Die geschmacklosen Formen der in den zwei oder drei Gäßchen ungeregelt hingesetzten Häuser erinnern an das Mittelalter; sie umkauern das Rathhaus mit seinem verkreuzten Giebelholzwerk und Thürmlein, woran das Zifferblatt todtenbleich nach dem Gottesacker schaut. Die neuere Zeit hat vor den hölzernen Sitz des Stadtgerichts einen Tanzsaal geschoben, der mit seinem Orchester die Thüre zur Rechtspflege versteckt, die sich freilich auch nur mit einem Läppchen von Gerechtsamen (Nachlaßregulirungen) abgeben durfte, jetzt aber dem Kreisamte Schwarzenberg dingpflichtig ist. Das kleine Bürgerthum erspart dafür einen Stadtrath zu besolden.
Die neuere Zeit hat die Industrie auch in dieses freundliche Muldenthal geführt und sie für Fabriken und Bleichen die bequemere Wasserkraft aufsuchen lassen. Die Holberg'sche Bleich- und Appreturanstalt ist großartig und streckt einen acht Etagen hohen Trocknenthurm weit über das beschindelte Städtchen empor, um dieses seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen; um und neben diesem Riesen breiten sich Gärten aus mit sorgsam gepflegten Blumen des In- und Auslandes; Früchte aller Art für die Küche und unmittelbar für den Gaumen, werden in Menge gezogen und regen Lüsternheit selbst für die einfache Gewohnheit des Hauswesens im Orte an. Diese Bleichanstalt, so wie die Laukner'sche Spinnerei, verbunden mit der Geitner'schen Argentanfabrik und der Actienweberei mit 400 Stühlen zu Auerhammer, haben das Städtchen lebendiger gemacht, die Nahrung gesteigert und selbst angefangen, den Geschmack im Aeußerlichen zu heben. Einige hübsche Häuser sind entstanden und anderen hat man eine Saloppe durch Abputz umgeworfen, welche sich, des Dinges ungewohnt, die alte Herkömmlichkeit doch nicht völlig abstreifen lassen. Ob die Einwohner zu Aue und ihre Nachkommen in einem völlig neu und im Sinne der Gegenwart erbauten Städtchen ihre tadellose Gesittung, Fleiß und Genügsamkeit eben so fortpflanzen und von Geschlecht zu Geschlecht vererben werden, als ihre alten Häuschen Zeugniß geben, kann nur von einer fernern Zukunft referirt werden.
Eine Seltenheit muß der Fremde nicht vergessen in Augenschein zu nehmen. Es ist die sogenannte Tausendgüldenstube im Fischer'schen Gasthofe eine Treppe hoch. Die Wände, Decke und Fensterbrüstungen nämlich sind mit einem merkwürdigen Schnitzwerk getäfelt; Blumen, Vasen, Engelköpfe bekleiden alle Flächen des Zimmers und bestehen aus weichem Holz ohne allen farbigen Anstrich. Die Arbeit gehört einer alten Zeit an, die nicht genau zu bestimmen ist, und ein Nürnberger soll sie um 1000 Gülden geliefert haben, was Veranlassung zu dem Namen gab.
Die beiden großen steinernen Brücken über die Mulde und das Schwarzwasser, welche zu beiden Seiten hohe Brustmauern haben, waren früher mit hölzernen Geländern versehen. Dies ist an sich, eben so wie die Bauart der Brücken selbst, nicht der Rede werth; allein diese Brückengeländer führt das Städtchen in seinem Rathssiegel, was so leicht der Heraldiker nicht errathen würde.
Es ist allerdings der Mühe werth, wenn wir uns in dem lieblichen Thale noch ein wenig umsehen und namentlich das mittägige Gehänge betrachten, welches von Lößnitz her zwischen dem Au- und Rumpelsbach liegt und von einem hohen Berge, der Hirnschädel genannt, herab in das Schwarzwasser- und Muldenthal schweift. Das Dörfchen Zelle bildet einen niedlichen Saum dicht an den benannten Flüssen und endet mit dem Pfannenstieler Blaufarbenwerk oben und mit dem Rittergut Klösterlein unten, so daß das langgestreckte Dörfchen wie eine Guirlande zwischen beiden schwebt.
Bei der freundlichen Familie des Herrn Factor Beck in dem Blaufarbenwerke findet jeder anständige Fremde liebevolle Aufnahme und in ihr den Führer zu all' den Naturannehmlichkeiten, die sich so anziehend um das Werk zusammengefunden haben. Insonderheit ladet der kleine Park ein, der sich um den Ellenbogen eines hohen Berges, der nach Pfannenstiel hin sich steil erhebt, herumzieht. Ein Nadel- und Laubgrün macht die Partie schattig und heimlich, und das Schwarzwasser läuft dort wieder zurück, um die Herrlichkeiten noch einmal in seinem Spiegel aufzunehmen.
Der Rumpelsbach kommt aus einem engen waldigen Thal, dem Bärengrund, hervor und tändelt mit allerhand Blumen durch üppige Wiesen herunter, wo ihn der größere Fluß aufnimmt, dessen Ufer Erlen- und Weidengebüsch thalabwärts begrenzt.
Unterhalb dem Rittergute Klösterlein ruht einsam träumerisch und von allen Wohnlichkeiten entfernt, wenn man etwa den dortigen Eisenhammer nicht veranschlagen will, inmitten einer Wiese, die Klosteraue genannt, die Kirche wie ein verschlafener Hirt, dem die anvertraute Heerde entwichen ist. In der Nachbarschaft dieser Kirche zu unserer lieben Frauen war ehedem ein Kloster, welches Markgraf Otto gestiftet und das St. Georgenkloster zu Naumburg reichlich dotirt hatte. Gegenwärtig ist sie das Filial von Schlema.