Je mehr der Fremd’ aufs Blättlein sieht,
Je mehr ihm Aug und Stirne glüht,
Und darf sie nicht mehr fragen.
Das Weiblein weint, heult außer sich,
Beginnt die Brust zu schlagen:
„„Seht, lieber Herr, das Weib bin ich,
Um mich mußt er ertrinken!
Ich, in dem Schrecken, rief ihm: Mann,
Ach, warum faßt du mich denn an?
Und gleich sah ich ihn sinken.““
„Er rief“ — bei dieser Stelle quoll
Ihr starrend Auge minder —
„„Er rief im Sinken: Frau, leb wohl,
Und sorg für unsre Kinder!““
[IV.]
Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung
der
Ossianischen Gesänge von Selma.
Aus Friederickens Nachlasse
und nach Göthe’s Handschrift abgedruckt.
Die Gesänge von Selma.[23]
Stern der niedersinckenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du hebest dein lockiges Haupt aus deiner Wolke: ruhig wandelst du über deinen Hügel. Was siehst du nach der Ebne? Es ruhen die stürmischen Winde. Das Murmeln der Ströme kommt aus der Ferne. Brüllende Wellen klettern den entlegenen Felsen hinan. Die Fligen des Abends schweben auf ihren zarten Schwingen, das Summen ihres Zug’s ist über dem Fels. Wo nach blickst du, schönes Licht? Aber du lächlest und gehst. Fahrewohl du schweigender Stral, dass das Licht in Ossians Seele heraufsteige.