Kaum eine Viertelstunde Wegs von Schneeberg hat Neustädtel seine 268 Häuser, welche ohngefähr 2500 Menschen bewohnen, in eine lange etwas unregelmäßige Haye aufgestellt und läßt Jahr für Jahr In- und Ausländer in den mannigfaltigsten Verrichtungen auf der zwischen hinlaufenden Chaussee die Revue passiren. Rings um das Städtchen erheben sich Zechenhäuser, Kauen und Göpel mit hoch aufgestürzten Halden und gewähren eine wohlansprechende Lebendigkeit.

Von hier aus nach Eibenstock erhebt sich das Gebirge, welches unter dem Namen der »Zschorlauerhöhe« bekannt ist, und bald gelangt man in ein flachmuldiges Thal, welches die Abfallwasser von dem großen und tiefen Filzteiche hinab nach Zschorlau führt. Dieser Teich, welcher hauptsächlich die Wasser für Künste, Pochwerke und Wäschen im Bergwerksreviere liefert, richtete am 4. Februar 1784 durch seinen Dammbruch ein großes Unglück zu Zschorlau und Auerhammer an. Nicht genug, daß die Fluth in beiden Orten 7 Häuser mit Vieh und Habe von Grund aus wegriß und 30 beschädigte: es fanden auch 18 Menschen den Tod. Diese ungeheuere Wassermasse spürte man noch, als die damit bereicherte Mulde die Elbe bei Dessau erreichte.

Kaum ist dies flache Thal, durch welches das Gewässer des Filzteiches seinen verderblichen Weg genommen hatte, überschritten, so beginnt der grobkörnige Granit, welcher den ganzen Landgerichtsbezirk Eibenstock einnimmt und häufig noch weit hinaus sich erstreckt. Daher kommt es auch, daß die Chausseen durchgängig in einem vortrefflichen Zustande sind und zur Unterhaltung den Aufwand bei weitem nicht so steigern, wie es in dem Schieferterrain ganz unvermeidlich ist. In diesen Granitbezirken ist die Natur ernster und rauher, als alle die Gegenden, die wir von Zwickau durchwandert haben. Wie ungeheure Ladschober in der Heuerndte, reihen sich die Granitberge, meist in Kegelabschnitten, dicht aneinander und lassen ihre Mäntel, von Fichtengrün, hinab auf ihre verschränkten Füße rollen, welche Forellengewässer bespült. Von

Burkhardtsgrün

aus hat man bei der Chausseegeldereinnahme eine Fernsicht auf das sogenannte sächsische Sibirien, welches diese Benennung in keinerlei Weise verdient. Hier und ringsumher ist der Vogelfang üblich und, wie in andern Gebirgsländern, zu einer Leidenschaftlichkeit ausgebildet, daß der Fang eines Stiglitz, Hänfling, Buchfinken u. s. w. gegen halb oder ganz erfrorne Hände und Füße viel höher steht. Nicht leicht wird es in der Gegend umher, und namentlich in Schönheide, Stützengrün, Hundshübel und mehreren Orten, eine bewohnte Stube geben, wo nicht eine Schaar Vögel in engen Käfigen gefangen gehalten werden. Besonders ist den Hammerschmieden der Krinitz oder Kreuzschnabel von hoher Wichtigkeit, und sie glauben, daß er, wie in andern Gegenden das Meerschweinchen, den Krankheitsstoff von siechen Kindern in sich aufnimmt, weshalb sie diesen Vogel mit seinem engen Häuschen, in welchem er sich kaum drehen kann, unter die Wiegen derselben stellen. Wer versichern will, daß er bei einem Hammerschmied gewesen sei, ohne einen Krinitz bei ihm gesehen zu haben, wird immer den Verdacht einer Lüge auf sich laden.

Das einsilbige Wörtchen »Grün« bezeichnet allezeit den geebneten und ovalrund zubereiteten Platz, auf welchem ein Vogelheerd eingerichtet ist oder werden soll, und da das Obergebirge und das Voigtland eine sehr bedeutende Menge von Ortschaften zählt, die sich mit – grün – endigen, so liegt es sehr nahe, daß in frühern Zeiten die vorgerichteten Stellen, welche man mit Wohnungen zu bebauen gedachte, ebenfalls das »Grün« geheißen, wie wir es von den Harzer und Fränkischen Uebersiedlern wissen, welche ihre Bauplätze ausrodeten, Steingerölle ausreutheten und dann die Namen Alberode, Wernigerode, Freireuth, Berreuth u. s. f. in Gebrauch setzten, wie es schon früher die Sorben und Wenden gethan hatten.

Doch wir verlassen dieses Dörflein mit seinem Läppchen Patrimonialgerichtsbarkeit und dem nachbarlichen Steinberg, welcher sich 2102 Fuß über das Meer erhebt, und steigen der Chaussee entlang hinab in das Thal der Mulde, wo wir noch einige Häuser als Ueberreste des ehemaligen Hammerwerks Wolfsgrün oder Rothenhammer treffen. Die Chaussee, welche in gerader und steiler Linie herabführt, hat mehrmals dem Fuhrwesen Unglück zugefügt, was die Straßenbaucommission bewog, sie theilweise an beiden Thalgehängen abzuwerfen und in sanfte Krümmungen zu bringen. Leider giebt es noch viele solche Straßenschnitzer, die hoffentlich nach und nach ausradirt werden, wie wir wegen der Thierquälerei hoffen dürfen.

Es ist der Mühe werth, wenn wir einen kleinen Abstecher machen und das kaum eine Viertelstunde von hier entfernte

Unterblauenthal

besuchen, welches ein gewisser D. Plawe aus Leipzig vor Jahrhunderten zu einem Hammerwerk erbaute.