Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Aeußerung hatte ich schon früher Ihren edlen, wackern Bruder [wider Wissen und Willen verletzt]. Nun aber, da ich von einer [tödtlichen Krankheit] in's Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre, mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte.

Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.

wahrhaft anhänglich

Weimar den 17. Apr. 1823.

Goethe.


Anmerkungen

[Der erste Brief.] Adresse: Der theuern Ungenandten. Goethe weiß somit noch nicht, mit wem er es zu tun hat; siehe die Adresse des zweiten Briefes. Sein Schreiben hat er sicherlich durch die Brüder Stolberg befördert, durch deren Vermittlung er auch Gustchens anonymen Brief Mitte Januar erhalten haben wird. — [Musste er Menschen machen nach seinem Bild]: 1. Mos. 1, 26. — [wenn wir Brüder finden]: »Brüder« prägnant für das allgemeinere »Geschwister«; Goethe meint eben seine unbekannte Korrespondentin.

[Der zweite Brief.] Adresse: Der teuern Ungenannten. Doch geht aus dem letzten Absatz des Briefes hervor, daß dem Schreiber Namen und Aufenthaltsort Gustchens (durch deren Brüder?) bekannt geworden sind; der dritte Brief redet sie an »liebe Auguste«; siehe auch die Adresse des vierten. — [einer niedlichen Blondine]: Lili Schönemann (geb. 23. Juni 1758), die Tochter eines vermögenden Frankfurter Bankherrn, die Goethe zu Anfang des Jahres kennen gelernt hatte. Die Schilderung, die er hier von dem Gesellschaftstreiben im Hause der Geliebten entwirft, kehrt wieder im Gedichte »An Belinden« (»Warum ziehst du mich unwiderstehlich Ach, in jene Pracht?«): »Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst?« — [dumpfe tiefe Gefühle]: »dumpf« ein Lieblingswort des jungen Goethe zur Bezeichnung gefühlsschwerer, ahnungsvoller, unruhig treibender und schwellender Seelenstimmung. — [Dramas]: Claudine von Villa Bella, Erwin und Elmire (vgl. S. [22]), Stella (vgl. S. [18], [34]), Faust (vgl. S. [30]).

[Der dritte Brief.]Auf dem Land bey sehr lieben Menschen: in Offenbach oberhalb Frankfurts in der Familie des Komponisten Johann André (1741-1799), der, ursprünglich Seidenfabrikant, seit 1774 dort einen Musikverlag besaß; er hat Goethes »Erwin und Elmire« komponiert. Zu dem Offenbacher Kreise gehörte ferner der Kaufmann Jean George d'Orville, ein Onkel Lilis, mit seiner Gattin Jeanne Rahel, geb. Bernard, sodann der reformierte Pfarrer Joh. Ludw. Ewald (1747-1822), der sich späterhin, vom Rationalismus zu biblisch-positivem Glauben bekehrt, in einflußreichen geistlichen Stellungen als gefälliger, lebhafter, vielseitiger, aber allzu redseliger Vielschreiber, namentlich auf pädagogischem Gebiet im Sinne Pestalozzis, beträchtliche Verdienste um Bildung und Gesittung des Volkes erworben hat. Siehe S. [30], [31]. — [in Erwartung]: Lilis, die etwa am 9. eingetroffen sein wird. — [Heut ist der 6. März]: nein! Goethe schreibt am 7., einem Dienstag, an dessen Morgen er nach Offenbach hinausgewandert war. — [aufgewegt]: veraltete Form statt »aufgeregt«, »erregt«. — [an meine Schwester schreiben]: Schwester Cornelia, seit 1. November 1773 mit Joh. Georg Schlosser vermählt, lebte seit Ende Juni 1774 in Emmendingen (Baden), wo ihr Gatte, zunächst vertretungsweise, dann (seit Juni 1775) als Oberamtmann, der Regierung der badischen Markgrafschaft Hochberg vorstand. — [Lavaters Phisiognomischer Glaube]: Joh. Kaspar Lavater (1741-1801), Diakonus in Zürich, seit 1775 Pfarrer an der Waisenhauskirche daselbst, Schriftsteller tiefster Empfindung und verstiegenen Ausdrucks, in wundergläubiger Christusschwärmerei und religiöser Überspannung befangen, begabt mit dem Zauber hinreißender persönlicher Liebenswürdigkeit und der Werbekraft enthusiastischer Überzeugung, suchte in seinen vierbändigen »Physiognomischen Fragmenten« dem Versuche, die Linien des Menschengesichtes für Erkennung des Charakters zu verwerten, wissenschaftliche Methode zu geben; Goethe, seit August 1773 mit ihm in Verbindung, hatte ihn hierin durch Zeichnungen und Silhouetten, namentlich aber auch durch Charakterschilderungen und Profildeutungen unterstützt. — [schick ich Ihnen eins geschrieben]: Stella (vgl. S. [16]). — [Freu[den] und Kinder]: die zweite Silbe des ersten Wortes hat Goethe beim Übergang von einer Zeile in die folgende irrtümlich ausgelassen: Freu-. Die Schrift ist nicht deutlich; »Frau-« oder »Frauen« steht jedenfalls nicht da. Wenige Zeilen weiter nennt Goethe seine Arbeiten die »aufbewahrten Freuden seines Lebens«. — [seziren meines armen Werthers]: Goethe denkt namentlich an die im Januar erschienene »Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers« des früheren Juristen in Wetzlar, damaligen hannoverschen Gardeleutnants Karl Wilh. Frhr. v. Breidenbach (1751-1813). — [Berliner ppp Hundezeug]: die von dem Berliner Buchhändler und Aufklärungsschriftsteller Friedrich Nicolai (1733-1811) verfaßten »Freuden des jungen Werthers«, gleichfalls im Januar 1775 herausgekommen; in diesem geschickt geschriebenen Erzeugnis hausbackener Nüchternheit, das von Goethe zeitlebens eines besonderen Grimmes gewürdigt worden ist, wurden Werthers Pistolen »mit 'ner Blase voll Blut« geladen, das den Helden beim Schusse aufs schmählichste besudelt; »'s von 'em Huhn, das heute Abend mit Lotten verzehren solt«, tröstet ihn Albert, der ihm Lotten zu nicht immer erfreulich ausfallender Ehe abtritt. — [die Kinder tollen]: des Ehepaares André. — [Paradiesgärtlein]: des braunschweigisch-lüneburgischen Generalsuperintendenten Joh. Arndt in Celle (1555-1621) viel benutzte erbauliche Sammlung von Gebeten und Gebetliedern »Das Paradiesgärtlein voll christlicher Tugenden«. — [Bergere]: Sofa. — [Stube]: Goethes dreifenstriges, der Straße zugekehrtes Wohnzimmer im Dachgeschoß des väterlichen Hauses.