mit seiner etwa aus 6700 Köpfen bestehenden Einwohnerschaft. Was über diese Stadt, seinen Bergbau, Gewerbsweisen und politischen Zustände gesagt werden kann, findet sich umständlicher in Karl Lehmanns Chronik der freien Bergstadt Schneeberg vom Jahre 1837, als der Zweck vorstehender kleinen Schrift es zu wiederholen gestattet. Die Stadt Schneeberg fand ihre Entstehung theils in dem nachbarlichen, theils in dem Reichthum der erschürften Silbererze in dem Stadtberge und am Fuße desselben, eben so wie fast alle Bergstädte des Obererzgebirges. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Bergbau in und um dem ältern Nachbarörtchen – Neustädtel – früher im regen Aufschwunge war, als Schneeberg zur Stadt wurde, die 1517 Fuß über dem Meer liegt.
Die Geschichte hat ein seltenes Beispiel von reichem Seegen des Bergbaues auf der Grube St. Georg in Schneeberg aufbewahrt, welches wohl kaum seines gleichen wieder gefunden hat. Auf gedachter Grube, in der Nachbarschaft der jetzigen Stadtkirche nehmlich, kam man im Jahre 1477 auf eine Masse gediegenen Silbers, 1 Lachter (3½ Elle) lang und breit und ½ Lachter hoch, welche 400 Centner wog. Herzog Albert speiste auf dieser riesenhaften Erzstuffe, welche nothdürftig zum Sitzen vorgerichtet worden war, und äußerte dabei: »Unser Kaiser Friedrich ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber doch, daß er jetzt keinen solchen stattlichen Tisch hat.«
Es konnte nicht fehlen, daß, durch solche Seegnungen des Bergbaus aufgefordert, sich die Gegend sehr bald bevölkerte und eine Stadt entstehen ließ, welche an Gewerblichkeit in eben dem Verhältnisse gewann, als die Bereitung des Kobalt zur blauen Farbe entdeckt und für Jahrhunderte hinaus den Bergbau in freudigem Umtriebe und dem Bergvolk selbst ein stabiles Auskommen versprach. Hatten früher die reichen Silberbrüche den raschen Betrieb des Bergbaues ins Leben gerufen, so mußte dieser allmählig erschlaffen, wenn die Bergleute fast allerwärts statt auf Silber auf Kobalt trafen, den doch Niemand zu benutzen wußte; sie nannten ihn deshalb: Silberräuber, verweßtes Silber u. s. w. und ließen sogar in der Kirche zu Neustädtel Gott bitten, daß er sie vor Kobalt bewahren möge. Und wenn der Bergmann traurig von der Grube kam, sagte man: »er hat den Kobalt gesehen,« weshalb derselbe in jener Zeit für ein Gespenst oder sonst für eine unheimliche Vision gehalten wurde. Jetzt ist es anders; denn wenn auch das Ausbringen an Silbererzen nur periodisch auftritt, so sind die Reichthümer an guten Kobalten doch für späte Zeiten hinaus um so beharrlicher, als sich fast kein europäisches Land in Ansehung der Qualität und Quantität mit Sachsen messen kann. Daher erklären sich die vielen Kobaltpaschereien nach dem benachbarten Böhmen, wo er in schlechterer Beschaffenheit zwar vorkommt, aber durch sächsischen erst zu einer guten Waare verarbeitet werden kann[4].
Die Ergiebigkeit des jugendlichen Bergbaues und die Vermehrung des Bergvolkes wurden zur Ursache für die Erbauung und Erweiterung der Stadt Schneeberg, für Anlegung und Ausbreitung des Handels und Wandels, sowie für die Gewerblichkeit des Bürgerthums, um dem Bedarf ringsumher zu gnügen, wozu sich sehr frühzeitig eine Art luxuriösen Lebens in Kleidung und Haushalt gesellte; denn Melzer in seiner Beschreibung von Schneeberg sagt schon im Jahre 1684:
»Eine andere Nahrung hatte man auch weyland von Schleierwirken, davon auch mancher zu guten Mitteln kam, massen denn sonsten anderswo in keiner Stadt dergleichen Gattung mehr, als hier gemachet und ausgenehet worden sind. Aber nunmehro ist an dieser Stadt das Klippeln und der Spitzenhandel kommen.«
Noch jetzt ist die Stadt an Nahrungsquellen geseegnet und übt ihre Ueberlegenheit über einen weiten Umkreis hier mehr dort weniger gedeihlich aus, so daß inmitten des Reichthums und der Wohlhabenheit eine namhafte Schaar Arme wie Fliegen an einem Milchgeschirre kleben, um wenigstens den Geruch vom Inhalte einzuziehen. Es ist überall eine traurige Folge, daß, je größer und wohlhabender eine gewerbliche Stadt oder Ort ist, in welchem ein üppiges Leben in luxuriösen Gebäuden geführt, Kleiderpracht und Möbelwesen zur Schau getragen und kokettirt wird, der Pauperismus wie Schmarotzerpflanzen in gleichem Schritte wuchert. Die Macht des Beispiels und der Drang zur Nachahmung in Kleidung und Kost, sowie die Sucht in rauschenden Vergnügungen, häufig auf Kosten der Gesittung, machen den Boden aus, auf welchem die Mittellosigkeit um sich greift, die Arbeitslust verkümmert und den kleinen, aber doch zufriedenen Hausstand für ein Siechthum erzieht, aus welchem keine Hoffnung für Genesung hervorgeht. Und wenn die dicke Bevölkerung des Obererzgebirges in den Fabriken, Manufacturen und eigentümlichen Gewerbsweisen, die man fast allerwärts antrifft, ihren Grund hat, mithin viele fleißige Hände, bei magerem Verdienst, in Anspruch genommen werden, auf welche der wohlhabende und mit allen Lebensbequemlichkeiten ausstattete Principal herabschaut und daneben sich in Speisen und Getränken aus allen Zonen der Erde mit den Seinigen ein Gütliches thut: so kann es nicht fehlen, daß die Arbeiter beiderlei Geschlechts, die, wie ihre Altvordern, bis zum Grabe im Schweiß des Angesichts ihr Brod essen und Cichorienkaffee trinken, auch bei der Langsamkeit des Fortrückens auf den Stufen der Cultur, ebenfalls von einer Sehnsucht nach Lebensgenüssen ergriffen werden, der sie sehr bald, wenn auch nur in vermindertem Maaßstabe, zum Opfer verfallen. Aus diesen Zuständen geht der eigentliche Pauperismus hervor, der unheilvoll sich mehrt und allen Behörden Sorge und Noth bereitet, Verbrechen brütet, gegen welche keine Strafanstalt schirmt und kein Besserungsverein die Rückfälle mindert.
Das gemeine Bergvolk (versteht sich, im bessern Sinne des Wortes) macht die Handlanger zwischen dem Seegen der Erde und den Gewerkschaften der Blaufarbenwerke, ohne je eine Aussicht zu haben, für sich und ihre meist zahlreichen Familien im Verlauf einer Woche ein Pfund Fleisch in dem Topf zu sehen[5]. Ob es nicht ein gegen den Erz- und Kolbaltpasch sehr heilsames Mittel wäre, wenn der gemeine Bergmann einen Groschen mehr Schichtlohn bekäme, um sich dadurch vor Noth und Sorge zu schützen, mögen wir nicht entscheiden. Und wenn die Klöppel- und Nähmädchen im gleichen Verhältnisse zu ihren wohlhabenden, oft reichen Spitzenherrn, Factoren und Verkäufern stehen, wie die gemeinen Bergleute zu den Seegnungen ihrer Reviere, und jene täglich mit einem wohlbesetzten Tische versorgt sehen: so stellt sich die Sehnsucht heraus, wenn auch unter sehr modificirten Formen, ebenfalls ein genußreicheres Leben zu führen, und sollte es mit gänzlicher Zerrüttung des Hausstandes und auf Kosten der Gesittung verbunden sein.
Zwar kann Schneeberg der Sinn für Wohlthätigkeit und die Sorgfalt der obrigkeitlichen Armenpflege nicht abgesprochen werden; allein für die immer noch im Wachsen begriffene Schaar von Mittellosen – aber Genußsüchtigen – kann von namhaften Summen aus dem Armenfonds doch nur eine kleine Dividende ausfallen, wie überall im Obergebirge, wo sich die Bevölkerung um diese oder jene Gewerbsweise dicht zusammengedrängt hat. Der sogenannte Mittelstand, d. h. solche Familien, welche bei mäßiger Regsamkeit ihren Hausstand aufrecht erhalten, ohne Schulden zu machen, ihr Glas Bier trinken und zum Sonntag »ein Huhn im Topfe« haben, ist im Verhältniß zu denen, welche bei aller Thätigkeit doch kaum das liebe Leben hinbringen, viel zu selten, als daß er einen erquicklichen Uebergang von Reichthum und Wohlhabenheit zu dem Pauperismus bilden könnte, vielmehr erscheint ersterer immer in schroffen Gegensätzen zu letzterm und nöthiget dem Unpartheiischen die Wünsche zur Abhülfe ab, ob er schon nicht weiß, wie dies anzufangen ist.
Wir verlassen die sonst freundliche Stadt, wo jeder Fremde eine fidele Aufnahme findet, und gehen auf der südlichen Seite des Schneeberges nach dem ausgedehnten Neustädtel hinab. Blicken wir zurück, so sehen wir, daß Schneeberg am südlichen Abhange seine Häuser reichlicher ausgebreitet hat, als am nördlichen Abfalle; denn wie ein Kurzwaarenhändler in der Jahrmarktsbude feine Nürnberger Häuserchen in schiefer Richtung aufterrassirt hat, um das Bunterlei den Kauflustigen entgegen zu stellen, ebenso haben sich in ordnungsloser Bequemlichkeit zwischen Baumgruppen und Blumengesträuch eine Menge Wohnungen auf- und übereinander gekästelt, um die Wärme der Sonne und die Aussicht auf das sogenannte Gebirge zu genießen, wo hauptsächlich ihr Silber-, Kobalt- und Wismuthreichthum im Abbaue begriffen ist.