Da so ziemlich mit dem Anfang des Novembers die fatale Regenzeit eintrat und was sich aus Rom hier aufhielt, nun dahin zurückkehrte, so fing ich an, mich bei meiner obgleich ziemlich einträglichen Kommandantur doch gewaltig zu langweilen. Ich erbat mir deshalb öfters Urlaub nach Rom, wohin ich wegen der größeren Entfernung nicht wie von Albano aus tägliche Abstecher machen konnte. Das Haus, welches ich daselbst am meisten frequentierte, war immer wieder Torlonia, wo ich auch in der Regel den General Miollis traf, mit dem ich dort näher bekannt wurde. Von der Cesarini erfuhr ich, daß sie schon längst einen vornehmen Römer zum erhörten Anbeter habe. Eines Abends äußerte Miollis, dem mein musikalisches Talent, das in diesen Soireen wieder in Anspruch genommen wurde, gefiel, gegen Torlonia, daß er eine Mission nach Paris habe, zu der er einen gewandten und zuverlässigen Offizier gebrauche. Torlonia meinte, in mir würde er wohl finden, was er suche, und er eröffnete mir die Äußerung des Gouverneurs. Ich griff sogleich diese Sache mit dem größten Eifer auf, denn schon längst war es mein sehnlichster und heißester Wunsch gewesen, Frankreichs berühmte Hauptstadt, von der alle Teufeleien, Moden und die Welt erschütternde Befehle ausgingen, kennen zu lernen, und ich bat Torlonia, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, es bei dem General dahin zu bringen, mich zu dieser Sendung zu verwenden, wobei ich auch noch Gelegenheit zu finden hoffte, zur kaiserlichen Garde versetzt zu werden, ein anderer nicht minder eifriger Wunsch, den ich längst in meiner Brust nährte. Torlonia versprach sein Bestes in dieser Angelegenheit zu tun, und schon den nächsten Tag erfuhr ich zu meiner Freude von ihm, daß sich Miollis durchaus nicht abgeneigt gezeigt habe, mich zu dieser Mission zu gebrauchen, durch die er, wie es scheine, auch die Erreichung einiger Privatzwecke beabsichtige, wozu er mich für ganz geeignet halte; der Aufenthalt in Paris dürfte aber mehrere Monate währen. „Je länger, desto besser,“ erwiderte ich vergnügt. Noch denselben Tag wurde ich zum Gouverneur beordert, der mit mir über diese Angelegenheit sprach und damit begann, mir mitzuteilen, daß sie weit schwierigerer Art als die Sendung nach Wien sei, wo ich nur Depeschen abzugeben gehabt und so weiter. Er lud mich zur Tafel, und ich hatte mich so gut bei ihm zu insinuieren gewußt, daß eine zweite Unterredung, die er auf den anderen Morgen festsetzte, damit schloß, daß er mir sagte, ich möchte mich bereit halten, gegen die Mitte des Dezember abzureisen. Ich aß nun noch öfters beim General, brachte auch manchen Abend mit ihm zu und hatte bald heraus, daß meine offizielle Mission, Überbringung von Depeschen und Lieferungsangelegenheiten von Montierungsstücken für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps, eigentlich nur Vorwand war und gewisse Privatangelegenheiten Miollis, die zu besorgen er mich für tüchtig hielt und ich betreiben sollte, die Hauptsache ausmachten, weshalb ich auch außerdem noch mit den besten Empfehlungsschreiben an die einflußreichsten Personen zu Paris und den Kriegsminister vor meiner Abreise versehen wurde. Den 10. Dezember verließ ich Rom, schiffte mich in Civita-Vecchia auf einer Kanonierschaluppe ein und landete trotz Stürmen und den kreuzenden Engländern doch schon den neunten Tag zu Marseille, von wo ich nach einer kurzen Quarantäne über Aix, Avignon Lyon und so weiter, ohne mich irgendwo aufzuhalten, nach Paris fuhr, wo ich noch vor Neujahr glücklich eintraf. Es war aber schon beinahe Nacht, als ich die letzte Station vor Paris verließ und so den ersten Anblick der großen Hauptstadt des damals so mächtigen Kaiserreichs entbehren mußte. Ich stieg in einem Hôtel garni der Straße Richelieu ab, wo ich für diese Nacht nichts weiter als ein bequemes Bett verlangte, denn seit Marseille hatte ich keines mehr zu Gesicht bekommen und war an allen Gliedern wie gerädert; dies hatte die Eile und der Wunsch, Paris baldmöglichst zu sehen, gemacht, denn ich hatte mir keinen Moment Rast gegönnt.

XVI.
Paris im Jahre 1810. – Das Palais Royal. – Unvermutetes Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... – Der Konkordienplatz. – Notre Dame. – Das Hotel de Dieu. – Der Justizpalast. – Meinungen über Napoleons Ehescheidung. – Unerwartete Begegnung einer früheren Bekannten. – Eine Interimsehe. – Die Spielhöllen im Palais Royal. – Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die Seine. – Der Pariser Karneval. – Die Ochsenprozession. – Stimmung des französischen Volkes bei der Nachricht von der bevorstehenden Vermählung Napoleons mit Marie Louise. – Ein verfänglicher Calembourg aux français. – Das Totenmahl beim Fürsten Y...

Hoch war es am Tag, als ich am anderen Morgen in der ungeheuren Stadt erwachte, von der jetzt alle Blitze, furchtbarer als die des Vatikans, und nicht zu widerstehende Vollstreckungsbefehle über fast ganz Europa ausgingen, und in der der Gebieter des Tages mit eisernem Willen und Szepter thronte. Fast kam es mir wie ein Traum vor, mich in dem Zentralpunkt zu finden, von dem seit zwanzig Jahren so viel Teufeleien und welterschütternde Umwälzungen ausgingen, die der ganzen Erde eine andere Gestalt zu verleihen schienen, und doch:

„Wir sind nun in der Stadt Paris,

Wo man den König köpfen ließ,

Wo man die Welt so lang gedreht,

Bis auf dem alten Fleck sie steht!“

sagt das bekannte Guckkastenlied. Napoleon sprach aus eigener Erfahrung: „Es ist nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen!“ und hierin hatte er vollkommen recht. Obgleich an allen Gliedern noch wie gerädert, machte ich mich doch bald nach dem Erwachen aus dem Bett, nahm mein Frühstück ein, steckte mich dann en grande tenue, und da es noch etwas zu früh war, eilte ich zuerst in das ganz nahe gelegene weltberüchtigte Palais Royal, das mich eben in kein so großes Erstaunen versetzte, obgleich es gewissermaßen eine kleine Stadt für sich bildet. Selbst das öffentliche Leben und Treiben in Paris, das Gewühl auf den Boulevards und in den Straßen war außerordentlich, schien mir jedoch nicht ungewöhnlich, da es zu Neapel ebenso und in der Straße Toledo beinahe noch größer ist, als in der Straße Saint Honoré und anderen. Ich begab mich in das damals so berühmte Café des mille colonnes, das wegen der sich in seinen Trumeaux tausendfach wiederspiegelnden Säulen so genannt wurde, und in dem eine etwas korpulente Schönheit, eine cidevant limonadière, als Dame du Comptoir am Zahltisch thronte und mit Brillanten überladen war. Von hier fuhr ich zum Kriegsminister, Duc de Feltre (Clarke), an den ich Briefe und Depeschen von General Miollis nebst einem Empfehlungsschreiben hatte. Ich bekam ihn aber vorerst nicht zu sehen, sondern hinterließ meine Adresse. Dann fuhr ich noch zu verschiedenen anderen hohen Militärpersonen und im Zivil Angestellten, an die ich ebenfalls Briefe und Empfehlungen abzugeben hatte. Hierauf nahm ich einen Fiaker à l’heure und ließ mich, um rasch mit den Lokalitäten bekannt zu werden, über alle Boulevards, dann an dem Louvre, den Tuilerien vorbei, in die elysäischen Felder fahren, kehrte über den Konkordienplatz, auf dem so lange die Zwietracht ihr scheußliches Haupt geschüttelt hatte, zurück, fuhr über die Brücke, die damals auch diesen satirischen Namen führte, nach dem Invalidenhotel, von da nach dem Luxemburg und dem Pantheon, an dem Jardin des plantes, dem Quai Saint Bernhard wieder herauf, in die Cité, an Notre-Dame und dem Justizpalast vorbei, und von da wieder in mein Hotel, von wo ich mich, nachdem ich etwas ausgeruht, wieder in das Palais Royal begab und ein lukullisches Mittagmahl mit der eingebrochenen Nacht bei den frères provençaux einnahm, dessen Hauptsubstanzen Pâtes de perigord, perdrix aux truffles, Ortolanen, Ananas zum Dessert und Kapwein waren. Auch war meine Carte payante einige vierzig Franken stark. Jetzt gefiel mir das Palais Royal weit besser als am Tage. Es war fast magisch erleuchtet, seine reichen Buden mit ihrem zum Teil sehr kostbaren Inhalt werfen einen blendenden Glanz von sich, und die Tausende der Töchter der Freude, von denen es wimmelte, alle in prächtiger, wenn auch oft burlesker Toilette, gaben ihm einen eigenen Reiz und machten es wenigstens für den Beobachter sehr unterhaltend. Besonders, wenn man die Künste wahrnahm, welche sie anwandten, um die Gimpel aus den Provinzen und der Fremde, den unerfahrenen Neuling in ihre Netze zu locken und zu fangen. Nachdem ich diesem Treiben eine Weile mit Vergnügen zugesehen, und à mon tour, einige dieser leichtfertigen Schönen zum besten gehabt, indem ich ihnen gerade entwischte, wenn sie ihren Fang recht fest zu halten glaubten, ging ich in das an das Palais Royal grenzende französische Theater, wo ich zum erstenmal die Mars und zugleich ihre Rivalin, die Leverd, spielen sah und von der unwiderstehlich reizenden Persönlichkeit der ersteren entzückt wurde. So hatte ich meinen ersten Tag in Paris hingebracht. Den folgenden nahm ich nochmals einen Fiaker und fuhr über den Bastillenplatz durch die Vorstadt Saint Antoine zur Barriere de Vincennes hinaus und um die äußeren Boulevards. Ich hatte mich nun wenigstens oberflächlich in der unermeßlichen Stadt orientiert und nahm mir vor, später alle Merkwürdigkeiten einzeln zu besuchen, was ich auch nach und nach vollbrachte, und namentlich die Schätze des Louvre, welches damals die aus ganz Europa zusammengeraubten Meisterwerke der ersten Künstler enthielt, sowie andere Museen, die Kirchen, die Tuilerien, das Pantheon, den Pflanzengarten, den noch stehenden Temple, die Conciergerie, in der Maria Antoinette ihre letzten Kummertage zugebracht, sowie alle historisch merkwürdigen Orte besuchte. Eine Beschreibung von Paris und seinen Monumenten, die Bände füllen würde, wäre hier um so weniger an ihrem Platz, als diese tausendmal beschriebenen Gegenstände so ziemlich von jedermann gekannt sind und jeder weiß, daß das Palais Royal, vom Kardinal Richelieu erbaut, der Sammelplatz und das Rendezvous der Individuen aller Nationen ist, daß die Kaffeesäle und Restaurationen prächtig sind, man in Silber serviert wird, die Leckerbissen aller fünf Weltteile hier zu haben sind, daß, wenn man in dessen Spielhöllen sein Geld verloren, man seinen Schmerz in der anstoßenden Restauration nach Belieben in Tokaier, Kapwein oder Lacrimae Christi ertränken, sich dann in der unter derselben befindlichen Waffenbude ein paar Pistolen kaufen und mit einem Druck all seinen irdischen Leiden ein Ende machen konnte, wie dies öfters vorgekommen, und so weiter. Während der Revolution war das Palais Royal, Palais Egalité genannt, der Tummelplatz der größten Unruhestifter. Hier hatte man zuerst die dreifarbige Kokarde aufgesteckt, den Papst im Bilde verbrannt, d’Espremenil im Bassin des Gartens ersäuft, und Camille Desmoulins forderte hier vor dem Café Foy das Volk zum Aufstand gegen den Hof auf. Es war und ist beständig der Sammelplatz aller Pflastertreter, Glücksritter, Taschendiebe, Gaukler, politischen Kannegießer, Neuigkeitskrämer, Freudendirnen, Modedamen und so weiter. Ein Sündennest, in dem sich alle Laster und Verbrechen zu einer Quintessenz konzentrieren.

Als ich den dritten oder vierten Tag mich zum Frühstück in das Palais Royal begab, begegnete ich zu meinem großen Erstaunen Sr. Durchlaucht dem Fürsten Y., und zwar in Generalsuniform, daselbst. Ich hatte ihn, seitdem er das Regiment zu Montpellier verlassen, nicht wieder gesehen. Er war zum Brigadegeneral avanciert. Ich grüßte ehrerbietig und wollte mich an ihm vorüberdrücken. Er hatte mich aber erkannt und die Gnade, mich deutsch mit den Worten: „Mein Gott, Fröhlich, wie kommen Sie hierher?“ anzusprechen. – Ich mußte ihm nicht nur dieses, sondern meine ganze seit jener Zeit durchlaufene Karriere mit wenig Worten mitteilen. Er war nun so gnädig, mich fast mit Gewalt in das Café Foy zu nötigen und daselbst mit dem feinsten Likör zu regalieren, erzählte mir, daß er bestimmt gewesen, in Spanien bei dem Armeekorps des Marschall Moncey zu agieren und dessen erste Division zu kommandieren, daß ihn aber das sich jetzt immer häufiger einstellende abscheuliche Podagra verhindert habe, Beweise von seinem militärischen Genie und seiner Tapferkeit abzulegen. Der Geschichte zu Montpellier wurde mit keiner Silbe erwähnt, aber ich erlaubte mir, Sr. Durchlaucht im Laufe des Gespräches einige Bemerkungen über die Zusammensetzung und Administration des Regimentes Y. submissest zu machen, namentlich daß so mancher Schofel dabei angestellt gewesen. Son Altesse geruhten die Achsel zu zucken, tranken ein Gläschen Crême de Mocca mehr, luden mich ein, sie den kommenden Morgen in ihrer Wohnung in der Rue Saint George zu besuchen, und während meines Aufenthaltes zu Paris ihr Haus wie das meinige zu betrachten. Ja der Fürst bot mir sogar ein Zimmer in seiner Wohnung an, wofür ich jedoch herzlich dankte, dagegen den Besuch versprach. Als wir den Kaffeesaal endlich verließen und ich mich zu Gnaden empfehlen wollte, lud er mich ein, noch einen Spaziergang mit ihm nach den elysäischen Feldern zu machen. Als wir über den Konkordienplatz kamen, stand er still und sagte seufzend: „Dies ist der schönste Platz in Paris, aber auch ein fürchterlich merkwürdiger Platz!“ – „Jawohl, Ihro Durchlaucht,“ erwiderte ich, „denn hier fielen die Häupter des unglücklichsten Königspaares unter dem Beil des Henkers. Dieser Platz ist es, auf dem bei den Vermählungsfeierlichkeiten Ludwig XVI. und Maria Antoinettens über hundertfünfzig Menschen das Leben verloren und an tausend mehr oder minder beschädigt und verstümmelt wurden – ein schreckliches Fest! – Hier wurde 1792 die Bildsäule des stupiden Wüstlings Ludwig XV., der frisiert, mit Lorbeern gekrönt und in römischer Tracht dargestellt war, umgestürzt. Hier fielen während der Schreckenszeit unzählige freisinnige und rechtliche Bürger als Opfer der blutigsten republikanischen Tyrannei, und da, wo wir stehen, war der Boden von dem vergossenen Blut schon so durchtränkt und schlüpfrig, daß man nicht mehr darauf gehen konnte, ohne auszuglitschen, und die Guillotine mußte weiter gebracht werden.“ – „Lassen Sie auch uns weiter gehen,“ sagte Fürst Y. etwas kleinlaut, und wir eilten nach den elysäischen Feldern, wo ich äußerte, daß ich gerne nach Notre-Dame, da ich diese Kirche noch nicht besucht, gehen möchte. – „Ich will Sie dahin begleiten,“ sagte der Fürst, und wir fuhren zusammen in einem Fiaker nach der großen Seine-Insel, die für sich eine sehr bedeutende Stadt bildet. Bei Notre-Dame angekommen, stiegen wir aus. Auf der Stelle, wo diese ungeheure Steinmasse steht, war vor Jahrtausenden ein heidnischer Götzenaltar. Als die Pariser Heiden christliche Menschen wurden, stürzten sie diesen, wie in unseren Tagen ihre Könige, und errichteten dem heiligen Stephan eine Kirche auf diesem Platz. Childebert I. ließ eine größere Kirche dahin bauen, die er der Jungfrau widmete. 1010 legte aber Robert der Fromme, ein Sohn Hugo Capets, den Grundstein zu dem jetzt noch stehenden Riesentempel, an dem über drei Jahrhunderte gebaut wurde. Zweitausend Bleitafeln decken ihn und seine Seitenkapellen. Auf dem Platz vor der Kirche, Parvis genannt, hatten die Bischöfe von Paris ihre eigene Gerichtsbarkeit, was durch eine daselbst aufgehängte Galgenleiter angedeutet war. 1789 fand die feierliche Fahnenweihe der Nationalgarden unter Lafayette in dieser Kirche statt. Während der Schreckenszeit wurde sie ihrer schönsten Zierden beraubt, zahllose Figuren, Obelisken, Pyramiden, Mausoleen wurden zertrümmert. Die stupiden Blutmenschen wühlten sogar die Gräber auf und beraubten sie der Knochen und Lumpen, die sie enthielten. Unsinnige Kannibalen, wütende Ungeheuer, die sich, ein beißender Spott, Freiheitsmänner nannten, weil sie selbst auf eine kurze Zeit die Freiheit hatten, alle Freiheit mit Füßen zu treten, hielten jetzt ihre Versammlungen in den geweihten Mauern, sangen ekelhaft-schmutzige Zotengesänge in den hochgewölbten Hallen und brüllten gleich wütenden Bestien klassische Dummheiten und Nichtswürdigkeiten von der Kanzel herab, sich dabei Philosophen nennend. Als endlich 1802 die Freiheit des Gottesdienstes wieder proklamiert wurde, erhielt die Kirche ihre frühere friedliche Bestimmung wieder, und war nicht mehr der Tummelplatz der abgeschmacktesten Unwissenheit. Den 3. Dezember ließ sich Napoleon von Pius VII., den er jetzt gefangen hielt, hier krönen. Die große Glocke des einen Turmes, die Ludwig XIV. aufhängen ließ, wiegt weit über dreihundert Zentner. Gleich bei dieser Kirche befindet sich das große Hotel de Dieu, dessen Stiftung man einem heiligen Landry zuschreibt, der der achte Bischof von Paris gewesen. Aber der eigentliche Gründer war der heilige Ludwig. Hier werden die Kranken aller Nationen, ohne Unterschied des Geschlechtes, der Religion, des Standes, aufgenommen, gut gepflegt und von mehr als zweihundert frommen Schwestern und einem halben Hundert Ober- und Unterchirurgen bedient. Nur Pestkranke, Venerische und Unheilbare nimmt man nicht an. Die Säle enthalten über viertausend Betten. Hier findet man die lebendigsten Gemälde alles menschlichen Elends und Jammers. 1737 legte eine vier Tage lang wütende Feuersbrunst das ganze Gebäude in Asche. Noch furchtbarer war die von 1772, bei welcher viele Hunderte von Kranken den Tod in den Flammen fanden. Der auf derselben Insel liegende Justizpalast ist ein wahres Labyrinth der Gerechtigkeit, zu welchem nur die in alle Schikanen der heiligen Justitia Eingeweihten den leitenden Faden haben. Es war ehedem die Residenz der Herrscher Frankreichs, bis es Karl III. dem Parlament abtrat. In dem ungeheuren Saal der Pas perdus finden sich alle zusammen, die hier etwas zu suchen oder zu verlieren haben. Auch ist er das allgemeine Entree zu den verschiedenen Tribunalen. Unter diesem Saal befinden sich die Archive, in denen Berge von Prozeßakten aufbewahrt werden, worunter manche von hohem Interesse sind, wie zum Beispiel die, welche die Johanna d’Arc betreffen. Die heilige Kapelle, die an diesen Palast stößt, ist die uralte Kirche der ersten christlichen Rasse der Könige von Frankreich, die auch diesen Palast erbaute. Sie ist ein schönes Monument jener Zeiten.

Fürst Y. hatte die Güte, bei Besichtigung dieser Merkwürdigkeiten mein Cicerone zu sein. Er lud mich, als wir uns trennten, nochmals dringend ein, ihn doch ja den nächsten Morgen zu besuchen, und zum Dejeuner um Mittag bei ihm zu sein. Ich versprach, mich zur bestimmten Zeit einzufinden, und hielt Wort, wurde äußerst freundlich empfangen und brachte wieder ein paar Stunden mit ihm hin. Aber das böse Zipperlein plagte ihn so gewaltig, daß er, auf einer Ottomane ausgestreckt, nach Römersitte das Frühstück zu sich nahm. Noch denselben Tag mietete ich mir eine Wohnung von ein paar möblierten Zimmern in der Straße Choiseul, streifte noch immer in der großen Stadt umher, um sie genauer kennen zu lernen, und machte hier und da einige nicht uninteressante Bekanntschaften unter den Offizieren in Restaurationen und Kaffeehäusern. Damals war ganz Paris voll von Napoleons Ehescheidung von Josephinen. Dieser Gegenstand gab fortwährend den Hauptstoff der Unterhaltung an öffentlichen Orten und in Privathäusern; und wie groß auch das Spionenwesen zu jener Zeit in Frankreich und Paris sein mochte, so daß jedes nur zweideutige Wort von der geheimen Polizei aufgefangen wurde, so nahm man dennoch bei dieser Veranlassung kein Blatt vor den Mund, besprach diese Scheidung öffentlich und tadelnd, nannte sie ebenso unpolitisch und unklug als lieblos. Ebenso rücksichtslos sprach man sich über den Kaiser hinsichtlich des spanischen Krieges, ja über das Spioniersystem selbst aus. Freilich hätte man ganz Paris und halb Frankreich einstecken oder stumm machen müssen, wenn man alle Individuen, welche sich dies herausnahmen, hätte bestrafen wollen. Ein Beweis, daß auch der gewaltigste Despotismus die Zungen nicht in Fesseln zu legen vermag, wie viel weniger die Gedanken. Was die Köpfe aber jetzt am meisten beschäftigte, war die Wahl, die Napoleon treffen würde, um sich eine zweite Gemahlin zu geben. Die meisten Franzosen waren der Meinung, daß es eine Französin aus einer guten Familie sein werde. Ist er klug, sagten viele, so nimmt er sich eine liebenswürdige Frau aus einer honetten Bürgerfamilie, um seine Nachfolge zu sichern. Dadurch wird er die Nation durch ein Band mehr an sich knüpfen und zeigen, daß er über die alten Vorurteile und Schnurrpfeifereien erhaben ist. Aber so klug war er nicht. Die kaiserliche Krone war zu schwer für ihn und lastete drückend auf seinem Gehirn, denn seit er sie sich auf den Kopf gesetzt, sah er nicht mehr klar und befolgte in jeder Hinsicht eine jämmerliche, kindische und kleinliche Politik, die ihn notwendigerweise ins Verderben stürzen mußte, wie er überhaupt als Politiker noch tief unter der Mittelmäßigkeit stand. Wenig Personen glaubten, daß er sich eine auswärtige Prinzessin, und am allerwenigsten, daß er sich eine österreichische zulegen würde. Über die Ehescheidung selbst waren die Meinungen sehr verschieden. Denn so sehr auch Josephine im allgemeinen beliebt war, so sagte man sich doch, daß es zum Wohle Frankreichs nötig sei, daß Napoleon Leibeserben erhalte, und entschuldigte ihn deshalb, sowie wegen seiner meist sehr flüchtigen Nebenamouretten, da Josephine während seiner Abwesenheit in Italien, wo er als Oberfeldherr des dortigen Heeres weilte, und wenn sie Bäder besuchte, sich ebenfalls keiner allzu großen ehelichen Treue rühmen konnte.