Greifenstein
näher zu betrachten und, da er auf einer Stelle zugänglich ist, auch zu besteigen. Die Gestalt und Structur dieser Granitfelsen, sagt D. Naumann im 2. Heft der Erläuterungen zur geognostischen Charte des Königreichs Sachsen pag. 174, – ist so grottesk und abentheuerlich, daß der ehemals unter den Bewohnern der Umgegend vorkommende Glaube, es seien Trümmer eines verwünschten Schlosses, nicht befremden kann. Wie Wollsäcke oder dick ausgestopfte Betten thürmen sich die Granitmassen übereinander in isolirten oder wenig zusammenhängenden phantastischen Pfeilern, welche theilweise eine Art Gehöfte bilden, in welche man nicht leicht hinabklettert, weil überhangende Massen scheinbar herabzustürzen drohen. Dieses Felsen-Wrak ist wahrscheinlich in präadamitischen Zeiten, als glühend flüssige Masse, aus dem Erd-Innern hervorgebrochen und hat die früher erstarrten Schiefer und Gneusschaalen, wovon im Granite selbst eine Menge Fragmente eingehüllt sind, durchbrochen, worauf sie in dicken Polstern allmählig erkaltete.
Von dieser Granitparthie aus ist die Fernsicht nach den Gebirgsknoten, dem Fichtelberg, vorzüglich schön, weil das Auge in den Thälern, welche von ihm auslaufen, ohne Unterbrechung hinaufirrt und ihn in einer größern Höhe beobachtet, als es sonst geschehen kann. Bis dicht an die Wände des Granites ist der Greifenstein mit Schwarzwald umgeben, in welchem sich zur bessern Jahreszeit eine Tabàgie befindet, wo Erfrischungen und Sicherheit bei plötzlichen Gewittern zu erlangen ist. Diese dankenswerthe Vorsorge weist zugleich auf den häufigen Besuch dieses Felsens hin. An seiner nordwestlichen Abdachung beschäftigen sich mehrere Steinmetze, die für Bauten sogenannte Werkstücke liefern. Das nachbarliche Bergstädtchen
Geyer,
welches schon im 13. Jahrhundert Bergbau, hauptsächlich auf Zinn trieb, zählt etwa 300 und etliche 40 Wohnhäuser, in welchen gegen 3400 Menschen eingeschachtelt sind, worunter sich viel Posamentiere befinden. Die Wohlfeilheit des Zinns und die zu große Concurrenz in der Arsenik-, Vitriol- und Schwefelbereitung, haben diesem Städtchen seine frühere Wohlhabenheit und Regsamkeit ziemlich weit abgestreift; denn daß diese bedeutend gewesen sein muß, lehren die Pingen, Halden, Pochstätten und Wäschen, insonderheit aber die große Pinge dicht an der Stadt, welche nach Art der Altenberger 1704 dadurch entstand, daß eine große Granitmasse gegen 70 Ellen tief und 600 Schritte im Umfange, in die durch Bergbau abgebauten Räume des Zwitterstocks niederfuhr und die Gegend, wie ein Erdbeben, erschütterte.
Außer der Evanschen großartigen Spinnfabrik bei Geyer, hat man gegenwärtig in diesem Städtchen ein neues Rathhaus von Grund aus aufgeführt, welches, seiner Größe wegen, für ein rasches Wachsthum einer streitsüchtigen Einwohnerschaft, auf ein Jahrhundert hinaus und dafür berechnet sein mag, dasselbe im Conterfei mit der Enkeltochter der dasigen Glocke, welche beim Stürmen des bekannten Prinzenraubes zersprang, in einem Guckkasten auf Jahrmärkten herumtragen und bewundern zu lassen.
Nur im Vorbeigehen mag das alte Bergstädtchen
Ehrenfriedersdorf
mit seinen 270 Häusern, welche etwa 2300 Menschen bewohnen, wegen seiner ungemeinen großen Menge an einander liegender Bergwerkshalden am Sauberge, Erwähnung finden. Das Städtchen selbst bietet, außer der Königl. Klöppelschule, die in der That als Muster für andere dasteht, nichts Interessantes in seiner hölzernen Ausdehnung dar. Die gedachte Halden-Menge hat etwas ähnliches von einem vielfach durchwühlten felsigen Bette eines in's Trockne gerathenen Wasserfalles – steril und immer kahl. Das Zinn kommt hier im Sauberge in schmalen Schnürchen nahe bei einander vor, und der Bergmann kann dasselbe nicht andere gewinnen, als daß er immer taubes Gebirge mit absprengt, zu Tage fördert und dann durch Auskutten den Zinnstein absondert. Diese schmalen Zinnmittel, deren der Bergmann immer gleichzeitig mehrere vor Ort hatte, werden dort – Risse – genannt. Das Auskutten nun mußte jene Schaar von Halden in der Art zur Folge haben, wie man sie zur Stunde noch sieht. Die Apatite, Topase und andere interessante Fossilien von Ehrenfriedersdorf sind bekannt, eben so, daß in neuerer Zeit die Chemnitz-Annaberger Chaussee durch das Städtlein gelegt und diesem dadurch eine nützliche Lebendigkeit verliehen worden ist.
Zwischen hier und Annaberg sonnet sich in nachlässiger Behaglichkeit das freundliche Dorf Schönefeld bis hinab in die jugendliche Zschopau. In demselben liegt die einladende Villa oder besser »Beatus ille etc.« des Herrn Regierungsraths Reiche-Eisenstuck. Als dieser in seinem frühern Wirkungskreise dem Obergebirge mehr angehörte, konnte man dieses Rittergut als eine Wohlthätigkeits-Anstalt für eine Schaar guter Freunde betrachten, welche sich von Zeit zu Zeit zusammen fanden, um daselbst ex officio zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein. Selbst ein vornehmer Sträfling hat in neuerer Zeit sein Strafübel hier verlebt ohne ein Liber tristium zu schreiben.