Von dem Hammerwerk
Schönheide,
welches sich wie eine freundliche Villa an einem gegen Morgen gelegenen Bergabhange sonnet und wegen seiner Eisengießerei einen Namen erworben hat, ist kaum eine halbe Stunde Wegs nach dem großen, bevölkerten Dorfe gleichen Namens[8]. In frühern Zeiten besaßen die Edlen von Planitz Schönheide, Stützengrün und Neustädtel bei Schneeberg, welche Gegenden mit ungeheuren Waldungen bedeckt waren. Diese Ortschaften mit ihrem Areal erkaufte daher am 23. December 1563 Churfürst August für 28,300 Mfl., um dem blühenden Bergbau einen nachhaltigen Vorschub zu leisten. Aus einer tiefen Schlucht, die Ziegenleithe geheißen, steigt gegen Mittag ein muldiges Thal empor, welches von mehr als 6500 Menschen bewohnt wird, deren Gewerbsarten im Handel mit Petinetwaaren, Spitzen-, Eisen-, Flaschner-, Klempner- und Bürstenbinderwaaren bestehen, womit im erstern das Ausland und die Messen bezogen, letztere hingegen auf Jahrmärkten und Hausirhandel verstrichen werden. Die Namen Gehrischer, Oschatz, Leistner, Unger und einige andere haben in Ansehung der Umfänglichkeit ihres Handelsgeschäftes im In- und Ausland einen guten Klang von der Vorzeit auf die Gegenwart übergeführt. Selbst die Menge von großen Wohngebäuden, wenn sie auch der Form nach des architektonischen Geschmacks der Neuzeit entbehren, zeugen von der frühzeitigen Wohlhabenheit ihrer Besitzer. Der Glanz der Morgensonne spiegelt sich in dem Fensterreichthum, welchen die Giebelseiten der Häuser ihr entgegenhalten, welche Erscheinung wohlgeeignet ist, den Fremden glauben zu machen, daß es ein umfängliches Schadenfeuer sein dürfte, da Schönheide aus meilenlanger Ferne gesehen werden kann.
Der obere Theil des Ortes trägt einige enge und tiefe Einschnitte in dem Granite, welche wasserleer mit kleinen Häusern bebauet sind und Winkel genannt werden. Daher Fuchs-, Ascher- und Markerswinkel. Ein langer kräftiger Menschenschlag, worunter Mädchen und Frauen ein wohlgenährtes Ansehen haben, hübsch geformte Gesichterchen tragen und beiderlei Geschlechter in ihrer Sprachweise die Nachbarschaft des Voigtlandes verrathen, bewohnt dies interessante, großartige Dorf, dessen Häuser sich gefallsüchtig an dem sanftern Gelände zu beiden Seiten hinaufgelagert, in der Thalung aber sich in dicke Massen zusammengeschoben haben. Am obern Ende des Ortes überschaut das Auge eine Meilen lange und breite Fichtenwaldung gegen Südost; eine Reihe Granitberge von untergeordneter Höhe tragen dieselbe auf ihren Schultern, sie bildet einen See mit dunkelgrünem Wasser, dessen Wellen erstarret sind. In den Thälern und Schluchten gedachter Waldungen sind Eisenhüttenwerke und kleine Oekonomien mit gewässerten Wiesenrändern eingeklemmt, was aus größerer Entfernung nicht beobachtet werden kann, wenn man nicht etwa die Lichtblicke der Hohöfen zur Nachtzeit veranschlagen will.
Wenn man seinen Wanderstab von Schönheide nach dem Lattermannschen Eisenhüttenwerk Rautenkranz über die Mulde fortsetzt, so kommt man etwa in 2 Stunden von Süden her nach
Karlsfeld.
Frostig und anmuthlos liegen etwa 80 Häuser, in welche ohngefähr 1000 meist mittellose Leute eingepackt sind, wie Schwalben auf einem Blitzableiter, mager und kalt an einem Bächlein hin, welches sein Dasein Moorboden und Torflagern verdankt und die Wilzsch genannt wird. Das Auge findet ringsumher keinen Punkt, auf welchem es mit Wohlgefallen ruhen könnte; dunkles Nadelholz umringt das kärgliche Eigenthum und das undankbare Areal der Einwohnerschaft, welches vor etlichen und dreißig Jahren noch keine Furche Feld hatte, die der Dürftigkeit Kartoffeln für den Hunger liefern konnte. Diese bezog man von Eibenstock und der Nachbarschaft. Für die ersten Ansiedler mußte es daher eine Art Verwegenheit sein, Nahrung hier zu suchen und sich in das Dunkel der Fichten einzuhüllen, welche mit keinem Laubholz wechseln und so der Einförmigkeit einen wohlthuenden Anstrich verliehen.
In der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts erhielt der in der obergebirgischen Geschichte eben so rühmlich bekannte als reiche Veit Hans Schnorr zu Schneeberg durch Cession von Herrn von Carlowitz auf Alten-Schönfels die Gerechtsame zu Anlegung eines Eisenhüttenwerks und bekam dafür 1679 ein landesherrliches Privilegium. Schnorr soll zu Ehren des frühern Grundbesitzers und Cedenten von Carlowitz seinem neuen Anbau den Namen Karlsfeld gegeben haben. Ein Eisenhüttenwerk bedarf viel fleißige Hände und zu allen Zeiten eine Schaar Wagen für die An- und Abfuhre der Materialien und der fertigen Waare; daher bauten sich sehr bald eine Menge Menschen in hölzernen Hütten an, eben groß genug für den einfachen Hausstand, der noch gegenwärtig allenthalben sichtbar ist. Besonders mehrten sich auch die Nagelschmiede, weil sie sich das Eisen auf der Achsel an ihren Schmiedstock tragen konnten. Die Volksvermehrung bestimmte den Besitzer des Hammerwerks, eine Kirche zu erbauen, die den einzigen Gegenstand der Ueberraschung im Orte ausmacht, weil sie eine wohlgefällige Rotunde bildet, die man in einem solchen verkümmerten Orte nicht vermuthet.
Gedachter Schnorr hatte im Obergebirge viele Besitzungen, besonders von Hammerwerken und andern entopischen Fabriken, und fabelhaft würde seine Theilnahme an dem vaterländischen Bergbau genannt werden müssen, wenn er nicht die Anzahl Gruben und Grubenantheile selbst genannt und aufgezählt hätte, die er gleichzeitig baute. Der Seltenheit halber mag das von ihm gefertigte Verzeichniß diesem Schriftchen als Beilage dienen.
Gegenwärtig ist das Hammerwerk Karlsfeld eingegangen, weshalb die Einwohnerschaft zum größern Theil in eine Verkümmerung der Mittel zur Forthilfe gerathen ist, welche schon lange her zum ernsten Gegenstand der Berathung Seiten der Verwaltungsbehörden erhoben worden sind, ohne daß der Nothstand nur genüglich und beharrlich abgedämmt werden konnte. Denn wenn schon für den Kartoffelbau durch Urbarmachung von Waldboden, welchen das Finanzministerium unter billigen Bedingungen an die Einwohnerschaft seit einigen Jahren überlassen hat, nicht ungünstige Resultate erlangt worden sind, sich auch eine Wanduhrenfabrik durch wohlwollende Unterstützung des Herrn Kammerrath Anger in Leipzig organisirt und unter Aufsicht des Herrn Oberförster Thiersch und des Herrn Kaufmann Friedrich Dörffel in Eibenstock entfaltet hat: so wird der Erfolg des Ackerbaues immerhin nur von günstigen Jahrgängen in dieser rauhen Gegend abhängig bleiben und letztere, wenn sie auch jetzt gegen 40 Personen beschäftigt, in den Versuchen zum größern Aufschwunge in der Concurrenz mit den Schwarzwäldern um so leichter verkümmern, als sie bei aller Sorgfalt ihrer Vorsteher Mangel an hinlänglichen Buchen und Ahorn oder den für ihr Geschäft tauglichen Hölzern leidet und die Zufuhre aus entfernten Gegenden nicht füglich gestattet.