Rings um die Stadt breitet sich Ackerland aus, was durchschnittlich gut gepflegt und bearbeitet wird, deshalb aber seine Seegnungen nicht schuldig bleibt, wenn Abnormitäten der Witterung nicht dazwischen treten. Auch giebt es daselbst eine musterhafte Viehzucht, die hauptsächlich durch eine Kunstwässerung großer Wiesenflächen außerordentlich begünstiget wird. In Gebirgsgegenden, wo man über Wasser disponiren kann und nur so viel weiß, daß die Bäche nicht bergan laufen, ist es eine sehr leichte Arbeit, Wässerungen anzulegen. Allein von dem Gefälle des Wassers die möglichste Höhe der Leitung nach den Formen des Grundstücks herauszufinden, ohne einem Gleichberechtigten zu nahe zu treten, und das Wasser selbst gleichmäßig in rieselndem Zustand auf die mannigfaltigst gestaltete Oberfläche zu vertheilen, dazu gehört ein genaues Nivellement, aber auch ein Uebereinkommen mit den Nachbarn, welches in Eibenstock durch wechselseitige Recesse erreicht wird, nach welchen der Wechsel der Wässerung und die Dauer derselben bestimmt wird. Der sogenannte Dorfbach und der Grüner Graben, welcher in Wildenthal an der großen Bockau gefaßt ist und in frühern Zeiten für bergmännische Zwecke nach Eibenstock geleitet wurde, deshalb aber auch noch gegenwärtig dem Bergamte Johanngeorgenstadt zur Disposition geblieben ist, geben das Wasser für die gesammte Wiesenwässerung, durch welche eine Quantität an Heu und Grummt von circa 18–20,000 Zentner jährlich erzielet und der Viehzucht ringsumher außerordentlicher Vorschub geleistet wird.

Erst im Jahre 1579 wurde die Straße von hier über Schönheide nach Auerbach in der Nähe des Krünitzberges, welcher in Westen mit seiner Waldung 2300 Fuß Meereshöhe aufsteigt, durchbrochen, während Eibenstock in seinem Bacher- und Rehmerviertel wegen seiner Häuserverkästelung nicht ohne Schwierigkeit kaum ordinäres Fuhrwerk durchließ. Deshalb ist auch seit etwa zwei Jahren eine Chaussee durch das Bacherviertel und den Gottesacker mit vielem Aufwand und Widerspruch angelegt, dadurch aber einer Menschen- und Viehqual größtentheils abgeholfen worden.

Von dem Gipfel des Krünitzberges aus übersieht man noch einmal das dicht zusammengedrängte Budenwerk Eibenstocks mit seinen drei langen Zipfeln, aus dem die Gebäude der Neuzeit hervorragen und gefallsüchtig ihre Ueberlegenheit den zwergartigen Häuserlein umher kund thun. Gegen Mittag dehnt sich eine hohe Bergwand, die Heckleithe und Wintergrün genannt, nach dem Ellbogen und Zeisiggesang hinauf, allenthalben mit dem dunkeln Grün von Fichtenwald überdeckt. Dieser giebt der Landschaft ein ernstes und finsteres Ansehen, was den Flachländern Gelegenheit zu dem Prädicate »Sächsisches Sibirien« gegeben hat. Wie oft mag diesem Titel in der freundlichen Auberge bei Meischnern zu Eibenstock widersprochen worden sein! Wir verlassen den geselligen und anziehenden Verkehr des Städtchens und wandern nach dem etwa eine Stunde entfernten Schönheide, wo wir zunächst auf der Hälfte des Weges

den Rockenstein

erreichen. Schüchtern, wie das böse Gewissen, schaut durch mit Bartflechten behangene Fichten in die Tiefe hernieder ein Granitklumpen mit einem dergleichen Kegel, den er auf seinen Achseln trägt, und droht diesen auf den Wanderer herabzuschleudern. Die Mythe sagt, daß einst ein tugendhaftes Mädchen mit ihrem Spinnrocken dem zudringlichen Gelüst eines rohen Jünglings entflohen und Sicherheit auf diesem in Wald gehüllten Granitknoten gesucht, hier aber von ihrem Verfolger entdeckt und von dem Felsen hinabgestürzt worden, indem nur der Rocken zurückgeblieben sei.

N. d. Nat. v. F. König.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

DER ROCKENSTEIN

Ein jäher Rand läuft vom Rockenstein tief hinab in ein enges felsiges Thal, wohin ohne Gebrauch der Hände nicht füglich zu gelangen ist. Die Mulde polirt allenthalben Granitbrocken für Straßenpflaster, ohne Abnahme zu finden. Am linken Ufer derselben thürmen sich amphitheatralisch riesenhafte Gestalten von Granitkegeln auf und erinnern an Liebethal in der sächsischen Schweiz. Bald reihen sie sich wie Zähne zusammen, bald lassen sie Zwischenräume und locken zu der Vorstellung hin, daß die ganze Parthie ein Bruchstück von der Kinnlade des fabelhaften Drachen sein möge. Der grünsammten Wiesenstreif, welcher diesem wunderlichen Felsenkabinet zur Einfassung dient, das Herumklettern dürftiger Nadelhölzer an den Seitenflächen und das muntere Waldgeflügel, welches in den Rissen und Spalten sein Eldorado für seine Nachkommenschaft gefunden hat, machen aus dieser Einsamkeit ein liebliches Bild, über welches nur ein dünner Schleier von Schauerlichkeit gewoben ist.