Als ich eines Tages, nachdem ich mehrere Aufträge für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps besorgt und Lieferungskontrakte abgeschlossen, etwa zehn Tage nach meiner Ankunft zu Paris, heimkehrte, fand ich eine Order vom Kriegsminister vor, die mich auf den nächsten Morgen zu demselben beschied. Mich zu ihm verfügend, wurde ich sogleich in sein Kabinett eingeführt und sehr artig von ihm empfangen. Er fragte mich besonders viel über die römischen Zustände, erkundigte sich nach den Einzelheiten bei der Verhaftung des Papstes und was bis zu meiner Abreise noch in Rom besonders vorgefallen und so weiter. Nach dem, was mich Miollis hatte merken lassen, schien es, als suche er eine Versetzung nach Paris und in Napoleons Nähe, nach Clarkes Äußerungen aber war es der Marschallstab, der ihm im Kopf steckte, und jetzt ging mir erst ein Licht auf, warum er mir Empfehlungen an verschiedene Personen mitgegeben hatte, die in näherer Berührung mit der an den Prinzen Borghese vermählten Schwester Napoleons, der schönen Pauline standen, und von der er sich einbildete, daß sie eine große Gewalt über ihren Bruder habe. Bei mir hatte er sich geäußert, daß, wenn man ein Anliegen beim Kaiser habe, es durch diesen Kanal am besten vorgebracht werde. Auch ich müßte suchen, diese Gelegenheit zu benützen, um mich in die Gunst dieser Dame zu setzen und so eine recht brillante Karriere zu machen, dabei aber auch seine Angelegenheit nicht vergessen. Da aber Pauline noch gar nicht in Paris anwesend war, so konnte für den Augenblick nicht operiert werden. Clarke eröffnete mir, daß, so lange meine Anwesenheit währe, ich täglich vierundzwanzig Franken Diäten erhalten werde. Meine Reisekosten wurden mir natürlich ohnehin reichlich vergütet. Dazu kam noch, daß ich von den Kaufleuten und Fabrikanten, mit denen ich Lieferungskontrakte abschloß, nicht unbedeutende Geschenke erhielt. Dagegen aber bekam ich fortwährend so viel Aufträge von Offizieren meines Regimentes und anderer, die im Römischen standen, silberne und goldene Epauletten, Hüte, Federbüsche, Handschuhe, Tücher, Stiefeln und Gott weiß was alles zu kaufen und zu schicken, daß oft kaum meine Kasse hinreichte, all diese Kommissionen zu besorgen. Auch erhielt ich später kaum ein Dritteil meiner Auslagen wieder, da viele der Offiziere blieben oder starben, bevor sie mich bezahlten, andere nicht daran dachten, dies zu tun. Indessen stand ich mich dennoch im ganzen in finanzieller Hinsicht sehr gut in Paris und erhielt sogar noch einiges Geld von Haus. Fürst Y., der mich jetzt, ich weiß nicht warum, in ganz besondere Affektion genommen hatte, und dem ich bisweilen aus französischen oder deutschen Werken, wenn ihn das böse Zipperlein plagte, vorlas, bestand darauf, daß ich wenigstens den Tisch bei ihm nehmen müsse und stellte sogar eine Equipage und ein Reitpferd zu meiner Verfügung, wofür ich ihm sehr erkenntlich war, da dies in Paris nicht zu verwerfen und keine Kleinigkeit ist. Ich machte besonders Gebrauch von letzterem, indem ich fast täglich über die Boulevards und in die elysäischen Felder ritt, den Wagen aber nur selten benützte und mich lieber in einen Fiaker setzte. Nach und nach hatte ich auch sämtliche Theater, es waren damals nur acht im Gange, besucht. Früher hatte man deren an zwanzig gezählt, Napoleon hatte aber, ich weiß nicht warum, ein Dutzend aus eigener Machtvollkommenheit schließen lassen.

Der Neujahrstag war diesmal (1810) ganz besonders glänzend und feierlich in Paris begangen worden, die Gratulationsdeputationen nahmen kein Ende. Zu seinem Leidwesen konnte Fürst Y. sich nicht seiner Schuldigkeit in dieser Hinsicht entledigen, da ihn das Podagra den ganzen Tag an das Faulbett fesselte, was ihn sehr mißmutig machte. Die Buden in dem Palais Royal, auf den Boulevards, der Straße Saint Honoré und so weiter waren überaus reich und prächtig, wie es um diese Zeit immer geschieht, mit den kostbarsten Waren jeder Gattung ausgestattet; besonders aber waren es die Bijouterie-, Gold- und Silber-, Mode- und Konditorläden. So geschmackvoll mit den kostbarsten Gegenständen versehen, hatte ich sie noch nirgends bemerkt. Diese Tage sind hauptsächlich für die sich auszeichnenden Pariser Theaterprinzessinnen ergiebig, die mit Geschenken überschüttet werden. Auch Se. Durchlaucht hatten sich reich mit dergleichen versehen, wenigstens für zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Franken an Wert, die sie einigen Theaterhoheiten zum Geschenk machte. Da Fürst Y. über acht Tage das Zimmer hüten mußte, so beauftragte er mich mit der Überbringung mehrerer derselben in seinem Namen. Namentlich erhielt Demoiselle Mars und die schöne Tänzerin Gardel eine jede ein Paar Brillantohrringe von mindestens viertausend Franken an Wert, die mit großer Freundlichkeit dankbar angenommen wurden. Man bat mich auf das höflichste, Seiner Durchlaucht ihre wohlwollenden Gesinnungen zu versichern und auch meine Besuche zu wiederholen, was ich nicht verschmähte. – „Mais soyez sage,“ hatte mir Fürst Y. nachgerufen, als ich ihn verließ. – „Monseigneur, ça va sans dire,“ hatte ich geantwortet und wenigstens diesmal Wort gehalten.

Als ich bald nach Neujahr eines Nachmittags durch die Tuilerien ging, begegnete ich im Garten derselben einer weiblichen weißverschleierten, hübsch gewachsenen Figur, deren Gesicht, so viel ich durch den Schleier sehen konnte, mir sehr bekannt vorkam. Die Dame hatte mich aber nicht bemerkt, sondern war mit zu Boden gesenktem Blick an mir vorübergeglitten. Ich drehte mich um, musterte die zierliche schlanke Gestalt, deren Anzug jedoch gerade nicht nach dem neuesten Schnitt und ziemlich ärmlich war, sowie die ganze Haltung keine Pariserin, sondern etwas Fremdartiges verriet. Meine Neugier war rege geworden, ich folgte ihr in einiger Entfernung, überholte sie dann, um sie noch einmal ins Auge zu fassen. Am großen Bassin angekommen, drehte ich mich um und ging ihr mit langsamen Schritten gerade entgegen, blieb aber noch im Zweifel, wer sie sei, da mich der faltenschlagende Schleier die Züge wieder nicht genau erkennen ließ. So viel war mir jedoch klar, daß ich sie kennen mußte. Ich wollte schlechterdings Gewißheit haben, überflügelte sie zum zweiten Male, und ihr zum dritten Male begegnend, grüßte ich sie so, daß sie es wahrnehmen mußte. Jetzt ertönte ein: „Oh dio mio!“ aus ihrem Munde, sie blieb vor mir stehen, und da sie bemerkte, daß ich noch ungewiß über ihre Person sei, schlug sie den Schleier zurück und sagte: „Ma Signore, non mi conoscete?“ und jetzt erkannte ich – die zu Rom entführte Nonne in ihr und rief aus: „Ach, Madame Bonnier.“ – „Die bin ich.“ – „Und Ihr Gatte, Signora?“ – „Steht bei der Armee in Spanien.“ – Ich begleitete nun die Dame, die über dies Zusammentreffen ebenso erfreut schien, wie ich selbst, lud sie zu einem Spaziergang in die elysäischen Felder ein und bat sie, mich von dem, was ihr seit ihrer Abreise von Rom begegnete, zu unterrichten. Um uns so ungestörter unterhalten zu können, nahm ich einen Fiaker, mit dem wir vor die Barriere von Neuilly fuhren. Sie teilte mir nun mit, daß noch große Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, bis sie Bonniers rechtmäßige Gattin geworden, und sie noch vor der Trauung schon einigemal bereut, diesen Schritt getan zu haben, später aber weit mehr. Sie habe sich schon oft wieder in das ruhige friedliche Stilleben des Klosters zurückgesehnt, wo man von dem Treiben und den Kabalen der bösartigen Welt nichts wisse und nicht von ihr beunruhigt werde, und wogegen die kleinen klösterlichen Trakasserien Kindereien seien. In Frankreich und Paris gefalle es ihr gar nicht. Sie habe noch mit keiner einzigen Familie ein vertrauliches Verhältnis anknüpfen können und mit ihrer eigenen sei sie zerfallen, ihr Mann schon bald ein Jahr von ihr getrennt, und so stehe sie einsam und verlassen in der großen Stadt, wo sie außer ein paar italienischen Offiziersdamen, deren Männer gleichfalls bei der Armee in Spanien stünden, und die ungefähr in demselben Verhältnis wie sie sich befänden, keine Seele kenne. Bei dieser, im Ton des Schmerzes gemachten Erzählung kamen ihr öfters die Tränen in die Augen und sie flößte mir die größte Teilnahme ein. Obgleich leidend und etwas abgehärmt, war Angelika doch noch sehr schön, ja verführerisch-reizend. Ich suchte ihr allen möglichen Mut einzusprechen, und da sie sich hauptsächlich deshalb beklagte, daß ihr Mann ihr so selten Nachricht von sich gebe, stellte ich ihr vor, daß dies von Spanien aus jetzt nicht anders sein könne, da die Kommunikationen oft so schwierig, ja nicht selten ganz abgeschnitten seien. Es waren bereits über fünf Monate, daß er ihr zum letztenmal, und zwar von der portugiesischen Grenze aus, geschrieben hatte. Was sie am meisten zu quälen schien, war, ob ihr Bonnier auch wohl treu geblieben und nicht andere Liebeshändel gehabt, denn, wie sie gehört, seien die Spanierinnen den Männern sehr gefährlich. Ich lächelte über die Naivität der guten Exnonne und versicherte ihr, daß dies bei mir nicht der Fall gewesen wäre, für andere aber könne ich freilich nicht stehen. – „Ach, die Männer, und noch obendrein die Offiziere taugen alle nicht viel.“ – „Wie, haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht?“ – „Ach, man hört es ja jeden Tag von den Herren selbst. Mein Mann hat mir genug davon erzählt.“ – Ich bat sie jetzt, mir zu erlauben, sie heimbegleiten und bisweilen besuchen zu dürfen. Etwas verlegen suchte sie das erste abzulehnen und das zweite hinauszuschieben. – „Aber Sie werden mir doch das Vergnügen machen, eine Suppe in einer Restauration mit mir zu nehmen?“ – Dies akzeptierte sie nach einigen Komplimenten und wir fuhren nach dem Palais Royal zu den frères provençaux, wo ich ein vollständiges und sehr leckeres Diner nebst den feinsten Weinen servieren ließ. Madame Bonnier wurde nun munterer, aufgeweckter und zutraulicher, und als ich sie nochmals bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, gestand sie mir offenherzig, daß sie sich schäme, mich in ihrer Wohnung zu empfangen, weil diese gar zu schlecht sei, und offenbarte, daß nur daher ihre Weigerung gerührt habe. Sie habe nur ein kleines Dachkämmerchen, zur höchsten Not möbliert, nebst einem Alkoven zum Schlafen, und zwar im ersten Stock eines Hauses, wenn man vom Himmel herabsteige. Diese Bedenklichkeit wußte ich bald zu beseitigen, und nachdem wir getafelt und den Kaffee eingenommen, fuhren wir in die damals noch sehr entlegene und wenig bewohnte Straße Lazare, wo wir an einem unansehnlichen Hause ab- und fünf Treppen hinaufstiegen. Die Dame öffnete ein schlecht verschlossenes Mansardenzimmer, das allerdings auch nicht den mindesten Anschein von Wohlhabenheit, sondern Dürftigkeit und Mangel verriet. Zwei wackelnde Stühle, ein Tisch in demselben Zustand, ein Stück von einem Spiegel, ein alter Koffer machten das ganze Ameublement aus. Errötend sagte Madame Bonnier eintretend: „Hatte ich es Ihnen nicht gesagt, daß ich eigentlich keinen honetten Menschen hier empfangen kann?“ – „Jedes Gemach, das Sie bewohnen, wird zum Prachtsaal,“ antwortete ich ihr, „Ihre Gegenwart würde selbst die Hölle zum Himmel umschaffen.“ Dabei erlaubte ich mir, sie auf die Stirne zu küssen. Die Nahrung und das übrige Leben der armen Frau war ganz im Einklang mit ihrer Wohnung. Doch war mehr Mangel an Einrichtung, Erfahrung und Weltkenntnis als Mangel an Subsistenzmitteln schuld, denn ihr Mann ließ ihr monatlich neunzig Franken von seinem Gehalt zurück, die ihr in Paris ausgezahlt wurden; und wenn man keine großen Sprünge damit machen konnte, so war es doch hinlänglich für eine Person, die sich einzurichten verstand, um auszukommen, ohne Not zu leiden, besonders wenn man eine so wohlfeile Wohnung hatte. Aber die Dame wurde von allen, mit denen sie zu tun hatte, bestohlen und betrogen. Kaum daß sie zur Not den Wert des Geldes kannte. Sie hatte eine sogenannte femme de menage, die sich jeden Morgen einfand, ihre kleine Aufwartung und Kommissionen besorgte, sie aber alles doppelt und dreifach bezahlen ließ und ihr dazu noch die schlechtesten Viktualien lieferte, nur Ausschuß, und außerdem ein Teufel von einem alten Weibe war, die sich nicht das Geringste sagen ließ, sondern die arme Frau, die sich nicht zu helfen wußte, mißhandelte und beschimpfte, wenn sie es wagte, ihr irgendeine Bemerkung zu machen. Dies alles sah ich bald ein und tat Madame Bonnier den Vorschlag, vor allem eine andere Wohnung zu suchen. Da sie mir einwandte, daß dies ihre Mittel nicht erlaubten, erwiderte ich: „Lassen Sie mich dafür sorgen.“ Sodann riet ich ihr, sich des alten Drachen, der sie so schlecht bediene und betrüge, zu entledigen. Aber sie fürchtete sich vor dem Weibe und wagte es nicht, ihr zu kündigen. Dies nahm ich auch auf mich, und als die böse Sieben wieder schlechte Ware zu hohem Preis gebracht und noch obendrein Händel anfing, ging ich ihr derb zu Leibe, ihr das schändliche Benehmen gegen Madame Bonnier vorhaltend. Sie entschuldigte sich damit, daß ihr Charakter einmal so sei. Ich versetzte darauf: „Jedermann hat seinen eigenen Charakter, der meinige ist, daß ich solche Kanaillen zur Türe hinauswerfe,“ und damit machte ich die Türe auf und hieß sie sich packen. – „Ich habe noch einen Monat zu bleiben und eher gehe ich nicht.“ – „Das wird sich gleich finden, was hast du noch zu fordern?“ – Madame Bonnier sagte: „Sie erhält fünfzehn Franken monatlich von mir.“ – Ich warf sie ihr hin. – „Ich habe auch noch siebenundzwanzig Franken für Auslagen zu fordern.“ – Auch diese gab ich ihr, hieß sie nun sich trollen und verbot ihr das Wiederkommen. Aber noch wollte sie nicht gehen und schimpfte. Nun riß mir die Geduld. Ich packte sie beim Arm, warf sie zur Türe hinaus und die Treppe hinab. Sie schimpfte noch bis auf die Straße und wollte klagen; indessen hörte ich nichts weiter von ihr. Ich beurlaubte mich von der Dame mit einem Abschiedskuß, den sie mir dankend erwiderte, und mietete in der nahen Straße Montblanc eine ziemlich geräumige möblierte Wohnung mit zwei Schlafzimmern und einem hübschen Salon in der Mitte, nebst einem Salle à manger. Alles für hundertsechsundzwanzig Franken monatlich. Nachdem dies geschehen, holte ich Madame Bonnier ab, welche, als sie das Logis sah, ausrief: „Ma é troppo bello!“ Ich zeigte ihr alle Piecen und fragte sie: ob sie mir wohl erlauben wolle, das eine Schlafzimmer zu beziehen. – Errötend antwortete sie mir: „Ma ella é il Padrone.“ – „Und dann trennt uns ja der Salon,“ versetzte ich lächelnd. Ich ließ nun gleich ihre wenigen Sachen hierherbringen, sorgte auch für ein Pianino und eine Gitarre, und in den nächsten vierundzwanzig Stunden waren wir beide in der neuen Wohnung installiert, in der wir auch bald wie Mann und Frau lebten. Ich ließ eine Conturière, eine Modistin und eine Lingère kommen und bat sie, ohne Umstände das zu bestellen, was sie am nötigsten bedürfe, indem wir später schon abrechnen würden. Nur mit der größten Bescheidenheit machte sie von diesem Anerbieten Gebrauch, so daß ich genötigt war, selbst dafür zu sorgen, daß sie an Kleidern, Putz und Wäsche wenigstens das Unentbehrlichste erhielt, wobei sie jeden Augenblick ausrief: „Ma é troppo, Signore!“ Wir führten jetzt eine artige Haushaltung zusammen, das Essen ließ ich von einem Restaurateur bringen oder wir aßen auch bei einem solchen, und verlebten die Flitterwochen recht vergnügt, da ich mit meiner Interims-Gattin die Promenaden, die Theater, Konzerte und sonstigen Vergnügungsorte besuchte, der nun auch das Pariser Leben besser zu gefallen begann. Eines Tages erhielt ich eine Einladung zur Tafel vom Kriegsminister, die ich mit großem Vergnügen annahm, hoffend, daß mir dieses Gelegenheit geben würde, mein Privatanliegen, die Versetzung zur Garde, zur Sprache bringen zu können. Dies war aber nicht der Fall; es waren viele Generäle und Stabsoffiziere bei Tische, ich konnte kaum ein paar Worte mit Clarke wechseln, welche Miollis betrafen, und mußte unaufhörlich Fragen beantworten, die man hinsichtlich der Verhaftung und Entführung des Papstes an mich tat. – Ich hatte Madame Bonnier vorgeschlagen, den Versuch zu machen, sie einigermaßen mit ihrer Familie wieder auszusöhnen. Sie aber meinte, das würde sehr schwer sein. Ich schrieb nun in dieser Angelegenheit an Miollis, meldete ihm zugleich den Erfolg meiner bisherigen Bemühungen und meine Hoffnung für die Zukunft und bat ihn, sich doch nachdrücklich bei der Familie der Madame Bonnier zu Pesaro für diese unglückliche Dame verwenden zu wollen. Dies hatte einen so günstigen Erfolg, daß sie auch bald nachher einen Wechsel von tausendfünfhundert Franken und das Versprechen von ihren Verwandten erhielt, daß man ihr von Zeit zu Zeit kleine Unterstützungen zukommen lassen wolle. Angelika war nun außerordentlich vergnügt, und schien ihren Mann, der vielleicht in den Armen einer hübschen Andalusierin oder Kastilianerin schwelgte, in den meinigen ganz zu vergessen. Sie nannte mich: „Il suo caro marito“, und ich sie: „Ma petite femme“, und die ehemalige Braut Christi wurde ein ganzes Weltkind. Was ihr hauptsächlich viel Vergnügen gewährte, war der Besuch der großen Oper und der Ballette, die mit einem unerhörten Prachtaufwand gegeben wurden und zum Teil wahrhaft bezaubernd waren, wie zum Beispiel ‚La fête de Mars‘, ‚Amor und Psyche‘, ‚Das Urteil des Paris‘, ‚Venus und Adonis‘ und so weiter, und Künstler, wie Gardels, die Saulnier, Clotilde, Marelie, Bigottini, Vestris, Beaupré und so weiter, tanzten alle wie Götter, die sie repräsentierten. Da die Karnevalszeit nahte, so wurde das Leben immer lustiger und namentlich machten auch die Maskenbälle der großen Oper meiner jungen Frau großes Vergnügen. Die italienischen Opern, die im Theater de l’Impératrice (Odeon) gegeben wurden, versäumten wir nie, da sie Angelika großes Vergnügen zu bereiten schienen. Seltener besuchten wir das französische Theater, bisweilen die Komödie und die Vaudevilles. Die Akademie impériale de musique in der Straße Richelieu hatte zu jener Zeit einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Die ausgezeichnetsten musikalischen Talente nicht nur Frankreichs, sondern von ganz Europa waren hier konzentriert und vereinten alles, was Gesicht, Gehör und Gefühl zu entzücken vermag. Pracht und Pomp waren mit Geschmack und Kunst verbunden. Dekorationen, Kostüme, Maschinerie war erstaunenswert. Kompositeurs, Maler, Musiker, Sänger und Tänzer, alles harmonierte und wetteiferte miteinander, die allgemeine Bewunderung zu erregen. Armidas Zaubergärten, Psyches Feenpalast, Agamemnons Lager und so weiter waren magische Täuschungen, und die Lainez, Laforet, Derivis, Nourrit (Vater) und so weiter bildeten ein Ensemble der Vokalmusik, wie man es an diesem Theater seitdem nicht wieder sah. Aux français glänzten damals Talma, Lafond, Saint Prix, Fleury, die Leverd, Mars, Duchenois, Volnais und so weiter. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was hier geleistet wurde, namentlich von dem einzig unerreichbaren Talma und der Mars. Die Werke Racines, Corneilles, Crébillons, Voltaires, Molières wurden in der höchsten Vollendung und in der reinsten Sprache gegeben, die man nur hier hörte. Ein Hochgenuß war es, ‚Phädra‘, ‚Britannikus‘, ‚Zaïre‘, ‚Tartüffe‘ aufführen zu sehen. Im Theater der Kaiserin, dem zweiten französischen, war es bei weitem nicht mehr das, doch war das Lustspiel gut, und ich sah Kotzebuesche Stücke hier allerliebst aufführen, so auch ‚Misanthropie et repentir‘, von dem jedoch ein französischer Kritiker sagte: daß, nachdem man sich während fünf Akten gelangweilt, man endlich eine Szene lang weinen müsse. Nichtsdestoweniger war das Haus überfüllt, so oft das Stück gegeben wurde. Angelika, die wenig davon verstand, wollte jede Szene von mir erklärt haben. Ich hütete mich aber, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, fürchtend, daß ich auch bei ihr eine Reue erwecken könnte. Die komische Oper und das Vaudeville, la Gaïté und das Ambigu comique, die wir bisweilen besuchten, waren alle gut besetzt. Großen Gefallen fand meine junge Frau an den Darstellungen Franconis und seiner zwei- und vierbeinigen Akteurs. Ich zeigte ihr auch die Kunstschätze des Louvre, die man nicht oft genug sehen konnte, und das Fenster, aus dem Karl IX. verruchten Andenkens in der Bartholomäusnacht auf die fliehenden Protestanten schoß. Seine Mutter, die Megäre Katharina von Medicis, hatte das Morden eine Stunde früher als zur verabredeten Zeit beginnen lassen, aus Furcht, ihr Sohn möchte anderen Sinnes werden. Aber er zeigte sich ihr vollkommen würdig. Vierzigtausend Menschen büßten ihr Leben bei der Pariser Bluthochzeit ein, und Karl schrie unaufhörlich: „Tue, tue, mordieu, ils s’enfuient!“ – Das Höllenfest würdig zu feiern, schrieb der Papst sogar ein Jubeljahr aus! – Jetzt waren alle Meisterwerke der Kunst aus ganz Italien und was noch aus Griechenland stammend vorhanden war, neben den französischen und anderen in den Sälen des Louvre ausgestellt. Nie hatten Malerei und Bildhauerkunst so viel unsterbliche Werke in einem Tempel vereint gesehen. Unter ihnen war die weltberühmte Laokoonsgruppe, der Apoll von Belvedere, die mediceische Venus und so weiter neben dem Herrlichsten, was Raphael, Titian, Rubens, Michel Angelo und so weiter geschaffen. In wenig Jahren mußten alle diese Gäste die Rückreise nach der Heimat wieder antreten. Die wilden Bestien im Jardin des plantes besuchten wir auch einigemale und bewunderten dort die Zedern vom Libanon, machten auch nach und nach die Wanderung durch fast alle Kirchen der Hauptstadt. In dem Karusselhof vor den Tuilerien malte ich Angelika die Schreckensszenen vom 20. Juni und 10. August, die Ludwig XVI. Thron und Leben kosteten, nachdem er sich noch jede Art Demütigung hatte müssen gefallen lassen, recht lebendig aus.

Während der Flitterwochen meiner Interimsehe war ich nur wenig zum Fürsten Y. gekommen und mußte daher manche, gerade nicht unfreundliche Vorwürfe deshalb von ihm hören, da er sehr oft unwohl war und Gicht und Podagra ihm die meiste Zeit Stubenarrest gaben. Nach den ersten vierzehn Tagen meiner Vermählung fing ich jedoch an, ihm und anderen Dingen etwas mehr Zeit zu widmen. Ich ritt auch wieder mehr aus und entsprach den Wünschen Sr. Durchlaucht, indem ich ihm einige Stunden vorlas und öfters kleine Soupers fins arrangierte, zu denen ich die ausgezeichnetsten Künstler und Künstlerinnen von der Oper und des français einlud, und die daher äußerst unterhaltend und vergnügt waren, aber auch viel Geld kosteten, woran dem Fürsten jedoch nichts lag. Eines Tages nahm ich Madame Bonnier mit zu einem solchen Abendessen, indem ich sie, wie ich mit ihr verabredet hatte, für eine italienische Sängerin ausgab, die hier Engagement suche. Der Fürst war ganz entzückt von ihr und verlangte, daß ich sie öfters einladen solle. Ich wich dem Gesuch jedoch aus, indem ich Seiner Durchlaucht sagte, daß die Künstlerin bereits wieder nach Italien abgereist sei, indem sie hier ihren Zweck nicht habe erreichen können. – „O das ist jammerschade!“ exklamierte Fürst Y. –

Wenn Seine Durchlaucht wohl waren, geruhten sie bisweilen die Spielsäle im Palais Royal zu besuchen. Ich ging auch manchmal allein dahin, um das interessante Treiben zu beobachten und pointierte hier und da einmal. Eines Abends, als ich aus dem französischen Theater kam, trat ich im Vorbeigehen noch in einen Spielsaal und warf, nachdem ich einige Male rouge oder noir besetzt hatte, einen doppelten Napoleon auf eine Nummer des Rouletts. Es war Fünfunddreißig; sie kam heraus und ich erhielt sechsunddreißigmal den Satz. Ich rollte das Gold zusammen und sagte, es auf der nämlichen Nummer stehen lassend: „Aut Caesar aut nihil!“ und die rollende Kugel fiel abermals in dieselbe Nummer! Jetzt erhielt ich die Summe von einundfünfzigtausendachthundertvierzig Franken in Gold! – Statt mich klüglich mit diesem Kapital zu entfernen, fuhr ich fort, à tort et à travers, Nummern, rouge et noir, pair et impair, Kolonnen und so weiter zu besetzen, und noch ehe eine Stunde vergangen, war mein ganzer Reichtum wieder zu Wasser geworden, und kaum einige zwanzig Franken in der Tasche, verließ ich lange nach Mitternacht das Palais Royal. Ich tröstete mich leicht über den Verlust des Gewinstes. Das Geld hatte zu jener Zeit keinen oder wenig Wert für mich, und wer weiß, zu was es gut war, denn ungefähr um diese Zeit, einige Wochen später, fiel eine greuliche Geschichte vor, welche ein ähnlicher Spielgewinst hervorgerufen hatte. Ein junger Mensch hatte eines Abends über dreißigtausend Franken in Gold gewonnen und entfernte sich darauf nach ein Uhr in der Nacht aus dem Spielsaal. Er war der Sohn eines nicht unbemittelten Mannes, der jenseits der Seine, in der Gegend des Pantheons wohnte. Das Palais Royal verlassend, glaubte er bald darauf sich von ein paar verdächtigen Kerls verfolgt zu sehen. Es war schon sehr einsam in den Straßen und er beeilte sich, die Pont-neuf zu erreichen, was ihm auch glücklich gelang. Hier war zu jener Zeit ein kleiner Wachtposten von einem Korporal und drei Mann aufgestellt. Bei diesem angekommen, ging er in die Wachtstube und bat den Korporal, er möge ihm doch einen Mann zur Bedeckung mitgeben, da er viel Geld bei sich habe und sich von ein paar verdächtigen Individuen verfolgt glaube. Er wolle die Eskorte gut belohnen. Der Wachtkommandant schien erst einige Schwierigkeiten zu machen, indem er vorwandte, daß seine Mannschaft zu gering sei, als daß er einen Mann entbehren könne, besann sich jedoch bald eines anderen, hieß den jungen Menschen einen Augenblick warten, und verließ dann das Wachtzimmer, vorgebend, daß er sich mit der Schildwache noch besprechen wolle. Er rief dann noch einen der beiden anderen Soldaten heraus, mit dem er einige Zeit darauf zurückkam, und nach diesem auch den dritten Mann, der dem Fremden unterdessen Gesellschaft geleistet hatte. Mit diesem kehrte er nach mehreren Minuten ebenfalls in das Zimmer zurück, und alle drei fielen nun auf ein von dem Korporal gegebenes Zeichen über den jungen Menschen her, verstopften ihm schnell den Mund und knebelten ihn, so daß er keinen Laut von sich geben konnte, nahmen ihm dann das Geld ab und stürzten ihn über die hohe Brücke in die Fluten der Seine hinab, da, wo das Wasser gerade am reißendsten unter den Bogen rauscht und am tiefsten ist. Der junge Mann war aber ein guter Schwimmer, erreichte glücklich das nahe Ufer und lief jetzt auf den nächsten größeren, von einem Offizier kommandierten Posten, dem er, was ihm soeben geschehen war, erzählte. Dieser sandte sogleich eine starke Patrouille unter dem Kommando eines Sergeanten ab, der die Wache samt der Schildwache umzingelte, das saubere Kleeblatt mit der Teilung des Goldes beschäftigt fand und es verhaftete. Alle passierten das Kriegsgericht, der Korporal wurde erschossen und die Soldaten lebenslänglich auf die Galeere geschmiedet. Der Vorfall gab ganz Paris auf vierundzwanzig Stunden Stoff zur Unterhaltung.

Der unterdessen herangekommene Karneval gewährte uns manche Unterhaltung. Ich besuchte teils in Gesellschaft Angelikas, teils mit dem Fürsten Y. inkognito verschiedene Belustigungsorte. Die Masken, die sich auf den Boulevards zeigten, vom Temple bis zur Madeleine, waren aber nicht sehr elegant, ja zum Teil sehr lumpig, und konnten sich denen zu Rom und anderen Städten Italiens nicht an die Seite stellen, sowie auch das hiesige Karnevalstreiben ein ganz anderes wie das in Italien ist. Die gemeinen Franzosen machen wohl manche witzige Späße, arten aber nur zu oft in Plattitüden und rohe Gemeinheiten aus, während die Italiener, auch die der untersten Klassen, noch immer eine gewisse Dezenz bei dieser Gelegenheit beobachten. Der Boeuf gras ist der Kulminationspunkt des ganzen Festes. Ein kolossaler, bis zum Zerplatzen fettgemästeter Ochse, der Mühe hat, seine ungeheure Fleischmasse fortzubewegen, wird von einem Kinde, den Fleischerkönig darstellend, geritten und von der ausgelassensten und sonderbarsten Eskorte begleitet, die aus nachgeahmten Deputationen aus allen Weltgegenden, allen Zeiten und allen Ständen bestehen, unter denen die Bewohner des Landes auf Stelzen einherschreiten, Wilde und Chinesen, Mamelucken und Kalmücken, Mexikaner und Peruaner, Kosaken und Slovaken, Panduren und Heiducken, Mohren und Mulatten, Pierrots und Harlekins und Völker, deren Wohnsitze auf Erden gar nicht bekannt sind, sich befinden und das Kortege bilden. Gelehrte Franzosen behaupten, daß sich der Ursprung dieser grotesken Zeremonie noch von den Galliern herschreibt, die einem Stier göttliche Verehrung zollten. Während der Revolution war diese Fette-Ochsen-Prozession unterblieben, erst unter dem Kaiserreich wurde sie wieder hervorgeholt. Als im Jahre 1739 der Ochsenzug, wie es der Gebrauch, sich dem König und seiner Familie vorgestellt hatte, dann nach dem Hotel des ersten Parlamentspräsidenten begab und diesen nicht daheim fand, nahm er seine Richtung gerade nach dem Justizpalast und stieg samt dem Ochsen und den ihn begleitenden Reitern die breiten Treppen am Palais hinauf, präsentierte sich dem Herrn Präsidenten im Gerichtssaal, schritt durch alle Säle und verließ den Themistempel, die Treppe, die auf den Dauphinsplatz führt, hinabsteigend. Während dem Karneval waren alle Kneipen und Schenken zu Paris und vor den Barrieren mit Masken und seltsam kostümierten Individuen beiderlei Geschlechts angefüllt, die ein wildes tolles Treiben vollführten. Diese in die barocksten Anzüge gehüllten Menschen, die unaufhörlich durcheinander schreien und brüllen, pfeifen, mit Gläsern und Flaschen klirren, die Fäuste aufschlagen und mit Füßen stampfen, daß Wände und Tische zittern, unter dem ohrenzerreißenden Gekratze von Bierfiedlern oder dem Spielen falscher Orgeln und Heulen der Dudelsäcke, haben kaum noch durch ihre Gestalt etwas Menschliches an sich, und man ist geneigt, sie eher für eine Gattung wilder Bestien zu halten. Hier thront eine Hallendame als Venus, mit Zinnober ziegelrot das Gesicht bemalt, in einem Schlendrian aus den Zeiten Ludwig XV., dort ist ein fünfzigjähriger rußiger Schlossergeselle als Amor mit kurzen Hosen, nackten Armen und Beinen, einen halben Faßreif mit einem Strick umgehängt, einen Bogen vorstellend, nebst einer Kufe voll Gänsekiele statt der Pfeile. Apollo und ein paar Musen spielen und saufen einen giftig gebrauten Wein hinter einem Tisch, vor ihnen steht ein Trupp Amazonen, mit Hackbeilen bewaffnet, mit denen in Kampf sich einzulassen wohl nicht rätlich wäre. Eine keusche, bis über die Knie aufgeschürzte Diana ist mit einem sechs Schuh langen halben Mond versehen und beschenkt taumelnd ihren neben ihr sitzenden Endymion verschwenderisch mit den saftigsten Küssen. Jetzt tritt ein Haufen Ritter, die Götter mögen wissen, von welcher Gestalt, mit einem Trupp Kobolde ein, alle haben scheußliche Larven vor. Türken in zerlumpten alten Schlafröcken mit papiernen Turbanen und so weiter. Dies sind die Charaktermasken und Kostüme des Pariser Karnevals, denen man in den Straßen begegnet und die man in allen Guinguetten findet. Es wäre der Mühe wert, diese Physiognomien zu studieren. Eine Ronde um diese Zeit durch die Bastringues und Tanzlokale von Paris zu machen, ist wohl ergiebig und mag dem Menschenfreund wie dem Menschenkenner manches zu denken geben. Die Bälle des Tivoli d’hiver, der Eremitage, des Prado, Retiro und so weiter bis auf die lebensgefährlichen Sauf-, Raub- und Mordhöhlen vor den Barrieren durchstöberte ich, um das Volkstreiben der berühmten verrufenen Hauptstadt ganz kennen zu lernen. Da führt ein Lumpenmann (Chiffonier) eine Herzogin der guten alten Zeit, dame de haut parage, am Arm, und läßt sie von Zeit zu Zeit einen Schluck aus seiner Branntweinflasche tun, dort verliert sich ein Großsultan mit einer Grobwäscherin, der er das Schnupftuch zugeworfen, in irgendein heimliches Gemach. Die Gavotten, Kontertänze, Farandolen, alles wird durcheinander gerast. Plötzlich erscheint ein vierschrötiger Kerl im Matrosen- oder Lazzaronikostüm oder ein fast ganz nackter Wilder, der die partie honteuse kaum mit einigen Blättern, die zerfetzt an ihm herabhängen, bedeckt, und kündigt schreiend einen Solotanz an, den er unter dem infernalischsten Getöse und Gebrüll ausführt. Auf den Boulevards reiten die tollsten Masken auf Eseln, Schindmähren, sitzen auf der Imperiale der Fiaker, deren Kutscher ebenfalls maskiert sind. Sogar Hunde laufen mit Masken umher. Dies waren die Lustbarkeiten des Pariser Karnevals, die auch der Fürst Y., durch meine Berichte neugierig gemacht, ein paarmal mit mir inkognito besuchte. Während der Republik war es noch viel ärger, da sah man unter anderen Nonnen auf Eseln reiten, an deren Schwanz Priester im Ornat, das Meßbuch in der Hand, gebunden waren.

Mit Angelika besuchte ich zu dieser Zeit nur die Theater, besonders die französische und italienische Oper, wo wir die Meisterstücke der ersten Komponisten in hoher Vollendung aufführen sahen, namentlich auch Mozarts ‚Nozze di Figaro‘, ‚La Molinara‘, Paesiellos ‚Barbiero di Seviglia‘ und so weiter.

Unterdessen hatte sich einige Zeit nach der Scheidung Napoleons von Josephinen plötzlich das Gerücht verbreitet, ersterer würde eine österreichische Prinzessin heiraten, dem man aber anfänglich wenig Glauben schenken wollte; ja viele Franzosen betrachteten es als unmöglich. Da aber das Gerücht bald zur unleugbaren Gewißheit wurde, machte diese Neuigkeit einen unbeschreiblichen Eindruck in ganz Frankreich und dessen Hauptstadt. Im ersten Augenblick war man vor Überraschung stumm. Als aber der erste Eindruck und die Bestürzung vorüber waren, machte sich die fast allgemeine Mißbilligung hinsichtlich dieser Ehe in den ungemessensten und unvorsichtigsten Ausdrücken Luft. „Wie,“ hieß es, „und darum von der besten und liebenswürdigsten Frau geschieden, um eine österreichische ... zu heiraten. Hat die Erfahrung nicht gelehrt, was die Österreicherinnen, die auf dem französischen Thron saßen, für namenloses Unglück über Frankreich gebracht? – Sind wir denn in Frankreich so arm an edlen Jungfrauen, die würdig wären, den französischen Kaiserthron zu zieren und der Nation Regenten zu schenken? Einer Französin hätte hundertmal eher diese Ehre gebührt, als dieser autrichienne, die Napoleons und unser Unglück machen wird.“ Unglaublich ist es, welche Stimmung diese Neuigkeit unter allen Ständen hervorbrachte und selbst beim Heer. „Une autrichienne! – est – il possible au monde!“ war der ewige Refrain, den einer dem anderen zurief; „eher würde ich eine französische Magd geheiratet haben.“ Dabei war nichts Komischeres als die Verblendung des österreichischen Gesandtschaftspersonals zu Paris, das sich einbildete, die Franzosen fühlten sich überaus glücklich und hochgeehrt durch die Wahl des Kaisers, und die Herren trugen jetzt die Nasen um einige Zoll höher. Niemand von Napoleons Umgebung getraute sich jedoch, ihn mit dieser Stimmung des Volkes bekanntzumachen und ihn aus der beglückenden Unwissenheit deshalb zu reißen. Hätte er sie genau gekannt, so würde er schwerlich die Ehe mit Maria Louise vollzogen haben. Selbst der gemeine Soldat und der Taglöhner sprachen nur wegwerfend und verächtlich von dieser Verbindung, und als seine Mitteilung an den Senat dieserhalb bekannt wurde, in der es unter anderem hieß: „Nos peuples aimeront cette princesse pour l’amour de nous, jusqu’à ce que témoins de toutes les vertus qui l’ont placée si haut dans notre pensée, ils l’aiment pour elle même,“ gab dies zu den bittersten Satiren, zu beißendem Spott Anlaß, der sich sogar in heimlich gedruckten Spottliedern Luft machte. Die Dankadresse des Senats, die Absendung Neufchatelles, die Trauung per procura zu Wien und so weiter, dies alles mußte Stoff zu Satire, Spöttereien und gehässigen Anmerkungen geben, die der sonst so wachsame Fouché wenn nicht gar zu nähren, doch zu ignorieren für gut fand. Ich muß gestehen, daß auch mir, der ich diese Stimmung genau kannte, nicht ganz wohl zumute bei der Sache war. Mit Josephinen schien auch Napoleons Glückstern von ihm gewichen.

Damals geschah es, daß man aux français eine Orange mit einem Zettelchen auf die Bühne warf, in die Orange selbst aber hatte man einen Louisdor mit dem Gepräge Louis XVI. gesteckt. Das Publikum forderte die auf der Bühne befindlichen Akteurs zum Lesen des Billetts auf. Da diese aber Anstand nahmen, dem Begehren Folge zu leisten, so gab es einen bedeutenden Lärm und großen Tumult, der immer ärger wurde und erst endigte, als einer der Schauspieler mit dem Billett an die Rampe trat und andeutete, daß er zum Lesen bereit sei. Jetzt wurde alles stille und er las: „Gardez le Louis et jettez l’écorce!“ Es lautete aber auch wie: „Gardez le Louis et jettez le Corse!“ Von mehreren Seiten wurde Beifall geklatscht, der jedoch schnell verstummte und wahrscheinlich nur in aller Unschuld von Personen gezollt wurde, welche den Calembourg gar nicht verstanden hatten, oder nur aus Gewohnheit, weil man bei solcher Veranlassung immer zu klatschen pflegt, klatschten. Die Sache machte großes Aufsehen in Paris, und der Akteur, der ebenfalls in aller Unschuld das Billett gelesen hatte, erhielt einen tüchtigen Wischer und wurde entlassen.

Unterdessen dachte auch ich jetzt an eine Scheidung von meiner liebenswürdigen Angelika, der ich zwar immer sehr wohl wollte, aber die Flitterwochen waren vorüber, der Reiz der Neuheit verschwunden, und dies Zusammenleben fing an, mir lästig zu werden. Wenn man so ewig umeinander ist, bleibt die Langeweile nicht aus, und obgleich Madame Bonnier einen lebhaften Geist hatte, so machte auf der anderen Seite die Klostererziehung, wenig Welterfahrung und Mangel an wissenschaftlicher Bildung, daß ihre Unterhaltung nur dürftig und einseitig war. Als ich ihr unsere bevorstehende Trennung unter dem Vorwand, daß es der Dienst heische und ich doch vielleicht Paris bald verlassen müsse, ankündigte, war sie darüber ebenso untröstlich, als es Josephine gewesen sein soll, da ihr Napoleon eine ähnliche Eröffnung machte; auch mich hatte es einige Überwindung gekostet, der guten Frau diese Mitteilung zu machen. Ich suchte ihren Schmerz möglichst zu mildern, indem ich ihr versprach, so lange ich noch in Paris verweile, sie täglich zu besuchen, daß mir aber das fernere Beisammenwohnen große Unannehmlichkeiten und Nachteile von seiten Napoleons zuziehen würde, der mir selbst den Befehl zum Ausziehen gegeben habe. Mit meinen Verhältnissen und dem Leben überhaupt so ganz unbekannt, schenkte die gute Angelika diesen Worten vollkommen Glauben. Die Wohnung bezahlte ich drei Monate voraus und mietete mir eine andere in der Nähe des Palais Royal, besuchte aber meine Geschiedene noch oft, bis ich nach und nach seltener wurde und sie sich mehr und mehr wieder an das Alleinsein gewöhnte, doch führte ich sie bisweilen noch in die Theater und an andere öffentliche Orte und sorgte auch sonst auf das beste für sie.