank oder vielmehr erstickte. Man fand seinen Leichnam nur mit Hilfe seines zu ihm führenden treuen winselnden Hundes. Von Velletri aus hat man die Gegend der Pontinischen Sümpfe immer im Angesicht; sie beginnen noch vor Treponti und erstrecken sich bis Terracina. Es gibt Plätze in denselben, wo die Luft so giftig ist, daß sie in wenigen Tagen töten kann. Diese aria cativissima ist wahrscheinlich durch die vielen Überschwemmungen entstanden, welchen diese Gegend so häufig ausgesetzt ist. Cäsar, Trajan, Antonius Pius und andere alte Römer sowie die Päpste Bonifacius VIII., Martin V., Leo X. und besonders Pius VI. haben sich unsägliche Mühe mit der Austrocknung dieser Moräste gegeben, ohne ihren Zweck vollkommen erreichen zu können; die Überschwemmungen zerstörten immer wieder teilweise die gemachten Arbeiten. Das einzige Vieh, das hier gut gedeiht, sind die Büffel, von denen man großen, wohlgemästeten Herden in Masse begegnet. Diesem Vieh scheint überhaupt nur im Morast, Unrat und Schlamm ganz wohl zu sein, diese Erfahrung hatte ich schon in meiner Heimat gemacht. Durch diese Sümpfe ging auch die berühmte Appische Straße, die man unter Pius VI. wieder auffand und die in gerader Linie bis Terracina führt. Die neue Straße, welche Pius VI. 1778 anlegen ließ, geht ihrer ganzen Länge nach, etwa zehn Stunden, durch diese Sümpfe. Rechts von derselben befindet sich noch der Kanal, den Augustus graben ließ, um die Wasser abzuführen und den Horaz auf seiner Reise nach Brindisi beschiffte. Der erwähnte Papst ließ ihn wieder instand setzen. Dieser Weg ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmen und Gebüsch begrenzt, in gehöriger Entfernung liegen Posthäuser mit geräumigen Stallungen, die Pferde sind aber meistens halb wild, schwer zu zügeln und gehen gerne durch. Die hier lebenden Individuen sehen hohläugigen, blaßgelben Gespenstern ähnlich. Plinius berichtet, daß in dieser Gegend ehedem dreiundzwanzig blühende Städte gestanden, von denen aber keine Spur mehr vorhanden ist; selbst ihre Namen sind bis auf den der Stadt Pometia, welche den ihrigen den Sümpfen, in deren Mitte sie lag, verlieh, verschwunden. Das Austreten der Flüsse und Bäche, deren Wasser in die Ebene hinabströmte, hat diese Moräste gebildet. Napoleon hatte die Absicht, diese Gegend austrocknen zu lassen, geäußert, aber es unterblieb, wie so manche seiner Projekte. Auf die Einwohner von Velletri selbst und dessen nächste Umgebung scheint jedoch diese aria cattiva wenig Einfluß zu haben, denn die Männer haben ein gutes Aussehen und sind von ziemlich kräftiger Natur, und Mädchen und junge Frauen haben blühende Gesichter; unter ihnen waren recht hübsche Brünetten und nicht ohne Feuer, wie ich mich während meines Aufenthaltes zu Velletri zu überzeugen hinlänglich Gelegenheit hatte. Sie haben ungefähr dasselbe reizende, kokette und verführerische Kostüm, wie die Frauen zu Albano.