Nicht uninteressant ist das Vorkommen von Haselnüssen und Resten von Laubhölzern in den Torflagern unmittelbar bei Karlsfeld, wo gegenwärtig außer den kümmerlichen Vogelbeerbäumen (Sorbus aucuparia) jene Holzarten kein Gedeihen finden. Es scheint das dortige Klima vor vielen Jahrhunderten jenen Hölzern günstiger gewesen zu sein.
Ohnfern des tristen Karlsfeld, wo es keinem Sperling gefällt, liegt die sogenannte Weitersglashütte, wo aus Mangel an tauglichem Material für die Fabrikation des Krystallglases nur Hohlglas und Flaschen gefertiget werden. Ihre Lage ist der von Karlsfeld gleich; rings umher eine dichte Verschanzung von Schwarzwald, gestattet sie durch Hinzukommen von Waldhutung eine eben nicht sehr lohnende Viehzucht; nur Preißel- und Heidelbeere gedeihen im Ueberfluß und werden in dortiger Gegend häufig für den häuslichen Gebrauch als für den Handel eingesammelt.
Wendet man sich von hier aus gegen Nordost, so kommt man allmälig oberhalb Rehhübel, wo sich ein Eisensteinbergbau befindet, nach einem anderweiten Torfstich, der den prosaischen Namen »Sauschwemme« trägt, und von hier aus bequem auf den
Auersberg,
welcher, mit dem Riesenberge verwachsen, 3175 Fuß über das Meer emporsteigt. Er hat sich wie alle seine Nachbarn, der Riesen-, Esels- und andere Berge, bis über den Scheitel in einen Mantel von Fichtengrün[9] gehüllt und würde die Fernsichten verkümmern, wenn nicht schnurgerade Schneußen von seinem Fuße an bis zu seinem Gipfel gehauen wären, welche oben nach einem hölzernen Thürmlein hin zusammen laufen. Von diesem aus und durch die in den Mantel gerissenen Schlitze schweift der Blick wonnetrunken weit hinab in die Gauen des Voigtlandes, die reußischen Metzflecklein, mit monarchischer Wasserfarbe überstrichen, und bewundert die Täuschungen, wie Städte, Dörfer und Fluren ganz andere Richtungen angenommen zu haben scheinen, als diejenigen sind, die man anzunehmen pflegt, welche Geschäftsreisen nöthig machen. Hier spähet das Auge nach einem befreundeten Dörflein vergeblich, denn es liegt mehr links oder rechts als man wähnte, wenn es nicht ein bekannter Berg, ein Kirchthurm von sonderbarer Bauart eher erkennen läßt. Dort verschwimmen zwischen Feld und Wiesen, Hainen und Fluren, in dünne Schleier gehüllt, fern vom Fuße des Hügellandes oder an den Zehen der Gebirge die Gegenstände der Erdfläche und verklären sich beim Niedergang der Sonne in der Abendröthe, über welche allmälig die Nacht ihren Vorhang niederfallen läßt.
Auf den Kulmen des Auersberges errichtete vor einigen Jahren die dankbare Jägerei ihren heimgegangenen Vorgesetzten der Kreisoberforstmeisterei ein Denkmal. Es besteht aus einem großen Granitwürfel, sinnig genug für eine durchlebte herrliche Zeit, die sich in bequemliche Verhältnisse gewickelt hatte und welche Cotta's systematische Forstwirthschaftslehre verwischte, wie den Schweiß vom Fensterglas, um heller zu sehen. So rüttelt die Zeit des Fortschritte an veraltetem Bauwerke; es sinkt zusammen und ein zweckmäßigeres tritt an seine Stelle, ohne daß der Bauherr eine fernere Zukunft fürchtet, in welcher das Menschengeschlecht auch dieses tadeln kann: denn der Würfel hat – sechs Flächen. Aus dem faltenreichen Mantel von Fichtengrün, welches eine kaum übersehbare Fläche einnimmt, steigen hier und dort Rauchsäulen auf, ohne ihren Platz zu verändern, es sind Meiler oder Zechenhäuser, denen hier und da Zinn- und Eisensteinbergbau ihre Entstehung gab, oft an Stellen, wohin kein Sonnenstrahl fällt. Ein Theil solcher versteckt liegender und gebrechlicher Wohnungen, wo kein Bergbau mehr getrieben wird, ist den nähern Ortschaften, als Heimathsbezirk, zugewiesen und bildet mit diesen monströse Figuren, wie z. B. Steinheidel mit den Häusern am Fellbach, Erlabrunn, dem Teumerhaus u. s. w. Und dennoch können diese verzettelten Nester eines sogenannten Wanderschulmeisters nicht entbehren, weil es immerhin gefährlich für die Kinder bleiben würde, im Sommer durch dicke Waldungen und Säuern Stundenweit nach einer Schule zu laufen, was außer der bessern Jahreszeit, im Winter, nicht immer für Erwachsene rathsam sein möchte. Daher trifft man in diesen einsamen Zechenhäusern oft mehrere Familien mit einer namhaften Schaar Kinder von jedem Alter, dürftig und kaum halbbekleidet in einer Stube eingedrückt beisammen, in welcher Tag und Nacht ein wunderlich zusammen gestoppelter Kasten geheitzt wird, der Ofen heißt und eine Röhre führt von nicht selten 1½ Quadratelle Größe, für Kartoffelgebäck, was Götzen, nackete Mahd, rauche Mahd, Bröckelgötzen, Brändeln u. s. w. geheißen wird. Es kann nicht anders kommen, daß, da ein derartiger Genuß für alle Stubenbewohner und die männliche Angehörigkeit, wenn diese von ihren Meilerstätten und Gruben heimkehren, für eine Mahlzeit ausreichen und unmittelbar darauf der Kaffee, d. h. Zichoriengetränk mit Ziegenmilch angehaucht, aufgetragen werden muß, wobei der Zucker nur in sehr seltenen Fällen vorkommt, eine fast unausstehliche Wärme um so mehr unterhält, als diese Mahlzeiten und das gefärbte Getränk sich immerfort wiederholen. Dies macht auch zugleich eine warme Bekleidung und gar häufig die Betten im Winter entbehrlich, wo oft Kinder und Erwachsene, auch wohl die nützliche Ziege, auf eingetragenem Waldgras gemeinschaftlich in der Nachbarschaft des Ofens, wie an einem Krater, schlafen. Nicht selten trifft man es, daß die Thür zum Innern des Hauses gar nicht verschlossen oder verriegelt ist; was wollten auch Diebe wegtragen? Die Fenster zur Stube sind gewöhnlich großen Theils mit flachen Spänen und Papier verklebt und noch Basilicum und Muscatenstöckchen, sorgsam in den Scherben abgebrochener Kaffeetöpfe gepflegt, vor die Spalten geschoben, damit der Luftzug die Klöpplerinnen nicht stört. Die in diesem Dachsbau befindlichen Knaben, denen das Klöppeln selten zusagt, laufen in der bessern Jahreszeit im Walde umher, schleppen Brennholz herbei, suchen Futter für die Ziege, sammeln Schwämme und leben, wie Krammtsvögel, von Erd-, Heidel-, Preißel- und Brommbeeren. Und wie zufrieden lebt gleichwohl eine Schaar Menschen in einem solchen Neste! Sie Alle kennen die höhern Lebensgenüsse nicht, haben mithin kein Verlangen darnach, weil eine überwarme Stube, hinlängliche Kartoffeln, Kaffee und Milch die Summe der Gegenstände ausmachen, die ihre Zufriedenheit bedingt, unter welcher sie sich auch im Winter einschneien lassen und einander in Krankheits- und Entbindungsfällen beistehen, so gut als es möglich sein kann. Man muß es selbst sehen, wenn der Familienvater von der Grube oder von dem Kohlengehau kommt, das schmutzige Gewand von sich wirft und sich bequemlich an den reinlichen, oft selbst gebauten Tisch setzt, wo die Hausfrau das für ihn aufbewahrte Futter aufgetragen hat, weil die Tischzeit vorüber war. Kinder von diversem Alter strecken sich um ihn her auf den Bauch, das Kinn unterstützt mit beiden Armen, und bewundern den Appetit des Vaters; abwechselnd hält er ihnen den vollen Löffel vor den Mund und sie sperren auf wie junge Staare, wenn die Alten die Atzung bringen. Nach dieser Abfütterung wird die Tabakspfeife angezündet und der Länge nach von der breiten Ofenbank Besitz genommen, von wo aus sich die Bewegung des Vogelviehes auf ihren Sprunghölzern so lange am besten beobachten läßt, bis der Schlaf eintritt, der sich durch das Herabfallen der Pfeife anzukündigen pflegt.
Vor mehrern Jahren, als mich bei einer mineralogischen Exkursion zwischen Oberwiesenthal und Rittersgrün in den späten Nachmittagsstunden ein Gewitter überraschte, zog ich es vor, in einem alten Zechenhause zu übernachten; die guten kinderreichen Leute konnten mir nichts bieten, als Kartoffeln und Milch, sowie Waldgras zum Lager, womit ich schon deshalb zufrieden war, weil es nichts Besseres gab. Ein Knabe von ohngefähr zwei Jahren schlief, halbnackend, zwischen zwei jungen Ziegen, die die sogenannte Stube mit bewohnten, ich möchte sagen – wie ein Prinz – wenn ich nicht wüßte, daß diese nicht oft so zu ruhen pflegten.
Diese Art von Armuth ist diejenige, welche dem Pauperismus in Städten, besonders in denjenigen, welche Fabriken haben, schroff entgegen steht, weil sie zur Zeit periodischer Provinzialnoth der Unterstützungsmittel weit weniger bedarf, als die mit allen Gattungen der Lebensgenüsse bekannte und sittlich verschlechterte, mittellose Schaar der Fabrikstädte. Wem Glück oder Zufall alle Lebensherrlichkeiten von seiner Selbstständigkeit an zur Seite stellte und das Weinglas in die Hand schob; wer die Qual der Nahrungssorgen und den Nothschrei nach Hilfe nur aus öffentlichen Blättern kennt und, dem Auftrag der Regierungen oder Unterstützungsvereine folgend, sich in die Gegenden begiebt, wo sich die Noth fest gefressen hat, um durch eigene Anschauungen von der Wahrheit des sich kund gegebenen Elendes zu überzeugen und die Hilfsmittel für Abwendung oder Linderung desselben zu normiren – der bringt gar oft ein Bild davon in seine Heimath zurück, vor welchem sich die Haare sträuben: denn der Referent abstrahirt von sich und ihm ist die Möglichkeit fremd, daß es Familien geben kann, welche mit so geringem Futter, halb nackt und ohne Betten, dennoch zufrieden leben können. Hingerissen von eigner Theilnahme, greift er nach der Brieftasche, notirt sich die Kopfzahl, den Bedarf an Kleidungsstücken und wollenen Decken für das Nachtlager; der assistirende Richter aus der Nachbarschaft winkt heimlich den Bewohnern des armseligen Nestes, daß sie recht lamentiren möchten, um von dem anwesenden Herrn recht viel zu bekommen; sie thun es, fallen wohl gar vor ihm nieder: denn wer streckt nicht gerne beide Hände nach dem unbekannten Glücke aus! Allein von nun an artet die mittellose Zufriedenheit in ein Verlangen und Streben nach fernerweiter Unterstützung aus und greift nach jedem Mittel, welches dazu förderlich zu sein scheint. Dadurch aber schaart sich der sonst zufriedene und mit der Weltherrlichkeit unbekannt gebliebene Arme an den Provinzialpauperismus und allgemach an die sittliche Verdorbenheit an, gegen dessen Umsichgreifen oder für dessen Abhilfe es noch kein ausreichendes Mittel gab. »Denn die verbreiteten Klagen über Abnahme des Volkswohlstandes haben ihren Grund mehr darinnen, daß die Forderungen beinahe aller Volksklassen an das Leben und dessen Genuß so sehr gesteigert sind«.[10]