Das Klima in der Niederung von Schwarzenberg ist sehr mild, weil es gegen Osten und Norden durch ein hohes Gebirgsjoch gegen rauhe Winde geschützt ist; man erntet in den Thalungen mit den Chemnitzern ziemlich gleichzeitig, obschon das Schwarzwasser mit Freiberg in einem Niveau liegt. Die Bäche und Flüsse sind mit üppigen Laubhölzern eingefaßt, die Gärten mit Obstbäumen angefüllt, und in günstigen Jahren werden sogar in einigen Gärten hübsche Weintrauben gezogen.
Das Kreis-, Forst-, Rent- und Floßamt hat in das Städtchen von jeher Lebendigkeit und Nahrung gebracht und dasselbe dadurch zu einer gewissen Art von Wohlhabenheit erhoben, wie man sich diese nämlich im Obergebirge zu denken hat; die Einwohnerschaft mußte natürlich auch, unter so günstigen Verhältnissen, an Vielseitigkeit und Gesittung gewinnen, wodurch sich der Fremde um so mehr angezogen fühlt, als ihm freundliche Natürlichkeit mit geselligem Wohlwollen entgegenkommt. Allein das übermäßige Zusammendrängen von Handwerkern allerlei Art, als: 32 Schneidern, 21 Schuhmachern, 12 Fleischern, 12 Bäckern, 8 Tischlern u. s. w., denen 4 Jahrmärkte noch obendrein viel Abbruch thun, scheidet eine Verarmung aus, die nebst einigen anderen zufälligen Calamitäten der Ortsarmencasse jährlich weit über 200 Thlr. kostet.
Unter den Obergebirgern gewinnt die gekerbelte, geglättete und vatermörderliche Vornehmthuerei nur langsam Boden, worauf sie wuchern kann, und wer sie einheimisch zu machen wähnt, stößt immer von sich ab und fällt zuletzt den Sonderlingen anheim. Deshalb halten sich Jahr für Jahr eine Menge Fremde aus allen Ständen, wenn sie zu besserer Jahreszeit das Obergebirge in Geschäften oder zum Vergnügen bereisen, länger in Schwarzenberg[2] auf, als vielleicht in ihrem Reiseplan lag; machen wohl auch sogenannte Abstecher nach allen Richtungen hin und kehren am Abend zurück. Wenn daher ein Freund der Natur und der eigenthümlichen Gewerblichkeit des Obergebirges das Bonitz'sche Walzendrahtwerk[3], die beiden Zainhammer, den fiscalischen Holzanger, welchen die Floßbeamten in einen hübschen Park umgewandelt, in dem Städtchen und in der Nachbarschaft desselben beaugenscheinigt haben, so wird derselbe zunächst
den Fürstenberg,
der nur eine Stunde weit gegen Morgen entfernt liegt, besuchen, welcher für die vaterländische Geschichte classisch und in der neuern Zeit durch Errichtung eines Denkmals und eines bewohnbaren Köhlerhauses interessant geworden ist. Der so oft beschriebene, besungene und selbst für die Bühne bearbeitete sächsische Prinzenraub ist so allgemein bekannt, daß keine Lücke für den Zweck dieser Schrift entstehen kann, wenn sie über das Geschichtliche desselben schweigt.
Der Fürstenberg, vor dem Prinzenraube der Schmiedewald genannt, gehört gegenwärtig nur mit einem eben nicht breiten Streife dem Staate, und wird obenhin von den sogenannten Zwanzigern und nach unten von den Begüterten zu Raschau besessen, so daß nur das Denkmal und das Köhlerhäuschen auf fiscalischem Eigenthume stehen. Der Bergabhang ist ziemlich kahl, da die Zwanziger ebenfalls in dem verkehren Wahne stehen, die Hölzer lieber abzutreiben oder auf dem Stocke zu verkaufen, als sie mit Nachhalt zu benutzen und den Nachkommen ein nützliches Andenken zu hinterlassen. Dagegen ist der fiscalische Boden im Laufe des vorigen Jahres in Cultur genommen und von dem fleißigen Förster Müller in Grünhayn mit einer Pflanzung versehen worden, daß man zu seiner Zeit eine dicke Waldung erwarten kann, welche das Denkmal unsers Regentenhauses mit ihrem Rautengrün beschattet und in ein gemüthliches Dunkel hüllt. Dabei ist aber vorauszusetzen, daß das Köhlerhäuschen nicht zu einer gemeinen Kneipe herabsinkt, von wo aus Beschädigungen und Frevel zu fürchten und nicht immer abzuwenden sind.
Dieser mittägige Abhang des Fürstenbergs, welcher auch wegen seines schneeweißen Marmors, der dem von Carrara in Italien ganz ähnlich ist, so wie wegen anderer interessanten Fossilien der dortigen Einlagerungen in Glimmerschiefer die Aufmerksamkeit der Mineralogen anregt, gewährt eine eigenthümliche Ansicht, die den Beobachter um so mehr anspricht, als sie überraschend auftritt. Es ist der sogenannte Graul, eine topographische Benennung eines zum Bergamt Schneeberg gehörigen Bergreviers, auf welchem sich eine kleine Bergwerkswelt mit ihren braunen und weißen Halden, Hütten und Kauen ausbreitet hat und durch das Anschlagen der Glocken des Kunstgestänges in abgemessenen Pausen, so wie durch den aufsteigenden Dampf der Röst- und Arseniköfen, die Aufmerksamkeit gar sehr in Anspruch nimmt. Silber und Kobald, Vitriol-, Schwefel- und Arsenikkiese gewinnt und fördert der Bergmann zu Tage, wo sie verarbeitet und verwerthet werden zu mancherlei Zweck. Silber und Arsenik, diese nahen – aber friedlichen – Nachbarn unter der Erde, feinden sich gar oft gegen einander an, wenn sie in der Hand der Menschen dem Eigennutz anheim fallen. Die Grube »Gottesgeschick« allein hat seit ihrer Veredlung – und das ist wohl kaum 70 Jahre – nahe an 300,000 Thlr. Silber geschüttet und baut gegenwärtig noch in sehr höflichem Feld.
Unweit dieses Bergwerksetablissements steht noch ein obdachloses, zerklüftetes Mauerwerk in einer Wiese, welches unter dem Namen »Dossels-« oder »Dusselskirche« bekannt ist. Das vielleicht 12 Ellen hohe schiffartige Mauerwerk läßt es nicht zweifelhaft, daß es eine Kirche werden sollte. Es ist auch die Sage in der Nachbarschaft, daß ein reicher Hammermeister, Klinger, um wegen eines Mordes an dem Bergmeister Gotterer in Elterlein Ablaß zu erlangen, den Bau angefangen, aber, bald in Abfall der Nahrung gekommen, denselben nur langsam habe betreiben können; zuletzt aber sei der Bau wegen der lutherischen Reformation und weil die klösterlichen Beihilfen weggefallen, ganz zum Erliegen gekommen. Der Oswaldsbach[4], welcher in dem Torfboden der Mooshaide zwischen Grünhayn und Zwönitz seinen Anfang nimmt, sich mit dem Gewässer des erstgenannten Städtchens verstärkt, von da seinen Weg nach Südost durch einen üppigen Wiesengrund verfolgt und sich in eine waldige tiefe Felsenpartie, wo er seinen Lauf nach Süden einschlägt, sodann das halb in die Schlucht eingeklemmte Dörfchen Waschleute (unrichtig: Waschleithe) durcheilt, bewässert mit seinem Forellenwasser das Thal und erreicht die Dusselskirche, von wo aus er den Fuß des Fürstenberges berührt, eine Partie Wasser für die Künste bei Gottesgeschick abgiebt, den Ueberschuß aber der Pöhla bei Wildenau zuführt. In der Mundart des Volks heißt dieser Bach der Osselsbach, auch Dusselsbach, daher auch die Kirche am Dusselsbach – Dussels- oder Duselskirche heißt.
In dem genannten Dörfchen Waschleute hatten sich zu der frommen Klosterzeit in Grünhayn Leute angesiedelt, die das Waschen und Scheuern im Kloster versahen; man hatte sich nicht die Mühe genommen, ihrem Ansiedelungsplatze einen Namen zu geben, denn waren sie nöthig, so wußte Jedermann, wo die Waschleute zu suchen waren. Das Gerichtssiegel des jetzt ansehnlichen und hübschen Dörfchens führt ein Waschfaß, an welchem zwei weibliche Personen mit Wäsche beschäftigt sind.
Man geht denselben Weg, der für eine Excursion gewählt worden war, nicht gern wieder zur Heimkehr. Und so möge denn auch hier vom Fürstenberg aus die Tour von Gottesgeschick durch den Raschauer Gemeindewald über den Wildenauer Berg genommen, und sich von dessen Höhe an der herrlichen Landschaft, die von Osten aus wiederum Schwarzenberg in der Mitte hat, ergötzt werden. Die Sonne sinkt hinter den Burckhardtswald und hält sich das goldkantige Schweißtuch, aus Wolken gewoben, vor ihr blutrothes Gesicht; die Morgenleithe, ein hochansteigendes Glimmerschiefergebirge in Südwest, eingehüllt in ein mächtiges Nachtgewand von Fichtengrün, läßt allmählig ihre Sänger schweigen und überschaut still die rauchenden Schornsteine in den Thälern. Der Wanderer gelangt nach Wildenau, wo der Dichter Ziehnert den Stoff zu seiner Nixenmythe auffand, und dann wieder in das freundliche Rathhaus nach Schwarzenberg, wo ihm das Feuer auf dem Heerde nicht vergeblich knistert.