Erfurt, den 3. Julius 1779.

„Ich hoffe in der gemachten und mir sehr schmeichelhaften Bekanntschaft mit Ihnen, schon dahin gekommen zu seyn, daß Sie, wegen der bisherigen Nichterfüllung meines Versprechens keine große Entschuldigung erwarten, oder gar mich einer vorsätzlichen Nachlässigkeit hierin fähig halten werden. Kurz gesagt, so war es die große Eilfertigkeit meiner Rückreise und die beständige Gegenwart meines Bruders, die mich bisher dieser Beruhigung beraubt haben, Ihnen die Versicherungen meiner Hochachtung und Ergebenheit wiederholen zu können.

Ich habe meinen Bruder aus Hertingen (an den Gränzen der Schweiz und nur drei Stunden von Basel) abholen müssen. Von jener Scene, da ich ihn nach eilf Jahren wieder gesehen, da er stumm seine Freude blicken ließ — lassen Sie mich nichts sagen, weil sie nur gefühlt werden kann. Ich fand ihn, bis auf eine unglaubliche Schüchternheit, völlig wieder hergestellt, und auch diese verliert sich von Zeit zu Zeit. Straßburg mußte ich mit ihm vermeiden, so leid es mir auch that. Die Reise scheint ihm sehr zuträglich zu seyn, und ich hoffe, daß vaterländische Luft und geschwisterliche Pflege das Letzte zu seiner völligen Genesung beitragen werden. Er läßt sich Ihnen bestens empfehlen und hofft nächstens selbst zu schreiben. — Unsere Reise geht gegenwärtig, so schleunig als möglich, nach Lübeck zu, um von dort aus noch zeitig in die See gehen zu können.

Ueberaus angenehm würde es mir seyn, wenn ich mich einer gütigen Antwort, unter beiliegender Adresse nach Jena, schmeicheln dürfte: der benannte Freund wird mir selbige allemal zuzustellen wissen.

Den Herren Simon und Schweighäuser[16] bitte ich ergebenst gelegentlich die besten Komplimente zu machen. Die Zeit ist mir dießmal zu kurz, ihnen für die bewiesene gütige Freundschaft schriftlich Dank sagen zu können.

Leben Sie wohl! und trauen den Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit.

Carl Heinrich Gottlob Lenz.“

Lenz starb in Moskau, nicht, wie Tieck vermuthet[17], bald nach 1780, sondern erst den 24. Mai 1792. „Er starb,“ heißt es in der allgemeinen Literaturzeitung (1792, Intelligenzblatt Nr. 99) „von Wenigen betrauert, und von Keinem vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte, den in der Mitte der schönsten Geisteslaufbahn eine Gemüthskrankheit aufhielt, die seine Kraft lähmte und den Flug seines Genie’s hemmte, der demselben wenigstens eine unordentliche Richtung gab, verlebte den besten Theil seines Lebens in nutzloser Geschäftigkeit ohne eigentliche Bestimmung. Von Allen verkannt, gegen Mangel und Dürftigkeit kämpfend, entfernt von allem, was ihm theuer war, verlor er doch nie das Gefühl seines Werthes; sein Stolz wurde durch unzählige Demüthigungen noch mehr gereizt, und artete endlich in jenen Trotz aus, der gewöhnlich der Gefährte der edeln Armuth ist. Er lebte von Almosen, aber er nahm nicht von Jedem Wohlthaten an, und wurde beleidigt, wenn man ihm ungefordert Geld oder Unterstützung anbot, da doch seine Gestalt und sein ganzes Aeußere die dringendste Aufforderung zu Wohlthätigkeit waren. Er wurde auf Kosten eines großmüthigen russischen Edelmannes, in dessen Hause er auch lange Zeit lebte, begraben.“