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Vorwort[V−VII]
I. Das Erwachen des Sinnes für Religion und deutsches Alterthum[1−30]
Tiecks und Wackenroders Freundschaft. Erlangen und Nürnberg. Tiecks geistige Wandlung. „Herzensergießungen“, „Sternbald“, „Phantasien“. Tieck als „Klosterbruder“. — Schleiermacher und Tieck. „Reden über die Religion“. — Tiecks Freundschaft mit Novalis. — Wirkung der Schleiermacher’schen „Reden“ auf die übrigen Romantiker. Fr. Schlegels „Mythologie“. — Tiecks Neigung für das Altdeutsche. Tieck und die Volksbücher. Äußere Entstehungsgeschichte der „Genoveva“. „Nicht gemacht, sondern geworden“.
II. Das Volksbuch als Quelle von Tiecks „Genoveva“[31−66]
Vergleichung der Dichtung Tiecks mit dem Volksbuch. Tieck benützt dasselbe im Sinne der Romantik. Erweiterungen im ersten und enger Anschluss an die Vorlage im zweiten Theile der Tieck’schen „Genoveva“. Die Angabe des „Vorberichtes“. Die Abänderungen entsprechen der romantischen Doctrin. Romantische Universalpoesie.
III. Literarische Einflüsse[67−138]
1. Tieck und Maler Müller. (Goethes „Götz“ und „Werther“) [67−84]
Das aus Müller entlehnte Lied. Ähnliche Charaktere. Ähnliche Scenen. Naturgefühl. Werther-Nachklänge. Müller’scher Einfluss auf die Costümbehandlung. Anklänge an „Faust“. — Tieck Plagiator? Tieck und Müller geistig verwandt. Tieck passt das Entlehnte seiner Eigenart an.
2. Tieck und Shakespeare[84−107]
Tiecks Shakespearestudien. Vorliebe für den „Perikles“. „Gower“ und „Bonifacius“. Gertrud und die Amme in Romeo und Julia. Karl Martells Monolog. Macbeth und Abdorrhaman. Die Vorbilder für die Balkonscene. Der sterbende Wolf und der sterbende Gaunt. Anregungen für die Hexenscene. Geringer Einfluss des Wintermärchens. Gerichtsscenen. Shakespeares und Tiecks Schlachtscenen. Die unheimlichen Naturvorzeichen bei Shakespeare, Goethe, Müller und Tieck. Formelle Reminiscenzen. — Tiecks „Genoveva“ wird durch das Entlehnte nicht wesentlich bestimmt. Tieck schweigt im „Vorberichte“ von Shakespeare.
3. Tieck und Calderon[107−115]
Tiecks spanische Studien. Calderon fördert die religiöse Kunststimmung. Vers- und Strophenformen. Meist verschieden bei Tieck und Calderon verwendet. Die lyrischen Ergüsse. Die Allegorie des Todes. Kleinere Anklänge. — Calderons Einfluss nur für Form und Stimmung der „Genoveva“ bedeutend.
4. Tieck und Jakob Böhme[115−138]

Tieck entdeckt die „Morgenröthe“. Die Zeugnisse für Tiecks Böhmestudium. Warum bewundert Tieck Böhmes Mystik? „Die Morgenröthe“. Böhmes Gedanken in der Rede des „Unbekannten“, in den Reden der Hexe und in der Sterbevision. — Die Art der Verwendung von Böhmes Mystik bei Tieck. Die Böhmeschwärmerei der Romantiker.

Überblick über die Anregungen und literarischen Einflüsse auf die „Genoveva“.
IV. Charakteristik der „Genoveva“[139−242]
1. Das romantische Drama. — Composition[139−153]
Tieck erstrebt nicht stoffliche Neuheit. Möglichkeit und Schwierigkeit, in verschiedenen Gattungsformen zu dichten. Unausgeglichene Gegensätze bei Tieck. Die Heiligkeit der „Tradition“. Alles Poetische darf in das romantische Werk aufgenommen werden. Weder eine rechte Haupthandlung noch eine führende Hauptperson. Entspricht der romantischen Theorie. Willkürlicher Wechsel von Ort und Zeit. Ort und Zeit der Stimmung dienstbar. Äußerliche Künstlichkeit: Symmetrie, Contraste, Parallelen, ahnungsvolle Beziehungen. Tieck und Bernhardi mit der äußeren Künstlichkeit zufrieden.
2. Das Religiöse[153−166]
Die Religion stimmungsvolle Decoration. Reine und trübe religiöse Anschauungen. Gut abgewogene Vertheilung auf die einzelnen Figuren. Der religiöse „Ton“ nicht gleichmäßig festgehalten. Das unmittelbar Gegenwärtige fehlt. Widersprüche. Romantische Religion.
3. Das Costüm[166−172]
Tiecks Gedanken darüber. Anwendung auf die „Genoveva“. Tiecks richtige Ansicht. — Was erfahren wir von der äußeren Erscheinung der einzelnen Figuren? Idealisierende Allgemeinheit. Das Auge.
4. Das Naturgefühl[172−187]
Tiecks beständige Liebe zur Natur. Seine Worte über das poetische Naturgefühl. Das sympathetische Naturgefühl in der „Genoveva“. Abergläubische und mystische Naturanschauung. Das Grauen vor der Natur. Religiöses Naturempfinden. Wirkung der Natur auf den Menschen. Stimmungshintergrund und Contrast. Gleichnisse, Metaphern und Composita aus dem Naturleben. Gewisse Zeiten als poetisch bevorzugt. Licht, Glanz und Ton. Tieck und Goethes „Werther“. Stimmung und Chronologie. Wenig religiöse Naturempfindung. Das „Klima“.
5. Die Charaktere[187−193]
Directe und indirecte Charakterzeichnung. Beides nicht immer glücklich verbunden. Genoveva und Golo. Golo am besten dargestellt. Matte Nebenfiguren. Urtheile über die Charakteristik. Romantische Künstlichkeiten.
6. Der Stil[193−222]
Petrichs Schrift über den romantischen Stil. Sprachliche Darstellung des Religiösen. Fromme Redensarten. Schilderung der Wunder und Visionen. Gebet und Erbauungsrede. Mystische und fatalistische Redeweise. — Romantische Vorliebe für den Archaismus. Archaismen in der „Genoveva“. Solgers Urtheil. — Stimmungmalende und musikalische Darstellung des Naturgefühles. — Die lyrischen Monologe. Tieck entfernt sich vom Anschaulichen. Die Worte für zeitliche und räumliche Fernen. Innigkeit im Ausdruck. Die Sprache der Leidenschaft. Steigerung ins Ungewöhnliche. — Tropen und Figuren. — Theatralisches in der Diction. Der Dialog. — Unklarheit des romantischen Stiles. Tieck ist auch in der Sprache zugleich Stimmungsidealist und künstelnder Virtuose. Nüancierung der Sprache.
7. Prosa und Metrik[222−242]

A.W. Schlegel über Prosa und Rhythmus. Tieck über das Verhältnis von metrischer Form und Inhalt. — Die Prosa in der „Genoveva“. Manchmal in Verse übergehend. — Die romanischen Strophenformen: Stanze, Sonett, Terzine, Redondille. Lieder. Freie Rhythmen. Blankvers. Blankvers und Prosa. Shakespeare Tiecks Vorbild. Die metrische Mannigfaltigkeit gefällt den Romantikern. —

Rückblick und zusammenfassende Charakteristik der romantischen Dichtung „Genoveva“. Verwandtes in der gleichzeitigen Literatur. Das Genovevadrama der Geniezeit und die Genovevadichtung der Romantik.
V. Urtheile der Zeitgenossen über Tiecks „Genoveva“[243−256]

Die Romantiker und ihre Freunde. Tieck und Heinrich Schmidt. Die Brüder Schlegel. Mnioch. Karl v. Hardenberg. Bernhardi. A. v. Arnim. Brentano. Eichendorff. H. v. Chezy. Rochlitz. Koberstein. Tieck-Solger. Förster. Steffens. — Goethe. Körner. Schiller. — Kotzebue. Iffland. — Nicolai. Merkel.

Tiecks „Romantische Dichtungen“. „Kaiser Octavianus“. Tiecks Neuausgaben der „Genoveva“. — „Die Klosterbrüder von S. Isidoro“. Romantische Dramatiker nach Tieck. Chr. v. Schmid.
Register[257−258]

I.
Das Erwachen des Sinnes für Religion und deutsches Alterthum.

Tiecks „Genoveva“ bildet einen Markstein in der Entwickelung der deutschen Romantik. Zwei geistige Richtungen sind es vor allem, aus deren Kreuzung jene eigenthümliche Gefühls- und Gedankenwelt erwächst, welche zuerst in der „Genoveva“ eine üppig reiche poetische Gestalt gewinnt: die Liebe zur altdeutschen Vergangenheit und die poetische Neigung zu katholisierender Religiosität. Diese Neigung und jene Liebe kennzeichnen den echten Romantiker an der Scheide des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Liebe zur alten Zeit reicht bis in die Jahre des Goethe’schen „Götz“ und seines Gefolges ritterlicher Dramen zurück, die in Tiecks Jugendzeit die deutsche Bühne noch vielfach beherrschten.[1] Die religiöse Kunstbegeisterung Tiecks leitet ihren Ursprung aus den schönen Tagen der Jugendfreundschaft mit Wackenroder her. Diese Freundschaft war für Tieck von den bedeutsamsten Folgen. Denn aus dem Ideenaustausche mit Wackenroder erblüht dem Rationalisten erst die rechte innige poetische Stimmung und mit ihm zusammen lernt er, was Frömmigkeit ist, fühlen und er sucht sie aus der Kunst der alten Zeiten wieder heraufzuholen. So verbinden sich bald religiöse Stimmung und Sinn für deutsches Alterthum im Gemüthe der Freunde.

Nicht die productive eigene Thätigkeit des früh geschiedenen Jünglings Wackenroder (1798 starb der fünfundzwanzigjährige) sichert diesem einen Platz in der deutschen Literatur- und Kunstgeschichte, sondern seine richtunggebende Einwirkung auf andere empfängliche Gemüther, in erster Linie auf Ludwig Tieck. Die beiden waren Freunde vom Gedicke’schen Gymnasium her. 1792 gieng Tieck von Berlin fort auf die Hallische Universität. Wackenroder musste nach dem Willen seines Vaters, der ihn noch nicht für das akademische Studium reif hielt, in Berlin zurückbleiben. Ein schwärmerischer Briefwechsel entschädigte die Freunde für den persönlichen Verkehr. Tieck ist Wackenroders Freund aus ganzer Seele. Er ist der reifere, erfahrenere, geistig ältere und gewandtere, besonders in allen literarischen Dingen. Der schwermüthige Dichter des „Abdallah“ durchlebt in Halle düstere Stunden, in denen die Leiden und Zweifel des „William Lovell“ sein Inneres durchstürmen. Seine Phantasie und sein Gefühl gehen jetzt noch mehr auf das Erhabene als auf die „kleinen Empfindungen“. Neben Goethe und Shakespeare begeistert ihn besonders der junge Schiller. Die wilde Kraft der „Räuber“ ist es, die sein Inneres „zerreißt und vernichtet“. Je unbefriedigter er in sich selbst ist, je düsterer sich sein Gemüth umschattet, desto mehr Bedürfnis und Sehnsucht hat er nach Freundschaft; je heftiger er nach Idealen ringt, die er selbst nicht besitzt, desto nöthiger ist ihm ein idealischer Freund wie Wackenroder. Wackenroder, der kindliche, schüchterne, noch unbeholfene, eine Natur voll stiller Heiterkeit, Sinnigkeit und von anschmiegsamem Wesen, eine Seele voll einfacher, schlichter Frömmigkeit, kennt in seiner schwärmerischen Hingebung an Tieck keine Grenze. Er ist ganz Herzlichkeit und Innigkeit und mädchenhafte Zärtlichkeit; er ist berauscht und entzückt im Gefühle des Glückes, Tiecks Freund sein zu dürfen, selig und zufrieden, wenn er nur ein Glied in der Kette ist, die den trübsinnigen, mit Todesgedanken spielenden Genossen noch an diese Erde fesselt.

So erstehen die beiden Freunde vor dem Geiste des Betrachters, der ihren Briefwechsel aus den Jahren 1792 und 1793 durchblättert.[2] Den Sommer 1793 verlebten sie in glücklicher Gemeinschaft in der Universitätsstadt Erlangen, den Winter 1793/94 in Göttingen. In Erlangen tritt das süddeutsche Leben in ihren Gesichtskreis und wirkt mächtig auf diese jungen empfänglichen Gemüther. Eine neue Welt thut sich ihnen auf. In Bamberg, dem „deutschen Rom“,[3] ergötzt sich ihre Phantasie an der Pracht des katholischen Gottesdienstes. In Nürnberg steigt die gemüthsinnige, schlichte und tiefe altdeutsche Kunst und altes Künstlerleben vor ihrem entzückten Geiste auf.[4] Im Fichtelgebirge spricht die stille Waldeinsamkeit märchenhaft und wundersam die jungen Gemüther an.[5]