Der PÖHLBERG bei ANNABERG
von Geiersdorf aus.

Wir gehen vom Einfall der Pöhla hinauf nach Geyersdorf, und von da zurück nach Annaberg. Am Ende des gedachten Dorfes und mithin von der Thalsohle aus, erhebt sich der Pöhlberg (auch Bielaberg, folglich – der weiße Berg) an seiner Nordseite zum kahlen riesenhaften Kegel empor, dessen Oberfläche 2000 Schritte beträgt. Die Grundmasse ist Basalt, mithin schwarz, dennoch wird der Berg »der weiße Berg« genannt, weil ihn gegen das Frühjahr hin ein weißes Schneeband an der Stirne noch lange umgiebt, was aus der Ferne gesehen, an die Zoll- und Grenzaufsicht erinnert. Es ist Schade, daß eine so große Fläche mit ihren Abhängen noch nicht für Holzcultur benutzt worden ist, da die Sterilität derselben nur eine kümmerliche Viehweide gewähren kann.

Von Annaberg nach Catharinenberg am Buchholz, gemeinhin

Buchholz

genannt, ist keine halbe Stunde Wegs. Etwa 2 bis gegen 2½ Tausend Menschen, meist Posamentier, sind in ihren gegen 250 Häusern in ein enges Felsenthal so eingequetscht, daß man nur selten eine Wohnung trifft, zu deren Eintritt nicht Stufen auf- oder abführten. Hoch oben an der östlichen Thalwand steht, auf die Zehen gestellt, St. Catharina, um ihre Schwester Anna immer im Auge zu behalten; ihr sind eine Parthie Häuser nachgeklettert und schauen herab in das Städtchen, welches wie ein Zeichen in einem halbaufgeschlagenen Buche liegt. Anfang und Ende dieser Thalschlucht bieten dem Auge höchst anziehende Puncte dar: Unten eine zu große Brücke für die kleine lustig dahin fließende Sehma, und viel zu klein, um eine Erleichterung für das Fuhrwerk am jenseitigen Gehänge in der Art herbeizuführen, daß der Chaussee-Schnitzer, wo eine Scheune am steilen Berge nach Schlettau hin, wie ein Kegel in der bekannten Quadrille, bis zur Halsbrecherei umfahren und umlaufen werden muß. Jetzt bei der regen Gewerbsthätigkeit und der zunehmenden Bevölkerung in Buchholz, hat man im Laufe dieses Jahres eine Menge schmucke Häuser an die Chaussee gebaut, um die höchst selten gewordenen Quartiere für fremde Arbeiter zu vermehren.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

BUCHHOLZ.

Abwärts und ganz nachbarlich an diesen Neubauten und wo die Sehma mehrere Einsprünge macht, hat sich der Emilienberg mit seinen Anlagen und Lusthäuschen bequemlich hingelagert, um die Aufmerksamkeit des gegenüber liegenden Waldschlößchens auf sich zu ziehen. Ob es ihm gelingen wird, – steht dahin: denn Schloß und Schlößchen sind ritterliche Benennungen.

Oberhalb Buchholz tritt uns ein weit geöffneteres Thal mit seiner Lieblichkeit entgegen. Es schließt die Karchische Spinnerei und die Cunersdorfer Gemeindemühle in seinen Schooß, und rechts steigt ein mit dürftigem Nadelholz bewachsener hoher Felsenkamm empor, der nach Buchholz hin steil abgebrochen ist und dicke Schaalen von Gneus zurückgelassen hat, auf deren Kanten Spatzierwege zu Lusthäusern, Einsiedeleien und Ruhebänken führen, von welchen herab man unmittelbar an das Ende aller Lebensherrlichkeiten erinnert wird: das ist der Todtenacker! Zwischen Gräbern kauert ein verbrettertes beschindeltes und in der Ausführung völlig verpfuschtes Gebäude, wie ein präadamitisches fossiles Thier; um dasselbe herum stehen eine Menge geisterartige, weißgetünchte Leichensteine, die, wie die Todten im Sterbekleid, in der Dämmerung einen Versuch zur Auferstehung zu machen scheinen. Die ganze Friedhofsparthie verleidet den Genuß des herrlichen Thales und man kann zu dem gesunden Sinn und Zeitgeschmack der Parochianen wohl die Hoffnung hegen, daß sie dieser Gespenster-Gesellschaft entgegentreten und dafür sorgen werden, daß die Ueberlebenden gerne die Ruheplätze ihrer abgeschiedenen Lieben besuchen und Blumen auf ihre Gräber streuen.