Krandorf,

welches Bermsgrün im Gegentrume liegt und 112 Güter und Häuser mit 979 Einwohnern zählt, läßt sich eben so viel Eigenthümliches und Rühmliches melden, wie von diesem, wenn auch schon in anderen Farben. Der Anbau dieses Dorfs wird mit der Zeit, zu welcher Bermsgrün entstand, ziemlich zusammenfallen. Bei diesem gab das Hammerwerk Erla und bei jenem der Eisensteinbergbau am Rothenberg die nächste Veranlassung. Und deshalb besteht Krandorfs Einwohnerzahl zum größern Theil aus Bergleuten, wie ihre Vorfahren auf Jahrhunderte zurück. Wer die vaterländische Bergwerksverfassung kennt und weiß, daß Fleiß und Gehorsam, Zucht und Ordnung die wesentlichsten Tugenden des Bergmanns sein müssen, wenn er zu diesem gefährlichen Beruf gewählt, beibehalten und gefördert werden soll – der wird sich die zuvorkommende Freundlichkeit der Einwohner, den Sinn für Schicklichkeit im häuslichen Verkehr und die ameisenartige Thätigkeit, nach vollbrachter Schicht, in diesem freundlichen Dorfe erklären können. Hier spaltet Einer Holz für den künftigen Winter und kästelt es unter die breitästigen Bäume auf, die der Urgroßvater vor das Häuschen pflanzte; dort bessert ein Anderer am Zaun des Gärtchens oder ist sonst thätig für sein kleines Besitzthum. Ueberall vor den Häusern findet man aufgehängtes Grubenzeug, blutroth von Eisenstein gefärbt; und Tag für Tag badet sich der Bergmann, wenn er von der Grube kommt, weil Alles im Hause reinlich sein muß, wo die weißesten Spitzen geklöppelt werden.

Die überall erwachte Genußsucht und der Kleiderluxus haben hier noch nicht Wurzel gefaßt. Der Kittel ist des Bergmanns Ehrenkleid, er tritt damit vor den Altar des Herrn und vor seine Vorgesetzten. Sein Aufwand und der Unterhalt des Hauswesens bleibt dem schmalen Lohne stets angemessen, den er als Bergmann erhält; deshalb aber haben die Einwohner wenig Processe unter sich und verhältnißmäßig wenig Arme.

Da unsere Tour von Erla aus nicht über Krandorf, sondern im Schwarzwasserthal hinauf zu nehmen ist, so wenden wir uns bei der Kirche erstern Orts um, setzen uns aber einige Augenblicke auf die Bank vor dem Pfarrhause und sehen in das herrliche Thal hinab, welches nach Norden hin von Schwarzenberg verschlossen wird. Von hier aus sieht das Städtchen groß und fast einer Mittelstadt ähnlich. Seine Schiefer-, Ziegel- und Schindeldächer und der mancherlei farbige Abputz der dicht zusammengedrängten Gebäude gewähren fast den Anblick, wie eine geöffnete Königsseer Schachtel mit ihrem bunten Tectur-, Siegel- und Gläserwerk.

Das Schwarzwasserthal.

Oberhalb der zu Erlahammer gehörigen Maschinenbauwerkstatt lehnt sich an eine Felsengruppe ein fast in italienischem Styl erbautes Häuschen, umgeben mit einem freundlichen Gärtchen und wird von dem Engländer Payne und seiner Familie bewohnt. Hier ist die letzte Parthie der lieblichen Landschaft von Schwarzenberg aus in der Richtung nach dem 4 kleine Wegstunden aufwärts gelegenen Johanngeorgenstadt. Bis dahin nimmt Alles eine wildromantische Physiognomie an.

Zu beiden Seiten des Thales senken sich waldige Bergwände steil hernieder und baden ihre Füße in den Wellen des Schwarzwassers, die, das ganze Thal entlang, über Geschiebe und Felsentrümmer, lärmend dahin eilen. Die neuere Zeit hat die kleinern und größern Streifen an beiden Ufern in Wiesen umgewandelt und dadurch, so wie wegen der vor 10 Jahren angelegten Chaussee, welche bis an die böhmische Grenze keine Berge übersteigt, dem Thal eine besondere Freundlichkeit und Frequenz verliehen. Noch vor 60 Jahren konnten kaum Fußgänger dasselbe passiren. Der hintere Rothenberg, Magnetenberg und Wolfgarten einer-, so wie die zerrissenen vordern und hintern Hirschsteine andererseits, stehen sich eine Stunde Wegs mit ihren Gneus- und Glimmerschiefermassen bis zur königlichen Antonshütte einander gegenüber. Diese wurde vor 14 Jahren vom Finanzministerium in der Absicht gebaut, um die geringhaltigen Erze der obergebirgischen Reviere, welche wegen der Transportkosten nicht nach Freiberg abgeliefert werden konnten und deshalb auf den Gruben und Halden nutzlos liegen blieben, zu Gute zu machen und dem Bergbau selbst eine größere Lebendigkeit zu verleihen. Gegenwärtig steht ein Ofen und 3 Amalgamirfässer im Umtriebe und wird dadurch jährlich 3000 Mark Silber zur Münze, so wie 40 Ctr. Kupfer und 25 Ctr. Nickelspeise abgeliefert. Die Anlage der Hüttengebäude in architektonischer Beziehung ist für das Auge eben so anziehend, als das riesenhafte gußeiserne Cylindergebläse, und Jedermann wird von den Hüttenbeamten zuvorkommend aufgenommen und herumgeführt, wer solches wünscht.

Ganz in der Nähe haben sich seit der Anlage dieses Werks noch einige Hüttenleute durch Erbauung kleiner Häuser angesiedelt und somit diesem sonst so vergessenen Winkel des Thales ein munteres Ansehen gegeben, wovon in der bessern Jahreszeit viele Spaziergänger zu profitiren suchen.

Hier mündet der Halsbach, nachdem sein Gewässer die Gruben: Unverhofft Glück, Ritter St. Georg, weißen Adler, fünf Brüder und Pluto, welche auf Grünsteinlagern bauen und silberhaltige Bleigänze gewinnen, begrüßt und ein Pochwerk nebst Wäsche getrieben, welche ihn milchartig gefärbt haben, in das Schwarzwasser aus. Das ganze Hüttenetablissement ist ein Werk des für den vaterländischen Bergbau viel zu früh verstorbenen Oberberghauptmanns Freiherrn von Herder.

Der Magnetenberg hebt sich hinter der Antonshütte steil empor und wird 70 Ellen hoch von dem Wassercanal umgürtet, der dem Poch- und Wäschwerke, so wie der Schmelzhütte hinlängliches Wasser zuführt, wenn der Halsbach im Sommer zu schwach wird. Gegen Süden schiebt er ein Knie weit in das Thal hinein, auf welchem kanzelartig der »Prinz-Friedrich-Stein« ruht. Für diesen geliebten Prinzen und nunmehr den verehrten König Friedrich August spricht, schreibt, malt, zeichnet, meißelt und baut der Erzgebirger so gerne, um sich ein Andenken auf der Scholle Land oder auf dem Felsenstücke zu bewahren, den sein Fuß betrat, wenn er die Provinz besuchte. Eine Tafel von Granit, gehalten von eisernen Platten und umgeben mit einer Barriere und Bänken, nimmt zwar nur einen kleinen Raum in Anspruch, er gewährt aber eine eben so eigenthümliche als überraschende Aussicht. Dicker jugendlicher Wald, über ihn hinausragende greise Tannen, und das anmuthige Grün der nachbarlichen Buchen – sind die Colonnaden, auf welchen der Himmel ruht. Tief im Thale knarren die Räder der Eisen- und Erzwagen – sie übertönen die liebliche Sprache der Vögel und beinahe das Rauschen der Wellen, die der Fellbach dem Schwarzwasser in die Arme wirft.