Von dem Städtchen Aue nach Mittag hin wandelt man durch ein kurzes, von hohen Bergen umringtes fruchtbares Thal, mit Wiesen und Feldern überdeckt, durch welche in sanften Krümmungen die Mulde ihre Wellen, zur Arbeit für allerhand Räderwerk, rastlos dahintreibt. Am obern Ende dieser Drutenau lag ehedem ein Eisenhüttenwerk – Auerhammer – welches in der neuern Zeit der Dr. Geitner'schen Argentanfabrik (Neusilber) Platz gemacht und dadurch der kleinen Einwohnerschaft, die das Hammerwerk im Stiche und folglich in Elend ließ, wenigstens Arbeitsgelegenheit gegeben hat. Der als erprobter Pomolog und Botaniker bekannte Eigenthümer ließ sich angelegen sein, die Schlackenhaufen, Hüttenstätte, Holz- und Kohlenräume in Obst- und Blumengärten umzuwandeln; die vom Alter zusammengesunkenen Häuser wieder aufzurichten und mit einem gefälligen Anstrich zu versehen, damit sie sich vor den fremden Blumenfreunden, wenn diese sich zu dem Gartenvereine einfinden, nicht zu schämen brauchen. Alles dies gab vielfache und lang anhaltende Arbeit, wodurch sich Mancher sein Brot erwerben konnte. Ein grasreicher Wiesengrund zieht sich gegen Abend hinauf nach dem Brünlasberg; ihn durchwässert theils die Zschorla[6], theils der Floßgraben, welcher 3 Stunden Wegs in mancherlei Krümmungen, an steilen Berggehängen, sein Wasser den Mühlen-, Berg- und Hüttenwerken in Schlema bei Schneeberg zuführt[7].
Noch lebendiger und großartiger ist das hübsche Thal durch die Anlegung der Maschinenweberei von einer Actiengesellschaft geworden, in der zeither 400 Stühle webten, die aber bald in ein beklagenswerthes Siechthum zu verfallen schien, wenn sie nicht käuflich in die Hand des Fabricanten Clauß in Chemnitz gekommen wäre.
Da in diesem sehenswerthen Etablissement keine Geheimnißkrämerei und keine Zunöthigung nach Trinkgeldern herrscht, sondern nur eine höfliche Veranlassung vorliegt, für etwanige Kranke oder Beschädigte eine Kleinigkeit in die Büchse fallen zu lassen, so sollte kein Fremder die Gelegenheit unbenutzt lassen, diese Maschinenweberei mit ihren Vorarbeiten anzusehen, weil jede Beschreibung die deutliche Vorstellung davon ausschließt. Diese 400 Stühle, welche von mehrern hundert jungen Leuten bedient werden, können in einem Jahre 40,000 Stück Shirdings, à 64 Ellen, liefern.
Bockau[8].
Gleich hinter dem Webemaschinengebäude zu Auerhammer braus't die Mulde aus einem engen waldigen Felsenthal hervor, in welchem zunächst das sogenannte Teufelswehr eingebaut ist, welches die Aufschlagewasser auf nur gedachte Maschine führt. Ufer und Bette des Flusses bestehen aus sehr festem Granit von mittlerem Korne und oft fingerlangem milchweißen Feldspath. Es mag mehr dazu gehört haben, als die Gewalt der Fluthen, diese Massen zu durchbrechen und das Haufwerk davon hinaus auf die Aue zu schieben, wo solches den Auer Steinmetzen zur Beute verfällt. Mühsam klettert man am rechten Ufer hinauf und stößt bald in der Nähe der Habichtsleithe wieder auf Glimmer- und Thonschiefer, welcher viele Hornblende aufnimmt und ihm den Namen »Fruchtschiefer« verleiht. Nach kaum einer Stunde Wegs lärmt ein Bach nach dem rechten Ufer der Mulde durch ein tief eingeschnittenes Seitenthal herab, um sich mit diesem Flusse zu vereinigen. Dieses Seitenthal hat rechts einen hohen klippigen Kamm, der theilweise seine ziemlich horizontalen Glimmerschieferplatten hinausschiebt, daß sie mit Erde bedeckt und Feldfrüchte darauf erbettelt werden können. Die übrige Räumlichkeit des Thales liefert um so reichlicher das üppigste Wiesenfutter, je bequemer dieselbe von diesem Gewässer genährt werden kann.
Bockau liegt nicht sonderlich romantisch; der tiefe Thaleinschnitt hebt sich bald heraus und flacht sich in eine lange Mulde aus, welche eine Menge Güter und Häuser aufnimmt und mit der Kirche und der Zeche St. Johannis den übrigen Raum begrenzt hat. Eine Anzahl Häuser im Orte leiten durch ihre Anlage, Größe und ihren architektonischen Geschmack auf eine Zeit zurück, zu welcher viel Nahrung und Wohlhabenheit stattgefunden, die aber gegenwärtig die Lebensfrische verloren hat und der Verkümmerung noch mehr in die dürren Arme zu fallen droht.
Wer hat nicht von den Medicinallaboranten, Olitätenhändlern, Zeeh'schen Pillen, Schneeberger Schnupftabak u. s. w. gehört und von letzterem wohl auch genies't? Bockau mit 1700 Einwohnern ist der bedeutendste Ort im Obererzgebirge, wo officinelle Kräuter gebaut, in Wäldern von Kindern aufgesucht und für den Verkauf gesammelt werden, dann aber als Heilmittel für mancherlei Krankheiten und Verletzungen zugerichtet, auf Märkten und Messen verkauft und durch sogenannte Olitätenhändler, meist Leute im Berghabit und im Dorfe Sosa wohnhaft, in ferne Länder vertrieben werden. Die vaterländische Geschichte hat vom Beginne dieses Medicinalverkehrs und von seiner Verbreitung keine zuverlässigen Nachrichten aufbewahrt, und man glaubt, daß gleichzeitige Ansiedler aus Böhmen, welche Johanngeorgenstadt entstehen ließen, den Kräuterbau eingeführt und deren Nachkommen denselben erweitert haben. Ueberall auf den Fluren findet man Angelica (Angelica archangelica), Baldrian (Valeriana officinalis), Rhabarber (Rheum undulatum) und dergleichen Kräuter- und Wurzelwerk angepflanzt und gepflegt.
Die Angelica hat einen sehr durchdringenden, stechenden Geruch, legt sich in die Kleider und verräth die Heimath der Bockauer auch dann noch, wenn sie viele Meilen weit gereist sind.
Die Traugott Heinrich Friedrich'sche Handlung ist im Orte die vorzüglichste, und da jeder anständige Fremde in derselben die wohlwollendste und uneigennützigste Aufnahme findet, so wollen auch wir davon Gebrauch machen, um aus dem Munde und den Rechnungsbüchern des Handelsherrn die Eigenthümlichkeit der Nahrungsverhältnisse im Orte zu vernehmen. Wir hören, daß in Bockau jährlich