Das ganze lange liebliche Thal, welches aus Norden gegen Süden allmählig nach dem entfernten Fichtelberg ansteigt und von der Sehma durchwässert wird, hat die freundlichen Dörfer Sehma, Cranzahl und Neudorf (letzteres in ältern Zeiten Kraksdorf geheißen) aufgenommen, durch welche eine Chaussee läuft. Ueber beiden Seiten der ziemlich flachen Thalwände ziehen sich gutgehaltene Felder hinaus, auf welchen, nächst den gewöhnlichen Körnerfrüchten, auch viel Flachs gebauet wird, wodurch, sowie durch den Verkehr des gewerbreichen Annaberg und Buchholz der Unterhalt der Einwohnerschaften hauptsächlich gesichert wird. Das schöne, einladende Erbgericht zu Sehma, mit seinem schmucken Tanzsaal, ladet die Umgegend öfters zu seinen Concerten und Bällen ein, wird auch außerdem deshalb sehr lebendig gefunden, weil die Unzulänglichkeit der Quartiere in Buchholz viele Arbeiter nach dem nachbarlichen Sehma zu drängen pflegt.
Wer ein Freund der Forstbotanik ist, der vergesse nicht den freundlichen Oberförster Müller in Neudorf und mit ihm seine Culturen und seinen Pflanzgarten zu besuchen. Letzterer gewährt ein um so größerem Interesse, als man in einer solchen rauhen Gegend die große Masse Laubholzpflanzen in freudigem Wachsthume, nicht vermuthen kann.
Kretscham an der rothen Sehma,
gemeinhin »Kretschamrothensehma« genannt, erreicht man von Neudorf aus über einen ziemlich hohen Berg in einer halben Wegstunde. Das Erbkretscham mit seinen Freiheiten und Rechtsamen liegt an einem kleinen Bache, welcher in den Torflagern der Luxheide entspringt, bräunlich gefärbtes Wasser führt und deshalb die rothe Sehma genannt wird. Um das Bauwerk dieses Kretscham stehen noch etwa 9 bis 10 löschpapiergraue hölzerne Häuserchen und schauen trübsinnig dem engen Kranz der Fichtenwaldungen, von welchen sie umgeben werden, nach allen Richtungen entgegen. So anmuthlos indessen diese winzige Colonie sein mag, so hat sie doch in sofern ein Interesse, als dieses Erbkretscham lange Zeit für den Ort gegolten hat, wo im Jahr 1455 den 8. Juli Prinz Albert durch den Köhler Georg Schmidt (nach der Zeit Triller genannt) aus Kunz von Kaufungens Räuberhänden seine Freiheit wieder fand. Die Gerechtsame des gedachten Kretschams erklärte man für eine Belohnung der rühmlichen That, weil man außerdem dafür gar keine Veranlassung auffinden konnte. Dieser Irrthum ist nun längst berichtiget. In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts verkaufte Wolf von Schönburg diesen Erbkretscham an den »Erbaren Hannß Prenner, Bürger zu Nürnberg, für 130 fl. – mit dem Vorbehalt, daß derselbe bei der Grafschaft Hartenstein zu Lehen gehen solle. Und als Cornelius Eberwein und Casper Seligmann in den Besitz dieser Realitäten kamen, erhielten diese erst den 27. Jun. 1661 landesherrliche Concession zu Erbauung eines Malzhauses, weil Churfürst August den obern Theil der Grafschaft Hartenstein von Wolf und Hans von Schönburg schon im Jahr 1559 an sich gekauft hatte.
In der Nachbarschaft dieses mit Fichten eingehegten trübsinnigen Kretschams sind gleichwohl einige interessante Puncte für Mineralogen, nämlich ein schon lange verstürzter Bruch von schönem weißen Marmor, von welchem ein großer Theil als Trottoirs in der katholischen Kirche zu Dresden verwendet worden ist. Auf seinen Spaltungsflächen trifft man dann und wann seladongrünen Tremolith. Mannigfaltiger sind aber die Vorkommnisse auf einer etwa eine Viertel Stunde gegen Süden gelegenen Grube – »Gottes Segen am Stümpel.« Hierher gehören die schönen Pistazite, welche an Arendal in Schweden erinnern, edler Granat, Zoisit, der cubische Quarz, Rutil, auch, obschon seltner, gelb Menakerz und dergleichen mehr. Die Lager-Vorkommnisse, welche in körnigen Kalkstein eingeschoben sind, werden steinbruchartig bebaut und als Zuschläge bei den nachbarlichen Hammerwerken benutzt.
Die mächtigen Kalksteinlager sind weit verbreitet und ziehen sich gegen Osten auf einem Gebirgsrücken hin, streichen bei Bärenloh, wo die fiskalischen Brennereien sind, zu Tage aus und bilden daselbst ein großes Stück Unterlage der dortigen Chaussee.
Eine Stunde Wegs von hier ruht
Oberwiesenthal
(ursprünglich – Neustadt – geheißen) wie ein gutgeartetes Kind im Schoos der Mutter, am östlichen Abhange des Fichtelberges, zwischen dem Zechen- und Jungferngrund mit seinen 1800 Einwohnern, welche in 200 und etlichen Häusern wohnen. Die Häusergruppe ist in geradlinige Gassen abgetheilt, wie Gartenbeete mit ihren Furchen, was, da die Wohnungen großen Theils ein hübsches Aeußere und bequemliche Räume im Innern haben, dem Städtchen ein einladendes Ansehen gewährt. Eine namhafte Menge Nadler, Posamentier, Gerber und andere Handwerker machen den Nahrungsstand des Ortes aus, der durch die Jeremias Richtersche Tabackfabrik, Errichtung eines Königl. Justitiariats und die Schöpfung einer Chaussee nach Carlsbad, nur noch mehr gewonnen hat.