In züchtiger Zierlichkeit ruht

St. Anna

auf ihrem erhabenen Stuhl, dessen basaltische Lehne sich 2638 Fuß über das Meer erhebt; ihr mit Aehren und Feldblumen bestreutes Kleid rollt in riesigem Faltenwurfe hinab zu den klaren Wellen der Sehma und Zschopau und falbeln ihre Uferblumen an den Saum desselben. Diese liebliche Stadt zählt in ihren freundlichen massiven und mit Schiefer bedeckten Häusern, welche von mit Basalt gepflasterten Gassen und Gäßchen vielfach durchzogen sind, über 8000 Einwohner. Die Mauer, welche den Häuserschatz umgiebt und eine ansehnliche Höhe hat, scheint mehr zum Schutz gegen die Stürme des Himmels und der Raubthiere als gegen den äußern Feind errichtet worden zu sein. Die neuere Zeit hat rings herum dieses Mauerwerk mit einem Gürtel von Blumen, Bäumen und Strauchwerk umgeben und zwischen denselben Promenaden angelegt, welche besonders alte Leute und Kinderwärterinnen benutzen.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg

ANNABERG.

Wohl mag im Jahre 1495, als unter Regierung Herzog Friedrichs des III. Annaberg zu bauen angefangen und die Gegend noch – die wilde Ecke – geheißen wurde, Niemand geahnet haben, daß eine Zukunft kommen werde, die alles verwische, was an Wildheit und Sterilität erinnern könne. Der Drang und die Sucht nach Silber und Kobalterzen, die am Schrecken- und Schottenberge sich kund gaben, ließ dem Bergmann alle Hindernisse und Gefahren verachten und gab die nächste Veranlassung zur Erbauung der Stadt.

Die Indulgenzen des Herzogs Friedrich und der spätern Landesherrn, wodurch die Stadt an Ausdehnung gewann, ein Franziskaner-Kloster und daneben aber auch eine Stadtkirche, Superintendur, ein Lyceum und eine Patrimonial-Gerichtsbarkeit bekam, so wie das seltene Glück bis in die neuern Zeiten herauf an der Spitze der Justizpflege und der Verwaltung ausgezeichnete Männer zu haben, die, wenn es das Schöne, Nützliche und Nothwendige galt, nicht das Bürgerthum allein zum Geben nöthigten, sondern selbst in die eigene Tasche griffen und zur Nachahmung ermunterten –, mußte nothwendig den Ort selbst sehr bald zur Mittelstadt erheben. Die Namen eines Bretschneider, Lommatzsch und des gemüthlichen Schumann, als Superintendenten und eines Benedict, Eisenstuck, Querfurth, Söldner, Glöckner und anderer mehr bei der Justiz und Verwaltung haben einen guten Klang. Noch jetzt, wenn man durch die Gassen und Straßen Annabergs wandert, dringt sich die Meinung für Ordnung und Nettigkeit, Schönheit und Schicklichkeit, die sich die Einwohnerschaft angeeignet hat, unwillkührlich auf. Ihr socialer Verkehr bewegt sich nach Art eines patriarchalischen Familien-Zusammenhanges, in welchem sich Jedermann, wer nur eingeführt ist, sehr wohl befinden kann.

Band-, Borden- und Spitzengeschäfte, wozu sich in der neuern Zeit die Thilo & Röhlingsche und Röhling & Föhrsche Seiden-Fabriken gesellt haben, geben nicht nur der Stadt, sondern auch der Gegend umher Nahrung und Gedeihen. Unmittelbar neben alten nackten Klostermauern ist in einem stattlichen Gebäude die Thilo-Röhlingsche Seidenfabrik in reger Thätigkeit und da die Mönche in ihrer Mastanstalt unfehlbar keine Seide spannen: so hätten sie ohnehin ihren officiellen Müssiggang verlassen müssen.